Zum 118. Todestag von Friedrich Engels

Posted on 5. August 2013 von

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Friedrich Engels 28.11.1820 - 5.8.1895

Friedrich Engels
28.11.1820 – 5.8.1895

Die Strenge des Begriffs

Klassiker. Von der politischen Ökonomie zur wissenschaftlichen Weltanschauung.

von Hans Heinz Holz (1927 – 2011)

Ihre Werke erscheinen zusammen, fast als wäre es ein Doppelname: Marx-Engels-Werke (MEW), auch die große, historisch-kritische Gesamtausgabe, die MEGA. In den programmatischen Schriften kommunistischer Parteien werden sie gemeinsam genannt; im Statut der DKP heißt es, die Partei handle auf der Grundlage der Lehren von Marx, Engels und Lenin.

Fragt man sich aber, welches diese Lehren sind, auf die man sich stützt, so fallen einem vor allem die großen Werke von Marx ein, zuerst natürlich das »Kapital«, dann die »Grundrisse der politischen Ökonomie«, die »Theorien über den Mehrwert«; ergänzend dazu Lenins Imperialismusschrift sowie »Staat und Revolution«. Daneben stehen von Engels die kleinen Schriften, »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«, der »Ludwig Feuerbach«, mehr für die Bildung von Partei und Arbeiterbewegung geeignet, jedenfalls nicht vergleichbar mit den Marxschen Mammut-Werken. Koautoren waren die beiden Freunde nur zu ihrer Jugendzeit, in der »Heiligen Familie«, der »Deutschen Ideologie«, dem »Manifest«. Engels hat mit ungeheurer Bescheidenheit, die zu den sympathischsten Zügen dieses liebenswerten Menschen gehört, Marx stets den Vorrang zuerkannt und sich selbst in den Schatten gestellt.

Revolutionäre Perspektive

Warum nennen wir Engels in einem Atemzuge mit Marx den Begründer der neuen Denkhaltung und Wissenschaftseinstellung, die abgelöst von den Namen ihrer Gestalter als dialektischer und historischer Materialismus bezeichnet wird? Gewiß, die Theorie wurde in einem lebenslangen Gedankenaustausch, in Gesprächen und einem intensiven Briefwechsel, entwickelt, und Engels, der über ein enzyklopädisches Wissen verfügte, war dabei durchaus der gebende Teil; Marx hat unzählige wissenschaftliche Informationen von ihm bekommen, Erkenntnisse der historischen Zusammenhänge und der naturwissenschaftlichen Forschung, sprachwissenschaftliche Querverweise und vieles mehr. Die Engels-Briefe sind eine Fundgrube für den Wissensstand seiner Zeit und darüber hinausführende Perspektiven.

Was aber Engels und Marx geradezu in einer Symbiose verband, war mehr als nur eine wechselseitige Befruchtung im Denken, mehr als nur die spontane Übereinstimmung in der Einschätzung politischer Lagen und deren gesellschaftlicher Bedingungen. Als die zwei jungen angehenden Wissenschaftler sich begegneten, waren sie beide ebenso fasziniert von der Größe und Darstellungskraft des Hegelschen Systems, wie sie unbefriedigt waren von dessen Beschränkung darauf, die Welt nur in der Form des Begriffs zu erfassen. Sie sahen – wie die Forderung der junghegelianischen Opposition war –, der politische Gehalt des Begriffs (der bei Hegel auf Schritt und Tritt greifbar wurde) müsse so gewendet werden, daß er politisch operationalisierbar, d.h. revolutionär werde. Betroffen vom Elend der einfachen Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft, die sich in Deutschland noch mit der Fortdauer feudalistischer Herrschaftsformen verband, waren Marx und Engels ebenso emotional wie intellektuell davon ergriffen, daß eine Revolu­tion nötig sei. Engels’ Schrift über die »Lage der arbeitenden Klasse in England«, Marx’ Artikel über den Holzdiebstahl sind Zeugnisse flammender Empörung über die Menschenfeindlichkeit des Systems. Man darf nicht denken, daß diese Empfindsamkeit sich in den Jahrzehnten trockener wissenschaftlicher Arbeit abgekühlt habe; sie wandelte sich nur aus jugendlicher Erregung in einen erbitterten Zorn, der statt spontanem Aufbegehren zu einem methodischen Vorgehen anleitete.

Schlüsselwissenschaft Ökonomie

Es war die Zeit des Vormärz, in der Nestroy schrieb: »Die Gärung ist groß«. Die Kaffeehaus-Tiraden der akademischen Bohemiens, von denen jeder ein Stückchen Weltgeschichte besser verstand als der andere und keiner die ganze, genügten Marx und Engels nicht. Schlecht gedacht und unfähig, zum politischen Handeln anzuleiten, verfehlten die Diskussionen die politische Wirklichkeit. Gemeinsam setzten sich Karl und Friedrich hin und schrieben voll Ungeduld die Kritiken an jenen Linken, die vom Wort nicht zur Tat kommen konnten, weil den Worten die Begriffe von der Sache fehlten: »Die Heilige Familie« und die »Deutsche Ideologie«.

Die Sache selbst ist nicht irgendeine Rechts- oder Regierungsform, eine religiöse oder areligiöse Weltdeutung, ein ethischer Imperativ oder eine romantische Naturharmonie. Die Sache selbst – das sind die Überlebensbedingungen der Menschen, das ist die gesellschaftliche Organisation der Bedürfnisbefriedigung, später sagen wir: die Produktionsverhältnisse. Den Kern der menschlichen Lebensweise beschreibt die Ökonomie, sie ist die Schlüsselwissenschaft zum Verständnis von Geschichte und Politik. Hatte Hegel die begriffliche Bewegungsform entwickelt, so Adam Smith die materiellen Bewegungsformen. Auch hier arbeiteten die Freunde parallel Hand in Hand. Marx vollzieht in den ökonomisch-philosophischen Manuskripten die materialistische Umkehrung Hegels, Engels entwirft in der kleinen Abhandlung »Umrisse einer Kritik der Nationalökonomie« das Konzept einer politischen Ökonomie.

Das sei festgehalten: Die Keimzelle, aus der die Begriffe der Marxschen Ökonomie erwachsen, liegt in diesem Opusculum. Der Jungunternehmer und Kapitalist Friedrich Engels, der in seiner täglichen Arbeit die Mechanismen des Kapitalismus erkennen und beherrschen muß, erkennt als Hegel-Schüler auch die inneren Widersprüche und den Schein dieser Produktionsform. Was wird nicht alles in dieser kleinen Schrift angesprochen: Der Zirkulationszwang des Kapitals, die Warenform des Austauschs der gegenseitigen Bedürfnisbefriedigung, die Wertform im Auseinanderfallen von Gebrauchswert und Tauschwert und damit die Differenz von Wert und Preis; mit der Schlußfolgerung: »Man kann diesen Gegensatz zwischen der wirklichen inhärenten Brauchbarkeit [einer Sache] und der Freiheit der Tauschenden nicht aufheben, ohne das Privateigentum aufzuheben; und sobald dies aufgehoben ist, kann von einem Tausch, wie er jetzt existiert, nicht mehr die Rede sein« (MEW 1, 507). Das Privateigentum bringt die Zweieinigkeit von Konkurrenz und Monopol hervor. Fast klingt es, als wäre es nicht 1843, sondern 2010 geschrieben: »Der Kampf von Kapital gegen Kapital, Arbeit gegen Arbeit, Boden gegen Boden treibt die Produktion in eine Fieberhitze hinein, in der sie alle natürlichen und vernünftigen Verhältnisse auf den Kopf stellt.« (MEW 1, 516)

In den »Deutsch-französischen Jahrbüchern«, 1844 veröffentlicht, könnten diese »Umrisse« eine noch vorläufige und unausgereifte, aber schon das Grundsätzliche akzentuierende Skizze für die Arbeit am »Kapital« sein. So eng sind Marx und Engels beieinander. Die »Umrisse« schließen sich mit den »Ökonomisch-philosophischen Manuskripten« zusammen zu einer Einheit von ökonomischer und philosophischer Begriffsform.

Marx und Engels begriffen, daß es hier nicht darum gehen konnte, an die Stelle der Hegelschen Dialektik eine andere zu setzen, die der von Hegel ja schon in der »Rechtsphilosophie« beschriebenen Dynamik des Systems der Bedürfnisse eine materialistische Grundlage in den realen Bedingungen der Produktion der Mittel zur Bedürfnisbefriedigung geben würde. Vielmehr galt es zu erklären, warum aus der Produktionsweise selbst die Veränderung der Produktionsverhältnisse erwächst und welche Faktoren den Übergang von einer Stufe (Formation) zur nächsten bewirken. Die Erkenntnis einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit dieser Art erlaubt es, die Begriffe der Ökonomie und Philosophie in Handlungsanleitungen zur Gesellschaftsveränderung zu übersetzen. Theorie stünde dann in einem neuen Verhältnis zur Praxis, nicht mehr dieser gegenüber, sondern mit ihr in Einheit.

Das war in der Tat ein revolutionäres Programm und eine Aufgabe von immenser Größe. Um die Gesetze zu formulieren, nach denen geschichtliche Entwicklungen verlaufen, mußten die ökonomischen Bewegungsformen einer Formation im Detail und im Zusammenhang mit den gesamtgesellschaftlichen Prozessen analysiert werden. Zugleich war ihre sich doch historisch wandelnde kategoriale Form so zu verallgemeinern, daß sie als Interpretationsschema formationsübergreifende Geltung besitzt; Grundformen gesellschaftlicher Bewegung halten sich in Sklaverei, Feudalismus, Kapitalismus durch– z. B. die Dominanz der Besitzverhältnisse. Marx nahm sich dieser riesigen Aufgabe an. Er widmete die weiteren vierzig Jahre seines Lebens der Ausarbeitung der Strukturen der politischen Ökonomie und schuf damit das Gerüst der historisch-materialistischen Theorie der Geschichte und des politischen Handelns.

Universelle Weltlehre

Wir wissen nun: Der Bewegungsform unserer gegenwärtigen Gesellschaftsformation, des Kapitalismus, ist in allen ihren Differenzierungen gemeinsam die Akkumulation des Kapitals, die immer wieder Krisen erzeugt, welche schließlich das ganze System als allgemeine Krise des Kapitals ergreifen. Ökonomisch bedeutet das den unaufhebbaren Gegensatz von Kapital und Arbeit, politisch den Gegensatz der Klassen, die diesen Basisfaktoren der Gesellschaft zugeordnet sind. Der Klassenkampf, ob er nun ausgefochten wird oder nicht, manifestiert sich in der Widersprüchlichkeit kapitalistischer Produktionsverhältnisse und ist stets virulent in der Ausübung der Herrschaft der Besitzenden.

Das ist die Grundlage unseres Wissens um die politische Verfassung der Gesellschaft. Aber das ist bei weitem nicht alles. Es gibt ja nicht nur den Kampf um den Anteil an dem gesellschaftlichen Reichtum, den die produktive Arbeit schafft und dessen Mehrwert zugunsten des Kapitals abgeschöpft wird. Reichtum und Armut sind Momente der Lebensweise, die auch die Institutionen der sozialen Vor- und Fürsorge, des Rechts, des Gesundheitswesens, der Ausbildung usw. umfaßt. Zu ihr gehören die Regeln unseres alltäglichen Verhaltens, Bildung und Wissenschaft, Kunst und Spiel, Moral und Glauben – kurz unsere Weltanschauung. Wie wir denken und empfinden, schlägt sich in unserer politischen Einstellung nieder. Um unser Bewußtsein, unsere Ideologie wird ebenso Klassenkampf geführt wie um Löhne und Mitbestimmungsrechte im Betrieb.

Eine Partei, die die Gesellschaftsformation, d.h. den Gattungscharakter der Gesellschaft verändern will, kämpft gegen die herrschende Ideologie, gegen Denk- und Verhaltensgewohnheiten, gegen vertraute Institutionen, gegen das für notwendig und unabänderlich Gehaltene. Die Erkenntnisse von Marx sind Theorie. Wie wird Theorie zur revolutionären Gewalt, zur revolutionären Praxis? Indem sie die Massen ergreift. Wie ergreift sie die Massen? Indem sie nicht nur die Zustimmung des einzelnen Subjekts findet, sondern die Weltanschauung der Subjekte, die Bewußtseinslage der Menschen prägt – ­Gramsci sagt dann: die ideologische und kulturelle Hegemonie erringt. Die Menschen müssen zu den veränderbaren Ursachen dessen vorstoßen, worunter sie leiden. Die Einsicht in die Ursachen läßt das Hinnehmen des Gegebenen in die Frage nach seiner Umgestaltung umschlagen. Erkenntnis von Ursachen ist wissenschaftliches Denken. Die theoretische Kritik der politischen Ökonomie wird zur praktischen Kritik der durch die Ökonomie bedingten Verhältnisse. Praktische Kritik ist der Umsturz. In der wissenschaftlichen Weltanschauung formiert sich die theoretische Kritik, so daß sie in politische Praxis umschlagen kann.

Engels begriff, daß Marx’ Arbeit in eine wissenschaftliche Weltanschauung eingebettet werden mußte, um ihr Ziel, das Ziel der elften Feuerbachthese (»Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt darauf an, sie zu verändern«), zu erreichen. Sein enzyklopädisches Wissen befähigte ihn, nicht nur da und dort die Anwendung der Marxschen Analyse auf die historische Entwicklung aufzuzeigen, sondern den Gesamtzusammenhang zu entwerfen, in dem Menschheitsgeschichte und Naturgeschichte eine Einheit bilden. Man hat kaum beachtet, daß Studien wie »Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen« oder über den »Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats« für die »Dialektik der Natur« konzipiert waren und in deren Systematik den Übergang von der Natur- zur Gesellschaftsdialektik dargestellt hätten. In dem Fragment steckt die Anlage zu einer universellen Weltlehre von einem Ausmaß, wie wir es von Aristoteles und Avicenna kennen, und daß die Bruchstücke in zerstreuten Partikeln vorliegen, darf uns nicht darüber täuschen, daß hier ein großer Systemgedanke vorlag, der unvollendet geblieben ist. Engels errichtete das Baugerüst über dem von Marx gezeichneten Grundriß. Zugegeben, Ausbau und Einbau waren nun nötig, mancher Anbau wohl auch, kaum ein Umbau. Das ist auch eine Aufgabe für Generationen, nicht für einen einzelnen.

Theorie und Praxis

Die wissenschaftliche Weltanschauung, die Engels im Sinne hatte, ist die sich immer erweiternde, systematisch zusammenhängende Gesamtheit wissenschaftlichen Wissens – die »Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs« (MEW 20, 307), die Enzyklopädie, die der Arbeiterbewegung Leitbild sein sollte wie einstmals die französische dem Bürgertum. Und anders als das gesammelte Wissen der Zeit in Einzelartikeln, sollte sie systematisch sein aus der Strenge des Begriffs wie die Hegelsche. In dem Unternehmen der Dialektiker Diderot und d’Alembert lag der Impuls, die Summe neuer, das überlieferte Weltbild sprengender Erkenntnisse so auszubreiten, daß sie als Theorie für eine gesellschaftsverändernde Praxis dienen konnte. Der Anspruch Hegels, die ganze Welt in einem deduzierbaren Systemzusammenhang nach den Gesetzen der dialektischen Logik darzustellen, war die daraus folgende Konsequenz.

Es mag auffallen, daß hier das Wort dialektisch zweifach auftaucht: Sowohl als Kennzeichnung der Denkweise von Diderot wie auch als Definition der Methode Hegels. In beiden Fällen ist Dialektik auf jenen enzyklopädischen Horizont bezogen, der das einzelne immer nur im Hinblick auf eine – wenn auch immer unabschließbare – Totalität zu erfassen erlaubt. Daß diese Totalität konstruierbar sei, ist das Axiom jeder großen Systemphilosophie; daß sie nur spekulativ konstruierbar ist, daß sie jeweils an einem Modell von relativem Wahrheitsgehalt dargestellt wird, das in unendlicher Annäherung an die absolute Wahrheit stets wieder kritisch aufgesprengt werden muß, ist eine Einsicht, die sich im Fortgang der großen metaphysischen Modelle von Leibniz über Fichte und Schelling zu Hegel eingestellt hat und die von Marx und Engels erstmals zum Programm der Philosophie erhoben wurde. Lenin hat in seiner unterscheidenden Lehre von absoluter und relativer Wahrheit unmittelbar an Engels angeknüpft. Marx hatte zugunsten der politischen Ökonomie auf die Weiterarbeit an der Philosophie verzichtet. Engels hat diese Linie immer weitergeführt, Lenin hat sie als unerläßlichen Bestandteil revolutionären Bewußtseins fortentwickelt. Auf Engels und Lenin wird eine zukünftige Philosophie zu bauen haben.

Mit dem Maß der Vernunft

Der Kommunismus soll eine neue Welteinrichtung herstellen. Dazu müssen auch die Leitplanken des Denkens und Verhaltens versetzt werden. Nicht was geglaubt und gemeint wird, darf für den Gesellschaftsprozeß entscheidend sein, sondern was mit Vernunftgründen aus den Tatsachen für die Weiterentwicklung und Veränderung der Tatsachen abgeleitet werden kann. Also auch keine utopischen Entwürfe und Hoffnungen, die eine bessere Welt imaginieren, sondern das Ausloten der realen Möglichkeiten, die in einem Verhältnis zur Wirklichkeit stehen und nicht bloße Denkmöglichkeiten sind. Dies zu erforschen und zu entscheiden ist Sache der Wissenschaft. Die Weltanschauung des Kommunismus beruht nicht auf Glauben und Fühlen, sondern auf Vernunft, in die Glauben und Fühlen eingebettet werden; denn natürlich gibt es immer Lebensbereiche, die sich nur im Glauben und Fühlen erschließen. Eine wissenschaftliche Weltanschauung muß auch Glauben und Fühlen umfassen – wie sollte es sonst Liebe und Vertrauen geben –, aber sie stellt gesellschaftliches Handeln unter die Normen der Vernünftigkeit. Dieser Übergang vollzieht sich in der geschichtlichen Reifung des Bewußtseins, Widersprüche als solche zu erkennen und nicht durch harmonisierende Phantasieannahmen zu verschleiern. Dazu gehört auch die Einsicht, daß die Aufhebung von Widersprüchen (die das Wesen des geschichtlichen Fortschritts ist) neue Widersprüche hervorbringt (was den geschichtlichen Fortschritt in Gang hält). Mit einfacher Klarheit, die Schwierigkeiten der philosophischen Begründung verarbeitend und hinter sich lassend, hat Engels das in seiner Schrift »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft« dargestellt, grundlegend für die Orientierung einer den Kommunismus erstrebenden Partei.

Das philosophische Fundament für eine in wissenschaftlicher Weltanschauung begründete politische Praxis liefert die Arbeit »Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie«. Auch in ihr gelingt es Engels, komplizierte Probleme der philosophischen Tradition so auf ihren Kern zu bringen, daß sie auch ohne den theoretischen Apparat ihrer Entstehung und Begründung in die Weltanschauung (die »Jedermannsphilosophie«, wie Gramsci es nannte) eingehen können. Was Engels mit diesen populären, in sich jedoch hoch elaborierten und von universellen Kenntnissen zeugenden Abhandlungen für die ideelle Einheit der kommunistischen Bewegung geleistet hat, ist unschätzbar. Marx’ ökonomische Forschungen, die ihre Beweiskraft in der Ausbreitung ins Detail bewähren, und Engels großartige Generalisierungen zusammen bilden erst das, was den Marxismus als bewegende Theorie einer weltverändernden politischen Praxis ausmacht.

Um den Kommunismus

Sich selbst zurücknehmend, hat Engels sich immer nur als Helfer und Diener an der theoretischen Arbeit von Marx verstanden. Seine Rede am Grabe (MEW 19, 335 ff.) bekundet dies. Am Tage des Todes des Freundes schrieb er an Bernstein: »Was dieser Mann uns theoretisch und in allen entscheidenden Momenten auch praktisch wert war, davon kann man nur eine Vorstellung haben, wenn man fortwährend mit ihm zusammen war. Seine großen Gesichtspunkte werden mit ihm für Jahre lang von der Bühne verschwinden. Das sind Dinge, denen wir andre nicht gewachsen sind. Die Bewegung geht ihren Gang, aber sie wird des ruhigen, rechtzeitigen, überlegenen Eingreifens entbehren, das ihr bisher manchen langwierigen Irrweg erspart hat.« (MEW 35, 456) Engels hat eigene Arbeiten, so vor allem die Ausführung der »Dialektik der Natur«, zurückgestellt, um die unabgeschlossenen Teile des »Kapital« nach dem Tode von Marx druckreif zu machen. Seine Überzeugung war, daß die Wissenschaftlichkeit der neuen Weltanschauung nur dann fundiert sein würde, wenn sie auf der gesamten Ausarbeitung der Bewegungsformen der Produktionsverhältnisse aufbauen konnte. Darum war ihm die Fertigstellung des »Kapital« wichtiger als die Weiterführung seiner eigenen Arbeiten. Wir können heute aber sagen: Er hat im Entwurf einer wissenschaftlichen Weltanschauung erst die Voraussetzung dafür geschaffen, daß die Marxsche Theorie zur organischen Kraft politischer Praxis wurde. Lenin hat das erkannt; seine theoretischen Arbeiten sind ganz von Engels geprägt. Es ist durchaus symptomatisch, daß die revisionistische Abwendung von Lenin mit der Vernachlässigung und Abwertung von Engels einhergeht. Die bürgerliche Marxismus-Kritik hat hier schon früh eine strategische Linie angelegt, indem sie Engels einen vordergründigen unwissenschaftlichen Popularismus vorwarf. Klarheit der Grundzüge wurde als Simplifikation verschrien; indem man die komplizierten und vielfältigen Erscheinungsformen der Sachverhalte für ihr Wesen ausgab, konnte man sich der Analyse des Wesens entziehen.

So haben wir allen Grund, die Erinnerung an Engels hochzuhalten. Er hat aus der Kritik der Gesellschaftsformationen und derer letzten, der bürgerlichen, den Grund der Verkehrtheit der Klassengesellschaft im Eigentumsverhältnis namhaft gemacht. Wo eine Form des Privateigentums die Gesellschaft dominiert, wird Politik zum Herrschaftsinstrument der Eigentümer statt zur kollektiven Gestaltung der menschlichen Entwicklung; und solange gibt es auch keine wissenschaftliche Weltanschauung, die diesen Gestaltungsprozeß reflektieren könnte, weil die Wissenschaft im Dienste der Herrschenden diesen die Ideologie liefert. »Die Wissenschaft« – gemeint ist hier die Nationalökonomie – »sollte unter den jetzigen Verhältnissen Privatökonomie heißen, denn ihre öffentlichen Beziehungen sind nur um des Privateigentums willen da.« (MEW 1, 503) Das heißt: Erst im Kommunismus wird es eine wirkliche wissenschaftliche Weltanschauung geben, aber auf dem Wege zu ihm wird sie sich bilden.

Quelle: Junge Welt via Kominform.at

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