Vor 35 Jahren flog Sigmund Jähn als erster Deutscher ins All

Posted on 26. August 2013 von

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sjddr»Sig«, der Himmelsstürmer

Vor 35 Jahren, am 26. August 1978 startete im Weltraumbahnhof Baikonur in der kasachischen Steppe an Bord der sowjetischen Rakete »Sojus 31« der erste Deutsche ins Weltall: Sigmund Jähn, dem ersten und einzigen Fliegerkosmonauten der DDR, wurde die Ehre zuteil, als dritter nicht-sowjetischer Kosmonaut den Weltraum zu erobern. Vor ihm starteten im Rahmen des gemeinsamen Programms »Interkosmos« am 2. März 1978 die Kosmonauten Vladimír Remek aus der Tschechoslowakei an Bord der »Sojus 28«, gefolgt vom Polen Miroslaw Hermaszewski am 27. Juni mit der »Sojus 30«.

Sigmund Jähn wurde am 13. Februar 1937 in Morgenröthe-Rautenkranz im Vogtland geboren und absolvierte eine Lehre als Buchdrucker. Im Jahre 1955 begann »Sig«, wie ihn seine Mitschüler und Freunde nannten, seinen freiwilligen Wehrdienst bei der VP-Luft, dem Vorläufer der Luftstreitkräfte der DDR und wurde als Offiziersschüler zum Flugzeugführer ausgebildet. Zehn Jahre später studierte er an der Militärakademie »J.A. Gagarin« in Monino bei Moskau und schloß das Studium als Diplom-Militärwissenschaftler ab.

Als Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee der DDR kam er zusammen mit seinen Fliegerkameraden Rolf Berger, Eberhard Golbs und Eberhard Köllner 1976 in die engere Auswahl zur Kosmonautenausbildung, für die er und Köllner zurückbehalten wurden. Nun begann für »Sig« Jähn und seinen Ersatzmann Eberhard Köllner die Ausbildung im »Sternenstädtchen« Swjosdny Gorodok bei Moskau, die beide mit Erfolg bestanden. Schlußendlich fiel die Wahl für den Raumflug auf Sigmund Jähn, offenbar wegen seiner besseren Ausbildung an der sowjetischen Militärakademie und wegen der besseren Beherrschung der russischen Sprache.

Der Flug ins All

Zuerst sollte Sigmund Jähn mit dem erfahrenen Kosmonauten Alexej Leonow ins Weltall aufbrechen, startete aber am 26. August 1978 an Bord der »Sojus 31« zusammen mit dem Kosmonauten Waleri Fjodorowitsch Bykowski, der schon 1963 die erste Frau im Weltall Valentina Tereschkowa in einem Tandemflug zweier »Wostok«-Kapseln begleitet hatte.

Die Sowjetunion hatte am 19. April 1971 die erste von sieben »Saljut«-Raumstationen gestartet, auf denen zahlreiche Experimente stattfanden und außerdem neue Andocktechniken sowie neue Nutzungen erprobt werden konnten. Jähns und Bykowskis Raumfahrzeug war die schon verbesserte »Saljut 6 EP-4«, mit der sie 125 Erdumkreisungen absolvierten. Nach 7 Tagen, 20 Stunden und 49 Minuten Flug landeten beide am 3. September 1978 an Bord der »Sojus 29« in der Steppe Kasachstans. Die »Sojus 31« blieb an der »Saljut 6« angedockt und die früher angedockte Kapsel »Sojus 29« diente, nachdem die maßgeschneiderten Sitze umgebaut worden waren, als Rückkehr- und Landekapsel.

Die Landung verlief wegen eines Mißgeschicks unerwartet hart, da der Schalter zur Auslösung des Fallschirmes verspätet erreicht wurde und die Kapsel sich anschließend mehrfach überschlug und durch die sandige Steppe geschleift wurde. Sigmund Jähn, der seine Landung stets als »sportlichen Aufschlag« umschrieb, trug sich dabei Verletzungen an der Wirbelsäule zu, die niemals geheilt werden konnten.

Das Interkosmos-Programm

Als der erste Deutsche im All Sigmund Jähn am 26. August 1978 mit dem Raumschiff »Sojus 31« zur Raumstation »Saljut 6« aufbrach, war dies ein Schock für die Bundesrepublik Deutschland. Niemand hatte es vor 35 Jahren für möglich gehalten, daß ausgerechnet ein Kosmonaut aus der DDR als erster Deutscher in das Weltall aufbrechen würde. Möglich machte dies das von der sowjetischen Raumfahrtbehörde nach der erfolgreichen Mondlandung der USA aufgelegte Interkosmos-Programm, welches Mitte der siebziger Jahre in der UdSSR umgesetzt wurde.

Das Programm ging einher mit dem sukzessiven Bau der ersten Raumstationen »Saljut«: An der Eroberung des Weltalls wollte die Sowjetunion auch andere Nationen teilhaben lassen. So startete Vladimír Remek aus der damaligen CSSR als erster Raumfahrer, der nicht aus der UdSSR oder den USA stammte, zu seinem sechstägigen Flug um die Erde, gefolgt von Miroslaw Hermaszewski aus Polen.

Eine Kamera für ein Flugticket

Bekannt ist, daß die damalige Führung der DDR nicht sehr erfreut war, daß zunächst ein Tscheche und anschließend ein Pole als Gäste ins All aufgebrochen waren. Im Interesse der wissenschaftlichen Kooperation ermöglichte eine Kamera den Gastflug Sigmund Jähns zur Raumstation: Mit im Gepäck führte der Fliegerkosmonaut den damals bekanntesten Fotoapparat der DDR und vielleicht der Welt: die Multispektralkamera MKF-6M, die von Wissenschaftlern und Forschern des Volkseigenen Betriebes (VEB) Carl Zeiss Jena entwickelt wurde, eine Weltspitzenleistung, deren Entwicklungskosten vor 35 Jahren mit 82 Millionen DDR-Mark zu Buche standen – sozusagen der Preis für die Fahrkarte ins Weltall.

Mit dieser sechskanaligen Multispektralkamera konnten Aufnahmen von Objekten für die Fernerkundung der Erde aus dem Weltraum gemacht werden: Testgebiete auf den Territorien der UdSSR, der DDR und anderer sozialistischer Staaten zur Erschließung von Naturressourcen, ausgewählte Gebiete der Weltmeere, die für den Fischfang von Interesse waren, sowie atmosphärische Erscheinungen wie Zyklone über der nördlichen Halbkugel der Erde.

DDR-Technik auf allerhöchstem Niveau

Neben der Zeiss-Kamera kamen noch Pentacon-Mittelformatkameras vom VEB Kombinat Pentacon Dresden sowie ORWO-Filme des VEB Kombinat Filmfabrik Wolfen in den Einsatz. Sigmund Jähn führte des weiteren noch zahlreiche Experimente mit sich, die sich im nachhinein für die Raumfahrt als nützlich erweisen sollten.

Die DDR steuerte innerhalb von 20 Jahren insgesamt 169 Geräte zu 80 sowjetischen Weltraumflügen bei. Darunter neue Entwicklungen des VEB Jenaer Glaswerke »Schott & Genossen« sowie des VEB RFT Meßelektronik »Otto Schön« aus Dresden. Verschiedene Versuche wurden von den Instituten der Akademie der Wissenschaften der DDR an der Humboldt-Universität in Berlin sowie vom Zentralinstitut für Schweißtechnik ZIS aus Halle vorbereitet, geleitet und ausgewertet. Unvergessen bleibt die während des Fluges von Jähn und Bykowski zelebrierte »Hochzeit« an Bord der »Saljut 6« zwischen den von beiden mitgebrachten Puppen, dem DDR-TV-Sandmann und der sowjetischen Fernsehpuppe Mascha.

Triumphale Rückkehr

Nach der Rückkehr aus dem Weltall wurde Sigmund Jähn zum »Star« in der DDR. Er wurde mit Ehrungen überhäuft, Schulen und Straßen nach ihm benannt, die Jubelfeiern schienen fast grenzenlos. Er trägt die Titel »Held der DDR« und »Held der Sowjetunion« und ist erster und einziger Träger des Ehrentitels »Fliegerkosmonaut der Deutschen Demokratischen Republik«.

Vor der Archenhold-Sternwarte in der Hauptstadt der DDR wurde im »Hain der Kosmonauten« eine Büste mit seinem Abbild aufgestellt. Ein 1979 von der DEFA produzierter Dokumentarfilm »Himmelsstürmer« berichtete über den Flug des ersten Deutschen in den Kosmos. Bei alledem blieb der erste und einzige Fliegerkosmonaut der DDR sehr bodenständig und zurückhaltend. Im nachhinein bemerkte er sogar, daß ihm der Trubel um seine Person immer etwas peinlich erschien.

Er zog es vor, in Morgenröthe-Rautenkranz in Ruhe einen Wald anzulegen und zu pflegen. Bis heute wachsen in seinem Hain im westerzgebirgischen Vogtland 60 Arten von bedeutsamen Bäumen und Sträucher von 14 verschiedenen Gattungen.

In seinem Heimatdorf befindet sich die im Laufe der Jahre aufgebaute und erweiterte Deutsche Raumfahrtausstellung, an dessen Eingangstor Sigmund Jähns MIG-21 zum Besuch einlädt.

Seit seiner Pensionierung 1990 ist er im russischen Kosmonautenausbildungszentrum als freier Berater für das Astronautenzentrum des DLR und auch für die ESA tätig.

Späte Einsicht des Westens

Erst fünf Jahre nach »Sig, dem Himmelsstürmer«, flog mit Ulf Merbold im November 1983 der erste Westdeutsche und zugleich erste Nicht-Amerikaner an Bord des Spaceshuttles »Columbia« ins All. Mit an Bord befand sich das erste europäische Weltraumlabor »Spacelab«.

Wie Sigmund Jähn war auch Ulf Merbold Vogtländer und seine Heimatstadt Greiz in thüringischen Vogtland liegt nur wenige Kilometer entfernt von Morgenröthe-Rautenkranz. Im Jahre 1984 begegneten sich Merbold und Jähn zum ersten Mal am Rande eines Raumfahrtkongresses im österreichischen Salzburg. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, daß der Astronaut Ulf Merbold dem Kosmonauten Sigmund Jähn versicherte, daß es ihn nie betrübt habe, erst als zweiter Deutscher im Weltraum gewesen zu sein. Im Gegenteil: zu gerne hätte er Jähn vor seinem Flug getroffen um sich mit ihm auszutauschen.

Besonders nach der Einverleibung der DDR durch die BRD wurde Sigmund Jähn von westlichen politischen Neidern vorgeworfen, ein Aushängeschild des »Unrechtregimes« gewesen zu sein. Zudem wurden dem Fliegerkosmonauten offenbar aus blankem Haß Dinge angedichtet, die nachweislich nicht der Wahrheit entsprechen.

Heute, 35 Jahre nach seinem Flug ins Weltall, scheinen sich die Westdeutschen endlich damit abgefunden zu haben, daß die DDR mit Sigmund Jähn der BRD zuvorgekommen war. So wurde dem ersten Fliegerkosmonauten zu Ehren ein im Jahre 1998 an der Volkssternwarte Drebach im Erzgebirge entdeckter Asteroid mit seinem Namen benannt. Weitere westliche Ehrungen folgten.

Sigmund Jähn, der von sich sagt, er sei auch heute »eher Marxist als alles andere«, hat sich den Eintrag in die Geschichtsbücher als erster Deutscher im All verdient.

Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

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