Stalinismus und Antistalinismus

Posted on 17. September 2013 von

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hsvon Renate Münder

Solange die rote Fahne auf dem Kreml wehte, galt die Haltung zur Sowjetunion als Prüfstein für Revolutionäre. Auch heute, über 20 Jahre nach ihrem Untergang, hat das seine Berechtigung. Wie viele haben ihre Haltung zu ihr geändert! Manche ihrer heftigsten Verteidiger wandten sich von ihr ab und distanzierten sich. Anderen machte die Niederlage deutlich, dass der Restauration des Kapitalismus erst dann nichts mehr im Wege stand, als die Eigentumsverhältnisse von Grund auf umgekehrt wurden.

Reihenweise knickten Parteimitglieder vor dem Antikommunismus ein, der „Grundtorheit des Jahrhunderts“ (Thomas Mann). Schon immer war er ein Kampfmittel der Bourgeoisie, doch nach 1990 feierte sie damit größere Triumphe denn je und trieb die PDS/Linkspartei vor sich her. Mit der Diffamierung der Sowjetunion soll der Sozialismus als solcher getroffen werden. Er darf nur noch als Utopie existieren – seine Verwirklichung soll für alle Zeiten diskreditiert sein.

Debatte in der DKP

Doch auch unabhängig von den Angriffen der Reaktion beschäftigt das Thema die Kommunisten. Es geht um ihr Selbstverständnis, die Antwort auf die Frage: Wofür steht ihr? Und da geht es vor allem immer wieder um Stalin und seine Epoche.

Der Streit in der jungen Welt um die Anwendung revolutionärer Gewalt, um „Moralität und Historizität“ (Hans Heinz Holz [1]) war heftig und erbittert.  „Folgt die Macht keiner Moral und keiner Gesetzlichkeit?”, fragten Robert Steigerwald, Hans-Peter Brenner, Nina Hager. [2]

Erst das Buch von Domenico Losurdo über die radikalen Veränderungen des Stalin-Bilds nach dem Kalten Krieg und der Geheimrede Chruschtschows brachte wieder Bewegung in die Diskussion. Losurdo informierte über den
neueren Forschungsstand nach 1990, nach der Öffnung der Archive. Insbesondere die Vertreter der US-Forschung gaben offen zu, dass nach dem Verschwinden des Gegners die bisherigen Übertreibungen und Lügen nicht mehr nötig seien. Die Thesen des Anti-stalinismus-Papstes Robert Conquest,  Exkommunist und dann Leiter des MI 5 Departments Information Research („Desinformationsabteilung“), und seine Phantasie-Opferzahlen in Harvest of Sorrow, The Great Terror waren out. Vor allem stellt Losurdo das Handeln Stalins in den historischen Kontext – eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Steigerwalds Rezension in den Marxistischen Blättern spiegelt – natürlich – seine eigene Einstellung zu dieser Periode der sowjetischen Geschichte wider. Er geht auf ihre Höhen und Tiefen ein und schließt mit den Worten: „Was also ist das Stalin-Bild Losurdos, das er uns vermittelt? Es ist ein gewiss nicht unkritisches, aber letztlich dennoch positives Bild Stalins und der sowjetischen Entwicklung unter Stalins Führung.“ [3]

Zurück zu 1994?

Doch es scheint, dass uns alte Auseinandersetzungen erwarten. Unter der Überschrift „Wie weiter?“  ziehen Leo Mayer und südbayerische Parteitagsdelegierte in einem internen Papier Schlussfolgerungen aus ihrer Auswertung des  20. Parteitags der DKP, wo es  u. a. heißt: „Politik machen auf Grundlage (…) der Stellungnahme der Geschichtskommission des PV der DKP zum Thema Stalinismus vom 12. 5.  1994“. Will Mayer uns auf den Stand von 1994 zurückwerfen? Die Geschichtskommission hatte damals gemäß dem Auftrag des 12. Parteitags eine Stellungnahme erstellt. Ein Jahr später erfolgte dazu eine Diskussion und ein Beschluss des Parteivorstands, der die Position der Geschichtskommission praktisch revidierte.

Die Geschichtskommission entschied sich 1994 für die Verwendung des Begriffs Stalinismus, „wissend  um den vom Gegner mit diesem Begriff getriebenen Missbrauch, weil uns kein anderer Begriff bekannt ist, um diese Entstellung kommunistischer Theorie und Praxis mit einem Wort zu benennen. Und weil die Deformation begann, als Stalin die kollektive Führung  durch seinen Unfehlbarkeitsanspruch ersetzte.“ [4]

Den Beschluss des Parteivorstands vom 27./28. 5. 1995 nennt Mayer nicht! Nach den drei Referaten von Hans Wunderlich, Willi Gerns und Hans Heinz Holz entschied der PV nämlich anders: „Den Begriff Stalinismus halten wir für ungeeignet zur Kennzeichnung von Deformationen und Fehlentwicklungen in der Geschichte des staatsgewordenen Sozialismus und der kommunistischen Bewegung. In seinem vorherrschenden Gebrauch dient er heute als bürgerlicher Kampfbegriff. Er ist so untrennbar verbunden mit kommunistischen Grundpositionen, mit der Diskreditierung jeglichen Sozialismus, dass auch seine abweichende Verwendung Missverständnisse provoziert und zur Polarisierung unter den Kommunistinnen und Kommunisten beiträgt (…)“ (Hervorhebungen von R.M.). [5]

Gerns und Holz kritisierten die Personalisierung, die der Begriff beinhaltet. Der Terror der dreißiger Jahre war „nur unter Duldung der großen Mehrheit der Bevölkerung und nur durch die aktive Teilnahme des Funktionärsapparats möglich.“ (Holz [6]). Die Bürokratisierung und Verkrustung des innerparteilichen Lebens geschah sogar hauptsächlich erst unter Breshnew.

Im Kampf innerhalb der KPdSU ging es nicht um den Kampf zwischen Gut und Böse, es ging nicht um den Kampf gegen Verbrecher weder auf der einen noch auf der anderen Seite, sondern es ging Ende der zwanziger Jahre um zwei Konzeptionen für den weiteren Aufbau des Sozialismus, wie Robert Steigerwald in einem Brief an Kurt Gossweiler vom 2. Februar 2006 schrieb. „So etwas ist beim Weg in Neuland nichts Ungewöhnliches. Stalin schätzte diejenige Bucharins als den Untergang des Sozialismus bewirkend ein, andere sehen das nicht so. Es gibt Spekulationen zu beiden Annahmen.“ Wir brauchen jedoch nicht zu spekulieren, “denn richtig ist, dass mit Stalins Konzeption der Sieg über Hitler erreicht wurde, ein welthistorisches Ereignis.“ [7]

Steigerwald würdigt in seiner Besprechung des Buchs von Losurdo über Stalin in den Marxistischen Blättern die ungeheuren Leistungen der Bolschewiki, die drei Aufgaben, die nach der Erringung der Staatsmacht in Angriff genommen werden mussten: die Kultur-Revolution, die Agrar-Revolution und die Industrie-Revolution. Zum Beispiel „Erst (erst? schon!) 1931 war man so weit, flächendeckend die (zunächst!) vierjährige Schulpflicht einzuführen, da gab es die in Deutschland schon seit mehr als zweihundert Jahren!“ [8]

Seine Frage aber ist: „Nicht dass diese Revolution nötig war ist das Problem, sondern ob sie auf andere Weise möglich gewesen wäre.“ Und obwohl er konstatiert, dass solche Diskussionen auf Annahmen beruhen, von denen man nicht weiß, ob sie stimmen oder nicht, kommt er immer wieder darauf zurück. So stellt er zur Ermordung tausender gefangener polnischer Offiziere in Katyn die Frage: „Aber wenn es der Sowjetunion möglich war, zwei Millionen (!) Juden dem Nazi-Zugriff und damit der Vernichtung zu entziehen (wer weiß das eigentlich bei uns? Wer würdigt es?), wäre es da nicht auch möglich gewesen, 16.000 Kriegsgefangenen irgendwie in den Weiten der Sowjet-union ein Lager zu bauen?“ [9]. War es möglich, kurz vor dem faschistischen Überfall? Wer kann dies beantworten?

Dies ist nur durch die historische Situation zu klären. Sie zu erklären, das ist die Methode, die Losurdo propagiert und anwendet. Steigerwald setzt das mit Rechtfertigung gleich, wozu Holz 1995 folgendermaßen Stellung genommen hatte: „Um darüber zu entscheiden, welche Mittel in einer bestimmten Situation unumgänglich waren oder sich jedenfalls aufdrängten, müssen die Ausgangsbedingungen und die Beschaffenheit des Weges historisch-materialistisch analysiert werden. Sonst verfallen wir in den Moralismus der ,schönen Seele‘ (…)“ [10]. Holz nennt hier u. a. die Analyse der Klassenverhältnisse; der Produktivkraftentwicklung, Bildung, Nationalitätenfrage; der historischen Defizite beim Sprung aus einer spätfeudalistischen, gering kapitalistisch entwickelten Gesellschaft in den Sozialismus. Auch Gerns hält die genaue Analyse der historischen Situation für unerlässlich.

Es ging bei den innerparteilichen Fraktionskämpfen um das Überleben der Sowjetunion und um die Niederschlagung des Faschismus, um Auseinandersetzungen, die die Partei fast zerrissen. Es ging um großartige, einzigartige Entwicklungen wie sie es „in keinem anderen Land“ gegeben hat, ohne zu vergessen, „dass sich hinter den Kulissen ein Konflikt abspielte, eine Zerrüttung der hegemonialen Partei (…)“ [11]

Stalinismus-Vorwurf als innerparteiliches Kampfinstrument

Willi Gerns prangerte in seinem Referat 1995 die „geradezu inflationäre Verwendung“ des Begriffs bei Gorbatschow gegen innerparteiliche Gegner an und seine Instrumentalisierung in den Auseinandersetzungen in der DKP Ende der 80er Jahre durch die sog. Erneuerer. Die Stalinismus-Vorwürfe gegen innerparteiliche Gegner in der PDS Anfang der 90er Jahre unterschieden sich inhaltlich kaum von denen ihrer antikommunistischen Gegner. „Mit der Keule des Stalinismus wird totgeschlagen, was einem politisch nicht passt.“ [12]

Eine Diskussion innerhalb der Partei über „eines der schmerzlichsten Themen für Kommunisten“ (Steigerwald) darf nicht zur Diffamierung parteiinterner Gegner missbraucht werden.

Trotz aller Differenzen sehe ich eine gemeinsame Grundlage für einen Dialog statt eines Schlagabtausches, wenn wir uns auf die Grundlage des PV-Beschlusses von 1995 stellen:

  • Der Begriff des Stalinismus ist abzulehnen, er ist ein antikommunistischer Kampfbegriff der Bourgeoisie und er personalisiert unzulässig.
  • Die Fraktionskämpfe beruhten auf zwei Konzeptionen des Aufbaus des Sozialismus.
  • Gegenüber antikommunistischen Angriffen gilt: Nicht auf den Knien! Wir betonen die Errungenschaften des Sozialismus, ohne seine Fehler zu verschweigen!
  • Die größte Differenz besteht beim Thema Macht und Moral: Gibt es Schranken für das revolutionäre Handeln, die selbst dann beachtet werden müssen, wenn daraus die Niederlage folgt? Wäre es auch weniger grausam abgegangen ohne „schmutzige Hände“ (siehe Auseinandersetzung Holz/Hager, Steigerwald, Brenner)?

Leo Mayer stellt sich diese schmerzliche Frage nicht, für ihn geht es um Verbrechen und sonst nichts, für ihn kann es nur Distanzierung geben. Warum ist er an einer objektiven historischen Aufarbeitung nicht interessiert? Weil es in Wirklichkeit nicht um Stalin geht, sondern um die Trennung der DKP von der kommunistischen Bewegung, zu der nun einmal ihre ganze Geschichte gehört. Und wozu eine solche Trennung? Als Ausgangspunkt für die Illusion eines „schrittweisen Hinüberwachsens in den Sozialismus“? Das ist nicht neu. Das ist der Versuch, mit Hilfe der Stalinismus-Keule die kommunistische Partei auf sozialdemokratische Positionen zu überführen.

Quellen und Anmerkungen:

[1]  Hans Heinz Holz, Dialektik der Vernunft, in junge Welt 2. 2. 2011

[2]  Nina Hager, Hans Peter Brenner und Robert Steigerwald, Macht und Moral, in junge  Welt, 14. 2. 2011

[3]  Robert Steigerwald, Anmerkungen zu Domenico Losurdos Stalin-Buch, in: Marxistische Blätter 1/2013, S. 92

[4] UZ 12.5.1994

[5]  Aus der Geschichte lernen – aber was und wie? UZ 9. 6. 1995

[6] Ebd.

[7]  Robert Steigerwald, Brief an Kurt Goss-weiler, 2. 2. 2006, in „offensiv“ 7/2006, S. 86

[8] Robert Steigerwald, Anmerkungen zu Domenico Losurdos Stalin-Buch, in: Marxistische Blätter 1/2013, S. 91

[9] Ebd.

[10]  Aus der Geschichte lernen – aber was und wie?, UZ 9. 6. 1995

[11]  Domenico Losurdo, Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. Köln 2012, S. 415

[12]  Aus der Geschichte lernen – aber was und wie?, UZ 9. 6. 1995

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