Warum Hellersdorf? Warum nicht Reinickendorf?

Posted on 24. Oktober 2013 von

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hdMarzahn-Hellersdorf ist ein Berliner Bezirk – Reinickendorf ebenfalls. In Hellersdorf wendet sich eine rassistische „Bürgerinitiative“ gegen Flüchtlinge – in Reinickendorf ebenfalls. Beide haben sogar den gleichen Anwalt, den üblen Jens-Georg Morgenstern. In Reinickendorf gab es – noch bevor es in Hellersdorf so richtig mit der pogromartigen Stimmung losging – widerliche Vorgänge. Morgenstern ließ kein rassistisches Klischee aus, um gegen die Flüchtlinge vorzugehen und ihre Vertreibung durchzusetzen. Außerdem forderte er im Namen seiner Mandanten, dass die Flüchtlingskinder nicht auf dem Spielplatz der Wohneigentümergemeinschaft spielen dürfen. Inzwischen ist der Spielplatz, auf dem sonst keine Kinder zu sehen sind, eingezäunt. Die Rachsucht an Flüchtlingskindern hat offenbar sogar das Bezirksamt Reinickendorf ergriffen: ein „antirassistischer Spiel- und Badetag“, veranstaltet von Flüchtlingen und Unterstützern, musste von Reinickendorf nach Kreuzberg verlegt werden, weil das Bezirksamt Reinickendorf gegen die Veranstalter ein Hüpfburgenverbot verhängt hatte, und das wurde sogar noch vom Verwaltungsgericht bestätigt!1

Warum nun stürzen sich die Nazis auf Hellersdorf und ziehen damit die gesamte Aufmerksamkeit der Medien, sogar international, auf diesen Bezirk? Wären nicht in Reinickendorf mindestens ebenso gute Voraussetzungen für eine Pogromstimmung gewesen? Was ist der Unterschied zwischen den beiden Bezirken?

Wer das nicht sowieso weiß, muss nur einen Blick in einen Berliner Stadtplan tun, um Bescheid zu wissen: Reinickendorf liegt in Berlin-West, Marzahn-Hellersdorf in Berlin-Ost. Für die Nazis ist das wieder mal ein Anlass, die besondere Unterdrückung der in die BRD einverleibten Ostdeutschen demagogisch zu nutzen und rassistischen zu wenden. Und damit bedienen sie gleichzeitig das alte Vorurteil, das zum nie endenden Kampf gegen die angeblich so tote DDR genutzt wird: die Ossis haben in der Diktatur keine Demokratie gelernt, deshalb sind sie rassistisch und für die Nazis etc. etc.

Marzahn-Hellersdorf ist für dieses Klischee besonders beliebt wegen seiner zahlreichen Großsiedlungen, als „Plattenbauten“ geschmäht, hinter deren Gardinen angeblich die dummen Ossis sitzen, die den Nazis hinter rennen.

Nur: in diesem Fall lässt sich sehr leicht nachweisen, dass daran überhaupt nichts stimmt. Die Reinickendorfer und die Hellersdorfer Bürgerinitiativen haben nämlich noch eine Gemeinsamkeit: in Reinickendorf handelt es sich hauptsächlich um Besitzer von Eigentumswohnungen2, in Hellersdorf sind das „zum Großteil Eigenheimbesitzer, die Angst Grundstückspreise und ihre Gartenzäune haben“.3 Auch Rechtsanwalt Morgenstern äußerte sich besorgt über die sinkenden Preise der Immobilien seiner Mandanten, wenn Flüchtlinge in der Nähe wohnen.4

In ganz Berlin haben Mieter Angst davor, dass ihre Wohngegend „aufgewertet“ wird durch Luxuswohnungen etc. – denn das kann unbezahlbare Mieten bedeuten. Sinkende Grundstückspreise sind für Mieter eher günstig, sie können hoffen, von horrenden Mieterhöhungen verschont zu bleiben. Also gibt es für die Mieter in Großsiedlungen („Plattenbauten“) überhaupt keine materielle Einschränkung durch die Flüchtlinge. Das heißt natürlich nicht, dass es dort keine rassistisch verhetzten Menschen gibt. Aber erwiesenermaßen stützen sich die beiden Bürgerinitiativen nun mal auf Immobilienbesitzer – ob kleinere oder größere, jedenfalls interessiert an hohen Grundstückspreisen und damit an einer von Flüchtlingen gesäuberten Umgebung (wobei natürlich auch nicht jeder, der ein Häuschen mit Garten hat, ein Rassist sein muss). Damit wissen wir, was wir von den lautstark um ihre Autos und um ihre Kinder besorgten Hellersdorfer Hausfrauen zu halten haben, und von dem dämlichen Klischee des Marzahn-Hellersdorfer-Plattenbau-Nazi-Ossis und von dieser Hellersdorfer Nazi-Inszenierung, auf die die gesamte bürgerliche Presse gern hereinfällt!

E.W.-P.

Quellen:

1 ND 12.08.13

2 ND 23.07.13

3 Aussage der SPD-Bezirksverordneten Marlitt Köhnke, ND 22.08.13

4 ND 23.07.13

Aus der neu erschienenen Kommunistischen Arbeiterzeitung 344
Wir danken für die Genehmigung zum Abdruck!

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Posted in: Antifa, Dokumentiert