Überlegungen zu einem möglichen und notwendigen wissensschaftstheoretischen Herangehen an den Revisionismus

Posted on 24. November 2013 von

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kbSeminar „Wie kam es zum Revisionismus und wie wirkte er sich aus?”
am 4., 5. und 6. Oktober 2013 in Berlin

von Wolfram Triller

Beitrag auf dem Seminar “Wie kam es zum Revisionismus und wie wirkte er sich aus ?”

Liebe Genossinnen und Genossen,

Das Thema unseres Seminars ist so komplex, dass es sehr schwierig ist, den richtigen Ansatzpunkt für die Diskussion zu finden. Man müsste z.B. folgende Fragen stellen:

1. Was wissen die Teilnehmer unseres Seminars über den Revisionismus, wenn sie vor allen Dingen Marx Engels und Lenin gelesen haben? Was kann deshalb als bekannt vorausgesetzt werden?

2. Um welche Fragen drehen sich gegenwärtig die ideologischen Auseinandersetzungen, bei denen bewusst oder unbewusst revisionistische Positionen vertreten werden?

3. Gibt es eindeutige Kriterien, die es ermöglichen, eine Position als revisionistisch zu charakterisieren?

4. Worin besteht das Ziel unseres Seminars und zu welchem Ergebnis wollen wir damit kommen?

Ich habe mich dazu entschieden, etwas zu einem möglichen und notwendigen wissenschaftstheoretischen Herangehen an den Revisionismus zu sagen. Das könnte zum Erkennen revisionistische Positionen beitragen.

Bei meinen Vorarbeiten zu diesem Beitrag stieß ich auf eine Bemerkung von Karl Marx: De omnibus dubitandum. (Deutsch: An allem ist zu zweifeln.)[i]

Hinter diesen Standpunkt standen allerdings seine wissenschaftlichen Erkenntnisse über den dialektisch-materialistischen Charakter der Geschichte verbunden mit einem System von Axiomen und Begriffen.

Berthold Brecht schreibt in den „Geschichten von Herrn Keuner“

“Ich habe bemerkt”, sagte Herr K., “daß wir viele abschrecken von unserer Lehre dadurch, daß wir auf alles eine Antwort wissen. Könnten wir nicht im Interesse der Propaganda eine Liste der Fragen aufstellen, die uns ganz ungelöst erscheinen?”

Als ich darüber nachdachte, fielen mir sofort ein Dutzend Frage ein (siehe Anlage 1).

Erfordert die Beantwortung der Fragen nicht auch eine Portion Phantasie, die Fähigkeit, über Nebenstraßen zum Ziel zu kommen? Und haben deshalb jene Recht, die meinen: Ein fester Standpunkt kann auch ein Zeichen von Phantasielosigkeit sein ?

Das Gesagte zwingt uns dazu, nach dem Wesen der wissenschaftlichen Weltanschauung des Marxismus zu fragen.[ii]

Im Vorwort zur 1. Auflage des Kapitals schreibt Marx: „Jedes Urteil wissenschaftlicher Kritik ist mir willkommen. Gegenüber den Vorurteilen der so genannten öffentlichen Meinung, der ich nie Konzessionen gemacht habe, gilt mir nach wie vor der Wahlspruch des großen Florentiners: Segui il tuo corso, e lascia dir le genti! (Gehe deinen Weg, und laß die Leute reden!)

Und Engels ergänzt: „… wie lächerlich … wäre (es), unsern jetzigen Anschauungen irgendwelche absolute Gültigkeit zuschreiben zu wollen,…“ [iii] . Denn: „Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes System der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, daß die systematische Erkenntnis der gesamten äußern Welt von Geschlecht zu Geschlecht Riesenschritte machen kann.“[iv]

Über eine wissenschaftliche Weltanschauung heißt es im Kommunistischen Manifest: „Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“[v]

Wenn „die theoretischen Sätze der Kommunisten … nur allgemeine Ausdrücke … (der) vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung“ sind, dann bedeutet das im Umkehrschluß, danach zu fragen, ob eine Aussage über gesellschaftliche Zusammenhänge und Entwicklungen die „vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung“ richtig widerspiegelt.

Der Kampf gegen revisionistische Auffassungen setzt deshalb als erstes die eigene wissenschaftliche Analyse der vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung voraus. Denn Engels hat uns davor gewarnt „… unsern jetzigen Anschauungen irgendwelche absolute Gültigkeit zuschreiben zu wollen“.

Nun beobachten wir aber gerade, daß von dieser Position aus die revisionistischen Angriffe auf unsere wissenschaftliche Weltanschauung erfolgen.

Auf diesen Umstand hat schon Marx verwiesen:

„Auf dem Gebiete der politischen Ökonomie begegnet die freie wissenschaftliche Forschung nicht nur demselben Feinde wie auf allen anderen Gebieten. Die eigentümliche Natur des Stoffes, den sie behandelt, ruft wider sie die heftigsten, kleinlichsten und gehässigsten Leidenschaften der menschlichen Brust, die Furien des Privatinteresses, auf den Kampfplatz.“[vi]

Die Frage danach, welche Interessen jemand mit seiner Argumentation verfolgt, kann zwar einen ersten Hinweis auf den Charakter seiner Position, auf ihren revisionistischen Gehalt geben. Doch um sie zu widerlegen, zur Wahrheit vorzudringen ist mehr notwendig. Es sind vor allem 3 Prüfstrategien anzuwenden:

1. Prüfung mit dem Instrument der materialistisch-dialektischen Methode und ihre Anwendung auf die Geschichte

Die materialistisch-dialektische Methode und ihre bewusste Anwendung ermöglicht es, die Wahrhaftigkeit von Aussagen und ihre Wirksamkeit im Klassenkampf zu prüfen. Das setzt allerdings die Beherrschung dieser Methode voraus.

Revisionistische Verfälschungen (oder Irrtümer) bestehen häufig darin, dass Erscheinungen aus dem Gesamtzusammenhang gerissen und nicht in ihrer historischen Entwicklung betrachtet werden. So stehen zwei Aussagen, die scheinbar das ähnliches beinhalten, doch in völligem Gegensatz:

Eduard Bernstein:

“Ich gestehe es offen, ich habe für das, was man gemeinhin unter “Endziel des Sozialismus” versteht, außerordentlich wenig Sinn. Dieses Ziel, was immer es sei, ist mir gar nichts, die Bewegung alles.”[vii]

Karl Marx

„Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein dutzend Programme“[viii]

Bernsteins Position ist der Verrat an der proletarischen Revolution.

Marx dagegen formulierte seinen Standpunkt als Kritik am Gothaer Programm. Diese Kritik war eine Verteidigung revolutionärer Positionen der Arbeiterklasse und ist nur verständlich, wenn man den, dem Zitat nachfolgenden Satz beachtet: „Konnte man also nicht – und die Zeitumstände ließen das nicht zu – über das Eisenacher Programm hinausgehn, so hätte man einfach eine Übereinkunft für Aktionen gegen den gemeinsamen Feind abschließen sollen. Macht man aber Prinzipienprogramme (statt diese bis zur Zeit aufzuschieben, wo dergleichen durch längere gemeinsame Tätigkeit vorbereitet war), so errichtet man vor aller Welt Marksteine, an denen sie die Höhe der Parteibewegung mißt.“[ix]

Der Marxismus schließt die Hegelsche Erkenntnis ein: „Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.“[x]

Die Nichtbeachtung des Gesamtzusammenhangs, der konkreten historischen Situation, die Verabsolutierung einzelner Erscheinungen, die Nichtbeachtung der tatsächlichen Entwicklungsprozesse, die Missachtung von historischen und logischen Zusammenhängen – all das kann zu unwissenschaftlichen, antimarxistischen Aussagen und Positionen führen.

Dabei muß nicht immer auf bewussten Revisionismus geschlossen werden. Auf die Schwierigkeiten bei der Beherrschung einer wissenschaftlichen Weltanschauung hat schon Marx hingewiesen: „Die Untersuchungsmethode, deren ich mich bedient habe …, macht die Lektüre … ziemlich schwierig, und es ist zu befürchten, daß das französische Publikum, stets ungeduldig nach dem Ergebnis und begierig, den Zusammenhang zwischen den allgemeinen Grundsätzen und den Fragen zu erkennen, die es unmittelbar bewegen, sich abschrecken läßt, weil es nicht sofort weiter vordringen kann.

Das ist ein Nachteil, gegen den ich nichts weiter unternehmen kann, als die nach Wahrheit strebenden Leser von vornherein darauf hinzuweisen und gefaßt zu machen. Es gibt keine Landstraße für die Wissenschaft, und nur diejenigen haben, Aussicht, ihre lichten Höhen zu erreichen, die die Mühe nicht scheuen, ihre steilen Pfade zu erklimmen.“[xi]

Dabei besteht unter anderem die Schwierigkeit; „die wir dem Leser nicht ersparen konnten: die Benutzung von gewissen Ausdrücken in einem nicht nur vom Sprachgebrauch des täglichen Lebens, sondern auch dem der gewöhnlichen politischen Ökonomie verschiednen Sinne. Doch dies war unvermeidlich. Jede neue Auffassung einer Wissenschaft schließt eine Revolution in den Fachausdrücken dieser Wissenschaft ein.[xii] Ein Verzicht auf diese „Fachausdrücke“ in der theoretischen Auseinandersetzung ist eine spezifische Erscheinungsform des Revisionismus. In der Parteipropaganda muß ausgehend vom Erkenntnistand der Massen, eine Sprache benutzt werden, durch die die Brücke vom Alltagsbewusstsein zur wissenschaftlichen Weltanschauung gebaut wird.

2. Weiterentwicklung des Marxismus auf der Grundlage der sich ändernden Welt.

Die Auseinandersetzung mit dem Revisionismus steht in engem Zusammenhang mit dem Problem des Dogmatismus, der Verabsolutierung von Aussagen über die Wirklichkeit.[xiii] Der Dogmatismus ignoriert die Leninsche Feststellung:

„Wir betrachten die Theorie von Marx keineswegs als etwas Abgeschlossenes und Unantastbares; wir sind im Gegenteil davon überzeugt, daß sie nur das Fundament der Wissenschaft gelegt hat, die die Sozialisten nach allen Richtungen weiterentwickeln müssen, wenn sie nicht hinter dem Leben zurückbleiben wollen.“ [xiv]

„Lenin war Vertreter eines schöpferischen, eines dynamischen und revolutionären Marxismus. Seine »Treue« zur Lehre von Marx und seine erbitterte Gegnerschaft zu rechtsopportunistischen und revisionistischen Abweichungen vom revolutionären Grundverständnis des Marxismus, die er mit Rosa Luxemburg teilte, war die Plattform, von der er seine eigenen theoretischen praktischen politischen Vorstellungen und Konzepte entwickelte– einerseits mit Blick auf die nationalen Besonderheiten der russischen Revolution aber gleichzeitig auch mit Blick auf die internationale Besonderheit des Übergangs vom Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus/Imperialismus. Seine selbständig erarbeitete Imperialismus-, Partei- und Revolutionstheorien – basieren auf klarem marxistischen Fundament. Das machte ihn zu einem »Klassiker des Marxismus«. Sein eigener Beitrag zur Weiterentwicklung der von Marx und Engels begründeten Lehre erlaubt es mit Recht, vom »Marxismus-Leninismus« als dem wissenschaftlichen Sozialismus des 20./21. Jahrhunderts zu sprechen.[xv]

Lenin beherzigte: „Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes System der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, daß die systematische Erkenntnis der gesamten äußern Welt von Geschlecht zu Geschlecht Riesenschritte machen kann.“[xvi] Entsprechend gilt: „…die Einheit von Begriff und Erscheinung stellt sich dar als wesentlich unendlicher Prozess,…“[xvii]

„Die Geschichte der Philosophie und die Geschichte der Sozialwissenschaft zeigen mit aller Deutlichkeit, daß der Marxismus nichts enthält, was einem „Sektierertum“ im Sinne irgendeiner abgekapselten, verknöcherten Lehre ähnlich wäre, die abseits von der Heerstraße der Weltzivilisation entstanden ist.“[xviii]

Damit stellt sich die Frage, wie der Prozeß der Erkenntnis gestaltet werden muß, der zu einer wissenschaftlichen Interpretation der sich verändernden Wirklichkeit führt. Grundlegende Aussagen darüber hat Beate Landefeld in ihrem Beitrag über den Meinungspluralismus und Kommunistische Partei formuliert.[xix]

Dabei unterscheidet sie zwischen theoretischer Pluralismus, Pluralismus im wissenschaftlichen Meinungsstreit, Strömungspluralismus und Pluralismus bei der Umsetzung theoretischer Erkenntnisse bzw. von Parteibeschlüssen. Sie beantwortet die Frage: Ist Offenheit Beliebigkeit?

„Offenheit ist jedoch etwas anderes als Verlust an Systematik, an Schlüssigkeit. Würden wir dies verwechseln, dann würden wir den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit der marxistischen Theorie aufgeben. Ich halte deshalb auch nichts von Forderungen wie der nach einer „Koexistenz“ unterschiedlicher Marxismus-Auffassungen im Rahmen einer modernen kommunistischen Partei. Ein Sammelsurium von „Marxismen“ ist noch keine marxistische Theorieentwicklung. Diese entsteht erst dann, wenn Anstöße unterschiedlicher Herkunft für eine in sich schlüssige, systematische Theoriebildung verarbeitet werden. In diesem Sinne bleibt der Marxismus auch in seiner Entwicklung ein einheitliches Theoriengebäude. Er ist weder ein Steinruch, aus dem jeder nehmen kann, was er will, noch eine einfache Addition in sich selbst abgekapselter, unterschiedlicher „Marxismus- Konzeptionen“. Systematik, Offenheit und Dynamik stehen nicht gegeneinander, sondern bedingen einander.“[xx]

„Die Umbuchperiode fordert zu einem längeren Prozeß des Suchens nach neuen Antworten auf neue Fragen heraus. Daß solche Antworten nicht subjektivistisch aus der Tasche gezogen oder messianisch verkündet werden, sondern einem kollektiven Meinungsstreit ausgesetzt werden, wird im Endergebnis positiv in die Waagschale fallen. Auch zeitweilige Irrtümer müssen in diesem Prozeß des Suchens in Kauf genommen werden. Gefährlich sind nicht die (überwindbaren) Irrtümer, sondern viel eher die allzu rasch verkündeten Rezepte und „Wunderwaffen“, seien es nun `alte´ oder `neue´“[xxi].

Landefeld thematisiert nicht nur den antikommunistischen Druck auf die wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiterklasse sie verweist auch auf das problem: „Durch eigene Erfahrungen vieler Genossinnen und Genossen mit Mängeln in der Offenheit des Diskussionsklimas in der Praxis früherer Jahre ist ein Stau von Artikulationsbedürfnissen und Veränderungswünschen aufgelaufen.“[xxii]

Offenheit, gründliche Analyse der Wirklichkeit, wissenschaftlicher Meinungsstreit Nutzung vielfältiger Erfahrungen des Klassenkampfes – das sind wesentliche Bedingungen für die Weiterentwicklung der wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiterklasse, für den Kampf gegen Revisionismus und Dogmatismus. Wenn der Widerspruch die Triebkraft der Entwicklung ist, dann erfordert das auch in der Politik einen entsprechenden Umgang mit den Widersprüchen. Der neue DKP-Vorsitzenden zog deshalb aus den Debatten innerhalb der Partei die Konsequenz: „Meinungsstreit und Diskussionen gehen in den unterschiedlichsten Konstellationen natürlich weiter. Diskussionen und Streit unter Kommunistinnen sind ja nichts Schlechtes. Was ich tatsächlich glaube, ist, dass es eine Kombination gab aus Unzufriedenheit mit der Gesamtlage der Partei und auch mit Inhalten, wie sie zumindest von Teilen der alten Mehrheit in der Führung trotz aller Kritik vor allem nach dem 19. Parteitag weiter propagiert wurden.“[xxiii]

Allerdings wird die marxistische Erfassung der Wirklichkeit durch die Tatsache erschwert, dass auch immer der Zufall eine Rolle spielt. „Die Weltgeschichte wäre allerdings sehr bequem zu machen, wenn der Kampf unter den Bedingungen unfehlbar günstiger Chancen aufgenommen. Sie wäre andererseits sehr mystischer Natur, wenn „Zufälligkeiten“ keine Rolle spielten. Diese Zufälligkeiten fallen natürlich selbst in den allgemeinen Gang der Entwicklung und werden durch andere Zufälligkeiten wieder kompensiert. Aber Beschleunigung und Verzögerung sind sehr von solchen „Zufälligkeiten“ abhängig – unter denen auch der „Zufall“ des Charakters der Leute, die zuerst an der Spitze der Bewegung stehen, figuriert.“[xxiv] Das erfordert, dass Kommunisten immer bewusst auf „jähe Wendungen“ eingestellt sein müssen. Denn wer zu spät kommt, den bestraft das Leben – wer zu früh kommt, den aber auch.

3. Einheit von Theorie und Praxis

Zur Überwindung der Spaltung in der kommunistischen Bewegung gibt es viele Vorschläge. Als wenig wirksam hat sich die Methode erwiesen, mit einem „Prüfschema“ die verschiedenen Personen und Gruppen in „echte Kommunisten“ und in Abweichler oder gar Verräter einzuteilen. Vielmehr ist zu beachten: „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“[xxv]

Deshalb ist als erstes die Fragen nach den Personen und Kräften zu stellen, die den jetzigen Zustand aufheben wollen und die zu einer gesellschaftsverändernden Kraft werden sollen und müssen. Deren Einstellungen, Motive und Weltanschauungen sind so vielfältig wie die gesellschaftliche Wirklichkeit. Ihre Ziele sind „Nah- und Fernziele“, „reformistische und revolutionäre Ziele“, „Gruppen- und gesamtgesellschaftliche Ziele“, „realistische und utopische Ziele“ und, und, und.

Kommunisten müssen die Frage beantworten, mit dem Kampf für welche Ziele kann ein gesellschaftlicher Transformationsprozess zur Vorbereitung eines revolutionären Umschwungs eingeleitet werden. Der gemeinsame Kampf unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen ist für alle zugleich ein Lernprozess über die Wirksamkeit der Kampfmethoden, für die Festigung des Kampfbündnisses und für die Weiterentwicklung der durchzusetzenden Ziele, der notwendigen nächsten Schritte.

Im gemeinsamen Kampf stehen die Kommunisten vor der Aufgabe, „sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch (zu unterscheiden), daß sie einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, andrerseits dadurch, daß sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten. Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus.“[xxvi]

Ihr Lernprozess besteht vor allem darin, sich in vielen Fällen, die „Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung“ unter den sich verändernden Bedingungen neu zu erarbeiten. Der Annäherungsprozess der Kommunisten schießt deshalb unverzichtbar den gemeinsamen Kampf zur Unterstützung des gesellschaftlichen Widerstandes ein. Dabei entwickeln sich auch solche Fähigkeiten wie Kompromissfähigkeit, Ausdauer, Geduld, Bescheidenheit, Rücksichtnahme, Aufgeschlossenheit; Ehrlichkeit, Vertrauen, Konsequenz, Solidarität. Alles moralische Eigenschaften, ohne die ein Zusammenwachen von Kampfgefährten und eine Führungsrolle bei der Verbreiterung einer Bewegung nicht möglich sind.

Unsere Veranstaltung zum Thema „Wie kam es zum Revisionismus und wie wirkte er sich aus?” ist in diesem Sinne auch ein Austausch von Erfahrungen über unser Wirken in sehr verschiedenen Bündnissen und auf unterschiedlichen Kampffeldern – ein konkreter Beitrag gegen Revisionismus und Opportunismus. Vor allem aber trägt sie dazu bei, jene Wirkungsfelder zu bestimmen, auf denen wir besonders aktiv werden müssen und auf denen das Zusammenwirken von Kommunisten nachhaltig wirksam werden kann und muss.

Ein Kriterium für die Wirksamkeit unserer Arbeit sollte es sein, wie uns eine Verbreiterung unseres kommunistischen Bündnisses gelingt, wie ein Netzwerk kommunistischer Parteien und Gruppen entsteht, wie es gelingt bundesweite gemeinsame Aktionen von Kommunisten zu initiieren und zu realisieren. Ein Schritt auf diesem Wege müsste auch sein, die Internetplattformen der verschiedenen Gruppen dafür zu nutzen, auf Aktivitäten und Debatten in anderen Gruppen hinzuweisen und so den Erfahrungsaustausch und das Zusammenwirken zeitnah zu organisieren.

Vorschlag

Mit dem Vorstehenden wurde ein sehr breites Feld notwendiger Debatten und zu berücksichtigender Aspekte eröffnet. Es besteht die Gefahr, dass dadurch der „rote Faden“ verloren geht, dass das Gemeinsame und gesicherte Positionen verwischt werden. Notwendig ist aber „ein fester Punkt“ um die „Welt aus den Angeln zu heben“. Ein solcher Punkt könnten „Axiome einer wissenschaftlichen Weltanschauung“ – des Marxismus – sein (siehe Anlage 2). Leider muss ich an dieser Stelle darauf verzichten, eine Begründung für jene Axiome zu liefern, die meine theoretische und praktische Arbeit bestimmen. Ich würde mich darüber freuen, wenn sie als Diskussionsangebot verstanden werden und es kritische und weiterführende Reaktionen darauf gäbe.

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Anlage 1

Fragen, auf die Kommunisten Antworten finden und geben müssen

– Auf welche Weise wird die Arbeiterklasse von einer „Klasse an sich“ zu einer „Klasse für sich“?

– Wie entwickelt sich das Wechselverhältnis von Individuellen und Klasseninteressen?

– Welche Kompromisse sind im Kampf gegen den Imperialismus und beim Aufbau des Sozialismus zulässig?

– Welcher Erfahrungen der bürgerlichen Demokratie lassen sich für die Diktatur des Proletariats nutzen?

– Wann ist der Kampf um Reformen ein Verrat an der proletarischen Revolution?

– Was ist zu berücksichtigen, wenn das Hauptkettenglied und die Methoden für den Kampf der Kommunistischen Partei bestimmt werden sollen?

– Welche Methoden sind anzuwenden, um Fehler bei politischen Entscheidungen zu vermeiden bzw. zu erkennen, dass eine Entscheidung fehlerhaft war?

– Wie gelingt es, die Geschichte der kommunistischen Bewegung so aufzuarbeiten, dass die gewonnenen Erfahrungen in zukünftigen Kämpfen erfolgreich genutzt werden können?

– In welcher Weise müssen kommunistische Parteien zusammenwirken, damit sie Erfolg in nationalen Klassenkampf haben und einen möglichst großen Beitrag zum proletarischen Internationalismus leisten?

– In welche Weise wir sich ein weltweiter revolutionärer Prozeß der Beseitigung des Kapitalismus und des Aufbaus des Sozialismus/Kommunismus vollziehen?

– Welche Konsequenzen hat die differenzierte Situation der der Staaten auf der Welt hinsichtlich ihrer ökonomischen Entwicklung, der sozialen und Klassensituation, der nationalen Traditionen und anderer gesellschaftlicher Bedingungen auf der revolutionären Weltprozeß?

– Wann kann in einem Land von einer sozialistischen Entwicklung und dem sozialistischen Charakter des Landes gesprochen werden?

– Welches sind die Hauptursachen für das Scheitern des europäischen Sozialismus?

Sicher kann ein gebildeter und im Klassenkampf erfahrener Marxist (der nicht darauf angewiesen ist, einen Platz als Abgeordneter im Bundestag zu erringen) auf all diese Fragen fundierte Antworten geben. Aber sie werden immer unvollständig sein und nur in begrenztem Maße die sehr unterschiedlichen Bedingungen für die Wirkungsweise gesellschaftlicher Entwicklungsgesetze berücksichtigen. Da alle Fragen nur historisch konkret beantwortet werden können, ist ein Einzelner außerdem überfordert, da er nicht alle historischen Fakten, ihre Zusammenhänge und Folgen kennen kann. Die Antworten auf vorstehende Fragen können deshalb nur Ergebnis kollektiver wissenschaftlicher Analyse und Verallgemeinerung sein. Das schließt nicht aus, dass bestimmte Antworten als falsch zurückgewiesen werden können, weil sie grundlegenden Axiomen des ML widersprechen. Die grundlegenden Axiome des ML zu bestimmen ist deshalb eine Grundbedingung für die Suche nach hinreichend begründeten Antworten.

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Anlage 2

Axiome* des Marxismus-Leninismus

1. Die Welt ist materiell. Sie befindet sich in einem ständigen Wandlungsprozeß. Widersprüche sind die Triebkraft der Entwicklung. Quantitative Veränderungen führen zu qualitativen Sprüngen. Kausale Zusammenhänge können in Aussagen über Gesetze und Gesetzmäßigkeiten widergespiegelt werden. Die Existenz eines Gesetzes ist objektiv bedingt und unabhängig von seiner Erkenntnis. Die Wirkung von Gesetzen hängt von den Wirkungsbedingungen ab. Verändern sich die Wirkungsbedingungen, kann das zur Aufhebung ( im dialektischen Sinne) eines Gesetzes führen.

2. Im Bewusstsein wird die Wirklichkeit widergespiegelt. Die Wissenschaft sucht hinter den Erscheinungen das Wesen der Sache, die kausalen Zusammenhänge, die objektiven Gesetze und die Wirkungsbedingungen der Gesetze zu erkennen, die für die jeweilige Wissenschaft gelten Begriffe und die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen zu definieren – die Wahrheit zu entdecken. Die Wahrheit ist das Ganze. Weder der Einzelne noch die Gesellschaft insgesamt besitzen das Wissen über „Das Ganze“. Wahrheit ist relativ – begrenzt durch den aktuellen Stand der Erkenntnis. Das Kriterium für den Wahrheitsgehalt einer Aussage ist die Praxis.

3. In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Dieses Bewusstsein wirkt über das Handeln der Menschen aktiv auf die Basis zurück.

4. Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Als Klassen bezeichnet man große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, Die Abschaffung der Klassen ist unmöglich ohne die Diktatur der unterdrückten Klasse, des Proletariats. Ohne Klassenbewußtsein und ohne Organisiertheit der Massen, ohne ihre Schulung und Erziehung durch den offenen Klassenkampf gegen die gesamte Bourgeoisie kann von der sozialistischen Revolution keine Rede sein.

5. Der Mensch ist fähig, die Gesetze seines eigenen Tuns zu erkennen und bewusst nach ihnen zu handeln. Der Grad der Welterkenntnis und das daraus resultierende Bewusstsein werden durch das gesellschaftliche Sein bestimmt. Jeder Mensch verfügt über ein Alltagsbewusstsein und daraus resultierende Interessen. Sie werden differenziert durch Schule und Ausbildung, Stellung im Reproduktionsprozeß, soziale Stellung und Situation sowie die Erfahrungen aus der Teilnahme an gesellschaftlichen Kämpfen – durch Lebenserfahrung und den Grad ihrer bewussten Verarbeitung.

* Axiom: Aussage, deren Wahrheit durch die Erfahrung so oft bestätigt, durch die Praxis so oft bewiesen ist, dass sie als absolut gewiss betrachtet werden kann.

Axiomsystem: Die Gesamtheit der systematisierten Teilmengen von Aussagen (Axiome) eines Wissenschaftsbereichs, aus der sich alle übrigen Aussagen deduktiv ableiten lassen.

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[i] Karl Marx trug diese Feststellung in das Poesiealbum seiner Tochter Jenny Marx Longuet auf die Frage nach seinem Lieblingsmotto ein.

[ii] Da Lenin sich als Marxisten bezeichnete, ist in eine wissenschaftliche Weltanschauung von Marx, Engels Lenin und vielen anderen Theoretikern des Marxismus der „Leninismus“ eingeschlossen.

[iii] Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, MEW Bd. 20, S. 106-107

[iv] Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, MEW Bd. 20, S. 24)

[v] Marx/Engels: Manifest der kommunistischen Partei, MEW Bd. 4, S. 474-475

[vi] Marx: Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, Band 23, “Das Kapital”, Bd. I, Vorwort zur ersten Auflage

[vii] Von Eduard Bernstein 1897 in der Zeitschrift Die Neue Zeit formuliert.

[viii] Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms, Brief an Wilhelm Bracke, London, 5. Mai 1875 , http://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1875/05/briefbracke.htm

[ix] Ebenda

[x] http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Wilhelm_Friedrich_Hegel#.
E2.80.9EDas_Wahre_ist_das_Ganze.E2.80.9C:_Idee.2C_Natur_und_Geist

[xi] Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, Band 23, “Das Kapital”, Bd. I, Vor- und Nachwort zur französischen Ausgabe

[xii] Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Band 23, “Das Kapital”, Bd. I, Vorwort zur englischen Ausgabe

[xiii] Ich verstehe mich als „Dogmatiker“, als einer, der unter einem Dogma einen dialektisch begründeten Lehrsatz, eine feststehende Definition oder eine grundlegende, normative wissenschaftliche Erkenntnis – beruhend auf Axiomen – versteht, deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich gilt.

[xiv] W.I. Lenin: Unser Programm, in LW Bd. 4, S. 204-206 )

[xv] Hans-Peter Brenner: Kein Marx ohne Lenin, in uni spezial, Beilage der jW vom 19.05.2010

[xvi] Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in MEW Bd. 20, S. 24

[xvii] Friedrich Engels an Conrad Schmidt in Zürich, in: MEW, Bd. 39. S. 434

[xviii] W.I. Lenin: Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, in: Werke, Bd.19, S.3-9

[xix] Beate Lndefeld: Meinungspluralismus und Kommunistische Partei“, in: MBl 7/8 1989 und 3/13 2013, siehe auch Beate Landefeld: Zur kommunistischen Parteikonzeption, unter http://www.triller-online.de/k0699.htm

[xx] ebenda

[xxi] ebenda

[xxii] ebenda

[xxiii] Patrik Köbele: „Die Lust am Widerspruch konstruktiv nutzen“, In MBl 4/13 S. 26- 30

[xxiv] Karl Marx: An Ludwig Kugelman in Hannover, ME Werke Bd. 33 S. 209
Siehe auch Friedrich Engels an W. Borgius in Breslau; MEW; Bd. 39, S. 207: „Je weiter das Gebiet, dass wir gerade untersuchen, sie sich vom Ökonomischen entfernt und sich dem reinen abstrakt ideologischen nährt, desto mehr werden wir finden, dass es in seiner Entwicklung Zufälligkeiten aufweist, desto mehr im Zickzack verläuft seine Kurve. Zeichnen Sie aber die Durchschnittsachse der Kurve, so werden Sie finden, dass, je länger die betrachtete Periode und je größer das so behandelte Gebiet ist, dass diese Achse der Achse der ökonomischen Entwicklung umso mehr annähernd parallel verläuft.“

[xxv] Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 35
Siehe auch: Marx/Engels: Manifest der kommunistischen Partei, MEW Bd. 4, S. 474-475: „Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“

[xxvi] Marx/Engels: Manifest der kommunistischen Partei, MEW Bd. 4,

Quelle: news.dkp.de

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