Frankreich: der Teufel trägt marineblau

Posted on 10. Dezember 2013 von

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fnvon Georges Hallermayer

Der Teufel erhob sich wieder

28 Jahre nach dem Ende der Kollaboration mit dem Faschismus, 18 Jahre nach der Niederlage in Vietnam, 10 Jahre nach dem Ende im Kolonialkrieg in Algerien schlossen sich verschiedene revanchistische Strömungen unter dem langjährigen Vorsitzenden Jean-Marie Le Pen zum Front National zusammen. Der antifaschistische Konsensus, während des Widerstands von Kommunisten und Gaullisten begründet und 1944 im Aufbau-Programm des Nationalrats des Widerstands (C.N.R.) niedergelegt, sorgte dafür, dass Jean-Marie Le Pen die nach dem Wahlgesetz von 1976 benötigten 500 Unterstützer-Unterschriften von gewählten Volksvertretern für seine Kandidaturen nicht erreichte. In den 70er Jahren fiel der FN mehr durch die antisemitischen Ausfälle und rassistischen Beleidigungen durch seinen Vorsitzenden auf, der es auf insgesamt über zwanzig rechtskräftigen Verurteilungen brachte. Aber in den 80er Jahren begann sich die neoliberale Phase des Finanzkapitalismus auch in Europa mit Schließung und Verlagerung von Fabrikationsanlagen in der Kohle- und Stahlindustrie auszuwirken. Der FN konnte dort auf Kosten der „mutierten“ kommunistischen Partei (PCF) fußfassen und in den entindustrialisierten, durch Arbeitslosigkeit zu verelenden drohenden Gebieten einige Mandatsträger in den Parlamenten verankern (zuerst 1984 bei Regionalratswahlen)

Der Teufel fasste Fuß

Ab den Präsidentschaftswahlen 1988 mit landesweiten 14,38 Prozent der Stimmen war der Front National eine ernstzunehmende Größe. Diese Tendenz verstärkte sich nach der siegreichen Konterrevolution in der Sowjetunion und den osteuropäischen Ländern und der damit verbundenen weiteren Schwächung der Kommunistischen Partei. Der FN profilierte sich als einzige „Anti-System-Partei“. Bei der Präsidentenwahl 2002 gelang es Le Pen sogar- von der Linksregierung Enttäuschte wählten nicht – den PS-Kandidaten Lionel Jospin mit 16,86 Prozent der Stimmen zu schlagen und im zweiten Wahlgang gegen Jacques Chirac anzutreten. Die Jahre danach waren durch innerparteiliche Spannungen geprägt, zum einen die Nachfolgefrage, aber auch ideologischer „Ballast“, den es abzuwerfen galt. Diese innerparteilichen Querelen, die Jean-Marie Le Pen zehn Jahre zuvor noch mit dem Ausschluss seines Stellvertreters Bruno Megret bereinigen konnte, kulminierten während des Präsidentschafts-Wahlkampfs 2007. Der FN verlor ein Drittel seiner Wählerschaft, der Stimmenanteil ging auf 10,44 Prozent zurück.

Die Tochter des Vorsitzenden, Marine Le Pen übernahm 2011 den Parteivorsitz. Im Unterschied zu ihrem Vater drängt sie an die Macht. Sie erneuerte den Parteiapparat, der seit der Abspaltung von Bruno Megret 1998 unverändert geblieben war, mit PR-erfahrenen Beratern: Sie machte den Advokaten und Regionalrat aus Toulouse Louis Aliot, der seit 2005 als Generalsekretär den FN umbaute, zu ihrem Stellvertreter im Tandem mit dem ENA-Absolventen Florian Philippot, dem Chefideologen, der gegen heftige Proteste Alteingesessener in der Lothringer Grenzstadt Forbach kandidiert, ebenso im Tandem als Vize-Präsidenten des FN mit dem Juristen Alain Jamet, mit der aus Rumänien stammenden Bürgermeister-Kandidatin für Nizza Marie-Christine Arnautu, und dem Journalisten und FN-Fraktionsvorsitzenden im Lothringer Regionalrat Jean-François Jalkh. Marine Le Pen wollte verhindern, dass sich wiederholt, was sich in Städten wie Vitrolles oder Marignane abspielte. Die 1995 bzw. 1997 gewählten FN-Bürgermeister in den Städten im Süden Frankreichs, neben Toulon und Orange als Laboratorien für die nationale Eroberungs-Strategie geplant1, wurden wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten vors Gericht zitiert bzw. in die Wüste geschickt.

Der Teufel frisst Kreide

Marine Le Pen verfolgte konsequent die Strategie der „Entdiabolisierung, ohne das Programm zu ändern“, wie Michel Soudais, der stellvertretende Chefredakteur der Wochenzeitschrift Politis erklärte.2 Stars wie Alain Delon, Brigitte Bardot und der Humorist Jean Roucas assistieren bei der neuen mediengeilen Kommunikationsoffensive, „die Tunika des Belzebubs“ abzulegen, wie sie bei ihrem Antritt vor drei Jahren erklärte.3

In der Strategie der Entdiabolisierung gewann der FN Sympathien der „kleinen Leute“ durch das Anprangern lokaler Seilschaften, Skandale, dubioser Verstrickungen bei der Vergabe öffentlicher Aufträge etc. in die PS-Potentaten verwickelt waren.

Hatte noch in der 70er bis 80er Jahren sich in der Politik des FN der überkommene Rassismus und Judenhass (Antisemitismus) manifestiert, richtete sich da noch die Aversion vor allem auf die Eingewanderten aus den ehemaligen Kolonien (in der Hauptsache aus dem Maghreb), so rückten nach der Zustimmung zu Maastricht 1992 (auch von Jean-Marie Le Pen) generell außereuropäische Einwanderer und Nichtsesshafte (vor allem Roms) verstärkt – auch handgreiflich – ins Aktionsfeld der Faschos.

Hatte Le Pen Vater noch die Shoa als „ein Detail der Geschichte“ denunziert, erklärte Le Pen Tochter die Shoa sei das „Summum der Barbarei“ Den noch bei Jean-Marie Le Pen propagierten offen-rassistischen Antisemitismus versucht die FN-Spitze, vergessen zu machen. So unternahm Vize Louis Aliot eine Reise nach Jerusalem im Dezember 2011 und Marine Le Pen traf öffentlich den israelischen UNO-Botschafter einen Monat zuvor in New York.4 Waren Freimaurer ihrer Nähe zu Juden wegen verhasst, Marine Le Pen zeigte sich mit ihnen.

Der unterschwellig weiter vorhandene Rassismus wird durch einen aggressiven religiös verbrämt-motivierten Anti-Islamismus überspült. So verglich Marine Le Pen provokativ „Gebete der Muslime auf den Straßen“ mit der „faschistischen Besatzung“5 und riskiert mit der Wiederholung bewusst die Aufhebung ihrer Immunität wegen „Aufhetzung zum Rassenhass“6.

Dass der Rassismus weiterhin latent vorhanden ist, beweisen wiederum solche „Ausrutscher“, wie z.B. der von Anne-Sophie Leclere aus einer Kleinstadt in den Ardennen, die die aus Guayana stammende Justizministerin Christiane Taubira „lieber auf den Ästen eines Baumes als in der Regierung“ sähe. Selbst wenn die Nachwuchspolitikerin am 3. Dezemberihre Karriere in dem FN beenden musste7. Oder die Umschlagseiten des rechtsextremen satirischen Wochenblattes „Minute“, auf dem ebenfalls die Ministerin mit einem Affen in Verbindung gebracht wurde8, auch wenn sich unverzüglich Florian Phillipot mit dem Wort „untragbar“ distanzierte9. Im Elsass mussten auch zwei Kandidaten den Hut nehmen,10 darunter der Oberbürgermeister-Kandidat für Strasbourg, André Kornmann.11

Ebenso änderte Marine Le Pen medienwirksam die europazustimmende Haltung des Front National ihres Vaters in eine nach außen angeblich kritische. Jean-Marie Le Pen hatte schon 1987 die imperialistische Europa-Ideologie mit seinem Nationalismus versöhnt in der programmatisch-visionären Formel: „Es genügt nicht, ein Europa des Handels und er Wirtschaft zu schaffen: Auch und vor allem muss ein Europa der Verteidigung und des Geldes geschaffen werden. (…) Es ist eine große Hoffnung für Europa, dass die Nationalisten der Länder Europas ihren Patriotismus und ihren Nationalismus in einen Nationalismus höheren Grades überführt haben.“ Und das stimmt, befördert durch die Rekapitalisierung ehemals sozialistischer Ökonomien, mit der aktuellen herrschenden bourgeoisen Politik durchaus überein.

Mit ihrer sehr forcierten scheinradikalen „Weg-mit-dem-Euro“-Propaganda greift Marine Le Pen die seit der Kaputtspar-Politik umgeschlagene öffentliche Stimmung scheinbar auf. Nach einer Meinungsumfrage von IFOP lehnten vor einem Jahr 62 Prozent der französischen Bevölkerung den Euro ab, Angestellte und Arbeiter in noch höherem Maße, nämlich zu 77 Prozent.12

Wenngleich ihre ökonomischen Aussagen widersprüchlich bis vage sind, radikalisiert Marine Le Pen massenwirksam die öffentliche Meinung. Damit, Ängste zu schüren vor der generellen Unsicherheit13, mit den Tiraden gegen Einwanderer, Fremde, entsolidarisierte Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt, gegen den Islam und Multikulti, lenkt der Front National ab von denen, die den geschaffenen Mehrwert an sich raffen, die den Staat als Selbstbedienungsladen missbrauchen, lenkt ab von den Verursachern der Krise, dem internationalen Finanzkapital, lenkt also ab davon, was noch im C.R.S.- Programm von 1944 stand, nämlich das Großkapital zu enteignen, und bietet so ein willkommenes Ventil14 zu den Europawahlen. Und das in doppelter Hinsicht: einerseits wäre eine Stimme für den FN im Sinne der herrschenden Klassen, da der FN den freien Kapitalverkehr, die unumschränkte private Gewalt, über das Finanzkapital zu verfügen, kurz den europäischen Imperialismus, mitnichten infrage stellt. Andererseits wäre auch jede in Frankreich abgegebene Stimme gegen den FN eine europapolitisch bestenfalls reformative, d.h.im Sinne der Herrschenden dennoch positive, weil sie das imperialistische Machtkonstrukt EU nicht bekämpft. Aus diesem Grunde plädiert zum Beispiel der Pol der kommunistischen Renaissance in Frankreich (PCRF), um den sich Kommunisten in und außerhalb der PCF sammeln, sich bei der Europawahl der Stimme zu enthalten.15

Der Teufel schlägt Wurzeln

Für den Front National beginnt nunmehr Phase zwei der Eroberungsstrategie. „Das Spiel der Entdiabolisierung der Partei ist gewonnen. Wir müssen heute das der Glaubwürdigkeit gewinnen,“16 umschrieb Steeve Briols, der Generalsekretär des FN das Bestreben, die Partei sowohl national zu verankern wie auch international zu vernetzen. Dabei ist in der Mehrheit der Bevölkerung durchaus ein Gespür der „Gefahr für die Demokratie“ vorhanden, wie die letzte Umfrage von Ipsos zeigte17.

Aber die beiden Wahlen im nächsten Frühjahr kommen den Faschos wie gerufen. Im Jahre 2007 hatte der FN noch 70 Stadträte und Bürgermeister. Für die Kommunalwahlen 2014 visiert Vize-Chef Louis Aliot etwa 1000 an, „eine Baumschule „Marine-Blau“, den er als „unverzichtbaren Sockel“ ansieht, von dem aus Marine Le Pen die Präsidentschaftswahlen 2017 angehen will18. Le Monde hat eine Karte Frankreichs veröffentlicht und die 77 Städte mit über 4000 Einwohner eingezeichnet, in denen der FN bei der letzten Präsidentschaftswahl über 40 Prozent der Wählerstimmen erhielt.19 Das weist eine Verdichtung in drei großen Gebieten auf, in Südfrankreich im Rhonetal um Lyon und im Rhonedelta mit insgesamt 26 Gemeinden und an der Cote d’Azur, wo der FN mit 6 Abgeordneten im Regionalrat sitzt und in 16 Touristen-Städtchen die Mehrheit besitzt. Im Norden, in der großen Industriebrache im Pas de Calais sind es 21 Städte und Gemeinden. Daneben noch drei von Kohlebergwerken und der Stahlindustrie verlassene Kleinstädte im Lothringer Dreiländereck.

„Braune Hände über der Stadt“ so nannte der französische „Wallraff“20, der Journalist und Regisseur Jean-Baptist Malet den 2012 erschienenen Dokumentar-Film über die faschistoide Apartheid-Politik im kommunalen Raum am Beispiel von zwei von einem dem FN nahestehenden Ehepaar regierten Nachbarstädten Orange und Bollene. 21 L’Express erstellte ein Dossier über die Machenschaften der FN in Orange,22 bezeichnend, dass Bürger der Presse gegenüber anonym bleiben wollten. Eine gemeinsame Linie lässt sich aus diesen FN-Laboratorien festmachen, dass die Bürgermeister unliebsame Beschäftigte aus dem Rathaus mobbten und durch eigene Gefolgsleuten ersetzten. Um nur einige Beispiele aus der Ausgrenzungspolitik zu nennen: Sie zensierten die Ausleihbestände der Stadtbibliotheken und füllten die Regale mit brauner Literatur. Sie strichen die Subventionen für Jugendzentren und Programme für Immigranten und Arbeitslose zugunsten von Mittelalter-Spielen und Tanztees und Fest-Diners für Senioren. Sie senkten die Grundsteuer, wohingegen in den Ferien Buslinien ins Stadtzentrum gestrichen wurden, um Jugendlichen den Weg ins Café oder Kino zu erschweren, wenn nicht zu verunmöglichen. Dazu eine äußerst „eifrige“ Stadtpolizei. Alles in allem, eine Politik fürs häuslebesitzende Kleinbürgertum, kaum Industrie – eine Politik die Ärmere, Arbeitslose, Immigranten ausgrenzt nach dem Motto Jean-Marie Le Pens: „Wer Frankreich nicht liebt, kann gehen.“

Dennoch nährte die als liberal geltende Tageszeitung der Familie Rothschild „Le Liberation“ am 22. November das bekannte Vorurteil „Die Zonen der großen Armut: die Linien der Front“, wie das Observatorium zur kritischen Medienbeobachtung Acrimed berichtete. Die Zeitung legte einfach die vom Nationalinstitut für Statistik INSEE herausgegebene „neue Sozial-Kartografie“ über eine Landkarte und pickte die Hochburgen des Front National heraus.23 Eine perfekte, aber die Fakten verdrehende Methode, die soziale Not als Sündenbock festzumachen, „die exemplarische Methode der herrschenden Vision der herrschenden Klassen“, wie Acrimed zusammenfasst. Die Soziologin Annie Collovald hingegen macht in ihrem Buch „Der ‚Populismus des FN‘ – ein gefährlicher Widersinn“ die bedeutendste Arbeiterpartei bei Wahlen fest, nämlich die Wahlenthaltung, die Partei der Nichtwähler!24

Gleich zu Gleich gesellt sich

Triumphierend erklärte Marine Le Pen den „republikanischen Konsens“ – den Begriff antifaschistisch vermeidet sie – für tot.25 Ihr Einfluss auf die Regierungs- wie Oppositionspolitik ist unübersehbar, schließlich knirscht es im bürgerlichen Parteiengefüge nicht nur bei PS und UMP.

Der Spaltpilz geht um: Die konservative UMP ist nach einem erbittert geführten Diadochenkampf zwischen dem Generalsekretär Jean-Francois Cope und Ex-Premierminister Francois Fillon in nunmehr drei Flügel aufgefächert. Jean-Francois Copé, jetzt Präsident der Partei, trommelt “komplexbefreit“ (siehe oben) wie der FN gegen Immigranten und Roms, ziert sich aber (noch), mit dem Front National zusammenzuarbeiten. Francois Fillon ist ebenso „komplexbefreit“, aber weniger zimperlich und ist nicht abgeneigt, „weniger fanatische“ Kandidaten des FN zu unterstützen26. Alain Juppe, Ex-Premierminister unter Chirac, stellt sich gegen beide, weist die populistische Propaganda zurück und weigert sich, dem FN selbst den kleinen Finger zu reichen. Dennoch rudert die UMP weiter nach rechtsaußen: Copé denkt öffentlich darüber nach, das seit der Französischen Revolution geltende Staatsangehörigkeitsprinzip, dass auf Frankreichs Boden Geborene die französische Staatsangehörigkeit besitzen, aufzugeben. Das rassistische Abstammungsprinzip – von Le Pen Vater von jeher ausposaunt – lässt grüßen.27 Diese Annäherungstendenz läßt sich auch aus einer Studie ableiten, die die konservative Zeitung „Le Figaro“ im letzten Oktober erstellte, wonach die politische Überzeugung von Anhängern des FN und der UMP sehr ähnlich, fast deckungsgleich sind, wenn man von dem Feindbild € absieht28. Die außerparlamentarische Arbeit des „Bloc Identitaire“, ein Spinnennetz in den Hochburgen, der als thinktank an einer „Union“, einer Neuzusammensetzung der Rechten unter Einschluss des Umfelds von UMP und FN arbeitet,29 trägt Früchte. Ob Marine Le Pen das gelingt, was der frühere Le Monde-Herausgeber Jean-Marie Colombani behauptet, dass Marine Le Pen sich nicht mit UMP und der klassischen Rechten verbünden, sondern sie ersetzen möchte30, wird sich erst noch zeigen müssen.

Die kleineren Zentrumsparteien UDI und MoDem hingegen schlossen sich zu einer Allianz zusammen, um sich bei den bevorstehenden Wahlen behaupten zu können.31 In Paris gelang es ihnen, mit der UMP ein Wahlbündnis gegen die PS-PCF-Koalition zu gründen.32

Die „Apeasement“-Politik der Regierung, dem Front National und der UMP das Wasser dadurch abgraben zu wollen, indem sie dessen Politik übernimmt, geht in die traditionelle Vorweihnachtspause. Diese Politik der Annäherung an den FN – nach der Einrichtung von „Sicherheitszonen“ mit zusätzlichen Ordnungskräften, das Plädoyer für Strafen für Kinder oder die rücksichtslose Abschiebung von Roma und Asylanten – erlebte ihren letzten skandalösen Höhepunkt, als die Gymnasiastin Leonarda vor der Schule verhaftet und in den Kosovo abgeschoben wurde33. Nach ständigen heftigen Auseinandersetzungen in der Partei und in der Regierung zeigen sich die Exponenten der Parteiflügel, der Innenminister Manuel Valls und die Justizministerin Christine Taubira vereint „gegen rechts“34, wollen ihre Differenzen auch im Hinblick auf den FN erst einmal hintanstellen. Denn in der Regierungspartei PS zeigen sich Erosionserscheinungen: In kurzer Zeit ist ein zweiter Bürgermeister, der sich „von der Regierung verraten“ fühlt, aus der Partei ausgetreten.35

Der Teufel breitet seine Schwingen aus

In der Öffentlichkeit ist kaum bekannt, dass Marine Le Pen überhaupt nicht daran denkt, die Europäische Union zu verlassen. In der Sendung von France 2 „Gekreuzte Worte“ im Januar dieses Jahres verneinte Marine Le Pen auf nachbohrende Fragen hin, in einem Referendum dafür zu stimmen, die Europäische Union zu verlassen. Dabei gestand sie wörtlich: „ich möchte, dass die EU mich meine Grenzen beherrschen lässt, also will ich Schengen nachverhandeln, ich will, dass die EU mich autorisiert, die Protektionismus handzuhaben, den ökonomischen Patriotismus.“36 Auch im Programm des FN steht, dass sie nur einen mit Madame Merkel abgestimmten Ausstieg aus dem Euro anstrebe.37 Soviel zum Nationalismus des Front National und zu ihrer „feierlichen“ Aufforderung an Präsident Hollande, ein Referendum im Januar 2014 zum Austritt aus der Europäischen Union durchzuführen38

Marine Le Pen arbeitet daran, auf europäischer Ebene eine anti-europäische Front aufzubauen, in Strasbourg eine Fraktion von wenigstens 25 Abgeordneten (von den zu erwartenden 90 bis 150 rechtsextremen Sitzen) zu bilden, auch um mit einer Million Euro an Aufwandsentschädigung die leere Parteikasse aufzufüllen. Von den über 9 Mio. Euro Wahlkampfkosten wurden fast 700.000 Euro nicht erstattet39. Aus finanziellen Gründen verkaufte die Partei den riesigen Gebäudekomplex (Ozeanriese genannt) in St. Cloud und zog in ein bescheideneres Bürogebäude nach Nanterre. Es gelang Marine Le Pen, Geert Wilders von der niederländischen Freiheitspartei (PVV) zu gewinnen, für „die Menschen, die ihre Identität zu verteidigen wünschen“ gegen die Immigration und für den Protektionismus zu kämpfen. Aus Sorge um ihr Image blieben die griechischen Neonazis und die ungarischen Neofaschisten außen vor, aber mit der Lega Nord, der österreichischen Freiheitspartei PFÖ und den Echten Finnen sind die Kontakte schon geknüpft.

Als erste Reaktion auf diese Allianz lehnte die Dänische Volkspartei eine Zusammenarbeit ab, obwohl sie in der Frage der Immigration dem FN nahesteht, da „der Front National einen antisemitischen Bodensatz“40 habe.

Pünktlich zum ersten Advent brachte die französische Sonntagszeitung Dimanche Oest-France ihre Leser zum Gruseln: NachIFOP, dem 1938 gegründeten führenden französischen Meinungsforschungsinstitut halten 76 Prozent der Franzosen in den nächsten Monaten eine soziale Explosion sicher oder wahrscheinlich, Anhänger des Front National (FN) gar 89 Prozent41. Nach den Massendemonstrationen der vereinten Rechten (im Schulterschluss mit der katholischen Kirche) vor einigen Monaten gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und in den letzten Wochen gegen die Einführung der Öko-Steuer – eine alarmierende Vorhersage für die in ganz Frankreich stattfindenden Kommunalwahlen im März und die kurz darauf folgenden Europawahlen am 22. und 25. Mai 2014. Bei den Europawahlen, so erfragte IFOP im Oktober, soll der FN 24 Prozent der Stimmen bekommen, vor 22 Prozent für die konservative UMP, 19 Prozent für die Sozialistische Partei (PS) und 10 Prozent für den Front de Gauche.42

Yves Bertoncini, der Direktor des thinktanks «Notre Europe – Jacques Delors Institute» kommt hingegen in seiner jüngsten Prognose43 auf der web-site der London School of Economics zu dem Ergebnis, dass nach der zu erwartenden Sitzverteilung des künftigen Europäischen Parlaments es voraussichtlich zu einer Großen Koalition zwischen Konservativen, Sozialdemokraten (eventuell mit den Liberalen) komme. Der Analyst stellt die Frage in den Vordergrund, in wieweit die etablierten politischen Gruppen und Parteien von den rechtsextremen Kräften unter Druck gesetzt werden (können) – nicht zu vernachlässigen die nationalen Regierungen. Und er meint mit einer gewissen Berechtigung, dass diese Unsicherheit die größte politische Bedrohung für die EU als Ganzes darstelle. Aber die absehbaren Protestaktionen der ausgebeuteten Völker Europas stellt er dabei nicht in Rechnung.

1Le Monde 02.07.2009: «Comment le FN gérait ses villes »

Le Monde 08.02.1997: „Les villes-laboratoires du Front national“

3LE MONDE 08.11.2010: «Quel FN après Jean-Marie Le Pen?»

5Le Monde 11.12.2010: «Marine Le Pen compare les „prières de rue“ des musulmans à une „occupation“

6SudOuest 01.07.2013: « Marine Le Pen répète que les prières de rue des musulmans sont „une occupation»

7Die Welt 03.12.2013: «Diese Frau ist selbst Front National zu rechts»

8AFP 12.11.2013: «Racisme: Minute ravive la polémique en comparant Taubira à un singe

http://actu.orange.fr/france/racisme-minute-ravive-la-polemique-en-comparant-taubira-a-un-singe-afp_2665314.html#

9zitiert nach Jeune Afrique: „France: le diable s’habille en Marine“

http://www.jeuneafrique.com/Article/JA2759p028.xml0/france-ps-fn-ump-front-national-france-le-

diable-s-habille-en-marine.html

11AFP 07.10.2013: «Strasbourg: trop mordant pour le FN, André Kornmann se retire des municipales» http://www.bfmtv.com/politique/municipales-mordant-fn-andre-kornmann-se-retire-618880.html

12Internet-Portal vivelepc 2 janvier 2013 : «62% des Français rejettent l’euro, 77% des employés et ouvriers (sondage IFOP)» http://vivelepcf.fr/1208/62-des-francais-rejettent-leuro-77-des-employes-et-ouvriers-sondage-ifop/

13Selbst in so ruhigen Städten wie Bergerac wie le Monde am 08.12.2013 berichtete „Municipales : à Bergerac, ville sûre, le FN fait campagne sur l’insécurité»

14Zum dialektischen Zusammenhang von neoliberaler und rechtsextremer Politik sei Thomasz Konicz‘ Aufsatz „Irre Ideologie“ in der jungen Welt vom 18.11.2013 empfohlen

15Le Grand Soir 11.11.2013: „Ensemble, Boycottons les élections européennes (PRCF, M’PEP, CPF)»

16zitiert nach Jeune Afrique: „France: le diable s’habille en Marine“

http://www.jeuneafrique.com/Article/JA2759p028.xml0/france-ps-fn-ump-front-national-france-le-

diable-s-habille-en-marine.html

17Le Monde 26.11.2013: «Le FN reste «dangereux pour la démocratie» pour une majorité de Français»

18zitiert nach Jeune Afrique: „France: le diable s’habille en Marine“

http://www.jeuneafrique.com/Article/JA2759p028.xml0/france-ps-fn-ump-front-national-france-le-

diable-s-habille-en-marine.html

19Le Monde  05.10.2012: « Les 77 villes où le FN s’enracine»

20wegen seiner Betriebsreportage „En Amazonie. Infiltré dans le „meilleure des mondes“.Paris 2013 und Le Monde Dipolomatique Nov. 2013: «Die Versandfabrik. Im Innern von Amazon“

21Saarkurier-online 27.06.2013: „ Braune Hände über der Stadt» – Front National positioniert sich in

ihren Hochburgen“ http://www.saarkurier-online.de/?p=93050#more-93050

Unsere Zeit 12.07.2013: «Braune Hände. Ein Dokumentarfilm über den „Front National“

22L’Express 25.07.29002: «Le Système Bompard» http://www.lexpress.fr/actualite/politique/le-

systeme-bompard_498401.html#svrPbdSkdj0HthUj.99

23Acrimed 29.11.2013: « Front National et pauvreté : les équations tordues de Liberation» http://www.acrimed.org/article4209.html

24Annie Collovald: «Le ‘populisme du FN’ un dangereux contresens» Edition du Croquant 2004

25Le Monde 14.10.2013: „Brignoles: le candidat du Front national remporte la contonale“

26Le Nouvel Oberservateur 20.09.2013: «Fillon sur le FN : „Je n’avais pas préparé, c’est venu comme ça…» http://tempsreel.nouvelobs.com/politique/20130920.OBS7824/fillon-sur-le-fn-je-n-avais-pas-prepare-c-est-venu-comme-ca.html

27Liberation 22.10.2013: «Parti à la chasse aux électeurs du FN, le parti présidé par Jean-François Copé durcit son discours, allant jusqu’à remettre en cause certaines valeurs fondamentales de la République.» http://www.liberation.fr/politiques/2013/10/22/immigration-l-ump-a-front-decouvert_941599

28Le Figaro – Etude aupres des sympathisants de l’UMP – valeurs et attentes – oct. 2012. http://www.opinionway_-_le_figaro_-_valeurs_des_sympathisants_ump.pdf

29L’Humanité 05.11.2012: »Identitaires : think tank à droite»

30Corriere della sera 18.10.2013, zitiert nach eurotopics: «Jean-Marie Colombani kritisiert die Front-National-Hysterie» http://webmail1f.orange.fr/webmail/fr_FR/read.html?IDMSG=26836&FOLDER=SF_INBOX&SEARCH=NOK&check=&ORIGIN=

32Le Monde 05.12.2013: „Municipales à Paris : accord entre l’UMP et le centre dès le premier tour»

33Le Monde Blogs. 21.10.2013: «L’affaire Leonarda et son flot de déclarations inexactes»

http://decodeurs.blog.lemonde.fr/2013/10/21/laffaire-leonarda-et-son-flot-de-declarations-inexactes/

34Le Monde 28.11.2013: „Meeting PS: Taubira condamne les ‚raciste, antisémites, xenophobes»

35Franctvinfo. 25.10.2013: «Un deuxième maire socialiste excédé claque la porte du PS. David Derrouet, à la tête de la mairie de Fleury-Mérogis (Essonne), s’estime „trahi“ par la politique du gouvernement français.

http://www.francetvinfo.fr/politique/un-deuxieme-maire-socialiste-excede-claque-la-porte-du-ps_443118.html

37http://www.frontnational.com/le-projet-de-marine-le-pen/redressement-economique-et-social/euro/

38L’Express 02.03.2013: «Marine Le Pen demande un référendum sur la sortie de l’UE en janvier 2014» http://www.lexpress.fr/actualite/politique/marine-le-pen-demande-un-referendum-sur-la-sortie-de-l-ue-en-janvier-2014_1226384.html#ctpr865Ca6iD4wIs.99

39Le Figaro 23.10.2013: „ Près de 700.000 euros de dépenses de campagne de Marine Le Pen refusés pour 2012» http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2013/10/22/97001-20131022FILWWW00533-fnpres-de-700000-de-depenses-de-campagne-refuses-pour-2012.php

40http://www.huffingtonpost.fr/2013/11/14/front-national-antisemite-denonce-parti-danois-eurosceptique-anti-immmigration_n_4274200.html

41Le Monde 30.11.2013: „Les Francais envisagent une explosion sociale“

42Le Nouvel Observateur 9. 10. 2013: «Sondage Exclusif. Le FN à 24 % aux Européennes, en tete pour la premiere fois» http://tempsreel.nouvelobs.com/politique/20131009.OBS0267/sondage-exclusif-le-fn-a-24-aux-europeennes-en-tete-pour-la-premiere-fois.html

43Posted onYves Bertoncini, Valentin Kreilinger: «The 2014 European Parliament elections will see populist parties make gains, but they will remain a battle for control between mainstream parties”December 3, 2013byhttp://blogs.lse.ac.uk/europpblog/2013/12/03/the-2014-european-parliament-elections-will-see-populist-parties-make-gains-but-they-will-remain-a-battle-for-control-between-mainstream-parties/