Woher kommt Rassismus?

Posted on 21. Dezember 2013 von

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ravon Aitak Baram

„Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.“ (Manifest der Kommunistischen Partei, 1848)

Der treibende Motor für die Entstehung von Ideologien der Ungleichheit in der kapitalistischen Gesellschaftsformation ist der Widerspruch zwischen der formalen Rechtsgleichheit und der realen materiellen Ungleichheit Die materielle Ungleichheit ist die notwendige Bedingung eines jeden in der Menschheitsgeschichte auftretenden Klassengegensatzes. Die historisch höchste Stufe dieser Ungleichheit die Besitzer aller Produktionsmittel auf der einen Seite und die Besitzer lediglich ihrer eigenen nackten Arbeitskraft auf der anderen.

Wir müssen uns den Werdegang dieses „freien“ und als „Gleicher“ vertragsfähigen Arbeiters als eine langandauernde Geschichte der gewaltsamen Loslösung des Arbeiters von seinen Produktionsmitteln vorstellen: „Der Prozess, der das Kapitalverhältnis schafft, kann also nichts andres sein als der Scheidungsprozess des Arbeiters vom Eigentum an seinen Arbeitsbedingungen, ein Prozess, der einerseits die gesellschaftlichen Lebens- und Produktionsmittel in Kapital verwandelt andrerseits die unmittelbaren Produzenten in Lohnarbeiter“. [1]

Um die unzähligen Unterdrückungsweisen und letztendlich die Ungleichheit zwischen Produktionsmittelbesitzern und dem Rest der Menschheit zu legitimieren und um die eigene Herrschaft durch Verklärung und Spaltung zu sichern, muss die herrschende Klasse stets aufs Neue rassistische Ideen reproduzieren.

Freiheit und Gleichheit

Schon zu Beginn der bürgerlichen Gesellschaft entsteht eine verzwickte Situation: Die kraftvoll auf die weltgeschichtliche Bühne tretende bürgerliche Klasse, die ihre zunehmende ökonomische Macht auf dem angehäuftem Kapital begründet, gerät in Widerspruch zu den politischen und gesellschaftlichen Fesseln der feudalen Herrschaftsordnung. Um endlich das Kapital in Bewegung zu setzen und verwerten zu können, brauchen die Kapitalisten Arbeiter, die sie ausbeuten können. Diese aber müssen selbst über ihre Arbeitskraft verfügen können und dürfen nicht durch feudale Ketten geknebelt sein. So entstehen in Frankreich, aber auch in England und in Nordamerika die Parolen von der „Freiheit und Gleichheit aller“. Dazu betont Marx im ersten Band des „Kapitals“: „Die Sphäre der Zirkulation oder des Warenaustausches, innerhalb deren Schranken Kauf und Verkauf der Arbeitskraft sich bewegt, war in der Tat ein wahres Eden der angeborenen Menschenrechte (…). Freiheit! Denn Käufer und Verkäufer einer Ware, z. B. der Arbeitskraft, sind nur durch ihren freien Willen bestimmt. Sie kontrahieren als freie, rechtlich ebenbürtige Personen. Der Kontrakt ist das Endresultat, worin sich ihre Willen einen gemeinsamen Rechtsausdruck geben. Gleichheit! Denn sie beziehen sich nur als Warenbesitzer aufeinander und tauschen Äquivalent für Äquivalent“. [2]

Ursprüngliche Akkumulation

Allein in der Sphäre der Zirkulation (d. h. auf dem Markt) also herrschen „Freiheit“ und „Gleichheit“. Diese Entwicklung ging allerdings einher mit einer unvorstellbar grausamen Enteignung von vermeintlich Freien und Gleichen: der so genannten ursprünglichen Akkumulation, die für die Mehrheit der Menschen Elend, Armut und Ausbeutung bis in den Tod bedeutet.

Historisch findet sie in England ihre klassische Form. Die Kolonisierung der Völker Afrikas, Asiens, Amerikas und Australiens verschaffen hier der emporsteigenden bürgerlichen Handelsschicht das notwendige Geld, das sie dann als Kapital anwenden kann. Die Ideologie des Rassismus begleitete hier diesen unglaublichen Raub bereits von Anfang an: „Das unmittelbare Ziel des Rassismus bestand stets darin, die Opfer der Unterdrückung moralisch zu entwaffnen, ihr Vertrauen auf ihre eigene Kraft auszulöschen, ihnen ihre Selbstachtung zu nehmen, ihnen das Bewusstsein zu suggerieren, ihre Rechtlosigkeit sei .gesetzlich‘, und damit ihren Willen zum Kampf gegen ihre Unterdrücker zu lähmen“ [3]. Ob es um die Unterdrückung der Kolonien als Nationen, um Sklavenhandel oder um die Ausbeutung des Proletariats im eigenen Land ging und geht die Erniedrigung ist stets Bestandteil der Ideologie der Ungleichwertigkeit

Metamorphosen der Bourgeoisie

Doch auch wenn der Freiheit und Gleichheit auf dem Markt ein brutaler und rassistisch begleiteter Enteignungsprozess vorausging, musste sich das Bürgertum im Kampf um die politische Macht zumindest noch mit Parolen der Gleichheit gegen die feudale Klasse schmücken. Diese wiederum wehrte sich ihrerseits mit ihren eigenen Ungleichwertigkeitsideologien gegen den „standeslosen Universalismus“ der aufstrebenden Bourgeoisie. Sobald aber die Bourgeoisie die politische Macht behaupten und sich gegen die feudale Klasse durchsetzen konnte, begann sie auch ihre eigene Gleichheitsideologie zu verwerfen. So „stellen sich die weiteren rassistischen Machwerke das Ziel, die Bourgeoisie ,za. veredeln‘. Zur .niederen Rasse‘ wird das Proletariat gezählt, und der Bourgeoisie, insbesondere der Großbourgeoisie, wird zusammen mit den Gutsbesitzern arisches Blutzugeschrieben“. [4]

Die massenhaft freigesetzte Arbeiterklasse hat sich jedoch fortan die Parole der Freiheit und Gleichheit zu eigen gemacht Sie steht nun endlich in vollem Gegensatz zur Unterdrückerklasse, der Bourgeoisie. Und mit der Zuspitzung der Widersprüche im Zuge der fortschreitenden Kapitalkonzentration tritt die offene Reaktion der Bourgeoisie immer starker in den Vordergrund. Der Kapitalismus in seiner imperialistischen Phase ist notwendig zunehmend krisenhafter Kapitalismus. Und je krisenhafter sein Zustand, umso mehr Kriege, umso verschärfter die Ausbeutung, umso reaktionärer seine Legitimationsversuche.

Dialektik der (Un-)Gleichheit

Zusammengefasst heißt das: Die Entwicklung zunehmender materieller Ungleichheit wird begleitet von der Entwicklung formaler bzw. juristischer Gleichheit. Dieser Widerspruch wird ideologisch gespiegelt in Ungleichheitsvorstellungen einerseits und der Idee der Gleichheit aller auf der anderen Seite. Beide Seiten sind ideologische Ausdrucksformen wirklicher Existenzbedingungen des Warentausches: Formal gleiche Warenbesitzer auf dem Markt die frei über ihre Waren verfügen können, bilden die eine Seite dieser Wirklichkeit. Die materielle Ungleichheit zwischen Produktionsmittel besitzenden Kapitalisten und besitzlosen Arbeitern stellt die andere Seite dar. Diese zweite Seite ist der Quell der Ideologie der Ungleichwertigkeit so auch des Rassismus – und zwar bis heute.

Rassismus kann dabei sehr unterschiedliche Formen annehmen, z. B. biologistische oder kulturalistische (unter der wir heute z. B. das Phänomen des antiislamischen Rassismus fassen). Er dient fast immer der Legitimation von Ausbeutung, Unterdrückung und -in letzter Instanz – der Vernichtung. Jede Form des Rassismus wird im Laufe der Zeit widerlegt durch Wissenschaft und Erfahrung. Deshalb muss Rassismus ständig Wandlungen durchmachen und neue Erklärungen konstruieren.

An dieser Stelle ging es darum, die allgemeine historische Grundlage für Ideologien der Ungleichheit darzulegen. Theorie und Praxis bilden dabei stets eine Einheit Auf der Seite der Herrschenden: Rassismus als Ideologie, verbreitet durch ihre Intellektuellen und ihre Medien, durch rassistische Gesetze und die Formierung von rassistischen Schläger- und Mördertrupps. Auf unserer Seite, der Seite der Arbeiterklasse: der wissenschaftliche Sozialismus, der die materiellen Bedingungen und Interessen entlarvt, die hinter der rassistischen Ideologie stehen, sowie der praktische antifaschistische und antirassistische Kampf (letztendlich Klassenkampf.), der gleichbedeutend ist mit dem Kampf um die Einheit der Arbeiterklasse und der Aufhebung jener Gesellschaftsformation, die die materielle Grundlage jeglicher Formen von Ungleichwertigkeitsideologien beständig reproduziert

Quellen und Anmerkungen:

[1] Karl Marx, Das Kapital, Band I (MEW 23), S.742

[2] Ebd., S. 190

[3] J. J. Roginski und M. G. Lewin: Der Rassismus und seine sozialen Wurzeln. In: Rassen, Rassentheorie und imperialistische Politik. Fünf Beiträge zur Kritik der Rassen-„theorie“, Herausgegeben von Henry Görschier, Dietz Verlag Berlin 1961, S. 40

[4] Ebd. S. 47

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