München: Thomas Metscher – Marxismus und Utopie

Posted on 7. Januar 2014 von

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Thomas Metscher

Thomas Metscher

Eine Welt ohne Krieg – Utopie oder geschichtliche Möglichkeit?

Donnerstag, 16. Januar 2014, 19 Uhr EineWeltHaus, Schwanthalerstr. 80, großer Saal (01)

Eine Welt ohne Hunger und Krieg zählt zu den ältesten Träumen der Menschen.
Utopie wird in der Alltagssprache im abwertenden Sinne verstanden, als etwas Unrealisierbares, als Traum „von einem Himmel, der niemals auf der Erde existieren“ kann. Das Denken von Marx und Engels dagegen ist bekanntlich von Beginn an als antiutopisches Denken konzipiert. Es versteht sich, wie Engels es formuliert hat, als »Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«.
Thomas Metscher (lehrte 1961-71 deutsche Literatur an der Universität Belfast, von 1971 bis 1998 Professor für Literaturwissenschaft und Ästhetik an der Universität Bremen): „In heutiger Sicht und für heute gesprochen sieht der Sachverhalt anders aus. Die Frage der Utopie stellt sich neu, und sie stellt sich mit einiger Dringlichkeit – wenn nicht aus theoretischen, so doch aus praktischen, nämlich politisch-geschichtlichen Gründen.

Den gesamten Veranstaltungsflyer kann man hier herunterladen. Aus gegebenen Anlass dokumentieren wir Thomas Metschers Artikel „Eine friedliche, solidarische Welt – Utopia oder die Konstruktion des geschichtlich Möglichen“ aus der Jungen Welt vom 10. April 2013:

Das Marx-Engelssche Denken ist bekanntlich von Beginn an als antiutopisches Denken konzipiert. Es versteht sich, in Engels’ bekannter Formulierung, als »Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«, und in der Tat finden sich in ihm, von einigen allerdings sehr gehaltvollen Stichworten abgesehen, keine Ausführungen darüber, wie die nachkapitalistische (also sozialistisch-kommunistische) Gesellschaft aussehen würde. Und auch in dem auf Marx und Engels aufbauenden Denken, das heute unter dem Allerweltstitel »Marxismus« firmiert, gibt es wenig, das von dieser Grundorientierung abgewichen ist. Die große philosophische Ausnahme ist bekanntlich Ernst Bloch, der ausdrücklich versuchte, das utopische Moment unter dem bedeutungsvollen Namen »begriffener Zukünftigkeit« in den Marxismus hineinzuholen; ein wichtiger, weitreichender Beitrag, dessen Leistung und Grenzen nicht mit wenigen Worten abgehandelt werden können.

Meine Frage ist, ob dieser Sachverhalt dem Marxismus nicht nur zum Vorteil gereicht, sondern vielleicht auch abträglich ist. Ich spreche aus heutiger Sicht; denn keineswegs will ich in Abrede stellen, daß Marx und Engels gute Gründe hatten, den »neuen Materialismus« konsequent auf Wissenschaft und auf keiner utopischen Konstruktion zu fundieren.

In heutiger Sicht und für heute gesprochen sieht der Sachverhalt, meine ich, anders aus. Die Frage der Utopie stellt sich neu, und sie stellt sich mit einiger Dringlichkeit – wenn nicht aus theoretischen, so doch aus praktischen, nämlich politisch-geschichtlichen Gründen.

Epoche der Stagnation

So befinden wir uns heute weltweit in einer Lage, in der der Marxismus nirgendwo mehr im Vordergrund politischen Handelns steht (von Kuba vielleicht abgesehen). Als geschichtsgestaltende Kraft ist er ins Hintertreffen geraten, ja spielt in großen Teilen der Welt schlicht keine Rolle mehr; allenfalls die einer marginalen, im Hintergrund wirkenden Kraft. (…)

Nur so viel sei festgehalten, und es ist entscheidend für die folgenden Überlegungen. Betrachten wir die heutige politische Weltlage – und jede gründliche Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft (die sich selbst als ›global‹ bezeichnet, deren genauer Name nach wie vor der des Imperialismus ist) kann nur weltpolitisch erfolgen –, so zeigt sich ein krasses Mißverhältnis. Die Krise des Kapitalismus, dies ist die eine Seite, hat gegenwärtig Dimensionen erreicht oder bewegt sich auf einen Zustand zu, der an die Epochenkrise des frühen 20. Jahrhunderts erinnert. Verwerfungen werden sichtbar, die die Grundlagen der herrschenden Formation erschüttern, ja den Fortbestand zivilisierter Menschheit zur Frage werden lassen; zumindest den Fortbestand in einem Zustand anders als den einer technologisch organisierten Barbarei. Die Unfähigkeit der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft zu einer humanen Lebensgestaltung ist in einem Maß offenkundig geworden, das sich der ideologischen Verdeckung mehr und mehr entzieht. Die Krise, wenn sicher auch nicht alle ihre Dimensionen, ist heute jedermann erkennbar – die Spatzen pfeifen es mittlerweile von den Dächern.

Im Unterschied aber zum frühen 20. Jahrhundert (dies ist die andere Seite), das im genauen Marxschen Sinn eine Epoche sozialer Revolutionen war, ist die Lage gegenwärtig von ganz anderer Art. Sie ist, ich formuliere bewußt pointiert, eine Epoche weltgeschichtlicher Stagnation. Sicher: Es wird weltweit politisch gehandelt, aber wo anders als in der Perspektive der Aufrechterhaltung einer zukunftslosen, im Kern verrotteten gesellschaftlichen Ordnung? An vielen Orten der Welt gibt es größere oder kleinere, meist unerklärte und schmutzige Kriege. Sie laufen unter unterschiedlichsten Namen und dienen Zwecken ökonomischer, politischer oder religiöser Macht. Wie ein Schatten begleiten sie die apokalyptischen Reiter freigesetzter Gewalt. Wo aber gibt es politisches oder militärisches Handeln in der Perspektive gesellschaftlicher Veränderung, in Richtung auf eine Welt, in der der Mensch nicht mehr erniedrigt, geknechtet, verlassen und verächtlich ist? Die Ausnahme ist allein Lateinamerika, und hier liegen dann auch heute unsere größten Hoffnungen. Aber anderweitig? (…) Nur eine auf lange Prozesse orien­tierte Bewegung, die ein klares Ziel des Handelns im Auge hat und benennen kann, vermag dieses Konglomerat punktuellen Widerstands, das »Wehrt Euch« spontanen Handelns zu einer Kraft zu formen, die tatsächlich das bestehende System – das »alte Gerüst des Unrechts«, mit Hegel zu reden – in den Grundfesten erschüttern und verändern kann. Eine solche Orientierung müßte zugleich theoretisch und praktisch sein. Der Marxismus, dies die Auffassung des hier Schreibenden, könnte als theoretische Kraft wie als praktische Bewegung, wenn nicht aktuell, so doch potentiell, eine solche Orientierung geben, aber kann er es in seinen bisher vorliegenden Gestalten, praktisch-politisch wie theoretisch? Das ist hier die Frage, und das ist beileibe keine Frage, die leicht und schnell zu beantworten ist.

Überprüfung nötig

Wir sind heute also in einer Lage, die uns nötigt, unser Rüstzeug neu zu mustern. Wenn ich von »wir« spreche, so meine ich in erster Linie Menschen, die sich nach wie vor als Marxisten und Marxistinnen verstehen, die nach wie vor, gelegentlich zähneknirschend, die Ansicht vertreten, daß der Marxsche kategorische Imperativ nicht aus der Welt ist, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« – daß damit aber auch der Marxismus keineswegs aus der Welt ist, ja, daß er die Potentiale besitzt, praktische wie theoretische, als weltgestaltende Kraft neu hervortreten zu können. Allerdings: mit möglicherweise erneuertem, in jedem Fall überprüftem und sicherlich erweitertem Rüstzeug. (…)

Im Sinne einer solchen Überprüfung komme ich auf die Frage Marxismus und Utopie zurück. Ich nähere mich ihr mit einem Blick auf Bertolt Brechts Gedicht »An die Nachgeborenen«. Es ist Teil der Svendborger Gedichte: Brecht schrieb sie Ende der dreißiger Jahre im dänischen Exil, auch in einer Lage der Krise, hier zugespitzt zu einer Stunde höchster Gefahr. Dort steht:

»Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit. (…)

Die Kräfte waren gering. Das Ziel

Lag in großer Ferne

Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich

Kaum zu erreichen.«

Brechts Sichtweise ist heute noch zu verschärfen. Das Ziel: Eine Gesellschaft, in der der Mensch den Zustand der Erniedrigung, Knechtschaft, Verlassenheit und Verächtlichkeit abgeworfen hat, deren »Grundprinzip die volle und freie Entwicklung jedes Individuums« ist (Marx im »Kapital«, Marx-Engels-Werke Band 23, Seite 618) – dieses Ziel liegt heute sicher in noch weiterer Ferne als zu der Zeit, in der Brecht dieses Gedicht schrieb. Ja viele, auch die Besten, hegen oft Zweifel, ob es denn je erreichbar sei angesichts der Macht herrschender Verhältnisse, stellen die erschrockene Frage, ob nicht, unter diesen Bedingungen, die Barbarei als Endzustand der Welt wahrscheinlicher sei als das erhoffte Reich einer humanen Gesellschaft – die Katastrophe wahrscheinlicher als die Utopie? Und wer könnte heute guten Gewissens sagen, daß dieses Ziel noch deutlich sichtbar sei – angesichts einer Lage, in der alltäglich Zerrbilder über das vermittelt werden, was sozialistische Gesellschaft heißt, angesichts nicht zuletzt auch der tatsächlichen Verzerrungen, die der »reale Sozialismus« realiter auch besessen hat (was immer die Gründe waren), angesichts einer Lage also, in der sich Verzerrungen über Verzerrtes schieben? Und selbst bei den wenigen Klugen, die hier noch unterscheiden können, herrscht oft die Meinung vor, daß dieses Ziel zwar wünschenswert und schön, aber nicht und niemals zu erreichen sei – eben nur Traumbild und Idee, die in der Wirklichkeit keinen Ort hat – Utopie als Nicht-Ort Nirgends.

Neue Gesellschaft

Aus diesem Sachverhalt ist der Schluß zu ziehen, wollen wir nicht resigniert die Waffen strecken: Wir müssen sagen, deutlicher als je zuvor, wie denn das »Ziel« beschaffen ist, von dem Brecht spricht; und natürlich meint der marxistische Pragmatiker, der er war, kein »Endziel« der Geschichte, keine Welt, wo Milch und Honig fließen, sondern das Ziel als Konkretum: ein real mögliches, praktisch erreichbares Ziel, das er gelegentlich »große Ordnung« nennt, wo der »Mensch dem Menschen ein Helfer ist« und »Freundlichkeit« das Sagen hat. Sehr viel mehr zur Utopie gibt es auch bei Brecht nicht, der durchaus der antiutopischen Einstellung des traditionellen Marxismus folgt.

Mit einem Wort also: Ich plädiere dafür, das Moment utopischen Denkens in den Marxismus zurückzuholen – nicht im Sinne einer Traumwelt unverbindlicher Ideale oder des bloß Ausgedachten, sondern als Denken des geschichtlich Möglichen, im Hier und Jetzt möglich Gewordenen: der konkreten Utopie.

Ich plädiere für die Notwendigkeit einer solchen Utopie. (…) Die Rettung der Menschheit und die Bewahrung der Natur sind nicht mit, nur gegen diese Gesellschaft zu bewerkstelligen. Aus diesem Sachverhalt begründet sich die Notwendigkeit einer neuen. Zu verbinden ist, um die anstehende gigantische Aufgabe zu meistern, »das realistischste Bewußtsein dessen, was möglich ist, mit der anspruchsvollsten Vision dessen (…), was nötig ist« (Lucien Sève, Le Monde diplomatique, November 2011). Es ist dies auch der Anspruch, der sich an die Konstruktion des Utopischen im Marxismus stellt.

Geschichtlich Mögliches

Doch was heißt dies genau: Konstruktion des Utopischen im Marxismus, und wie ist das Moment des Utopischen in einer dialektisch-materialistischen Theorie zu verankern? Es heißt nicht und darf nicht heißen, daß der Marxismus von der Wissenschaft zur Utopie »zurückentwickelt« werden soll. Das Gegenteil ist gemeint, und dieser Punkt bildet das theoretische Zentrum meiner Überlegungen: Das Utopische ist als Moment des Wissenschaftlichen im Marxismus zu begreifen. Nur wissenschaftlich begründet und auf wissenschaftlicher Grundlage kann sich das realistischste Bewußtsein dessen, was möglich ist, mit der anspruchsvollsten Vision dessen, was nötig ist, verbinden. Es geht nicht um utopische Träume, es geht um die Konstruktion von Möglichem, und nichts anderes heißt konkrete Utopie. (…)

Wie aber ist das Utopische als Moment des Wissenschaftlichen zu begreifen? Die Antwort lautet und kann nur lauten: nicht anders denn als Modus begriffener Wirklichkeit: als Moment des Wirklichen selbst, und in diesem Sinn als geschichtlich Mögliches. Einer Marx folgenden Auffassung kann es nicht um die Verwirklichung ausgedachter Ideale gehen, die »von außen« an die Wirklichkeit herangetragen werden, sondern um ein Freisetzen von Möglichkeiten, die in der Wirklichkeit herangereift sind, im Schoß einer geschichtlichen Wirklichkeit schlummern – ein Wirklichwerden von Möglichem durch menschliches Handeln selbst. Kein teleologischer Prozeß ist gemeint, hier wächst nichts von selbst heran, sondern solches Wirklichwerden bedarf der menschlichen Akteure. Es ist nur durch sie, oder es ist nicht. Angelegt ist das Moment des Utopischen, dies die hier vertretenen These, in einer Kernkategorie materialistisch-dialektischen Denkens: im Begriff der Geschichte. (…)

Der Marxismus ist also nicht nur das Denken gegebener Wirklichkeit, sondern auch das Denken des Möglichen als Teil dieser Wirklichkeit. Die Welt, die er in Gedanken faßt, enthält als geschichtliche die Zukunft im Sinn historischer Möglichkeit. Gerade weil der Marxismus auf das Ganze einer historischen Welt geht, ist er mit dem Denken des Gegenwärtigen und Vergangenen auch Denken des Zukünftigen: antizipatorisches Denken im Sinn eines Denkens konkreter Utopie. Deren Kernkategorie ist der Begriff einer neuen Kultur. Die Frage nach konkreter Utopie ist zu stellen als Frage nach den Konturen dieser neuen Kultur. (…)

Neue Kultur

Der Marxismus ist, wir sagten es, nicht nur das Denken gegebener Wirklichkeit, sondern auch das Denken des Möglichen als Teil dieser Wirklichkeit. Die Welt, die er in Gedanken faßt, enthält als geschichtliche die Zukunft im Sinn historischer Möglichkeit. Daher ist der Marxismus, gerade weil er auf das Ganze einer historischen Welt geht, nicht allein Denken des Gegenwärtigen und Vergangenen, sondern auch Denken des Zukünftigen: antizipatorisches Denken im Sinn eines Denkens konkreter Utopie. Die Kernkategorie dieses Denkens ist der Begriff einer neuen Kultur. Die Frage nach den Konturen eines zukunftsfähigen Marxismus ist also zu ergänzen durch die Frage nach den Konturen dieser neuen Kultur. Ja, diese Frage gehört zu den Anforderungen, die an jeden zukünftigen Marxismus zu stellen sind. Dabei geht es um keinen Rückfall in einen utopischen Sozialismus, sondern um das Einbringen eines utopischen Moments in das marxistische Denken selbst.

Neue Kultur meint die Kultur einer sozialistischen, in historischer Perspektive kommunistischen Gesellschaft, d. h. einer solchen, die auf gesellschaftliches Eigentum an den Produktionsmitteln aufbaut, in der die große Mehrheit der Menschen, idealiter alle Menschen die bestimmenden Subjekte politischen Handelns sind, deren Geschichte durch kooperative Planung geregelt ist, die juristisch die Form einer universal geltenden materialen Rechtsgesellschaft besitzt (d. h. einer solchen, in der uneingeschränkt Rechtsgleichheit herrscht, die individuellen und kollektiven Menschenrechte universal verwirklicht sind), in der Freiheit, Gleichheit, Solidarität als Grundkonsens menschlicher Gemeinschaft Gültigkeit besitzen – eine Gesellschaft, deren »Grundprinzip die volle und freie Entwicklung jedes Individuums ist«. Eine solche Gesellschaft ist vorstellbar nur als Gesellschaft kultureller Individualitäten, einer Pluralität von Kulturen, deren Verhältnis zueinander durch gegenseitige Achtung, Rücksichtnahme und praktische Toleranz geregelt wird.

Kommunismusbegriff

Allen Vorurteilen und Entstellungen entgegen: Kommunismus meint eine friedliche, solidarische Welt; die Aufhebung von Ausbeutung und Unterdrückung, ökonomisch, sozial, kulturell, die Überwindung nicht zuletzt auch des patriarchischen Geschlechterverhältnisses; Befreiung von materieller Not als Bedingung kultureller Bildung; gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums als Voraussetzung für die Reichtumsentfaltung individuellen Lebens; Individualität als Kernkategorie; Förderung von Wissenschaft und Künsten in historisch höchstmöglichem Maß; beste medizinische Betreuung und umfassende Bildung für jedermann – entsprechend den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen; Erhaltung und Pflege der Natur. Im Begriff einer solchen Kultur haben auch Ideen einer religiösen Ethik, sofern diese den Postulaten von Frieden, Gerechtigkeit, Toleranz, Bewahrung der Natur verpflichtet sind, ihren Ort.

Die Frage des Bewußtseins dieser Gesellschaft ist vom gegenwärtigen geschichtlichen Standpunkt nicht prognostizierbar. Freilich ist davon auszugehen, daß das Bewußtsein dieser Gesellschaft, wie in der Geschichte in der Regel der Fall, ihrer objektiven materiellen Verfaßtheit entspricht – also von einer hochgradigen Individualität von Bewußtseinsformen bei einer allgemeinen wissenschaftlich orientierten Grundlage. Ob und in welcher Form es religiöses Bewußtsein gibt, wird sich zeigen. Atheismus ist für eine solche Gesellschaft jedenfalls kein Glaubensprinzip. Daß eine solche Gesellschaft nur als Weltgesellschaft denkbar und realisierbar ist, liegt auf der Hand.

Kernkategorie Individuum

Die Idee des voll und frei entwickelten Individuums, seiner »selbstzweckhaften Kraftentwicklung« (Marx) bildet den Glutkern der neuen Kultur; Individuum freilich nicht im Sinn der solitären Person, sondern im Sinn seines gesellschaftlichen Begriffs. Der Mensch ist zoon politikon, Individuum ist er als gesellschaftliche Person. So verstanden, bildet das Individuum einen Gravitationspunkt des Marxschen Denkens (siehe dazu auch Thomas Metscher: Pariser Meditationen. Wien 1992) Zugleich bildet es den Grund der politischen Ethik, aus der dieses Denken seine praktischen Impulse bezieht. Das in Gesellung mit anderen seine Fähigkeiten entfaltende Individuum (bezogen auf individuelle Anlage, soziale Bestimmtheit und historische Möglichkeit) ist auch der Gravitationspunkt der neuen Gesellschaft jenseits der kapitalistischen. Der aus den Zwängen der Herrschaft befreite, sich selbst bestimmende, seine Welt und sich gestaltende Mensch kann uns in keiner anderen Gestalt entgegentreten. Erst in ihr wird die Freiheit konkret. Freiheit konkret aber heißt: Befreiung eines jeden als Bedingung für die Befreiung aller – Befreiung eines jeden und aller in vollkommener Diesseitigkeit. Die Kritik hat nicht die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, »sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche« (MEW Band 1, Seite 379).

Eine solche Gesellschaft ist in einem materiellen Sinn heute geschichtliche Möglichkeit geworden, und zwar auf der Basis der kapitalistischen Produktionsweise. Kraft einer in der Geschichte einzigartigen Entfaltung der Produktivkräfte, der »kosmopolitischen Gestaltung der Produktion und Konsumtion aller Länder« und der »Zeugung« des Proletariats (MEW Band 4, Seiten 465f., 468) hat die Bourgeoisie selbst, nach Einsicht der marxistischen Klassiker, die materiellen Bedingungen für eine welt-gesellschaftliche Formation geschaffen, in der »die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist« (ebenda Seite 482). Was in der bisherigen Geschichte nur Wunschtraum und abstrakte Utopie sein konnte, eine real freie Gesellschaft, ist damit im Prinzip realisierbar: ist geschichtliche Möglichkeit geworden. Diese Möglichkeit wirklich zu machen, ist die Aufgabe, die sich den Menschen in dieser geschichtlichen Lage stellt. Sie ist nur weltgeschichtlich möglich. Gelingt sie, könnte mit gutem Grund von einem Bruch gesprochen werden, der die Geschichte der Menschheit von ihrer Vorgeschichte trennt.

Konkreta konkreter Utopie

Als Konzeption eines Ganzen freilich – eines theoretischen Gesamtzusammenhangs – ist eine solche Gesellschaft ein Ideal, dessen vollständige Verwirklichung nur in sehr ferner Zukunft möglich ist, wenn überhaupt. Es ist dennoch strikt von abstrakter Utopie zu unterscheiden. Denn es ist als latente Möglichkeit in der materiellen Geschichte verwurzelt und besitzt im Hier und Jetzt den Charakter einer regulativen Idee, eines »Fernziels«, das gegenwärtiges Handeln – Handeln in kommunistischer Perspektive – anleitet und Normen solchen Handelns formuliert; Normen im weitesten Sinn: politisch, ethisch, kulturell. Es ist dennoch strikt von benennbaren Konkreta konkreter Utopie – dem hier und jetzt Möglichen – zu unterscheiden. – Abschließend soll eine erste Liste solcher Konkreta erstellt werden. Dabei handelt es sich um erste Stichworte, die keinen Anspruch auf einen geschlossenen Zusammenhang stellen und nicht mehr als eine Grundlage weiterer Ausarbeitung und Überlegung darstellen. Nicht zuletzt: Sie verstehen sich als Vorschläge für weiterführende kritische Gespräche.

Basisvoraussetzung der neuen Kultur ist keine andere als das gesellschaftliche Eigentum der Produktionsmittel – eine von ihren kapitalistischen Deformationen befreite, gesamtgesellschaftlich geplante Produktivkraftentwicklung. Gesamtgesellschaftlich geplante Produktivkraftentwicklung heißt, daß die kapitalistisch entfesselten Produktivkräfte nicht mehr der Anarchie des Markts unterliegen, sondern der Kontrolle der weltweit vergesellschafteten Menschheit, in diesem Sinn einer kollektiven Planung unterworfen werden. Die Voraussetzung dafür ist ein wirtschaftliches System, das den Markt durch vorsorgende Planung ersetzt.

Teil und Bedingung dieser Entwicklung wäre ein radikal verändertes Verhältnis zur technologischen Produktivkraftentwicklung. Diese der kooperativen Planung, dem bewußten gemeinsamen Willen der Mitglieder dieser Gesellschaft zu unterwerfen, schließt ein, daß sie kritisch zu entwickeln, durch bewußte Zwecksetzung zu kontrollieren und zu lenken ist. Dies schließt auch, wie bereits von Wolfgang Harich gefordert, ein bewußtes Vergessen ein: den Verzicht auf bestimmte Formen der Produktivkraftentwicklung, möglicherweise ganze Technologien. Insgesamt ist Produktivkraftentwicklung in den Zusammenhang der Kritik einer Rationalität zu stellen, die das Kriterium technologischer Entwicklung zum ersten Kriterium gesellschaftlichen Fortschritts erhebt. »Wachstum« kann für die sozialistische Gesellschaft kein erstes Kriterium sein. In ihr haben Werte, die an dem Prinzip der Individualitätsentwicklung orientiert sind, an die Stelle ökonomischer Werte zu treten. Nur in diesem Zusammenhang und auf der Grundlage einer Kritik technologischer Rationalität kann eine dem Wohlergehen der Menschen dienende Planung der Produktivkraftentwicklung ausgeübt werden. Erst dann wären die Menschen nicht mehr der technologischen Entwicklung als einer fremden Macht ausgeliefert. Die gegenwärtig drohende Gefahr, daß die Produktivkräfte zu Destruktivkräften werden, wäre gebannt.

Zu den grundlegenden Voraussetzungen jeder Gestalt einer höheren, postkapitalistischen Gesellschaft gehört ein verändertes Verhältnis zur Natur. Bereits heute ist ein neues Naturverhältnis zur Bedingung globalen Überlebens geworden. »Neues Naturverhältnis« meint ein Verhältnis zur Natur, in dem wir nicht mehr »die Natur beherrschen wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht«, sondern das von dem Bewußtsein bestimmt wird, »daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und daß unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können« (Engels in: MEW Band 20, Seite 453). Menschliches Dasein wäre dann die »Existenz in Harmonie mit den erkannten Naturgesetzen« (ebenda Seite 107).

Ohne Hunger und Krieg

Eine Welt ohne Hunger und Krieg zählt zu den ältesten Träumen der Menschen. Sie entstehen in den Leidenserfahrungen derer, die zuallererst von den Geißeln von Krieg und Hunger betroffen waren. Das sind die subalternen Klassen. Was in aller Geschichte aber nur utopischer Traum war, ist heute möglich geworden, so sehr die gegebene Wirklichkeit dem zu widersprechen scheint. Am Hunger hat dies Jean Ziegler eindrucksvoll demonstriert. In seinem Buch »Wir lassen sie verhungern. Massenvernichtung in der Dritten Welt« führt er aus: Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, Hunderte Millionen anderer leiden an Unterernährung und deren physischen und psychischen Folgen. Dabei wäre die Weltlandwirtschaft heute in der Lage, zwölf Milliarden Menschen ausreichend zu ernähren, fast doppelt so viele, wie auf der Welt leben. Die Massenvernichtung ist alles andere als schicksalhaft. Sie ist Folge »einer Wirtschaftsordnung, die den Profit über das Wohlergehen der Menschen stellt«. »Die erdumspannende Macht der transkontinentalen Agrokonzerne und der Hedgefonds – der Fonds, die auf Nahrungsmittelpreise spekulieren – übersteigt die der Nationalstaaten und aller zwischenstaatlichen Organisationen. In den Führungsetagen dieser Unternehmen wird über Leben und Tod der Bewohner unseres Planeten entschieden.« Als Motto für sein großes Buch wählt er einen Text von Brecht: »Und wer von uns verhungert ist, /Der fiel in einer Schlacht./Und wer von uns gestorben ist, /Der wurde umgebracht.«

Das für die Sache Wissenswerte wird hier benannt. Die Welt ohne Hunger: Sie ist heute möglich geworden, doch unter den Bedingungen gegenwärtiger Gesellschaft unerreichbar. Erreichbar wäre sie nur unter der Bedingung einer Entmachtung derer, die die Katastrophe verursacht haben – unter gegenwärtigen Bedingungen wäre dies ein erster revolutionärer Akt.

Universale Rechtsgesellschaft

Handeln in kommunistischer Perspektive schließt ein als eine seiner Hauptaufgaben: die Bewahrung und Erweiterung der theoretischen, politischen und rechtlichen Errungenschaften der Aufklärung und damit auch der formell demokratisch verfaßten bürgerlichen Gesellschaften der Gegenwart, soweit sie noch an diesen Errungenschaften partizipieren. Sie schließt die Einlösung der von Aufklärung und Revolution postulierten, in der bürgerlichen Gesellschaft nicht verwirklichten (oder nur teilverwirklichten) Ideale ein. Zu denken ist an politische und Rechtsinstitutionen (so die Gewaltenteilung) wie an spezifische Inhalte (Normen, Werte, Ideale) – jene Inhalte, die unter dem Titel des Projekts der Aufklärung zu fassen sind. In aller Schärfe sei es gesagt – als point of no return –: die Verwirklichung fundamentaler Rechte – Leben, Arbeit, Frieden, Unverletzlichkeit der Person, Gleichheit der Geschlechter und Ethnien, individuelle Entwicklung und Bildung, Freiheit der Weltanschauung und Reli­gion – gehört zu den integralen Bestandteilen eines zukunftsfähigen Marxismus, wie sie zu den unverzichtbaren Fundamenten der neuen Kultur gehört. Zu lernen ist, daß das Recht mehr ist als nur »ideologische Macht« im negativen Sinn, es ist zugleich eine zivilisatorische Errungenschaft, die in der neuen Gesellschaft verändert und entwickelt, aber nicht »abgeschafft« werden muß.

Gesellschaftliche Entwicklung in kommunistischer Perspektive meint die Entwicklung von Demokratie über die formale Demokratie der bürgerlichen Gesellschaft hinaus: reale Teilnahme, Partizipation der Bevölkerungsmehrheit, aller Gesellschaftsmitglieder am politischen Leben des Gemeinwesens, das erst so gemeinsam betriebene Sache, res publica wäre, also Republik.

Ästhetische Bildung

Die neue Kultur kann nur als eine solche gedacht und gewünscht werden, in der Wissenschaft, Philosophie und Künste einen höchstmöglichen Anteil haben: die Wissenschaften unverzichtbar für die bewußte Gestaltung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses, notwendiger Bestandteil auch seiner materiellen Bedingungen; die Künste als unausschöpfbares Reservoir der Lebensgestaltung, Welterkenntnis und geistigen Lust; die Philosophie als die höchste Form gesellschaftlichen Selbstbewußtseins, Ratgeberin für ein gelungenes Leben.

Eine zentrale Rolle in der neuen Kultur wächst dem Ästhetischen zu. Diese Kultur wird, wenn sie je ist, eine ästhetische Kultur sein. »Ästhetische Kultur« meint nicht allein die zentrale Rolle der Künste. Das Wort meint auch, daß diese Kultur als eine Weltgestalt zu bauen ist, in der die ästhetische Daseinsgestaltung eine erste Priorität besitzt: Produktion menschlicher Welt »nach den Gesetzen der Schönheit« (Marx). Ästhetische Bildung ist strukturell, als Bildung menschlicher Subjektivität, gegenständlichen Charakters. Ihr eignet ein fundamentaler Weltbezug. Sie ist Formierung von Welt. Sie arbeitet an der Umformung und Gestaltung von Wirklichkeit – Natur und Gesellschaft – im Sinn einer ästhetischen Weltgestalt.

Quelle: junge Welt 10.04.2013. Wir danken der jW für die Genehmigung zum Abdruck