Vor 70 Jahren endete die Blockade Leningrads

Posted on 27. Januar 2014 von

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lenAm heutigen 27. Januar wird in der Russischen Föderation an das Ende der Blockade Leningrads durch die deutschen Truppen während des Großen Vaterländischen Krieges erinnert. Vor 70 Jahren, am 27. Januar 1944, haben sowjetische Truppen die Stadt an der Newa vollständig von der faschistischen Belagerung befreit, die fast 900 Tage gedauert hat. Am gestrigen Sonntag startete deshalb in St. Petersburg, dem damaligen Leningrad, die Marathonaktion »Straße des Lebens«, und in der Gedenkstätte »Janwarski Grom« (Januardonner) fand die militärgeschichtliche Rekonstruktion »Im Durchbruchstreifen« statt. Wir dokumentieren hierzu den Bericht der Stimme Russlands.

872 Tage lang verteidigten die durch die Blockade betroffenen Einwohner von Leningrad ihre Heimatstadt heldenmutig, wobei sie Hungersnot, Kälte und Luftangriffe zu überstehen hatten. Die Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht begann am 8. September 1941. Die vollständige Befreiung geschah am 27. Januar 1944. Die Blockade von Leningrad ist ein Beispiel für erstaunlichen Mut, für die Standhaftigkeit der Armee und der Zivilbevölkerung. Das war nicht nur eines der tragischsten Kapitel in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges, sondern auch ein Ereignis von Weltrang, dessen ist sich der Geschichtsforscher Juri Rubzow, Mitglied der Akademie für Militärwissenschaften, sicher:

»Nicht nur unsere russischen Geschichtswissenschaftler, sondern auch ihre Kollegen aus den USA und andere ausländische Autoren heben die Einmaligkeit der Heldentat bei der Blockade Leningrads, eine Heldentat sowohl des Volkes, der Zivilbevölkerung der Stadt an der Newa, als auch der Armee, hervor. Vollzog sich doch die Verteidigung unter den ungünstigsten Bedingungen. Vollständige Einkesselung, Hungersnot, Fröste, schreckliche Hygieneverhältnisse, absolut ungeordneter Alltag. Dieses und vieles andere mehr veranlasst einen, die Schlacht um Leningrad als ein Ereignis wahrzunehmen, das eine denkwürdige und sehr ernst zu nehmende Spur in der Geschichte des Krieges hinterlassen hat.«

Die heldenhafte Verteidigung Leningrads habe auch in anderen ausschlaggebenden Schlachten jener Jahre eine wichtige Rolle gespielt und auch den Ausgang des Krieges beeinflusst, fährt der Geschichtsforscher fort:

»Nicht nur die Tatsache der vollständigen Aufhebung der Blockade im Januar 1944, sondern auch alle Etappen der Verteidigung der Stadt leisteten unbedingt ihren Beitrag und bewirkten Veränderungen in den strategischen Plänen der Krieg führenden Seiten, aber auch im Geist der russischen Soldaten an der Front und der Menschen im Hinterland. Die Tatsache als solche, dass diese Stadt, die sich fast 900 Tage zunächst in einer vollständigen und dann innerhalb des letzten Jahres in einer teilweisen Blockade befunden hatte, durchhielt, übte auf deutsche und finnische Soldaten eine demoralisierende Wirkung aus. Waren sich doch die Deutschen, als sie sich Leningrad genähert hatten, dessen sicher, dass sie die Stadt innerhalb eines oder zwei Monate einnehmen würden.«

Mit jedem Jahr wird die Zahl der Augenzeugen jener Tage, der durch die Blockade Betroffenen, immer kleiner. Sinaida Schewkunenko war sieben Jahre alt, als der Krieg ausbrach. In der belagerten Stadt verbrachte sie anderthalb Jahre. Die damalige ABC-Schützin erkannte nicht sofort alle Gräuel des Geschehens. Es sei sehr furchtbar gewesen, sie habe unter Hunger und Kälte gelitten, teilt Sinaida Schewkunenko heute ihre Erinnerungen mit;

»Nachdem die Babajew-Lager im August 1941 ausgebombt worden waren, wurde die Lebensmittelration gleich verkleinert. Für die Kinder wurden 125 Gramm Brot bewilligt, und der Inhaber einer Arbeiter-Lebensmittelkarte bezog 250 Gramm. Luftangriffe erfolgten gewöhnlich in der Nacht, doch wir hatten einen Luftschutzraum in unserem Haus. Wie begaben uns dorthin und saßen dort, ja wir schliefen sogar im Sitzen. Später begannen Beschießungen der Stadt. Unser Haus wurde nicht durch Bomben oder Artilleriegranaten beschädigt, doch andere Häuser haben sehr darunter gelitten. Zunächst waren ich, meine Schwester, mein Bruder und meine Mutter am Leben. Mein älterer Bruder war an der Front. Doch nach und nach starben mein Bruder und meine Schwester, und längere Zeit lebten ich und die Mutter zu zweit. Dann wurde auch die Mutter bettlägerig. Und als ich allein blieb, brachte man mich in ein Kinderheim und fuhr mich über die ‚Straße des Lebens’ aus der Stadt.«

Lydia Chomitsch aber, ebenfalls eine Einwohnerin der blockierten Stadt, blieb ungeachtet ihres jungen Alters im belagerten Leningrad bis zum Ende der Blockade und half, so gut sie konnte, den Einwohnern die Blockade, zu überleben. Sie besuchte damals eine Musikschule und war bemüht, den Kampfgeist von Soldaten und Einwohnern mit ihrer Kunst zu steigern. Nachstehend ihre Erzählung darüber:

»Bei uns waren Spezialbrigaden gebildet worden, denen Geiger, Musiker von Sinfonieorchestern, Cellisten, Klavierspieler, aber auch Rezitatoren angehörten. Kinder trugen beispielsweise Gedichte vor, Sänger erfreuten das Publikum mit ihrem Gesang. Man brachte uns zu verschiedenen Einsatzorten, in Werke und Lazarette. Dabei traten wir in einem Lazarett zunächst in der Aula auf, wo sich verwundete Kämpfer einfanden, die laufen konnten. Doch sehr oft boten wir unsere Konzertprogramme in Krankenzimmern dar, wo sich Verwundete aufhielten, die bettlägerig waren. Wir schleppten ein Klavier in das Krankenzimmer und wiederholten unser Programm. Die denkwürdigsten Tage waren für mich der Durchbruch und die Aufhebung der Blockade. Damals veranstaltete die Lehrkraft unserer Musikklasse ein Konzert, das dem Sieg der Roten Armee an der Leningrader Front gewidmet war. Das Konzert fand am 28. Januar statt, und es ist natürlich bis zum heutigen Tag allen in guter Erinnerung geblieben, die noch am Leben sind.«

Zu Ehren des 70. Jahrestages der Aufhebung der Blockade wurden in St. Petersburg Ausstellungen eröffnet, die den Ereignissen jener Tage gewidmet sind. Seit dem 20. Januar läuft in der Stadt die Aktion »Band des Leningrader Sieges«. Ein moiriertes olivgrünes und grünes Band gehörte zur Medaille »Für die Verteidigung Leningrads«, mit der die Militärangehörigen und die Zivilisten ausgezeichnet wurden, welche die Stadt verteidigt hatten. Einige Stadtteile sind in eine »Straße des Lebens« verwandelt worden: Dort sind zeitweilig Panzerabwehrigel aufgestellt worden, um die Zeitgenossen daran zu erinnern, wie die Stadt 1941-1944 ausgesehen hat. Am Vorabend der Feierlichkeiten hat der Gouverneur von Petersburg, Georgi Poltawtschenko, in Smolny Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges und Personen, die mit dem Ehrenzeichen »Für den Einwohner der Blockadestadt Leningrad« ausgezeichnet worden sind, Unterlagen für neue Wohnungen überreicht. 26 Veteranen und durch die Blockade Betroffene haben Genehmigungen für eine Wohnung erhalten.

Quelle: Stimme Russlands / RedGlobe

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