Bildungsarbeit und Parteilichkeit

Posted on 24. April 2014 von

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melevon Pablo Graubner

Kritische Anmerkungen zu Harald Werner

Harald Werner, Bildungsbeauftragter des Parteivorstands Die Linke, hat ein beachtenswertes und interessantes Buch vorgelegt: „Wie die Gedanken in die Köpfe der Menschen kommen. Dialektik und Didaktik politischer Bildung“ [1]. Interesse weckt bereits der Klappentext: Dem Anspruch nach geht es Werner darum, kritische politische Bildungsarbeit neu zu fundieren. Kern seines Ansatzes sind Erkenntnisse aus dem Marxismus und der Kritischen Psychologie, verbunden mit methodischen Weiterentwicklungen und neuen Erkenntnissen aus der Hirnforschung.

Das Buch gliedert sich folglich in eine Problembeschreibung gegenwärtiger linker Bildungsarbeit, ferner in ein Grundlagenkapitel, in dem Grundkonzepte der Kritischen Psychologie nach Holzkamp ausgeführt werden, ein Kapitel zur Dialektik von Lehren und Selbstlernen sowie eine kritischen Aufarbeitung der Inhalte und Methoden des neoliberal geprägten Weiterbildungsmarktes.

Man findet in dem Buch viele Aussagen, denen man auf Grund der eigenen Erfahrung zustimmen möchte. Erhellend sind z. B. die Ausführungen zur Rolle von Emotionalität beim erfolgreichen Lernen (S. 65ff) und die Wirkung von Bildern (S. 147ff). Wenn Werner ferner neuere Erkenntnisse der Hirn-forschung aufgreift (Stichwort „Spiegelneuronen“), dann bewegt er sich damit im Brennpunkt der materialistischen Debatte, wie menschliches Erkennen überhaupt funktioniert. Kurzum: Man spürt, dass neben der wissenschaftlichen Fundierung eine Menge praktisches Wissen des Autors in die Erarbeitung des Buches eingeflossen ist.

Allerdings hinterlässt das Buch auch das unbehagliche Gefühl, nicht ganz einzuhalten, was die Einleitung verspricht, nämlich: „Die Nützlichkeit des dialektischen Denkens anhand didaktischer Probleme unter Beweis zu stellen“ (S. 7). Erwähnt, jedoch nicht weiter ausgeführt, werden „einige hartnäckige Widersprüche in der Bildungsarbeit“ (S. 10), namentlich der Widerspruch zwischen Parteilichkeit und Dogmatismus. Man sollte meinen, dieser Widerspruch würde dann im weiteren Verlauf des Buches konkreter ausgeführt. Stattdessen wird je-doch Parteilichkeit im Folgenden nur als (unkritische) Parteinahme für eine Organisation kritisiert (vgl. S. 36f) und knapp als Faktor der emotionalen Bindung der Lernenden durch die Überzeugungen des Lehrers positiv hervorgehoben (S. 179).

Klassenbezug fehlt

Eine entscheidende Ebene wird jedoch vernachlässigt: Wenn die Gedanken in den Köpfen der Menschen durch materielle Verhältnisse bestimmt werden, so ist doch eine Gesellschaft, die in antagonistische Klassen gespalten ist, durch Gedankengebäude bestimmt, die miteinander unvereinbar sind. Das ist eine Grundbedingung linker Bildungsarbeit, die nicht durch Didaktik, vernünftige Vermittlung und rationale Diskussion aufzuheben ist. Daraus folgt auch, dass man als Lehrender niemals unparteiisch sein kann.

Eine Stärke des Buches liegt sicherlich darin, einige allgemeine Probleme linker Bildungsarbeit kurz und prägnant zusammenzufassen. So hebt Werner etwa die rückläufige gesellschaftliche Bedeutung von Bildung unter der Dominanz des Neoliberalismus als ein zentrales Problem für linke Bildungsarbeit hervor (S. 11). Es gehe nur noch um berufliche Qualifikation, also um ökonomisch verwertbares Wissen, nicht mehr um Grundlagenbildung. Selbst in Gewerkschaften und linken Parteien gäbe es eine stärkere Konzentration auf funktionale und organisationsinterne Qualifizierung, politische Grundlagenbildung dagegen trockne aus (S. 10).

Allerdings gibt es auch hier eine Leerstelle: Denn „neoliberale Dominanz“ geht doch einher bzw. ist gleichbedeutend mit bürgerlicher Hegemonie, die sich natürlich nicht nur strukturell in linken Organisationen bemerkbar macht, sondern auf das Weltbild der Mitglieder linker Parteien und Gewerkschaften einen erheblichen Druck ausübt. Hier spielt die Parteilichkeit der Lehrenden in vielerlei Hinsicht eine Rolle: Inhaltlich natürlich bei der Ausarbeitung des Stoffs, der substanziell gegen-hegemonial wirken kann; aber auch als Anforderung an den Lehren-den, die Lernenden zu motivieren, sich in die politische Auseinandersetzung zu begeben.

Das entspricht im Übrigen auch Erfahrungen, die in der Erwachsenenbildung seit den 20er Jahren mit den Marxistischen Abendschulen (MASCH) gesammelt wurden. Ein Auszug aus einer Publikation der marxistischen Arbeiterbildung gibt darüber Aufschluss: Der Methode des Lernens und Lehrens lägen zwar „allgemeingültige erkenntnis-theoretische und psychologische Gesetze“ zugrunde, „die sich ein guter Lehrer selbstverständlich aneignen müsse“. Allerdings sind methodische Fragen unmittelbar mit ideologischen Grundfragen verbunden; die Vorstellung, es genüge „vernünftige, richtige Argumente zu entwickeln, sie in methodisch geeigneter Form darzulegen, und man könne die gegnerische Position überwinden“ ist in der Klassengesellschaft so nicht aufrechtzuerhalten. [2]

Notwendige Parteilichkeit

Spinnt man den Gedanken weiter, so muss auch kritisch nach der Verbindung von methodischen und ideologischen Fragen bei Harald Werner gefragt werden. Denn die Forderung nach Parteilichkeit ist natürlich in weitere weltanschauliche Voraussetzungen eingebettet, etwa in den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Und genau dieser Anspruch bleibt in der Bildungspraxis von Harald Werners Partei unerfüllt.

Ein Beispiel: Der Grundlagenkurs „Mensch und Gesellschaft“ im Bildungsprogramm der Partei Die Linke ist stark von Abgrenzungen zum „orthodoxen Marxismus“ geprägt, überhaupt von einer Distanzierung, „aus den Arbeiten von Marx und Engels ein in sich stimmiges und abgeschlossenes Theoriegebäude zu zimmern“. Wäre Marx selbst dieser Auffassung gewesen, so wäre er wohl schwerlich über das Interpretieren der Welt hinausgekommen. Der folgende Schluss ist daher nicht allzu weit hergeholt: Die Angst vor Dogmatismus führt zur Unterbelichtung der notwendigen Parteilichkeit von Lehrenden. Dabei ist sie im Gegenteil genau dort angebracht, wo die Suche nach Erkenntnis mit dem Willen verknüpft wird, die Welt auch zu verändern.

Dialektisches Denken hat das zu berücksichtigen. Selbst dort, wo es Erfahrungen mit falsch verstandener Parteilichkeit gibt, die zu echtem Schematismus und Dogmatismus geführt haben. Doch wie hat es Dietmar Dath einmal zusammengefasst? „Ein gut auswendig gelernter Marx funktioniert im Zweifelsfall immer noch besser und führt immer noch weiter, als ein schlecht ausgedachter ,dritter Weg’.“ [3]

Es scheint also, als hätte selbst der Dogmatismus seine Dialektik. In diesem Sinne ist das Buch von Harald Werner zur kritischen Lektüre empfohlen.

Quellen und Anmerkungen:

[1] Harald Werner, Wie die Gedanken in die Köpfe der Menschen kommen. Dialektik und Didaktik politischer Bildung, Papy- Rossa Verlag 2013

[2] vgl. „Zirkelleiter-Taschenbuch“, VMB 1974

[3] Dietmar Dath, Maschinenwinter – Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2008, S. 60

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