Gegeneinander sich ausspielen

Posted on 24. April 2014 von

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srvon Thomas Lurchi

Nachtrag zur Rassismus-Diskussion in T&P #34

Das letzte Heft der T&P (Ausgabe #34) widmete sich der Diskussion um Rassismus und Faschismus. Verschiedene Beiträge arbeiteten einerseits den Klassencharakter und die Funktion rassistischer Ideologien heraus und plädierten andererseits für eine strikte antikapitalistische Orientierung in der Antifa-Strategie der Kommunisten. Zwischen diesen beiden Themen – Bestimmung des Rassismus sowie der antifaschistischen Strategie – besteht ein inhaltlicher Zusammenhang, der in der Beantwortung genau jener Frage liegt, die im letzten Heft leider nicht behandelt werden konnte: Warum greifen rassistische Ideologien in der Arbeiterklasse?

Wie Sepp Aigner im Editorial des Heftes richtig anmerkte, ist die Antwort auf diese Frage entscheidend für eine wirksame Bekämpfung des Rassismus. Und wie die folgenden Ausführungen zu zeigen versuchen, liegt in ihrer Beantwortung auch die Notwendigkeit für einen antikapitalistischen Antifaschismus begründet.

„Moderner Rassismus“ als Herrschaftsstrategie

In ihrem Artikel „Woher kommt Rassismus?“ arbeitet Aitak Barani in der letzten Ausgabe der T&P sehr anschaulich den Zusammenhang zwischen der materiellen sozialen Ungleichheit der Klassen in der kapitalistischen Gesellschaftsformation und dem Entstehen von Ungleichheitsideologien als Widerspiegelung dieser Klassenspaltung heraus. Darauf aufbauend, analysiert sie den Rassismus als eine Herrschafts-strategie: „Um die unzähligen Unterdrückungsweisen und letztendlich die Ungleichheit zwischen Produktionsmittelbesitzern und dem Rest der Menschheit zu legitimieren und um die eigene Herrschaft durch Verklärung und Spaltung zu sichern, muss die herrschende Klasse stets aufs Neue rassistische Ideen reproduzieren.“ Aus dem Artikel von Renate Münder „Spaltung der Arbeiterklasse und der Völker“ in derselben Ausgabe lernen wir dann, dass – auch wenn die materielle Grundlage des

Rassismus in der Konkurrenz auf dem kapitalistischen Arbeitsmarkt besteht – der Rassismus als Herrschaftsideologie und Strategie der Herrschaftssicherung historisch erst dann bedeutsam wurde, „als sich in der Ökonomie der Wandel von der freien Konkurrenz zum Monopol vollzog“. Das heißt, dass der Rassismus als Herrschaftsstrategie eine vergleichsweise junge Erscheinung ist.

Seine Notwendigkeit resultierte aus der Verschärfung des für das imperialistische Stadium charakteristischen „Massenbasis“-Problems, das insbesondere im Zuge der Durchsetzung des allgemeinen Wahlrechts eine neue Dynamik erhielt. Um die bürgerliche Herrschaft zu behaupten, muss das Kapital die Mehrheit der Bevölkerung für die monopolistischen Interessen gewinnen. Gleichzeitig verringert aber die Zentralisation und Konzentration des Kapitals objektiv seine politischen Bündnisoptionen.

Diese Situation machte eine Herrschaftsstrategie erforderlich, die auf „Bewusstseinsfalsifikation“ zielt. Damit bezeichnete der marxistische Faschismusforscher Reinhard Opitz das Bestreben der Bourgeoisie, die zu beherrschenden Massen von ihren wirklichen Klasseninteressen abzulenken und die Klasseninteressen des Monopolkapitals als ihre eigenen anzusehen [1]. In der Folge wurde der Klassenkampf im monopolistischen Stadium in neuer Qualität zu einem ideologischen Klassenkampf. Neben Nationalismus und Antikommunismus stellt der Rassismus ein zentrales Instrument in diesem Klassenkampf dar.

Wir müssen hier den frühen vormodernen, auf spontanen Ressentiments basierenden Rassismus, von jenem modernen Rassismus unterscheiden, der mit der Entstehung des Imperialismus erstmals als eine wissenschaftliche Theorie formuliert wurde. So warnte Josef A.F. Gobineau erstmals in seinem Werk „Die Ungleichheit der Menschenrassen“ (1853), dass ein Volk untergehe, wenn es seine Rasse vermische, weil dadurch „eine ganz neue und in ihrer Eigenart nicht glückverheißende Nationalität“ entstehe. Gobineau rechtfertigte damals so die Herrschaft des Adels, dem er selbst entstammte. Anders als das „bastardisierte Volk“ hätte der Adel seine Rasse stets „rein“ gehalten und sei somit ein edles und höheres Geschlecht, das besonders zur Regierung geeignet sei. Dieser „moderne Rassismus“ wurde nur wenige Jahre später zur Grundlage der völkischen Bewegung in Deutschland, wie etwa dem Alldeutschen Verband, aus dem auch die NSDAP her vorging.

Ähnlich wie schon Gobineau schwadroniert noch heute z. B. ein Sarrazin über das angeblich untergehende deutsche Volk. In seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ (2010) beklagt er, „dass die Alterung und Schrumpfung der deutschen Bevölkerung einhergeht mit qualitativen Veränderungen in deren Zusammensetzung“. Die Zukunft Deutschlands werde gefährdet durch „die kontinuierliche Zunahme der […] weniger Intelligenten und weniger Tüchtigen“. Er führt dies nicht zuletzt auf „die Qualität, die Struktur und den kulturellen Hintergrund der Migranten in Deutschland“ zurück.

Rassismus in der Arbeiterklasse

Den Klassencharakter und die herrschaftssichernde Funktion dieser rassistischen Ideologie haben Aitak Barani und Renate Münder ausführlich in ihren Artikeln herausgearbeitet. Offen bleibt aber die Frage, warum die Ideologie des Rassismus dennoch in der Arbeiterklasse verfangen kann, obwohl sie doch gegen ihre objektiven Klasseninteressen gerichtet ist.

Es ist kein Geheimnis, dass die Mitglieder und Sympathisanten etwa der so genannten „Freien Kameradschaften“ oder der NPD zu einem großen Anteil aus den Reihen der Arbeiterklasse kommen. Natürlich sind das extreme Auswüchse, die nicht charakteristisch für die Mehrheit der Klasse sind. Dennoch ergaben wissenschaftliche Untersuchungen (wie etwa die

Heitmeyer-Studie zu den „Deutschen Zuständen“) eine Zustimmung von ca. 30 Prozent der Bevölkerung zu der Aussage, dass man Ausländer wieder in die Heimat zurückschicken sollte, wenn die Arbeitsplätze knapp werden. Auch die Prekarisierungsstudien der Jenenser Soziologen um Klaus Dörre zeugen von einer gewissen „rechtspopulistischen Unterströmung“ in der Arbeiterklasse, z. B. bei deutschen Leiharbeitern, die Migranten für ihre prekäre Lage verantwortlich machen.

Beispiele, wie das des Eigentümers von Neupack in Hamburg, der den Betriebsrat daran hinderte, rassistische Schmierereien zu entfernen, streicheln zwar die Seele des antifaschistischen Klassenkämpfers (und sollten in unserer Agitation auch angemessen berücksichtigt werden). Die Realität in vielen (Groß-)Betrieben dürfte aber eher dem entsprechen, was Klaus Dörre im Rahmen seiner Untersuchungen beobachtet hat: Er berichtet von dem Fall einer antirassistischen Kampagne der Geschäftsführung eines global agierenden Unternehmens mit engagierter Unterstützung des Sozialpartners. Damit wollte man auf rassistische Ressentiments zwischen deutschen Leiharbeitern und migrantischen Festangestellten reagieren. Das Ergebnis: Der betriebliche Antirassismus wurde hier von den Arbeiterinnen und Arbeitern als Zwang zu einer „Political Correctness“ entschlüsselt, die „denen da oben“ zur Maßregelung von „uns hier unten“ dienen sollte. Die rassistischen Ressentiments erlangten den Charakter eines subversiven Widerstands gegen die „Herrschenden“ (womit im Bewusstsein der Kollegen auch der Betriebsrat gemeint war!). [2]

„Falsches Bewusstsein“?

Gerade dieses Beispiel zeigt, wie kompliziert die Sache mit dem Rassismus als Herrschaftsstrategie des Kapitals in der Praxis manchmal ist. Natürlich dient Rassismus dazu, die Arbeiterklasse zu spalten und ihre Kampfkraft zu schwächen, indem die Kolleginnen und Kollegen gegeneinander ausgespielt werden. Entscheidend ist aber, dass diese Herrschaftsstrategie nur funktionieren kann, wenn sich die Klasse auch gegeneinander ausspielten lässt.

Dieses aktive Gegeneinander sich ausspielen ist eine zentrale Herausforderung im antifaschistischen Kampf – gerade auf der betrieblichen Ebene. Um dagegen wirksam zu werden, reicht es nicht aus, lediglich das „falsche Bewusstsein“ der Kolleginnen und Kollegen zu entlarven und anzuprangern. Das Problem besteht ja darin, dass dieses Bewusstsein den falschen Verhältnissen durchaus angemessen ist, weil es zumindest kurzfristig erfolgversprechend sein kann. So kann es von einem subjektiven Standpunkt durchaus Sinn machen, die Zugehörigkeit etwa von türkisch-stämmigen Kolleginnen und Kollegen zum Betrieb oder ihre Ansprüche auf staatliche Sozialleistungen infrage zu stellen, um zu verhindern, dass man selbst ins Fadenkreuz z. B. von betriebsbedingten Kündigungen, Lohnkürzungen oder anderen als „alternativlos“ dargestellten Sparmaßnahmen gerät. Im Zweifel – etwa angesichts der Abzahlung des eigenen Eigenheims oder der Finanzierung des Studiums der Tochter – ist man sich eben selbst der Nächste. Ganz in diesem Sinne begreift die marxistische Psychologin Ute Osterkamp rassistische Einstellungen und Verhaltensweisen in der Arbeiterklasse als Versuch, „Krisen und Mangelsituationen dadurch zu überwinden, dass man bestimmte Gruppen von Menschen aus dem Kreis der Empfangsberechtigten ausschließt“ – also die eigene Lage auf Kosten anderer innerhalb der eigenen Klasse – zu retten oder zu verbessern. [3]

Und genau darin liegt der springende Punkt für eine antifaschistische Strategie zur Bekämpfung des Rassismus in der Arbeiterklasse: Rassistische Ideologie kann nur deswegen in der Arbeiterklasse verfangen, weil sie in gewisser Weise „funktional“ ist, mithin als „rational“ erscheinen kann. Sie wird zudem durch die herrschenden ideologischen Verhältnisse nahegelegt, d. h. legitimiert (z. B. eben durch den „Sarrazynismus“ oder den staatlichen Rassismus) . Dagegen erscheinen die moralischen Appelle, etwa des kosmopolitischen Managements und Betriebsrats, eher dysfunktional und „irrational“.

Kampf um die Köpfe

Um die Köpfe zu gewinnen, muss eine antifaschistische Strategie darauf zielen, den Widerspruch zwischen den individuellen rassistischen Ein-stellungen und Verhaltensweisen zum gemeinsamen Klasseninteresse der Kolleginnen und Kollegen unterschiedlicher nationaler Herkunft zu veranschaulichen und dabei jedoch zugleich auch eine entsprechende Handlungsalternative anzubieten. Diese kann sich aber – weil es ja die kapitalistischen Verhältnisse selbst sind, die den Rassismus hervorbringen – nur außerhalb der irrationalen Logik der herrschen-den Verhältnisse bewegen. Oder wie es Renate Münder bereits in ihrem Artikel treffend formuliert hat: „Wenn nicht der Klassenkampf die Arbeiter vereint, dominiert die Konkurrenz der Arbeiter untereinander.“

Daher führt kein Weg am mühseligen Hineintragen von Klassenbewusstsein in die Arbeiterklasse zum gemeinsamen Klassenhandeln vorbei. Erst wenn die Kolleginnen und Kollegen mit einer Alternative zur rassistischen Handlungsstrategie konfrontiert werden – z. B. mit einer Perspektive kollektiven Widerstands – können sie überlegen und entscheiden, welche Handlungsalternative für sie mehr Sinn hat, also „rationaler“ ist. Dazu muss ihnen dieses alternative Denk- und Handlungsangebot allerdings auch – etwa durch klassenkämpferische Kolleginnen und Kollegen im Betrieb – vermittelt werden.

Dass dieser Weg erfolgreich sein kann, davon zeugt das Neupack-Bei-spiel [4]. Ebenso belegen das wissenschaftliche Studien. So haben z. B. die Soziologen Gert Hautsch und Bernd Semmler bereits in den 80er Jahren Betriebe in Frankfurt am Main unter-sucht, deren Belegschaften sich gegen Betriebsschließungen gewehrt haben. In vielen dieser Betriebe herrschte vor den Kämpfen große Fremdenfeindlichkeit. Jedoch: „Die gemeinsame Kampferfahrung von Deutschen und Ausländern“, so die Genossen Soziologen, „baute Vorurteile ab und bahnte persönliche Freundschaften an.“ Das Fazit: „Der Ausländerfeindlichkeit wurde durch gemeinsame solidarische Gegenwehr die Basis entzogen.“ [5]

Eine solche solidarische Gegen-wehr kann allerdings nur durch eine antikapitalistische Handlungsalternative erzeugt werden. Nur auf der Basis eines klassenorientierten Gegner- und Interessenbewusstseins ist es möglich, eine realistische Alternative zu den konkurrenzorientierten Angeboten der herrschenden Verhältnisse aufzuzeigen. Ein Antifaschismus, der dies nicht berücksichtigt, wird immer „hilflos“ bleiben, weil er der Arbeiter-klasse kein alternatives Denk- und Handlungsangebot machen kann, das der vermeintlichen Rationalität rassistischer Handlungsstrategien den Boden entzieht. Dies gilt im Übrigen auch für den sozialistischen Kampf überhaupt: Das Ringen um das Bewusstsein der Klasse kann nur erfolgreich sein, wenn es eine klare Alternative formuliert, die mit dem Bestehenden bricht. Da Solidarität als Handlungsalternative immer im Widerspruch zur Rationalität der kapitalistischen Konkurrenz steht, muss sie immer als „irrational“ erscheinen, solange sie nicht mit einer politischen Perspektive verbunden ist, die deutlich über die herrschenden Verhältnisse hinausweist.

Darüber sollten nicht zuletzt auch diejenigen selbst ernannten „marxistischen Linken“ einmal nachsinnen, die großmäulig ausgezogen sind, den Kampf um die „Hegemonie in der Zivilgesellschaft“ zu führen, nachdem sie im Kampf um die Köpfe aber noch nicht einmal innerhalb der kleinen, aber eben klassenbewussten DKP reüssieren konnten.

Quellen und Anmerkungen:

[1] R. Opitz (1974): Über die Entstehung und Verhinderung von Faschismus. In: Das Argument #87, S. 543-603.

[2] Siehe z. B. K. Dörre (2006): Prekarisierung in der Arbeitsgesellschaft – Ursache einer rechtspopulistischen Unterströmung? In: P. Bathke/S. Spindler (Hg.): Neoliberalismus und Rechtsextremismus in Europa. Berlin, S. 153-166. Anm.: Das Unternehmen wird im Original nicht namentlich genannt.

[3] U. Osterkamp (1996): Rassismus als Selbst-entmächtigung. Hamburg.

[4] Siehe z. B. die Berichterstattung in der POSITION – Magazin der SDAJ #4/2013.

[5] G. Hautsch/B. Semmler (1983): Betriebs-besetzung. Vier Beispiele aus Frankfurt, bundesweiter Überblick. Frankfurt/Main.

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