Waren die Nazis Europafeinde?

Posted on 6. Mai 2014 von

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envon Arno Klönne

Wie hitlerdeutsche Politikplaner eine „Europäische Gemeinschaft“ entwarfen

Die Regierungen in der EU, unter einander allerdings strategisch keineswegs einig, sind damit beschäftigt, aus dem Desaster ihrer Ukraine-Politik denn doch noch einen halben Erfolg zu machen – das Land soll ohne allzu hohe Kosten „europäisiert“ werden – ein riskantes Unternehmen. Und gleichzeitig läuft der Wahlkampf für das Europäische Parlament an, das Interesse der Bürger an diesem Vorgang ist gering, die Skepsis gegenüber „Brüssel“ groß; also sind hierzulande die Parteien der Großen Koalition darum bemüht, ihre Anteile an den Stimmen wenigstens zu halten und EU-kritische Bewerbungen um Mandate an Erfolgen zu hindern.

Insbesondere der Vizekanzler tut sich hierbei rhetorisch hervor, er wettert gegen „Feinde Europas rechts wie links“, die deutschem Nationalismus verfallen seien. Die Lehre aus der Geschichte des „Dritten Reiches“ sei doch, so sagen es nebst Sigmar Gabriel auch die anderen politischen Prominenzen, dass eine deutsche „Abwendung vom europäischen Gedanken“ ins Unheil führe.

„Europafeindliche“ Politik damals habe zwei schreckliche kriegerische Konflikte zwischen europäischen Völkern hervorgerufen, deshalb sei nach 1945 die Einigung Europas angezielt worden. Und nun sei die Europäische Union die Garantie für den Frieden. Das klingt wie ein Argument, dem man sich als verständiger Mensch mit demokratischem Weltbild nicht entziehen kann. Mit der historischen Wirklichkeit allerdings hat es wenig zu tun. Ein Blick zurück, in die deutsche Ideenwelt des Jahres der Zeit vor dem Untergang des Hitlerstaates:

Wir können heute die begründete Hoffnung aussprechen, dass mit diesem zweiten Weltkrieg die Epoche der Kriege innerhalb Europas für alle Zeiten beendet sein werde. Dies ist zunächst das wesentlichste Ergebnis, das dieser Krieg zeitigen muss.

So zu lesen in dem Buch „Das Zeitalter des Ikarus – Von Gesetz und Grenzen unseres Jahrhunderts“, im Jahre 1944.

Ein Gegner der Nazis, der einen solchen Gedanken zu Papier und heimlich unters Volk brachte? Keineswegs. Autor der Schrift war Giselher Wirsing, eine Spitzenkraft der NS-Publizistik, eng verbunden mit Himmlers Reichssicherheitshauptamt, Herausgeber des einflussreichen Periodikums „Das XX. Jahrhundert“, Hauptschriftleiter der „Münchener Neuesten Nachrichten“ und der Wehrmachtsillustrierten „Signal“, die NS-Propaganda in den deutschbesetzten Ländern Europas betrieb; das „Ikaros“-Buch erschien im systemtreuen Verlag Diederichs in hoher Auflage.

Die antike Sagenfigur im Titel sollte nicht etwa andeuten, dass Deutschland mit seinem Drang nach der „Sonne“ sich die Flügel verbrannt habe. Wirsing philosophierte vielmehr über ein neues globalpolitisches „Luftzeitalter“, in dem die europäischen Völker in den Abgrund geraten würden, wenn sie nicht Bodenhaftung fänden durch Zusammenschluss zu einem „Großraum“, der dem „Osten“, dem „Sowjetismus“, entgegentreten und mit dem transatlantischen „Westen“, den USA, in Konkurrenz treten müsse. Selbstverständlich war bei Wirsing dem Deutschen Reich die Führungsrolle im vereinten Europa zugedacht, es habe dafür ja auch genug soldatische Opfer gebracht.

Aus der „wirtschaftlichen Schicksalsgemeinschaft Europa“ sollte eine „deutsch bestimmte Völkergemeinschaft“ werden

SS-Intellektuellen wie Wirsing war ab Mitte 1944 klar geworden, dass Hitlerdeutschland militärisch ins Hintertreffen geriet. Verstärkt warben sie nun um Hilfstruppen aus anderen europäischen Ländern, um „europäische Legionen“ unter deutschem Kommando – und zugleich sandten sie Botschaften der Bündnisbereitschaft aus an die angelsächsischen Mächte, an England, das leider 1939 die „europäische Idee verraten“ habe, dies aber noch wiedergutmachen könne, und an die Vereinigten Staaten von Amerika. Die hatte Wirsing bis dahin heftig beschimpft („Der maßlose Kontinent“ hieß sein 1942 erschienenes Propagandabuch über die USA), doch nun wurden neue Bundesgenossen gesucht für den „Kampf gegen den Bolschewismus“, eine politische Strategie, mit der sich kurz vor Torschluss dann auch der Reichsführer SS anfreundete.

„Wochenschrift für europäische Politik, Wirtschaft und Kultur“ nannte sich eine üppig ausgestattete Zeitung unter dem Titel „Neue Ordnung“, die ab 1941 in Zagreb von dem in faschistischer Polemik besonders talentierten deutschen Journalisten Hermann Proebst herausgegeben wurde. Mit eifriger Unterstützung der Führer des kroatischen Ustascha-Staates warb sie für die deutsch-europäische „Großraum“-Politik speziell im balkanischen Terrain – ähnliche Organe hatten das Ribbentrop-Ministerium und die SS-Zentrale in anderen europäischen Ländern angesiedelt. Auch hier hießen im Jahre 1944 die Schlagzeilen: „Der Kampf um das Abendland“, „Der Kontinent schlägt zurück – gegen die Europafeinde“.

Noch im Januar 1945, der „Endkampf“ zeichnete sich schon ab, hielt der SS-Führer und „Raumordnungs“-Experte Alexander Dolezalek vor NS-Funktionären einen höchst anspruchsvollen Schulungsvortrag zu dem Thema „Was ist europäisch?“. Auch Dolezalek bemühte die Geschichtsphilosophie, als deutsche Mission stellte er heraus, durch „militärische und politische Kriegsführung“ dafür zu sorgen, dass aus der „wirtschaftlichen Schicksalsgemeinschaft Europa“ eine „deutsch bestimmte Völkergemeinschaft“ werde, die im Inneren Frieden halte. Offenbar erwartete Dolezalek, ein solches Konzept könne längerfristig auch nach einem für Deutschland verlorenen Krieg sich durchsetzen; er schloss seine visuell gestützten Ausführungen mit dem Dürer-Bild „Ritter, Tod und Teufel“ und schrieb darunter in großer Schrift: „Der Aufgang des Abendlandes“.

Der „europäische Einigungskrieg“ und die ökonomische Integration

Dass eine ökonomische „Integration“ Europas im Interesse deutscher Industrie- und Kapitalgruppen geplant und organisiert werden müsse, war schon seit längerem die herrschende Meinung in den Think Tanks des NS-Regimes, vor allem bei den Politikberatern aus dem Schwarzen Korps. Hier galten Konzepte einer „deutschvölkischen Autarkie“ als Phantastereien. Eine „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ kündigte 1940 auch Walther Funk an, NS-Wirtschaftsminister und Präsident der Reichsbank (Politische Autobahn). Eine „Gesellschaft für europäische Wirtschaftsplanung und Großraumwirtschaft“ leitete der Unternehmer und NS-Ökonom Werner Daitz, an einer seiner Veröffentlichungen war als Autor Karl Schiller beteiligt, nach 1945 einer der Wirtschaftsminister der Bundesrepublik.

Als „Europafreund“ tat sich ganz besonders Franz Alfred Six hervor, einer der Chefs im Reichssicherheitshauptamt, NS-Wissenschaftsmanager und Auslandsexperte, Ideologe der „Lösung der Judenfrage“ und zeitweise Vorgesetzter Eichmanns. Die hitlerdeutschen Feldzüge charakterisierte er als „europäischen Einigungskrieg“, aus den „Gräbern und Schlachtfeldern des Ostens“ werde „ein neuer Menschentypus entstehen“, „der Freiheitskämpfer Europas“; so sei die „bessere Zukunft und Einheit Europas“ garantiert.

Für eine Europäische Union wurden politische Architekturen entworfen: Es sollte der deutschen Herrschaft einverleibte oder direkt unterworfene Länder geben, von der Ukraine bis zu den Niederlanden, und solche mit Eigenstaatlichkeit, Italien, Frankreich, Spanien etwa – „die deutsche Führung ergibt sich dabei ganz von selbst“, formulierte Werner Daitz die angezielten Machtverhältnisse. Zölle sollten abgebaut, Banken und Unternehmen konzentriert, Arbeitskräfte europäisch-mobil gemacht werden. Eine europäische Streitmacht unter deutscher Regie war vorgesehen. Dem so vereinten Europa wurde die Fähigkeit zugesprochen, sich Einflusszonen außerhalb seiner Grenzen zu verschaffen, an Afrika, an den Nahen Osten und an den eurasischen Süden war vor allem gedacht. Das russische Reich, ob nun kommunistisch oder nicht, sollte „zergliedert“ werden.

Diese Pläne hatten ihre Vorgeschichte. Schon vor und dann verstärkt im Ersten Weltkrieg hatten sich deutsche Industrieherren, Bankiers und Politiker Gedanken darüber gemacht, wie man ein „Neues Europa“ zustande bringen könne. Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg fasste diese im September 1914 so zusammen: Ein europäischer „Verband“ sei zu gründen, „unter äußerlicher Gleichberechtigung“ seiner Mitglieder, aber „tatsächlich unter deutscher Führung…und bei wirtschaftlicher Vorherrschaft Deutschlands“.

Diese Pläne deutscher „Europafreunde“ realisierten sich nicht, weder mit dem Ersten noch mit dem Zweiten Weltkrieg. Eine Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wurde im Zuge des Kalten Krieges eingerichtet, sie erweiterte sich zur Europäischen Union und dehnte sich nach dem Ende des sowjetischen Blocks in östlicher und südöstlicher Richtung aus. Ein Resultat kriegerischer deutscher Zugriffe ist sie nicht, und ihr politisches System entspricht glücklicherweise nicht den Nazi-Plänen. Aber speziell deutschen Interessen auf der Kapitalseite war die EWG und ist heute die EU durchaus dienlich, und bemerkenswert ist, wie sich ökonomische und auch geopolitische Elemente des Konzepts „europäischer Ordnung“ aus wilhelminischen und dann großdeutschen Zeiten in die Gegenwart hinein transferiert haben.

Was aus Nazi-Vordenkern der „Einheit Europas“ nach 1945 wurde

Ein biographischer Nachtrag noch zu Nazi-Vordenkern der „Einheit Europas“: Giselher Wirsing machte nach 1945 bald wieder Karriere, er wurde Chefredakteur von „Christ und Welt“, der zeitweilig auflagenstärksten Wochenzeitung in der Altbundesrepublik. Hermann Proebst avancierte zum Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ und wirkte als Kurator einer Vereinigung, die nach einer kurzen Schamfrist wieder „Südosteuropa-Gesellschaft“ hieß, wie schon in Nazi-Zeiten. Alexander Dolezalek gründete in den 1950er Jahren das „Gesamteuropäische Studienwerk“ in Vlotho, eine behördlich anerkannte Stätte der Jugendbildung. Franz Alfred Six wurde nach einer Weile der Haft Verleger und Werbechef bei Porsche, er unterhielt gut Beziehungen zur Journalistik, u.a. zum „Spiegel“. Werner Daitz starb gegen Kriegsende 1945. Walther Funk kam beim Nürnberger Prozess vergleichsweise glimpflich davon, er war nach seiner Haftentlassung 1957 zu alt, um wieder gesellschaftlich aktiv zu werden.

An die Millionen von Toten des Krieges für die „europäische Neuordnung“, an die Opfer der damit verbundenen „Umsiedlungen“ und „ethnischen Reinigungen“ haben sich die überlebenden NS-Europaplaner nach 1945 nicht mehr erinnert. In einer Sache mussten sich Männer wie Wirsing, Proebst und Six nun umorientieren: Den USA hatten sie Respekt zu zollen, ohne deren Rückendeckung war das „neue Europa“ nicht zu etablieren. Aber der „Todfeind Bolschewismus“ blieb ihnen noch einige Zeit erhalten, und so war für sie das „Abendland“ an einer gewohnten Front weiter zu retten. Auch mittels militärischer Schlagkraft, wie denn sonst. So konnten sich die ehemaligen Nazi-Europäer in ihrem Weltbild zur Hälfte bestätigt fühlen.

Wirsing und Co. agierten in der Mitte der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Anders einer ihrer Gesinnungsgenossen aus NS-Zeiten, Arthur Ehrhardt, damals Spezialist für „Bandenbekämpfung“. Er gründete 1951 in Coburg die Zeitschrift „Nation Europa“, die lange Jahre das führende Organ „rechtsaußen“ war, danach bestrebt, eine gesamteuropäische faschistische Bewegung in Gang zu setzen. Die Neubelebung solcher politischen Ambitionen hat er nicht mehr erlebt; derzeit hat die Idee einer „europäischen Gemeinschaft“ auch in ihrer extrem rechten Variante wieder Auftrieb, zunächst gedacht als Nationen übergreifendes Bündnis rechtspopulistischer oder neofaschistischer Parteien und Organisationen. „Europa“ als deklariertes Leitmotiv, so lässt sich resümieren, sagt noch nichts aus über Menschenfreundlichkeit der politischen Inhalte, die sich damit verbinden.

Auf die Ukraine übrigens richteten sich starke Gefühle hitlerdeutscher Europaliebhaber. „Wer Kiew hat, kann Moskau zwingen“ – so ein historisches Kalkül. Befürworter eines „europäischen Großraums“ war auch Stepan Bandera, der legendäre Anführer jener westukrainischen faschistischen und antisemitischen Bewegung, die zeitweise mit der deutschen Besatzung kooperierte. Die Partei Swoboda und der „Rechte Sektor“ pflegen die heroisierende Erinnerung an ihn.

Quelle: Telepolis 6. Mai 2014

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