Erinnern und analysieren

Posted on 27. Juli 2014 von

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aavon Mathias Meyers

Den kommunistischen Widerstand gegen den Faschismus für den heutigen Kampf nutzen

T&P hat mit der Ausgabe 34 eine wichtige Diskussion eröffnet. Im doppelten Sinne. Die Verantwortung der Partei für eine theoretisch fundierte und politische Verstärkung des antifaschistischen Kampfes wird zunehmen. Welche Rolle wird die Partei darin spielen und wie kann es gelingen eine engere, politisch zielgerichtete Zusammenarbeit mit den klassenbewussten Kräften in der Antifa-Bewegung zu organisieren? Das Verhältnis von Bündnisarbeit und dem Entwickeln einer eigenen politischen Kontur muss in der Partei, mit den antifaschistisch aktiven Genossinnen und Genossen unter den aktuellen Verhältnissen kollektiv diskutiert und neu bestimmt werden.

Bis vor zehn Jahren etwa konnte sich die Partei dabei auf die Erfahrung und überzeugende Kraft der Widerstandskämpfer gegen den Faschismus stützen. Der Beitrag der Kommunisten zum Kampf gegen den deutschen Faschismus war in seiner Gesamtheit von enormer politischer Bedeutung. Diese Tradition in den Reihen der KPD und der DKP war prägend.

Arbeit unter der Jugend fortsetzen

Viele unserer Genossinnen und Genossen sind jahrelang vor Schulklassen, in Jungendgruppen und auf Kundgebungen aufgetreten. Peter Gingold wusste von Auftritten vor Tausend und mehr Jugendlichen, z. B. in Berufsschulen, zu berichten. Er betrieb über viele Jahre eine vorbildliche antifaschistische Massenagitation. Viele Kommunisten haben mit dieser Arbeit – auch im Bunde mit Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern anderer Weltanschauung – einen nicht hoch genug einzuschätzenden Beitrag gegen die immer reaktionärere Ausrichtung der BRD geleistet.

Wir haben in Mainz und der RheinMain-Region in den vergangenen Jahren wichtige und starke Erfahrungen in der politischen Arbeit mit kommunistischen Zeitzeugen machen können. Am 1. Mai 2009 blockierten mehrere Tausend Menschen erfolgreich den Mainzer Bahnhof, um sechzig demonstrieren wollen den Nazis buchstäblich keinen Fußbreit zu lassen. Auf der Kundgebung wurde eine sehr kämpferische Solidaritätserklärung der letzten im Rhein-Main-Gebiet noch lebenden kommunistischen Widerstandskämpfer gegen den deutschen Faschismus verlesen. Die acht Genossinnen und Genossen erhielten für diese Erklärung größte Aufmerksamkeit und lautstarke Zustimmung. Im Mai 2010 saßen einige von ihnen auf dem Podium im Mainzer Haus der Jugend und sprachen vor mehreren Hundert Jugendlichen. Unter ihnen der damals 102-jährige Hans Schwer t. Als er den Jugendlichen mit eindringlichem Ton erklärte, dass und wieso der Kapitalismus den Faschismus als eine Herrschaftsform hervorbringt und es das Kapital ist, das es anzugreifen gilt, hörten alle im Saal mit größtem Respekt aufmerksam zu. Das Vertrauen und die Achtung für den Beitrag der Kommunisten am Kampf für die Befreiung vom Faschismus haben wir den vielen Genossinnen und Genossen zu verdanken, die diese Arbeit unter der Jugend jahrzehntelang gemacht haben. Sie nutzten dies für die Verteidigung der historischen Zusammenhänge und der Analyse der Ursachen.

Hans Heisel, einer der beeindruckenden Podiumsteilnehmer, erhielt nach der o. g. Veranstaltung viele Anfragen von Schulklassen. Er erzählte stets auch davon, was es für ihn gedanklich und emotional bedeutete, als er 1942 nachts unter einer Seine-Brücke in Paris in die illegale KPD aufgenommen wurde. In einer Zeit, als der deutsche Faschismus auf dem Höhepunkt seiner Macht war, noch vor der Schlacht von Stalingrad, lief er als junger Marinesoldat zur Resistance und zur KPD über.

Binnen weniger Minuten bannte er sein Publikum mit seiner starken Geschichte und lehrte es zugleich, wichtige historische Wahrheiten zu begreifen. Hans Heisel liebte noch im hohen Alter die Gespräche mit den Jugendlichen. Er ist, wie fast alle seiner Generation, mittlerweile verstorben.

Vorleben, was morgen und übermorgen notwendig ist

Ein herausragender kommunistischer Widerstandskämpfer war Emil Carlebach, dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr Anlass für viele Veranstaltungen gibt. Seine biografischen Bücher sind aufgrund seiner Erzählweise, seiner großen Kenntnis historischer Zusammenhänge sowie der Entschiedenheit und Klarheit seiner politischen Position mit großem Nutzen zu lesen. Carlebach gehörte zu den Genossen, die durch die Vermittlung ihrer Erfahrungen zu Lehrern für eine ganze Generation in der Partei und teilweise weit darüber hinaus wurden. Emil Carlebach war mit seiner Biografie der lebende Beweis für die Unbeugsamkeit des Kommunismus. Für seine politische und journalistische Arbeit erfuhr er großen Respekt und Anerkennung. Als in den 1990er Jahren die Partei vielfältig mit der Verarbeitung der Niederlage durch den vorläufigen Sieg der Konterrevolution in Europa beschäftigt war, gehörte Emil zu den Ersten, die die Frage stellten: Wann hören wir auf zu jammern, wann fangen wir wieder an zu kämpfen? Auf dem Pressefest 1997 war in einer Diskussionsrunde von ihm folgendes zu hören:

„Ich komme ziemlich viel ’rum im Lande, mit Vorträgen und Lesungen aus meinen Büchern und habe dort meistens sehr junge Zuhörer, die nicht der kommunistischen Partei angehören. (…) Von denen werde ich gefragt, wie wir das gemacht haben, diesen tapferen, lebensbedrohlichen Kampf gegen Faschisten und Reaktion und Militaristen zu führen, und was daraus für Lehren für heute und morgen zu ziehen sind. (…) Das Vertrauen und die Achtung, die diese jungen Menschen uns Kommunisten gegenüber haben, (…) beruht auf Dingen, die schon mehr als 50 Jahre zurückliegen. Meiner Meinung nach wird es langsam Zeit, dass wir (… ) uns wirklich den Kopf darüber zerbrechen: wie erreichen wir es, dass die Jugend von heute in diesem verdammten Lande begreift, dass die Kommunisten die sind, die ihnen nicht nur erzählen, was gestern richtig und falsch war, sondern die ihnen vorleben, was morgen und übermorgen notwendig ist. “

Natürlich hat die Partei heute nicht mehr die Autorität dieser Genossinnen und Genossen. Doch sie haben uns viel hinterlassen: Es gibt eine beachtliche Anzahl von Büchern der kommunistischen Zeitzeugen. Filmische Porträts über ihr Leben können für Veranstaltungen mit Jugendlichen genutzt werden.

„Es geht um euch selbst, um eure Zukunft“

Auch Peter Gingold hat uns zu seinen Lebzeiten öfter darauf hingewiesen, dass wir uns Gedanken darüber machen müssen, wie die politische Arbeit der Zeitzeugen fortgesetzt werden kann, wenn sie selbst diese nicht mehr werden leisten können. Wir arbeiten z. B. mit meinem Dokumentarfilm „Zeit für Zeugen – eine Hommage an Ettie und Peter Gingold“. Eine zentrale Szene im Film zeigt Peter Gingold vor der überfüllten Aula einer Gesamtschule, die übrigens als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ausgezeichnet wurde. Es ist dort mucksmäuschenstill, als er sagt: „Ihr riskiert heute, wenn ihr euch gegen Rassismus und Ungerechtigkeiten wehr t, nicht das, was wir damals riskieren mussten. Aber macht das rechtzeitig. Damit ihr nicht morgen das riskieren müsst, was wir damals zu riskieren hatten.“ Etliche hundert Schülerinnen und Schüler antworten ihm darauf mit Standing Ovations!

Den Gingolds – so wie auch den vielen anderen Zeitzeugen – war es nicht wichtig, über ihre Geschichte als etwas Besonderes zu sprechen. Sie wollten Verantwortung dafür übernehmen, dass sich Vergleichbares nicht wiederholt. Dass Menschenverachtung, Rassismus und Antisemitismus als Gefahr erkannt und bekämpft werden. Schülerinnen und Schüler sind heute bei jeder Demonstration gegen Nazis dabei. Der Film versucht dieses Engagement zu stärken und zu untermauern. „Es geht um euch selbst, um eure Zukunft!“, sagt Peter in der geschilderten Szene.

Auch unsere Ausstellungen mit Porträts und Kurzbiografien von antifaschistischen Widerstandskämpferinnen und -kämpfern aus dem Rhein-Maingebiet – bisher über siebzig Biografien – stoßen vor allem bei Jugendlichen auf große Resonanz. Auch sie bieten die Möglichkeit, die Frage zu stellen, wer Interesse hatte, den Faschismus hervorzubringen, was die Ziele dieses Systems waren

Eine Rückbesinnung auf diese Genossen ist unserer Erfahrung nach Erfolg versprechend und hilfreich bei Überlegungen, wie wir heute den Beitrag der kommunistischen Bewegung im antifaschistischen Kampf für die teilweise erforderliche Reorganisation der Par tei nutzen können. Es empfiehlt sich außerdem eine enge Zusammen-arbeit von SDAJ und Partei auf diesem Gebiet, wo gemeinsame Kontakte mit linken Antifa-Gruppen entwickelt wer-den können. Mehrfach entstanden in den letzten Jahren aus der jugendlichen Antifa-Bewegung heraus Versuche, die marxistische Klassenanalyse einbeziehend, eine überregionale Organisationsform zu finden. Eine Beteiligung der DKP an diesen Bestrebungen, ist sinnvoll. Es geht dabei noch nicht um organisatorische Orientierungen oder gar Konsequenzen, sondern um einen verbindlicheren politischen Austausch. Eine gemeinsame marxistische Analyse und Strategie ist gegen die Rechtsentwicklung dringend erforderlich, denn die Faschisierung nimmt rapide zu: Die offene Kooperation mit den Faschisten in der Ukraine, die „Duldung“ der ungarischen Rechten, das Featuring der Staatsmedien für die sog. moderaten Rechten in Deutschland wie EU-weit, der zunehmende Rassismus in Teilen des Staatsapparates, die medialen Mobilmachungsversuche durch Gauck, von der Leyen und Steinmeier etc. – viel mehr Belege braucht man nicht.

Eine qualifizierte Debatte über die marxistische Faschismus- und Klassenanalyse wird die Partei ebenso vor-anbringen wie die daran interessierten Teile der Antifa-Bewegung. Sie kann zudem ein notwendiger Teil der Bildungsarbeit in der Partei und der SDAJ sein. Aus den Erfahrungen wie den Haltungen, die die Genossen im antifaschistischen Widerstand entwickelten, kann Grundlegendes gelernt werden.

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