Verwertungsbasis des Kapitals untergraben?

Posted on 27. Juli 2014 von

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entvon Inge Humburg

Appell zur Auseinandersetzung mit dem Buch „Die große Entwertung“

Die Gründe, keinen Bock auf die Ergüsse der Krisis Gruppe zu haben sind zahlreich: Ihre Ablehnung von Klassen und Klassenkampf; die Antisemitismuskeule gegen den „Arbeiterbewegungsmarxismus“; ihre Gleichsetzung von Ausbeutern und Ausgebeuteten als Opfer der „Maschine Kapitalismus“; ihre Gleichsetzung von Kapitalismus und realem Sozialismus; ihre Leugnung von Monopol und Imperialismus und ihre reformistische und idealistische Transformationstheorie als Werk des „aufgeklärten Individuums“. Dennoch gibt es zwei Punkte in der Theorie von Ernst Lohoff und Norbert Trenkle [1], die uns in der Erkenntnis der heutigen Wirklichkeit weiterbringen könnten, mindestens aber die Auseinandersetzung lohnen:

1. Dem Kapital geht die wertschaffende Arbeit aus

Da ist zum einen der Versuch, die Entwicklung des Kapitalismus konsequent aus dem Widerspruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen zu erklären, ein Ansatz, den wir in den uns sonst bekannten aktuellen Krisentheorien vermissen. Die Autoren knüpfen an dem bekannten Satz von Marx aus den „Grundrissen“ an: „Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch [dadurch], dass es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt. (.) Nach der einen Seite hin ruft es also alle Mächte der Wissenschaft und der Natur wie der gesellschaftlichen Kombination und des gesellschaftlichen Verkehrs ins Leben, um die Schöpfung des Reichtums unabhängig (relativ) zu machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit. Nach der andren Seite will es diese so geschaffenen riesigen Gesellschaftskräfte messen an der Arbeitszeit und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffnen Wer t als Wert zu erhalten.“ [2]

Diesen Widerspruch habe der Kapitalismus trotz verheerender zyklischer Krisen – so die Verfasser – „rund 150 Jahre lang“ progressiv lösen können, weil er sich „so schnell auf immer neue Regionen und Produktionszweige“ ausgedehnt habe, „dass absolut betrachtet (aufs Ganze der kapitalistischen Verwertung bezogen) der Bedarf an Arbeitskräften wuchs, obwohl gleichzeitig relativ (auf die einzelne Ware bezogen) durch den technischen Fortschritt ständig Arbeit eingespart wurde“ (S. 33). Der Profit als Antriebsmotor des Kapitals sei deshalb, wohl nicht in seiner Rate, aber in seiner Masse zyklusübergreifend gestiegen. Auch aus der schweren Krise 1929 habe der Kapitalismus noch einmal, wenn auch erst nach Staatsintervention und Krieg, mit dem Fordismus einen solchen Ausweg gefunden, hauptsächlich weil die Mehrwertproduktion durch die Durchdringung bisher nur begrenzt vom Kapital erfasster Bereiche wie Haushalt, Handwerk und Landwirtschaft ausgeweitet werden konnte (S. 34 ff).

Jetzt aber (S. 52 ff) trete der Kapitalismus in eine Phase ein, in der die Entwicklung der Produktivkräfte dauerhaft die Verwertungsbasis des Kapitals untergrabe, d. h. zu gewaltig werde für die engen kapitalistischen Produktionsverhältnisse, d. h. „die Gesellschaft ist zu reich für den Kapitalismus“. (S. 285)

Seit dem Beginn der 3. Industriellen Revolution (IT) in den 70er Jahren bleibe nämlich „weltweit“ der Neubedarf an wertschaffender Arbeitskraft durch neue industrielle Produkte, trotz rasanter Produktinnovation, hinter der durch die Entwicklung der Produktivkräfte in der Industrie überflüssig werdenden Arbeitskraft zurück. Dem Kapital ginge also durch die Entwicklung der Produktivkräfte die wertschaffende Arbeit aus. Dies bedeute gesamtgesellschaftlich einen sich beschleunigenden Prozess einer Verringerung der Verwertungsbasis, also eine Verringerung des vom fungierenden Kapital erzeugten Profits nicht nur der Rate, sondern auch der Masse nach. Mit anderen Worten: zyklusübergreifende chronische Überakkumulation von Kapital.

2. Epoche des „fiktiven Kapitals“

Die dennoch bewahrte relative Stabilität des Kapitalismus trotz der chronischen Überakkumulation erklären sie mit der gut dreißigjährigen Phase einer gigantischen Aufblähung des Finanzsektors. Sie sprechen von einer „Epoche des fiktiven Kapitals“ (S. 209). Grundsätzlich ist das fiktive Kapital ein Anhängsel der Kapitalverwertung (S. 162 ff), seine Bedeutung habe sich aber im Alterungsprozess des Kapitalismus verschoben, bis hin zu der jüngsten Phase, in der es zeitweilig das dynamischste Element des Kapitalismus geworden sei, was die Verfasser „inversen Kapitalismus“ (S. 216) nennen.

Das massenhaft in der Warenproduktion „arbeitslose“ Kapital ströme in die Finanzsphäre und bewirke dort eine Inflation (= Aufblähung von Preisen ohne Wertsteigerung). Die Inflation in dieser Sphäre unterscheidet sich aber von der am Warenmarkt. „Steigen die Preise von Aktien, Wertpapieren und anderen Spekulationsobjekten, (…) erscheint dies als Verwertung von Kapital, weil das solcherart angelegte Geld sich (.) vermehrt“, solange noch die progressiv wachsende „Akkumulation von Eigentumstiteln anhält.“ Die Eigentumstitelproduktion hat sogar eine Wachstum auslösende Rückwirkung in der Warenproduktion. Real vollzog sich das vor allem im pazifischen Defizitkreislauf: Aus den Spekulationsgewinnen und der Verschuldung wurde der Kauf der in Asien hergestellten Konsumgüter für die zunehmend de- industrialisierten USA finanziert. Die dadurch realisierten Profite der Hersteller wurden wieder in den Finanzmarkt der USA eingespeist, wo sie die Produktion von Eigentumstiteln befeuerten (S. 238 ff).

Die Vermehrung des fiktiven Kapitals sei aber nicht grenzenlos. Sie sei durch ein zwar elastisches, aber nicht reißendes Band mit der Wertproduktion verbunden (S. 156 ff). In der Eigentumstitelproduktion werden ja keine Werte erzeugt. Es handele sich vielmehr nur um einen Vorgriff auf „zukünftige (erwartete reale) Verwertung“. Notwendigerweise muss aber der Höhenflug durch expotentiellen Vorgriff auf erwartete künftige Verwertung irgendwann zusammenbrechen und zu einer unvermeidlichen explosionsartigen Entwertung des fiktiven Kapitals führen. Damit würde sich dann auch die verschobene strukturelle Krise der Warenproduktion umso drastischer Bahn brechen. Derzeit werde der Tsunami der Entwertung des fiktiven Kapitals nur noch mit Mühe durch die Schwemme billigsten Geldes aus den Notenbanken eingedämmt (S. 260 ff).

Die Aufblähung des Finanzsektors und seine zeitweilig anschiebende Rückwirkung auf die Warenproduktion und den Aufbau von Arbeitsplätzen in unproduktiven Sektoren („piss down“) ist von vielen Autoren beschrieben worden. Auch ein Ursachenzusammenhang zwischen der Finanzblase und einer strukturellen Überakkumulation in der Warenproduktion wird hier und da analysiert. Was meines Wissens aber originär Krisis Gruppe ist, ist die Behauptung, dass die Produktivkräfte mit der dritten industriellen Revolution einen Entwicklungsstand erreicht hätten, in dem sie nicht mehr nur zyklisch, sondern dauerhaft und fortschreitend die Verwertungsbasis des Kapitals untergraben würden – also ihre These, dass dem Kapital und zwar weltweit, tendenziell die wertschaffende Arbeit ausgehe. Sie knüpfen dabei an die Vision von Marx in den Grundrissen [3] und an die Diskussion über die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ Ende der 70er Jahre an. [4]

3. Konsequenzen für Strategie und Taktik

Diese ihre zentrale These ist – und das ist eine Schwäche des Buches – nicht empirisch belegt. Andererseits wird sie aber durch so viele Beispiele und nachvollziehbare Überlegungen plausibel gemacht (S. 75-108), dass eine kritische Auseinandersetzung und empirische Überprüfung durch marxistische Theoretiker dringend ist. Denn wenn sie Recht hätten, dann hätte das grundlegende Bedeutung für die Strategie und Taktik der Kommunisten:

  • Natürlich ist ein System wirtschaftlich erst am Ende, wenn es auch politisch am Ende ist. Es bricht nicht einfach zusammen, sondern muss revolutionär aufgehoben werden. Vor uns stünde aber wirtschaftlich die zwangsläufige Entwertung des aufgetürmten fiktiven Kapitals und nachfolgendes chronisches Siechtum.
  • Alle Vorstellungen von einer Reformperspektive durch Beschneidung der Macht des Finanzkapitals hätten sich drastisch (wiedermal) als illusionär erwiesen. Der Spielraum des Reformismus aller Schattierungen wäre durch das ökonomische Siechtum äußerst begrenzt und damit ein Ende der Sozialdemokratie als sozialer Hauptstütze der Bourgeoisie absehbar.
  • Die Gefahr eines Übergangs zur terroristischen Herrschaftsmethode des Kapitals stiege dramatisch.
  • Der Kampf der Arbeiterklasse um soziale Verbesserungen und Reformen rückt enger an die Machtfrage heran.

Natürlich können die Thesen von Lohoff und Trenkle allenfalls einen Beitrag zur Erkenntnis der heutigen Wirklichkeit leisten – nicht mehr, weil diese nicht ohne die von ihnen abgelehnten Kategorien der Leninschen Imperialismustheorie zu beschreiben ist. Was hindert uns aber, ihre richtigen aktuellen Teilerkenntnisse gegen ihren Willen in den richtigen Zusammenhang zu stellen? Zum Beispiel: Die wertschaffende Arbeit vernichtende dritte industrielle Revolution findet real unter den von Lenin beschriebenen staatsmonopolistischen Bedingungen statt. Die IT-Revolution führt zu einem weiteren Sprung bei der schon von Lenin beschriebenen Dominanz des Kapitalexports, weil erst die IT-Revolution eine weltweite ,just- in-time“-Steuerung der Produktion ermöglicht. Die Ungleichmäßigkeit der

Entwicklung, die den Zwang zur Neuaufteilung der Macht und Einflusssphären begründet, ist aktuell auch davon mitgeprägt, dass einige imperialistische Länder stärker als andere an der Aufblähung des Finanzsektors beteiligt waren und ihnen das auf die Füße fällt.

 

 

 

Quellen und Anmerkungen:

[1] Ernst Lohoff, Norbert Trenkle (Gruppe Krisis), Die große Entwertung: Warum Spekulation und Staatsverschuldung nicht die Ursache der Krise sind, Münster (Unrast) 2012

[2] MEW 42, S. 601

[3] „In dem Maße aber, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit als von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und die selbst wieder (…) abhängt vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie, oder der Anwendung dieser Wissenschaft auf die Produktion. (…) (Der Arbeiter) tritt neben den Produktionsprozess, statt sein Hauptagent zu sein. In dieser Umwandlung ist es weder die unmittelbare Arbeit, die der Mensch selbst verrichtet, noch die Zeit, die er arbeitet, sondern die Aneignung seiner eignen allgemeinen Produktivkraft, sein Verständnis der Natur und die Beherrschung derselben durch sein Dasein als Gesellschaftskörper (…) die als der große Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums erscheint. Der Diebstahl an fremder Arbeitszeit, worauf der jetzige Reichtum beruht, erscheint miserable Grundlage gegen diese neuentwickelte, durch die große Industrie selbst geschaffen. Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muss aufhören, die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert (das Maß) des Gebrauchswerts. Damit bricht die auf dem Tauschwert ruhende Produktion zusammen (…)“ (Grundrisse, MEW 42, S. 600 f)

[4] z. B. Andre Gorz, Jeremy Rifkin u. a

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