Das SS-Massaker in Sant‘ Anna di Stazzema. Ein Kapitel unbewältigter brauner Vergangenheit der Bundesrepublik Deutschland

Posted on 8. September 2014 von


1276877947von Gerhard Feldbauer

Eines der barbarischsten  Verbrechen, das unter dem Besatzungsregime Hitlerdeutschlands  in Italien begangen wurde, war das SS-Massaker in  der Gemeinde Sant‘ Anna di Stazzema  in den toskanischen Abruzzen. Binnen weniger Stunden ermordeten  dort am 12. August 1944 Angehörige der Aufklärungsabteilung der 16. Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“ unter dem Kommando des Obersturmbannführers Walter Reder 560 Einwohner, alles Zivilisten, darunter 120  Kinder unter sechszehn Jahren und acht schwangere Frauen. Das jüngste Opfer zählte drei Monate, das älteste 86 Jahre.    Während die SS-Abteilung das Dorf überfiel, befand sich kein  einziger Widerstandskämpfer dort.

Der Hamburger Laika-Verlag hat anlässlich des 70. Jahrestages dieses Verbrechens die Erinnerungen Enio Mancinis, der als  sechsjähriges Kind überlebte, veröffentlicht.    Das Buch stützt sich  auf  jahrelang von ihm  gesammelte  Fotos, Dokumente und Berichte der Überlebenden, mit denen er  in Sant‘ Anna ein  Museum des Widerstandes einrichtete, das er bis 2006 leitete. Viele der Fotos sind in dem Buch zu sehen.

Nach dem Einmarsch der angloamerikanischen Truppen am 4. Juni 1944 in Rom hatte der Partisanenkampf in Mittel- und Norditalien  stark zugenommen.  Die Wehrmacht erlitt überall große Verluste. Ihre Antwort war Mord und Terror gegen die Zivilbevölkerung. Dabei war, wie ein Hitler-Befehl festlegte, „ohne Einschränkung auch gegen Frauen und Kinder jedes Mittel anzuwenden, wenn es nur zum Erfolg führt“.  Ausdrücklich hieß es,  auf Frauen und Kinder „rücksichtslos hineinzuschießen“. So wurde auch in Sant‘ Anna verfahren. Die Feder sträubt sich, die in dem Buch enthüllten sadistischen Verbrechen wiederzugeben. Einer Schwangeren  wurde der Leib aufgeschnitten und  der Fötus herausgerissen.  Die SS-Leute durchkämmten Gehöft für Gehöft, Weiler für Weiler, zündeten die Gebäude an   und brannten sie nieder, brachten die Menschen, soweit sie nicht flüchten konnten, um. 150 Einwohner  wurden  auf dem von einer Mauer eingefriedeten Kirchplatz mit  nur einem einzigen Zugang,   zusammengetrieben und mit zwei  Maschinengewehren und Handgranaten regelrecht hingeschlachtet. Anschließend schichteten die Mörder die Leichen übereinander, übergossen sie mit Benzin und zündeten sie an, um sie bis  zur Unkenntlichkeit zu verstümmeln. Nur 350 der Mordopfer konnten später identifiziert werden.  Wie der  bundesdeutsche Militärhistoriker  Gerhard Schreiber in „Deutsche Kriegsverbrechen in Italien“ (München 1996) schrieb, wurden  „im statistischen Mittel – ohne die gefallenen Partisanen und regulären Soldaten – täglich  165 Kinder, Frauen und Männer jeden Alters“ umgebracht.

Jeder der unzähligen Fälle barbarischer Kriegsverbrechen ist ein Kapitel unbewältigter  brauner Vergangenheit der Bundesrepublik Deutschland. Denn in den seltensten Fällen wurden die Mörder in der Bundesrepublik gerichtlich zur Verantwortung gezogen. Als  schließlich 2005  in Italien  zehn der Verbrecher von Sant‘  Anna angeklagt und zu lebenslanger  Haft verurteilt wurden, konnten die Strafen nie vollstreckt werden, da die Bundesrepublik die Auslieferung der Verurteilten  verweigerte.   Obersturmbannführer Reder konnte  in Italien gefasst werden und erhielt 1951  eine lebenslängliche  Haftstraffe, 1985 wurde er begnadigt.

Gabriele Heinecke, Mitherausgeberin des Buches, die jahrelang im  Namen der überlebenden Opfer versuchte, den SS-Mördern den Prozess zu machen,  geht in dem Buch ausführlich auf die unfassbare Verhinderungspraxis der deutschen Justiz  ein, deren  Staatsanwaltschaft in Stuttgart 2012 ihre Ermittlungen gegen acht noch lebende Beschuldigte einstellte.  Sie führt  die Heuchelei des deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck an, der im März 2013 Sant‘ Anna besuchte und von „Versöhnung“ sprach.  Die Anwältin nennt seine Rede  „symptomatisch für den Umgang mit den NS-Kriegsverbrechen in der Bundesrepublik Deutschland“, wenn er behauptete, „im Fall des Massakers von Sant‘ Anna reichten die Instrumente des Rechtsstaates nicht aus, um Gerechtigkeit zu schaffen.“ Welche Unverfrorenheit,  ist  hinzufügen, leistet sich das deutsche Staatsoberhaupt hier, das jahrelang keine  Skrupel hatte, Bürger der DDR, die sich nach Recht und Gesetz für ihren Staat auch auf antifaschistischen Positionen einsetzten, erbarmungslos mit allen Mitteln des „Rechtsstaates“ zu verfolgen. Nicht zu vergessen, dass dieser Bundespräsident die von Hitlergenerälen aufgebaute Bundeswehr heute in weltweite Kriegseinsätze schicken will. Gauck  sollte sich  daran erinnern, dass noch unter der dritten Adenauer-Regierung 1957 alle 104 zu dieser Zeit in der Bundeswehr aktiven Generäle und Admiräle unter  Hitler  gedient hatten, 8.250 führende Nazis sich in einflussreichen Positionen der Bundeswehr, der Polizei, der Justiz, der Verwaltung und des diplomatischen Dienstes befanden.  80 Prozent aller Richter und Staatsanwälte der Justiz der Bundesrepublik ehemalige Mitglieder der Nazipartei waren.  Von  solchen Gefolgsleuten Hitlers  wurde  aber auch, in Sonderheit in der Justiz,   ein zahlreicher gesinnungstreuer Nachwuchs herangezogen, dem auch die Mörder von Sant‘ Anna wie unzählige andere, verdankten, dass sie ungeschoren davonkamen.

Beim Lesen des aufrüttelnden Buches fiel mir der Ausspruch von William Faulkner ein: Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen.  Leider wird in dem Buch  und auch von dem Verlag – mit Ausnahme von Gabriele Heinecke –  ein  aktueller Bezug zur Gegenwart nicht hergestellt. Obwohl die  Mahnung Berthold Brechts, dass der Schoß, aus dem das kroch,  noch  fruchtbar ist, täglich bestätigt wird, darunter durch die  Vorgänge in der Ukraine,  wo mit Unterstützung von EU- und Nato-Staaten mit Deutschland an der Spitze, Faschisten in der   Regierung sitzen. Oder  ist das Massaker im ukrainischen  Odessa  etwa nicht mit dem von Sant Anna zu vergleichen, spricht aus den  Worten der vorherigen Präsidentschaftskandidatin  Timoschenko, gegen den  bereits als „Ratte“ und „Raubtier“ diffamierten  russischen Präsidenten  Putin „eigenhändig zur MPi zu greifen“  und   ihm „in den Kopf zu schießen“, oder anderen  Äußerungen, mit den „russischen Untermenschen“ Schluss zu machen  und „die ganze Welt zu mobilisieren“, damit „von diesem Russland nicht mal mehr ein verbranntes Feld übrigbleibt“, nicht der Geist der faschistischen Mörder der Hitlerwehrmacht, die in Italien und fast ganz  Europa wüteten.

Das Massaker von Sant‘ Anna di Stazzema. Mit den Erinnerungen von Enio Mancini. Herausgegeben von Gabriele Heinecke, Christiane Kohl und Maren Westermann. Laika Verlag, Hamburg 2014. ISBN 9783944233-27-7. 140 S.  Preis 19 Euro. 

 

 

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