Die verratene Armee. Eine aufschlussreiche Publikation über das Ende der Nationalen Volksarmee der DDR

Posted on 8. September 2014 von

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1276877947von Gerhard Feldbauer

Unter dem Titel „Die verratene Armee“ haben  zwei Insider, Ralf Rudolph und Uwe Markus,  im Berliner  Phalanx Verlag  in der Edition Militärgeschichte und Sicherheitspolitik eine Publikation (ihre sechste)  zum Ende der Nationalen Volksarmee der DDR veröffentlicht. Zu den im Verlagstext vorgestellten Autoren heißt es: Rudolph, Jg. 1938, Oberst a. D.  und Diplom-Ing.,  studierte am Institut für Luft- und Raumfahrt in Moskau, war langjähriger  Betriebsdirektor des Raketeninstandsetzungswerkes  Pinnow, danach Abteilungsleiter für Spezielle Produktion (Rüstungsproduktion) im Ministerium für Allgemeinen Maschinen-, Landmaschinen- und Fahrzeugbau,  1990   Abteilungsleiter für technische Abrüstung im  Ministerium für Abrüstung und Verteidigung,  schließlich Unternehmensberater für ein Schweizer Consultingunternehmen mit Arbeitsschwerpunkt Rüstungskonversion. Markus, Jg. 1958, promovierter Soziologe, war bis 1990 am Institut für Sozialwissenschaftliche Studien in Berlin tätig, seither arbeitet er als Marktforscher, Marketingberater und Dozent. Seinen Militärdienst  leistete der Oberleutnant a. D. als Zugführer eines Panzerzuges  in der 9. NVA-Panzerdivision.

Die Autoren vermitteln  umfangreiche Informationen zur Rolle der NVA in der letzten Etappe der Existenz der DDR, die bisher weitgehend nur Insidern bekannt sind, so  auch zur  hochmodernen konventionellen Ausrüstung und  ihrer qualifizierten Beherrschung durch Soldaten und Offiziere. Schon das dürfte einen breiten Kreis interessierter Leser ansprechen.

Gorbatschows Verrat verheerend

Die Verfasser  verdeutlichen  den gesellschaftlich-politischen Hintergrund der Entwicklung 1989/90, der durch folgende Faktoren charakterisiert wurde: Der Übergang Gorbatschows auf sozialdemokratische Positionen und sein Verrat am Sozialismus und den Mitgliedern des Warschauer Vertrages wirkten sich verheerend aus, darunter besonders  auf die DDR als den engsten Verbündeten. Orientiert an Gorbatschow riss mit Gregor Gysi an der Spitze eine revisionistische Gruppe in einem Parteiputsch die Führung der SED an sich und leitete deren  Umwandlung in eine nichtkommunistische sozialdemokratisch  orientierte „Partei des demokratischen Sozialismus“ ein (aus der die heutige Partei „Die Linke“ hervorging).  Ihr bis März 1990 amtierender Ministerpräsident Hans Modrow wisch angesichts der Haltung Moskaus  vor dem wachsenden Druck der Bundesregierung unter Kanzler Kohl zurück. Die unter mysteriösen Umständen am 9. November 1989 geöffnete Grenze nach Westberlin wie danach zur Bundesrepublik wurde nicht mehr kontrolliert, was der Konterrevolution Tür und Tor öffnete. Im Todeskampf, der für die DDR begann, wäre eine Staatssicherheit dringend erforderlich gewesen. Stattdessen löste Modrow das Ministerium für Staatssicherheit auf und verzichtete  auf Forderung des „Runden Tisches“, der objektiv und von den meisten seiner Teilnehmern  her auch subjektiv konterrevolutionäre Positionen vertrat,  auf ein geplantes Amt  für Nationale Sicherheit. Parallel zur Liquidierung der  Sicherheitsstrukturen wurden die SED-Basis-Organisationen  in den Betrieben  beseitigt,  die  Kampfgruppen aufgelöst und die NVA  ruhiggestellt bzw. durch erste Generalsverhaftungen eingeschüchtert. Ähnlich wurde in der NVA mit der Beseitigung  der Parteistrukturen der SED verfahren, der  die  Auflösung der Politabteilungen folgte.

Politische Identität zerstört

Das erwies sich, halten die Autoren  fest, „angesichts noch wenig ausgereifter Vorstellungen über Inhalte und Strukturen der staatsbürgerlichen Arbeit als Auftakt nicht nur für die Entpolitisierung der Armee, sondern auch für die Zerstörung der historisch gewachsenen politischen Identität vor allem des Offizierskorps.“  Die Modrow-Regierung ließ  zu, dass  in der  NVA auf allen Ebenen mit dem Oppositionsgremium  des „Runden Tisches“ zusammengearbeitet  und diesem ein Mitspracherecht zu die Armee betreffenden Reformen  eingeräumt wurde, womit, wie auf Regierungsebene auch in der Armee eine „Doppelherrschaft“ installiert wurde.  Hier wie an anderen Stellen sprechen die Autoren Klartext, wenn sie festhalten:  „Es dürfte ein historisches Novum sein, dass eine Armeeführung, die verfassungsrechtlich ausschließlich der noch amtierenden Regierung unterstand, freiwillig militärpolitische Konzeptionen mit oppositionellen Kräften diskutierte, die teilweise eben die Streitkräfte ausschalten wollten“, und „die neuen Gesprächspartner wollten erkennbar Macht und versuchten,  ihr  Gremium als Instanz mit politischer Weisungsbefugnis zu etablieren.“

Vorauseilenden Gehorsam in der neuen NVA-Führung

Im Ministerium der NVA war „die Neigung ausgeprägt, sich im vorauseilenden Gehorsam den Forderungen der verschiedenen Interessengruppen und Parteien auf der politischen Bühne des Landes“  anzupassen. Modrow war noch bevor er Regierungschef wurde als Sekretär der Bezirksleitung Dresden der SED an der Spitze einer Protestdemonstration gegangen, der die Losung vorangetragen wurde „weg mit der SED“.

Unter dem gezielten  Einfluss der Opposition brachen im Januar 1990  in 40 Kasernen bzw. Truppenteilen der NVA Soldatenstreiks aus und in einigen Dienststellen wurden Soldatenräte gebildet, die den Strafbestand der Meuterei erfüllten (§ 259 Militärgerichtsordnung der NVA). Der Minister, Admiral Theodor Hoffmann,  begab sich zu einer Versammlung der Streikenden in Beelitz und stimmte ihren Forderungen im Wesentlichen zu. Die Forderungen von Kommandeuren, das Fallschirmjägerbatallion gegen die Meuterer einzusetzen, lehnte er ab, da er das, wie er begründete,  „für altes Denken“ hielt und er damit „den friedlichen Charakter der Wende in der NVA verletzt“ hätte.

Die Autoren verdeutlichen auch, dass  die DDR, als sie von Gorbatschow fallen  gelassen wurde, den  wichtigsten  außen- und militärpolitischen  Faktor ihrer Existenzsicherung verlor,  und sie  damit  nicht mehr zu retten war. Doch ihr Anschluss an die BRD hätte nicht in jene kampf- und bedingungslose Kapitulation münden müssen, die von der letzten DDR-Regierung  unter De Maizière   vollzogen wurde, aber bereits unter der Regierung Modrow und der PDS unter Gysi einsetze.

Stillhaltebefehle paralysierten NVA als Machtfaktor

Die Autoren treffen hier eine Kernaussage: „In dem Maße, wie die staatlichen Strukturen sukzessive zerstört und die verfassungsrechtlichen Grundlagen der DDR mit kräftiger Unterstützung von außen in Frage gestellt wurden, wäre es Aufgabe der politisch Verantwortlichen gewesen, der Armee einer aktive Rolle bei der Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung zuzuweisen, statt sie durch Stillhaltebefehle als Machtfaktor zu paralysieren“. Das wäre „kein Staatsstreich gewesen“, sondern hätte, so Markus/Rudolph weiter, „mit hoher Wahrscheinlichkeit viele erhitzte Gemüter beruhigt und zur Relativierung radikaler Machtambitionen mancher Oppositionspolitiker beigetragen. Außerdem  hätte ein solches Statement der Militärführung all jenen DDR-Bürgern den Rücken gestärkt, die für ihr Land eine sozialistische Perspektive  befürworteten.“

Headquarter CIA in Westberlin unterschätzt

Ausführlich wird auf die Situation im Spätherbst in der DDR eingegangen, in der sich die Unzufriedenheit eines Teils der DDR-Bürger mit ihrem Staat und seiner Führung in Protestdemonstrationen äußerte und sich die Frage stellte, die NVA gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen. Die DDR-Führung  wurde in dieser Situation Opfer ihrer eigenen Propaganda, die immer von sich gab, das „ganze Volk“ stehe hinter ihr. Völlig übersehen wurde hier, dass in den Klassenkämpfen der Jahrhunderte,  es den  Ausbeutern und Unterdrückern immer gelang, Teile des Volkes für ihre Interessen zu missbrauchen. Das hätte stärker herausgearbeitet werden können.  So auch,  dass auf diese Proteste der Gegner, in vorderster  Linie die USA mit ihrem Headquarter CIA in Westberlin,  massiv Einfluss nahmen. In Washington  hatte man frühzeitig erkannt, dass der „Verkauf“ der DDR durch  Gorbatschow an die Bundesrepublik  beschlossene Sache wurde. Monate  bevor die Unruhen in der DDR ausbrachen, schickten die USA ihren wichtigsten Mann der CIA, Drei Sterne-General Vernon A. Walters, bereits im April 1989 als Botschafter getarnt nach Bonn, um auf diese Prozesse Einfluss zu nehmen. Wie  Walters in seinem Buch „Die Vereinigung war voraussehbar“ (Siedler-Verlag 1994) offenbarte, habe  ihn Präsident Bush  (senior)  klar gesagt, dass es darum gehe, den Hauptstoß gegen die DDR zu führen, um  „dem sowjetischen Sicherheitssystem das Herz herauszureißen“.

War es im Spätherbst 1989 gerechtfertigt, die NVA  nicht gegen die Proteste einzusetzen, so stand diese Frage, wie die Autoren verdeutlichen spätestens  nach dem Amtsantritt der Regierung Lothar De Maizière anders.  Markus/Rudolph  widmen sich  der bis heute nicht untersuchten Frage, ob und welche Möglichkeiten  es im Militärbereich gab, dem nun massiv einsetzenden Vormarsch der Konterrevolution entgegenzutreten und ihn aufzuhalten und gehen auch auf die Frage ein, ob die Militärs der DDR einen Putsch gewagt hätten. Immerhin standen für den „Tag X“ in der DDR bereit: 365.000 Mann der Westgruppe der Sowjetarmee,   172.000 Mann der NVA,  Volkspolizei und Staatssicherheit mit je 90.000  Mann Bewaffneter und  (bevor sie aufgelöst wurden) 400.000 Mann der Betriebskampfgruppen. Der Innenminister De Maizières, Peter Michael Diestel, äußerte später, dass die Uniformträger  gezielt mit Zuversicht geradezu zugepflastert wurden, um das zu verhindern und gab zu: „Wenn man ihnen von vornherein gesagt hätte, liebe Freunde, ihr müsst jetzt eure Waffen abgeben, und mit dem Beitritt  (zur BRD) werdet ihr dann völkerrechtlich diskriminiert, werdet strafverfolgt, werdet auch in der öffentlichen Bewertung deklassiert, dann hätte es den Putsch gegeben.“  Markus/Rudolph schlussfolgern: „Gegen den Widerstand einer strategisch denkenden und entschlossen auftretenden NVA-Militärführung, die sich aus dem politischen Entscheidungsprozess nicht hätte verdrängen lassen, wäre die Durchsetzung der in Bonn erdachten Auflösungsstrategie nicht möglich gewesen“.

Übler Heuchler Rainer Eppelmann

Unter anderem  äußern sich die Autoren zur Rolle des   letzten Dienstherrn der NVA,  dem früheren Pfarrer Rainer Eppelmann, der sich Minister für Abrüstung und Verteidigung nannte, dessen Heuchelei keinerlei Widerstand entgegengesetzt wurde.  Die Generalität fand sich unter dem neuen NVA-Chef, Admiral Theodor Hoffmann,  auch damit ab, dass mit Ausnahme der ersten Beratung, „keine Vertreter der Militärführung bei den Verhandlungen der die NVA betreffenden Teile des Einigungsvertrages zugegen“ waren. „Und  die Generale gehorchten“.  Allerdings meinen die

Verfasser,  Eppelmann könnte eine Zeit lang selbst an die von ihm verbreiteten Illusionen von der Existenz zweier Armeen im „vereinigten Deutschland“ geglaubt haben. Wie weit das zutreffen könnte, muss hier dahin gestellt bleiben. Fest steht, dass   Eppelmann als ein übler Heuchler agierte, was soweit ging, die NVA als „Machtinstrument des stalinistischen Unrechtsregimes der SED“ zu diffamieren,  sie am 20. Juli 1990 gleichzeitig den Eid  für den Schutz der Deutschen Demokratischen Republik schwören zu lassen. Nachsprechend lautete der Schlusssatz: „Ich schwöre, meine ganze Kraft zur Erhaltung des Friedens und zum Schutz der Deutschen Demokratischen Republik einzusetzen.“ Hier hätte es also eine auch rechtliche Grundlage gegeben, seitens der NVA  gegen  die Einverleibung der DDR durch die BRD Widerstand zu leisten.  Der Journalist der „jungen Welt“ Peter Wolters, der als Aufklärer der HVA selbst zu  seinen  Überzeugungen  mutig bis zum bitteren Ende und auch im  Gefängnis der Klassenjustiz  gestanden hat,  stellte die Kernfrage:  „Objektiv gesehen war der Anschluss der DDR eine Konterrevolution – hätte  die NVA sich ihr nicht entgegenstellen müssen“ und fragte: „wie hat sich die politische Führung verhalten?“  (jW, 2. Dezember 2013). Markus/Rudolph  schätzen ein, „dass die noch in Amt und Würden befindliche Führungsspitze der NVA den Herausforderungen der System- und Staatskrise nicht gewachsen war“. Das Verhalten einiger ihrer Generäle und Admiräle mit Theodor Hoffmann an der Spitze –  Ende September 1990 waren das noch 24  –  ging so weit, dass sie selbst bereit waren  in den Dienst der Bundeswehr, nachgewiesener Maßen seit ihrer Geburtstunde  zu  einer Aggressionsarmee des deutschen Imperialismus aufgebaut, zu wechseln.

Widerstandspotenzial nicht genutzt

Ein angefügter Beitrag des Oberstleutnants Ingo Höhmann, Jg. 1953, 1989/90 Kommandeur eines Mot.-Schützenbatallions  belegt, dass es durchaus genügend Offiziere und Soldaten gab, die bereit waren, die  DRR  zu verteidigen.  Er schreibt: „Es gab offensichtlich bei jenen DDR-Bürgern, die noch loyal zu ihrem Staat standen, die Hoffnung, dass die Armee sich der völligen Auflösung der staatlichen und politischen Ordnung entgegenstellt. Das war in meinen Augen eine Legitimation für ein stabilisierendes Eingreifen der Streitkräfte. Die DDR-Regierung hätte in der damaligen Situation jedes Recht der Welt gehabt, den Ausnahmezustand auszurufen.“ Leute wie Höhmann wurden  jedoch im Stich gelassen und wie der Titel des Buches aussagt, verraten. Dass zahlreiche DDR-Bürger darauf warteten, dass die NVA Position bezieht, zeigte sich auch als  im Januar 1990 250.000 Menschen an einer Protestdemonstration gegen Hakenkreuzschmierereien am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin Treptow teilnahmen und die in Uniform kommenden Soldaten und Offiziere lebhaft, u. a. mit Rufen „ Da seid ihr ja endlich“ begrüßt wurden.

Markus/Rudolph leisten mit ihrer  souveränen  Abhandlung  einen gelungenen und tiefgehenden Beitrag zu einer immer noch ausstehenden Gesamtanalyse der Rolle der NVA in der letzten Phase der Existenz der DDR. Es ist zu wünschen, dass ihr Buch dazu Anlass gibt. Bei dieser Analyse  wird man nicht umhin kommen, einen Blick auf das zu werfen, was  die Klassiker zu solchen Augenblicken der Klassenauseinandersetzungen sagten, um Schlüsse  für  1989/90  zu ziehen. Darunter, was Marx zur Machtergreifung des Pariser Proletariats im März 1871 sagte (Brief an  Ludwig Kugelmann, MEW (DDR-Ausgabe), Bd. 33, S. 209) oder das Vorwort Lenins zur russischen Übersetzung der Briefe von  Marx an  Kugelmann, Werke,  Bd. 12  (DDR-Ausgabe),  S. 103).

Uwe Markus/Ralf Rudolph: Die verratene Armee. Phalanx. Edition Militärgeschichte und Sicherheitspolitik. Berlin 2013.  ISBN 978-3-00-041734-4. Ladenpreis 16,95 Euro. Lieferbar über  Buchhandel,  jW-Ladengalerie und direkt beim Verlag  – Mail: Markus-Berlin@t-online.de.

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