Am Epochengrund

Posted on 11. Oktober 2014 von


kevon Manfred Sohn

Zum Charakter der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus

„Allenfalls Verwirrung“ stiften, so schreibt Stephan Müller in der T&P vom Juni 2014, die Autoren der Krisis-Gruppe, namentlich Ernst Lohoff und Norbert Trenkle bei ihren Bemühungen, die Ursachen der gegenwärtigen kapitalistischen Krise jenseits der üblichen Erklärungen in der Zirkulationssphäre zu finden. Er erkennt bei den genannten Autoren keine „plausible Argumentation“ – sagt aber einen Absatz später, die Diskussion müsse weiter geführt werden [1]. Nun denn.

Im Folgenden sollen nicht Lohoff/ Trenkle verteidigt werden – auf ihr Buch ist mit einigen kritischen Hinweisen bereits Inge Humbug ausführlich eingegangen. In vier Thesen [2] soll versucht werden, dem Wunsch von Stephan Müller nachzukommen.

Die Ausgangsthese sollte alle Leser von T&P einigen: Die Beantwortung der Frage nach dem Charakter der gegenwärtigen Krise ist der Dreh- und Angelpunkt für alle strategischen und davonabgeleitet auch taktischen Fragen für die unter dem Banner von Marx und Engels streitenden Kräfte. Wenn wir den Charakter dieser Krise nicht begreifen, können wir keine ihr angemessene revolutionäre Strategie entwickeln.

Keine „stinknormale Überproduktionskrise“

Schon an These 2 dürften sich die Geister scheiden: Dies ist keine konjunkturelle Krise, aus der irgendwer „gestärkt hervor“ geht, wie uns alle paar Quartale unsere Bundeskanzlerin weismachen

will. Sie ist aber auch keine „stinknormale Überproduktionskrise“, wie der sonst hoch zu schätzende Lucas Zeise behauptet. Sie ist noch nicht einmal – wie der Autor dieser Zeilen in einem früheren Buch einmal vermutet hatte – eine besonders schwere Überproduktionskrise des Ausmaßes der Krisen 1873 oder 1929. Sie ist in Dauer, Tiefe der von ihre erfassten Schichten und geographischer Ausdehnung qualitativ gravierender. Sie ist der Beginn der finalen Krise des Kapitalismus.

Dies – und damit kommen wir zur von Müller sicher bestrittenen These 3 – liegt daran, dass das Epizentrum dieser Krise tiefer liegt als das aller normalen Überproduktionskrisen. Es liegt in dem Kern des ganzen kapitalistischen Systems – dort, wo es nicht empirisch aber analytisch bereits von Marx entdeckt und insbesondere von Luxemburg genauer herausgearbeitet wurde.

Kein Kapitalist wird tätig, um Bedürfnisse durch die Herstellung von Gebrauchswert zu erfüllen. Er wird nur tätig, wenn er die Möglichkeit sieht, aus seinem eingesetzten Geld mehr Geld – aus G also G‘ – zu machen. Er kann dies aber nur durch Einsatz menschlicher Arbeitskraft. Noch so moderne Maschinen alleine produzieren keinen Mehrwert. Gleichzeitig aber ist er über den diesem System unabwendbar eingepflanzten Konkurrenzmechanismus gezwungen, beständig menschliche Arbeitskraft aus dem Produktionsprozess zu verdrängen, durch Maschinen zu ersetzen. Dies ist das, was Marx als innere Schranke des Kapitalismus bezeichnet, die er letztlich nicht wird überwinden können. Das „letztlich“ istwichtig – denn er war tatsächlich über den historisch nicht so schrecklich langen Zeitraum von gut 150 Jahren in der Lage, das Auflaufen auf diese innere Schranke eine Weile hinauszuschieben. Auf einen zentralen Aspekt hat Rosa Luxemburg hingewiesen: Die Zerstörung vorher nicht kapitalistisch organisierter Teile der Welt, ihre Einverleibung in den Verwertungsprozess des Kapitals versetzt dieses System in die Lage, den Zeitpunkt des unvermeidlichen Stillstands dieses Systems hinauszuzögern. Seit der Konterrevolution 1989 und den darauf folgenden zwei Jahrzehnten ist Kapitalismus aber das einzige Weltsystem, gibt es keine Bereiche mehr, die nicht in den Weltmarkt hineingesogen worden wären – es sei denn, diese Bereiche sind un – ver – wert – bar.

Ein zweiter Ausweg, der in den letzten Monaten dramatisch an Aktualität gewinnt, ist der Krieg, den der Kapitalismus in sich trägt wie die Wolke den Regen. Es ist kein Zufall, sondern liegt in der Systemlogik, dass dem Ersten Weltkrieg die „Goldenen Zwanziger“ und dem zweiten in den beiden am meisten zerstörten imperialistischen Ländern – Deutschland und Japan – die Wirtschaftswunderjahre folgten. Wo Millionen Menschen gemordet und gigantische Werte vernichtet sind, kann der Verwertungsprozess für eine Weile erneut wie ein Phönix aus der Asche steigen.

Drittens und vor allem haben die oben erwähnten früheren großen Überproduktionskrisen neben tiefgreifenden strukturellen Veränderungen, die jeweils zu einer anderen Variante des Kapitalismus führten, neue Technologien hervorgebracht, die einerseits Rationalisierungspotenziale realisierten, andererseits ganze neue Industriezweige und neue Massenbedürfnisse hervorbrachten. Die erste industrielle Revolution hat zwar massenhaft Weber brotlos gemacht, aber Millionen Menschen in den Verwertungsprozess gezogen, ohne die weder Schienennetze noch Dampfloks entstanden wären. Die Rationalisierungseffekte waren empirisch nachweisbar geringer als die Schaffung neuer

Ausbeutungsverhältnisse. Ähnliches geschah in der zweiten industriellen Revolution, die durch Elektro- und Ottomotoren getrieben war: Sie rationalisierte nicht nur die Heizer auf den Loks weg, sondern schuf mit riesigen Autofabriken und der Umwälzung der Hausarbeit mehr neue Industrien, als durch sie Arbeitsplätze in den alten wegrasiert wurden. In der dritten industriellen Revolution ist das ganz offensichtlich anders: Natürlich schafft die mikroelektronische Revolution neue Produkte in Form von Handys, Laptops und Smartphones. Aber mit ihr tritt das in Erscheinung, was im Wesenskern eben von Marx und Luxemburg angekündigt wurde: Der Kapitalismus verdrängt mehr menschliche Arbeitskraft aus dem Verwertungsprozess, als er in ihn hineinsaugt. Wie sonst – diese Frage müsste Müller beantworten – ist das beständige Ansteigen nicht nur von industriellen Reservearmeen, sondern von stehenden Heeren dauerarbeitsloser Menschen, vor allem Jugendlicher, in allen kapitalistischen Ländern zu erklären?

Kapitalismus expandiert nicht mehr, sondern kontrahiert

Damit aber tritt der Kapitalismus – das wäre die Abschlussthese 4 – von seiner expansiven in seine kontraktive Phase. Und das – so ist das nun mal mit der Dialektik – verändert alles. Nichts bleibt wie es ist: Die Faschisten wollen keinen Lebensraum im Osten mehr erobern, sondern „Deutschland den Deutschen“ verteidigen, werden dumpf-dumm-defensiv statt dumpf-dumm-offensiv. Kriege werden nicht mehr geführt, um fremde Völker in das eigene Ausbeutungssystem zu integrieren, sondern um alternative Strukturen zu zerstören. Statt Kolonien hinterlässt der sterbende Kapitalismus eine Schneise perspektivloser Zerstörung von Libyen über Irak bis nach Afghanistan und in die Ukraine.

Das Ergebnis dieser Krise kann und wird keine neue Variante des Kapitalismus sein – schon gar nicht irgendein ökologischer, nachhaltiger oder sozialer. Er wird entweder mitsamt der in ihm lebenden Menschen in einer sich steigernden Orgie von Perspektivlosigkeit, Barbarei, Dauerarbeits- und Sinnlosigkeit, Krieg und Dreck untergehen oder abgelöst werden durch einen nach der Pariser Kommune und dem großen Oktober dritten Anlauf zum Sozialismus.

Wir sind auf der Linken verzagt geworden in theoretischen Fragen. Das ist verständlich. Wir haben ja oft genug das Ende des Kapitalismus prognostiziert und dann kam nicht das Ende, sondern nur ein erneuerter Kapitalismus aus den Krisen heraus. Aber es wäre absurd, in dem Moment, wo selbst bürgerliche Theoretiker und der Papst Zweifel an der Überlebensfähigkeit dieses Systems artikulieren, als Linke diejenigen zu sein, die am vehementesten die Findigkeit des Kapitalismus betonen und so tun, als wäre seine ganze Geschichte ein unendlicher Kreislauf zwischen Krisen, Krieg, Krisen, Krieg und dann wieder den nächsten Krisen. Diese Krise ist nicht lösbar durch eine andere Geldpolitik. Sie hat ihre Ursache nicht in der Finanzsphäre, sondern im Kern des Kapitalismus, der Mehrwertproduktion. Dort findet zur Zeit der Beginn der Kernschmelze statt. Darauf haben wir uns einzustellen – und auf einen langen, bitteren, gefährlichen Niedergangsprozess.

Wer in dieser Debatte meint, Robert Kurz und andere von ihm beeinflusste Marxisten ignorieren zu können, mag das tun. Aber Kopf in den Sand hat noch niemals genutzt.

Quellen und Anmerkungen:

[1] Stephan Müller, Leere Versprechungen, T&P 36, Juni 2014, S. 21

[2] Ausführlicher ist das entwickelt in dem Buch des Autors „Am Epochenbruch“, PapyRossa-Verlag 2014

 

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