Arbeiterklasse und Faschismus

Posted on 11. Oktober 2014 von


kfvon Renate Münder

Lenin beschrieb zwei unterschiedliche Methoden des Regierens im Imperialismus, die der Gewalt, d. h. Ablehnung aller Zugeständnisse an die Arbeiterbewegung, und die Methode des Betrugs, des Liberalismus [1]. Der Kampf um den Maximalprofit führt immer wieder zur Methode der Gewalt, und der Weltkrieg trug dazu bei, dass auch eine entsprechende Ideologie entstand, eine neue „Ideologie der Brutalität, des Chauvinismus und des Mordes als Mittel der Politik“. [2]

Auf der anderen Seite stellte der erfolgreiche Kampf um das allgemeine Wahlrecht durch die Arbeiterbewegung die Bourgeoisie vor ein Problem: Wie konnte sie es bewerkstelligen, dass die Wähler ihre eigenen Ausbeuter wählten? So erkannten die „modernen“ Vertreter der imperialistischen Bourgeoisie – vorwiegend in den damals neuen Industriezweigen Elektro- und Chemieindustrie – und ihre Ideologen und politischen Interessenvertreter, „dass die Abstützung der kapitalistischen Ordnung lediglich durch das Bürger- und Kleinbürgertum nicht länger ausreichte, dass man sich vielmehr auch um eine Massenbasis in der Arbeiterklasse bemühen musste“. [3] Die herrschende Klasse suchte nach Methoden und Mitteln, breite Kreise der Arbeiter zu gewinnen, ohne jedoch ihren Wunsch nach Zerschlagung der Arbeiterbewegung aufzugeben. „Zur Lösung einer solchen Doppelaufgabe war jedoch keine der vorhandenen Organisationen auf der politischen Rechten geeignet. Dieser Umstand rief das Bedürfnis nach einer neuen Organisation hervor, die fähig sein würde, diese Doppelaufgabe zu lösen.“ Diese entstand aus der Konkurrenz zwischen verschiedenen reaktionären Organisationen, die ihre Nützlichkeit für das Kapital unter Beweis zu stellen hatten: „Die faschistische Partei wurde nicht erfunden […, sondern sie] entstand in einem Ausleseprozess“. [4]

Die Arbeiterklasse blieb nahezu resistent gegenüber den faschistischen Ideen: Sie wählte die Partei Hitlers nicht, und bei der Mitgliedschaft der NSDAP war sie unterrepräsentiert [5]. Dennoch war es nicht die Furcht vor der Revolution, die die Bourgeoisie zur Beseitigung der bürgerlichen Demokratie und zur Installation einer anderen Staatsform, der offenen Gewaltherrschaft, führte, sondern erneut die Aggressivität des Imperialismus, die sein Ziel der Weltherrschaft erforderte. „Der Faschismus ist keineswegs die Rache der Bourgeoisie dafür, dass das Proletariat sich kämpfend erhob. Historisch, objektiv betrachtet, kommt der Faschismus vielmehr als Strafe, weil das Proletariat nicht die Revolution, die in Russland eingeleitet worden ist, weitergeführt und weitergetrieben hat“, urteilte schon Clara Zetkin im Jahre 1923. [6]

Nährboden Kapitalismus

Für die Gewinnung breiter Massen ist nicht in erster Linie die faschistische Propaganda entscheidend, sondern es sind die objektiven Verhältnisse des Kapitalismus. Werden die Zugeständnisse der Bourgeoisie überbewertet und der Klassengegensatz nicht mehr als antagonistisch, sondern als versöhnlich betrachtet, schlägt dies auf die Arbeiterklasse zurück. Als Beispiel sei die oben erwähnte Erringung des allgemeinen Wahlrechts genannt, das nicht allein der Bourgeoisie Kopfzerbrechen bereitete. Auch für den revolutionären Flügel der Sozialdemokratie ergab sich daraus die Schwierigkeit, den Glauben zu widerlegen, dass mit immer größeren Wahlerfolgen die Macht im Staat zu erringen sei. Der schließlich überhand nehmende Revisionismus in der Sozialdemokratie arbeitete dem Klassengegner in die Hände, sodass die Befriedung der Arbeiterklasse auch von dieser Seite erfolgte.

Die Gründung der kommunistischen Partei führte zu Marx zurück. Die revisionistischen Kräfte in der Arbeiterbewegung verhinderten jedoch, dass in ihr die Vereinigung der gesamten Klasse erfolgte. Die Folge war die Spaltung der Arbeiterbewegung, die es verhinderte, dass sie sich gemeinsam der Errichtung der faschistischen Gewaltherrschaft in den Weg stellte. Die folgende Ausschaltung der Arbeiterbewegung als Zentrum des Widerstands war die Voraussetzung für die totale faschistische Herrschaft, für die Kriegsvorbereitung. Sie bekam als erste und am brutalsten den Terror zu spüren, nicht nur die Kommunisten, sondern auch die Sozialdemokratie, die nun als soziale Hauptstütze des Kapitals abserviert wurde. [7]

Opitz brachte diesen Aspekt in seiner Faschismus-Definition zum Ausdruck: „Faschismus ist die Zerschlagung und Illegalisierung sämtlicher den Interessen des Monopolkapitals entgegen gerichteter politischer Organisationen, stets und in erster Linie der Organisationen der Arbeiterbewegung […]“. [8]

Es war die vernichtende Niederlage, die die Kommunisten zur schonungslosen Untersuchung des Wesens des Faschismus veranlasste: „Der Faschismus an der Macht ist die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“, wie die Komintern (KI) bereits 1933 analysierte. Diese Definition wurde durch Dimitroffs Rede auf dem VII. Weltkongress weltweit bekannt und ist seitdem mit seinem Namen verknüpft. Sie war geprägt von der Erfahrung des deutschen Faschismus, wobei schon Dimitroff darauf hinwies, dass der Faschismus verschiedene Formen annehmen kann. [9]

Im Gegensatz zu Faschismus-Definitionen, die das Wesen des Faschismus z. B. als kleinbürgerliche Protestbewegung bezeichneten, ging die KI vom Klassencharakter des Faschismus aus. Darin liegt die Bedeutung und Gültigkeit der Definition. Es ging und geht um das Erkennen der inneren Zusammenhänge: Weder sind „Schlafwandler“ in den Ersten Weltkrieg getaumelt, noch war Hitler ein Verrückter: „Dieser deutsche Faschismus aber war älter als das 12-jährige NS-Regime oder auch die nationalsozialistische Bewegung. Er hatte eine in Deutschland bis in die Anfänge des Jahrhunderts und sogar noch weiter zurückreichende […] Geschichte. Er hatte bereits in den Ersten Weltkrieg geführt. Der deutsche Faschismus war selbst aus ihm hervorgegangen und war seiner gesamten Entstehungsgeschichte und allen seinen Strukturen nach nichts anderes als nur seine konzentrierteste, seine bis auf die Staats- und Volksorganisation durchschlagende Anstrengung. Er war die organisatorisch und ideologisch totale Mobilisierung und Zwangserziehung eines ganzen Volkes für den Raumeroberungskrieg und für die mit und nach ihm vorauserwartete Daueraufgabe der Sicherung – ,ewigen‘ Beherrschung – der eroberten riesigen Räume.“ Judenvernichtung und alles, „was das Wort , Unrechtsregime‘ in sich umschließt [waren] nur ein jeweils praktischer Verwirklichungs- und Umsetzungsaspekt dieser Mobilisierung für ein auf ewig im Innern ,feindfrei‘ zu haltendes deutsches Weltreich“. [10]

Faschistische Gefahr heute

Es ist nachvollziehbar, dass selbst in der kommunistischen Bewegung nach 1945 die Bedeutung der faschistischen Gefahr umstritten war, die Neonazis galten als „Ewiggestrige“. Ihre Wahlerfolge waren nur vorübergehend, z. B. 1969 der Großen Koalition geschuldet. Dass sie erneut große Massen mobilisieren könnten, schien ausgeschlossen. Doch der deutsche Imperialismus ging daran, seine Niederlage zu revidieren: Diese Politik entwickelte sich vom Bruch der Abkommen von Jalta und Potsdam bis hin zur so genannten Wiedervereinigung. Dieser Erfolgskurs des deutschen Imperialismus führte zu der bis heute verbreiteten Annahme, das Monopolkapital brauche den Faschismus nicht mehr. Schließlich war es ihm gelungen, auf „friedlichem Wege“ zu erreichen, was er in zwei Weltkriegen nicht erreicht hatte.

Die herrschende Klasse setzt bisher nicht auf eine faschistische Massenpartei, sie baut aber vor für eine Situation, „wenn es in der Wirtschaft hagelt“, wie es der damalige Innenminister Lücke (CDU) zur Begründung der Notstandsgesetze auf den Punkt brachte. D. h., wenn die Verwertungsbedingungen des Kapitals sich grundlegend verschlechtern sollten, muss ein „Reservepotenzial“ (Opitz) zur Durchsetzung der strategischen Hauptinteressen bereit stehen. Die Herrschenden wissen besser als die Arbeiterklasse, dass die Krise nicht vorbei ist.

Die Hauptgefahr sind momentan nicht die offen faschistischen Umtriebe, auch wenn sie zunehmen und bekämpft werden müssen, sondern der reaktionäre Umbau des Staatsapparats, mit dem die Bourgeoisie sich gegen mögliche soziale Unruhen wappnet [11]. Und weiter sind es die Versuche zur Etablierung einer antidemokratischen Massenbasis durch reaktionäre Parteien wie die AfD, die immer mehr faschistische Funktionen übernimmt und einen entsprechenden politischen Anpassungsdruck auf die CDU und CSU ausübt [12]. Und da zu erwarten ist, dass sich die ökonomischen Krisen, auf der Basis der allgemeinen Krise des Kapitalismus, weiter verschärfen werden, wird nicht nur die soziale Frage noch mehr an Brisanz gewinnen, auch die Widersprüche zwischen den Imperialisten werden sich vertiefen. Dann kann ein faschistisches Regime erneut eine Option für das Finanzkapital sein, auch wenn es als Herrschaftsform die bürgerliche Demokratie bevorzugt. Notwendig kann die faschistische Herrschaftsform für die Bourgeoisie z. B. bei der Kriegsvorbereitung werden. Ein aktueller Blick auf die Ukraine zeigt, wie im Interesse des Expansionismus skrupellos die dortigen Faschisten gefördert und bedient werden – und kurzfristige Nachteile für einzelne Kapitalfraktionen entstehen, die hinter dem imperialistischen Gesamtinteresse zurückstehen müssen.

Arbeiter, vereinigt euch

Konsens in der Arbeiterbewegung war die Einsicht, dass ihre Spaltung den Sieg des Faschismus möglich gemacht hatte. Sie muss überwunden werden. Das stellte sich die Kommunistische Internationale (KI) zur vordersten Aufgabe durch die Schaffung der Einheitsfront der Arbeiterbewegung. „Die KI stellt für die Aktionseinheit keinerlei Bedingungen, mit Ausnahme einer einzigen elementaren, für alle Arbeiter annehmbaren Bedingung, und zwar, dass die Aktionseinheit sich gegen den Faschismus, gegen die Offensive des Kapitals, gegen die Kriegsgefahr, gegen den Klassenfeind richtet“. [13]

Die Einheit der Arbeiterklasse ist zwar eine notwendige, aber nicht ausreichende Bedingung für die Abwehr des Faschismus. Dimitroff hatte als weitere Ursache für seinen Sieg genannt, dass die Arbeiterklasse von ihren Bündnispartnern isoliert war, und damit die Notwendigkeit der Volksfront betont. Diese hat ihre Grundlage in der Tatsache, dass nicht nur die Zerschlagung der Organisationen der Arbeiterbewegung durch den Faschismus droht, sondern, wie Opitz im obigen Zitat fortfährt, auch „der mit ihnen in wesentlichen Inhalten übereinstimmenden demokratischen – anderen politischen Organisationen. Damit notwendig aber auch der bisherigen, wie immer verzerrten Staats- und Verfassungsordnung des Typus des bürgerlich-parlamentarischen Parteienstaats überhaupt“ [14]. Ein Bündnis mit allen nichtmonopolistischen Zwischenschichten ist also möglich. Die damals größte, die Klasse der mittleren und armen Bauern, ist heute unbedeutend geworden. Aktuell bedeutsam sind hingegen große Teile der lohnabhängigen Mittelschichten und der wissenschaftlich-technischen Intelligenz, soweit sie nicht bereits, im Rahmen ihres vielzitierten „Absturzes“, objektiv dem Proletariat zuzurechnen sind.

Geblieben von Dimitroffs damaliger Analyse ist eine Verballhornung. Aus der Volksfront zur Abwehr des Faschismus wurde die Forderung nach „breiten Bündnissen“. Selbstverständlich ist es richtig, dass einem aufkommenden Faschismus nur mit einer breiten Massenmobilisierung entgegengetreten werden kann, dass es der Gewinnung der Zwischenschichten bedarf. Was dabei unter den Tisch fällt, ist, dass der Kern der Volksfront die Einheitsfront sein muss, dass sich die Aktionseinheit „gegen den Faschismus, gegen die Offensive des Kapitals, gegen die Kriegsgefahr, gegen den Klassenfeind“ richten muss. Die Gewinnung der nichtmonopolistischen Schichten für die antifaschistische Volksfront hängt wesentlich ab von der „entschiedene(n) Aktion des revolutionären Proletariats zur Verteidigung der Forderungen dieser Schichten“. [15]

Gerade diese Bedingungen sind heute nur partiell gegeben. Die Sozialdemokratie, die immer noch die Mehrheit der Arbeiterklasse an sich bindet und vor allem in den Gewerkschaften tonangebend ist, hat es aufgegeben, sich für „soziale Gerechtigkeit“ einzusetzen – was die Faschisten längst als Chance für sich entdeckt haben. So triumphierte Jürgen Gansel [16]: Die Linke habe sich von der sozialen Frage verabschiedet, und jetzt sei der Nationalismus die Schutzmacht der kleinen Leute. „Die Nationalisierung der sozialen Frage und die Vision eines solidarischen Volksstaats, in dem die soziale Teilhaberschaft eines jeden Deutschen garantiert ist, wird dem Nationalsozialismus so viel Zulauf bescheren, dass die morschen Knochen der Volks- und Vaterlandsabwickler noch gehörig zittern werden“. [17]

Entscheidend für das Bewusstsein der Arbeiterklasse sind die gesellschaftlichen Veränderungen, wodurch die Gefahr, dass die Arbeiterklasse nicht mehr „immun“ gegen faschistisches Gedankengut ist, gestiegen ist. Kein einziges der Versatzstücke der faschistischen Ideologie ist aus der Waffenkammer der Reaktion verschwunden. Ob Rassenhass, Entmenschlichung von Minderheiten wie Sinti und Roma, Antisemitismus (perfider weise im Gewand des Kampfes gegen die Banken und den durch sie bedrohten „Weltfrieden“), Diffamierung ganzer Völker (z. B. als „Islamisten“), Homophobie – um nur einige zu nennen, sie alle werden bei Bedarf befeuert und als Erklärungsmodelle in Stellung gebracht.

Und von nicht zu unterschätzender Bedeutung erweist sich der Antikommunismus in seiner seit 1945 vorherrschenden Form der Totalitarismustheorie. Diese umfasst die Diffamierung des Kommunismus und Sozialismus, letztlich aller demokratischen Kräfte, die Verharmlosung des Faschismus bis hin zur Übernahme der sozialen Demagogie der Faschisten. Opitz wies nach, dass die Grundmuster der Gleichsetzung von Sozialisten mit ihrem politischen und sozialen Gegenteil bereits aufgebaut wurden, bevor es den Faschismus und einen sozialistischen Staat überhaupt gab. [18]

Als Wirkfaktor innerhalb der Arbeiterklasse bietet sich insbesondere der Ausländerhass an, da er an realen Sorgen ansetzt und suggeriert, mit der Eliminierung der Migranten sei der Konkurrenzdruck in den eigenen Reihen zu verringern. Die reaktionäre Propaganda Deutsche gegen Ausländer, die vom Klassengegensatz ablenken soll, gedeiht auf dem Boden einer nationalistischen Grundstimmung. Besonders effektiv geschieht das Eindringen des Nationalismus in das Bewusstsein der Arbeiterklasse durch die Standortpolitik, weil mit ihr auf die „dringendsten Nöte der Arbeiter“ eingegangen wird, wie es Dimitroff formulierte, die Sicherung der Arbeitsplätze, und nicht nur von den Parteien, sondern auch durch Betriebsräte und Teile der Gewerkschaft vertreten wird. Dem Kapital wird dadurch das gegenseitige Ausspielen der Belegschaften leicht gemacht. Ohne das Zurückdrängen der Standortpolitik wird es keinen wirksamen proletarischen Internationalismus geben.

Zur Aufrechterhaltung der Macht der Wenigen über die Vielen treibt die Bourgeoisie den Keil in die Belegschaften – und kann feststellen, dass die Ideologie, dass jeder selber und für sich schauen müsse, wo er bleibt, nicht nur gegen Arbeiter anderer Nationen, sondern auch innerhalb der Klasse im eigenen Land wirkt: „Eine Studie zum Arbeitsbewusstsein weist auf schleichende Entsolidarisierung hin. Kritik am Finanzmarktkapitalismus geht mit schleichender Entsolidarisierung einher. Vor allem westdeutsche Arbeiter finden: Es reicht nicht mehr für alle, und nicht jeder – zum Beispiel Leiharbeiter könne noch mitgenommen werden“. [19]

Antifaschistischer Kampf

Betrachten wir die Entwicklung der objektiven und subjektiven Faktoren bei der Haltung der Arbeiterklasse zum Faschismus: Die Konkurrenz der Arbeiter untereinander ist in den letzten 20 Jahren größer geworden, Rassismus, Nationalismus und Antikommunismus sind der Nährboden für faschistisches Gedankengut, was durch die allgemeine Krise des Kapitalismus verstärkt wird.

Bisher konnte sich keine faschistische Massenpartei dauerhaft etablieren (bzw. das Monopolkapital hielt diese bisher nicht für nötig). Die Anhänger der AfD kommen nach einer Auswertung des Berliner Forsa-Instituts vor allem aus einem bestimmten Segment der deutschen Ober- und Mittelschicht (26 und 53 Prozent). 55 Prozent haben Abitur und/oder studiert und beurteilen die Wirtschaftserwartungen pessimistisch, 44 Prozent verfügen über ein Haushaltsnettoeinkommen von 3000 Euro oder mehr [20]. Entgegen der verbreiteten Propaganda gibt es keine hinreichenden Belege, dass die Arbeiterklasse Hauptträger faschistischer Organisationen sei. Insgesamt sind Wahlanalysen meist nicht besonders aussagekräftig in dieser Hinsicht, weil sie nicht klassenbezogen sind. Aussagen wie, dass Rentner überdurchschnittlich dem Antisemitismus zuneigten oder dass Menschen „aus der Mitte der Gesellschaft“ dem Rassismus anheimfielen, können auf Facharbeiter, kleine Handwerker oder höhere Angestellte hindeuten. Dass bei den Kameradschaften und Wehrsportgruppen wohl die Mehrheit der Arbeiterklasse zuzurechnen ist, reicht für diese Einschätzung nicht aus. Denn für die Drecksarbeit brauchen die faschistischen Drahtzieher und ihre gutsituierten Unterstützer stets deklassierte Elemente, welcher Schicht auch immer sie ursprünglich angehört haben.

Die Aufgabe der Herstellung der Aktionseinheit ist die dringendste und zugleich schwierigste Anforderung für Kommunisten, vor allem bei ihrer augenblicklichen Marginalisierung. An dieser Aufgabe hat sich nichts verändert. Sie ist von grundlegender Natur, sie bedeutet, die größtmögliche Einheit gegen das Kapital herzustellen, vor allem in den Gewerkschaften, und bürgerliche, opportunistische Strömungen im Proletariat zu bekämpfen, die den Klassengegensatz zwar nicht leugnen, ihn aber als versöhnlich betrachten. Zur Grundlage antifaschistischer Arbeit gehört es demnach, den Klassenkampf zu organisieren, Mobilisierung der Arbeiterklasse für ihre Interessen, offenes Propagieren antikapitalistischer Positionen – fundamentale Kritik des Kapitalismus, verbunden mit der Verteidigung und Rückeroberung demokratischer Rechte. „Die Arbeit in den Gewerkschaften ist die brennendste Frage aller kommunistischen Parteien“. [21]

Innerhalb der Gewerkschaften besteht mit der Ablehnung des Faschismus in Form der Neonazis ein relativ breiter Konsens, allerdings nicht automatisch mit entsprechenden Konsequenzen verbunden. Und vor allem fehlt meist das Bewusstsein, dass es der Klassengegner ist, der die faschistische Bewegung unterstützt, fördert und schützt, um notfalls auf sie zurückgreifen zu können.

Einheit der Aktion und ideologischer Kampf gehören zusammen. Ohne die praktischen Kampferfahrungen kann sich die Arbeiterklasse den wissenschaftlichen Sozialismus nicht aneignen. Wenn sie sich aber den wissenschaftlichen Sozialismus nicht aneignet, wird sie über den täglichen Kleinkrieg nicht hinauskommen. Und solange eine linke Alternative für die Massen nicht sichtbar ist, besteht die Gefahr, dass die Faschisten an Boden gewinnen. Der Kampf muss mit dem Kampf um eine sozialistische Gesellschaft verbunden werden – ohne dass er zur Bedingung der Aktionseinheit wird.

Quellen und Anmerkungen:

[1] Lenin, Bd 16, Berlin 1964, S. 356

[2] Kurt Gossweiler, Kapital, Reichswehr und NSDAP, Köln 2012, S. 41

[3] Kurt Gossweiler, Arbeiterklasse und Faschismus, in: Aufsätze zum Faschismus, Bd II, S. 439

[4] Ebd., S. 441

[5] S. dazu Kurt Gossweiler, Arbeiterklasse und Faschismus, a.a.O., S.465

[6] Clara Zetkin, Der Kampf gegen den Faschismus, Bericht auf dem Erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, 20. Juni 1923, in: Ausgewählte Reden und Schriften, Bd. 2, Berlin 1960, S. 690

[7] S. Sebastian Carlens, Stützen und Reserven der Herrschaft des Kapitals, T&P 22, S. 13; Der Austausch der sozialen Hauptstütze, T&P 22, S. 15; Renate Münder, Zur Theorie der sozialen Hauptstütze, T&P 33, S. 10

[8] Reinhard Opitz, Liberalismus, Faschismus, Integration, Bd. II, Faschismus, S. 422

[9] Georgi Dimitroff, Arbeiterklasse gegen Faschismus, Bericht auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale, 2. August 1935, in: Ausgewählte Schriften, Bd. 2, Berlin 1958, S. 523 ff. Das Wesen des Faschismus darf nicht nie auf die Hitler-Diktatur reduziert werden. Es gibt große nationale Unterschiede zwischen faschistischen Staaten, selbst der Fortbestand des Parlaments ist möglichgewesen. Neben dem Faschismus mit Massenbasis gibt es auch einen anderen Typ faschistischer Herrschaft, die Militärdiktatur, wie sie erstmals in Ungarn 1920 errichtet wurde.

[10] Reinhard Opitz, Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg – 40 Jahre danach. Liberalismus, Faschismus, Integration, Bd. II, S. 571

[11] Renate Münder, Notstand der Demokratie – Staatsumbau gegen die Arbeiter- und demokratische Bewegung, MB 6/2010; Renate Münder, T&P 22, Militarisierung der Innenpolitik, S. 9, und Vorbereitungsetappen zum Faschismus?, S. 11

[12] S. Philipp Becher, in T&P 36, S. 15

[13] G. Dimitroff, a. a. O

[14] Reinhard Opitz, Nie wieder Faschismus, wieder Krieg – 40 Jahre danach. Bd. II, S.571

[15] G. Dimitroff, a.a.O.

[16] Gansel, seit 2004 NPD-Abgeordneter in Sachsen und seit April 2012 eines von 19 Mitgliedern des sächsischen NSU-Untersuchungsausschusses

[17] Jürgen Gansel, Der Abschied der Linken von der sozialen Frage, Parteizeitung, Deutsche Stimme‘, Dezember 2006

[18] S. dazu Reinhard Opitz, Zur Entwicklungsgeschichte der Totalitarismustheorie, in: Deppe u. a., Marxismus und Arbeiterbewegung, FfM 1980; und Seta Radin, Unsinniger Antikommunismus, in: Marxistische Blätter, 2/2012, S. 102

[19] ND, 6.1.2012

[20] stern, 4.6.2014

[21] G. Dimitroff, a.a.O.

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