DDR – Meine Heimat

Posted on 11. Oktober 2014 von


hzvon Martina Dost

Da war schon in meiner Jugend ein starkes Gefühl von Geborgenheit. Wie ich heute weiß, entstand es aus der Gewissheit: Ich werde meinen Platz im Leben finden. Im Mai 1953 wurde ich geboren. Ich liebte dieses Land, vor allem Thüringen, weil meine Großeltern dort lebten und sich viele schöne Kindheits- und Jugenderlebnisse einprägten. Dazu gehörten die Wälder, meine Ferienarbeit im LPG-Kuhstall, die Tiere der Großeltern, das Malen-Lernen und die Freiheit, sich ohne Angst auf endlosen Wanderungen in einsamen Wäldern herumzutreiben, in Waldteichen zu schwimmen, zu malen oder zum Fasching zu gehen. Ebenso gern kehrte ich nach Berlin zurück, wo ich aufwuchs und bis 2002 lebte. Das war das Kontrastprogramm – die netten Geschäftsstraßen in unserer angeblichen Mangelwirtschaft mit Stoffläden und Buchhandlungen, die Kinos um die Ecke, gute Filme (sogar aus dem NSW), die Veranstaltungen im Palast der Republik, die Ausstellungen und Theater, die ich mit Schulfreundinnen oder Eltern besuchte. Meine Familie wohnte in Köpenick, dicht an der Natur, an Seen, Feldern und Wäldern, von denen ich das Gefühl hatte, sie gehörten auch mir. So war es ja auch – Volkseigentum oder Genossenschaften.

Hinzu kam, dass ich gern zur Schule ging, mich mein Studium der Volkswirtschaft brennend interessierte und dass ich sehr gern arbeiten ging. Vor dem Studium saß ich als Lehrling in der Konfektionsindustrie in drei Schichten am Band, was eine äußerst stumpfsinnige Tätigkeit ist. Danach arbeitete ich als Ökonomin und später als Wirtschaftsjournalistin beim Rundfunk. Nach diesem Beruf suchte ich längere Zeit, es gab auch Arbeitsstellen, auf denen ich unterfordert war und mich langweilte. Das lag aber nicht an der „SED-Diktatur“, sondern eher an persönlichen Eigenschaften einiger Leiter. Die Praxis war nicht immer so, wie sie theoretisch hätte sein können. Wir redeten zu Hause viel über Arbeit und Politik, und da mein Vater stellvertretender Minister war, bekam ich von strategischen Fehlentscheidungen in der Wirtschaft einiges mit. Das Studium, vor allem des „Kapitals“, prägte mich stark, was wissenschaftliches Denken und Klarheit einer Weltanschauung betrifft. Von zu Hause und in der Schule war ich so erzogen, dass man etwas Nützliches für die Gesellschaft tut. Die Arbeit kam im Leben an erster Stelle, vor dem Privaten und vor dem Hobby Malen. Das Gefühl des Gebrauchtwerdens, die Kollegialität untereinander, das Zusammengehörigkeitsgefühl beim gemeinsamen Lösen sinnvoller Aufgaben kann das Arbeiten auch schon vor dem Kommunismus zum ersten Lebensbedürfnis machen. Hier entwickelt sich der Mensch – charakterlich, menschlich und intellektuell – in einer Gesellschaft, in der die Arbeit allen dient. Wir wussten viel über unser Privatleben, stützten uns gegenseitig bei Problemen. Wir waren ein Kollektiv, kein Team. Berufstätigkeit sicherte mein eigenes Einkommen und damit Unabhängigkeit vom Partner. Zumeist war ich alleinerziehend mit meiner Tochter, die geboren wurde, als ich 25 Jahre alt war. Es gab Jahre, wo ich als Mutter mit dem Gedanken spielte, nur halbtags zu arbeiten. Aber meine Arbeit wäre weniger interessant gewesen. Es gab ja die Großeltern, die einsprangen. Der Alltag war manchmal hart, ich kam abgespannt nach Hause. Aber ich wusch und bügelte z. B. niemals meine große Wäsche, das Dienstleistungskombinat war um die Ecke, ebenso Kindergarten und Schule, Poliklinik, Post, Kaufhalle, Studio „Bildende Kunst“ mit meinem Zeichenzirkel, Kinos. Ich schaffte es immer, an den Wochenenden mit meiner Tochter etwas Kindgemäßes zu unternehmen, zu schwimmen oder zu wandern oder in die Pilze zu gehen, zu malen und was Gutes zu kochen. Nur der Trabant wurde selten geputzt. Ich hatte viel innere Ruhe für meine Interessen. Welche Alleinerziehende kann heute zweimal im Jahr mit ihrem Kind in Urlaub fahren? Es gab für mich keine Sorgen, die gesellschaftlich bedingt waren.

Abgewickelt, arbeitslos …

Nach der Wende wurde ich bald arbeitslos und wusste einfach nicht, wo ich mich bewerben sollte. An die gewandelten Ostmedien, die plötzlichen die DDR schlecht machten, wollte ich mich nicht anpassen. Also durchlief ich den für ein paar Millionen üblichen Teufelskreis zwischen unzähligen, berufsfremden Bewerbungen, miesen Umschulungen und sinnfreien ABM-Stellen, die mit Hilfe der Arbeitsämter nur dem Träger Profit brachten. Lange war mir nicht klar, dass ich mit 38 Jahren bereits das Verfallsdatum einer Frau im Kapitalismus erreicht hatte. Somit war der schlimmste Verlust der eines sinnerfüllten Lebens schon in jungen Jahren mangels „Anschlussverwendung“. Die extreme psychische Belastung der Langzeitarbeitslosigkeit wird gesellschaftlich nicht ernst genommen. Eroberer beseitigen ja immer zuerst die Intelligenz, nur mussten sie uns nicht vergasen, es genügte, die finanzielle Existenzgrundlage unter einem Minimum zu halten, und uns so an den sozialen Rand zu drängen. Statt nützlicher Arbeit und Solidarität kam es allmählich zur sozialen Isolation.

Die transparenten, von Humanismus geprägten Gesetze der DDR wichen einer Sozial-Gesetzgebung, die spätestens seit Hartz-IV faschistische Züge trägt, die der Willkür der Beamten in den Jobcentern und sonstigen sozialen Ämtern Tür und Tor öffnet. Amtsmitarbeiter bestimmen über ABM und Umschulungen, knapsen stets Geld ab, obwohl der Regelsatz ohnehin zu gering ist. Arbeitslose dürfen keine anerkannten Abschlüsse an staatlichen Hoch- oder Fachschulen anstreben, dann entfällt die Unterstützung. Arbeitsämter erlauben Ortsabwesenheit oder auch nicht, sie bestimmen Wohnungsgrößen, legen möglichst viele Steine in den Weg. Nur eins haben sie in über 20 Jahren nie getan: mir eine Arbeit angeboten. Diese Politik wird von unseren Mitmenschen durchgesetzt. In meiner jetzigen Gegend sind die nicht mal aus dem Westen. Erstaunlich, wie lernfähig viele gewendete DDR-Bürger waren. „Wir setzen um!“ beschied mir unsere neue Sozial-Amtschefin im Landratsamt Seelow, als ich mich 2013 über die 2010 mit den Stimmen der so genannten Linken beschlossene Kürzung der Unterkunftszuschüsse für Hartz-IV und Wohngeldempfänger beschwerte.

Soviel Dummheit braucht das Land. Der Kleinstadtklüngel bestimmt die Politik und versorgt sich selbst mit Arbeitsplätzen und Nebeneinkünften. Somit tauschte ich soziale Sicherheit und sorgenfreies Leben gegen Geldmangel und Amtsschikanen bis ans Lebensende. Denn auch an der Rente wird hinter meinem Rücken ständig geknapst. In der DDR hatte ich die Gesetze auf meiner Seite – heute tut nicht mal das Sozialgericht was für Leute wie mich.

… im fremden Land

Hinzu kam der Verlust der Heimat. Ich kam mir – vor allem in der ersten Jahren in der BRD – vor wie in der Emigration im eigenen Land. Auch jetzt fühle ich mich nur noch in meiner Wohnung und meinem kleinen Garten zu Hause. Der Adel hat seine Felder, Wälder, Seen und Herrensitze zurückbekommen, die LPGen sind aufgelöst, statt florierender Landwirtschaft herrscht Monokultur, Umweltzerstörung, Artensterben, Tierquälanstalten, keine Arbeit, Armut, wenige Reiche, kaum Kinder, keine Jugend, wenig Ärzte, kein Kino, keine Dorfläden, keine brauchbaren Verkehrsmittel, vergammelte Wege – die Region liegt in den letzten Zügen. Und Berlin wird täglich mehr verschandelt, weil es Stadtplanung nicht gibt.

Meine Tochter, heute 35, hatte bisher mehr Glück: als Soziologin und staatlich anerkannte Erzieherin arbeitet sie in einem Berliner Kinderheim. Sie hat keine Angst vor Arbeitslosigkeit: Denn die Eltern der Kinder im Heim – ja, Heimkinder haben heute meist Eltern – sind um die Wende herum geboren und fast alle arbeitslos. Die systembedingten Probleme mit sozial schwachen Familien mehren sich. Doch sozial schwach sind andere: Die Demokratie der BRD spülte eine moralisch verkommene, sich selbst bereichernde, über dem Volk stehende, inkompetente Politikerkaste nach oben, mit Kriegstreibern an der Spitze, gegen die unser bemoostes Politbüro geradezu eine Ausgeburt an Intelligenz und Kompetenz war, und vor allem ging es in der DDR – bei allen Fehlern – um ein besseres Leben für alle Bürger und um Frieden. Die DDR vermittelte humanistische Werte und eine klare wissenschaftliche Weltanschauung. Wir haben sie nicht lebendig und überzeugend genug verbreitet. So kam es z. B. in meinem dörflichen Umfeld zu einem unerträglichen Eintrocknen von Hirnmasse, was zu Ausländerfeindlichkeit, Opportunismus und Hetze gegen die eigen Klasse führt („Arbeitslose in Zwangsarbeit stecken“). Etliche würden bedenkenlos in NATO-Kriege ziehen, wenn sie nicht zu alt wären.

Was bleibt als Lichtblick? Die Linke ist es nicht. Die ist bis an die (Seelower) Basis neoliberal und politisch ungebildet. Für die nach uns Gekommenen ist es noch schwerer, sich marxistisches Wissen anzueignen. Ich fand in der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde einen Platz unter Gleichgesinnten, in dem Arbeitskreis, der sich der Bewahrung von DDR-Kunst widmet. Es gibt von meinem Verein und befreundeten Organisationen viele kluge Bücher und Vorschläge zur Innen-, Außen- und Friedenspolitik – nur nimmt sie keiner der Verantwortlichen in Parteien und Regierung wahr. Der Zusammenbruch der sozialistischen Länder hat uns auf dem Weg zu einer lebenswerten Welt mindestens um Jahrzehnte zurückgeworfen. Aber wir haben wenigstens erfahren, dass es eine menschenwürdige Welt geben kann.

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