DDR-Wirtschaft – ein Pleitesystem oder eine Alternative?

Posted on 11. Oktober 2014 von


dwvon Klaus Blessing*

Die Wirtschaft der DDR wird auch heute noch auf das Gröbste – auch aus „linken Positionen“ – verunglimpft: Mangelwirtschaft, unproduktiv, marode, pleite. Warum? Angesichts des eigenen Totalversagens grassiert die Angst vor der sozialistischen Alternative. Das ehrt uns. Gleichzeitig ist es erforderlich, immer wieder mit Tatsachen den überwiegend groben und primitiven Verleumdungen entgegen zu wirken. Wirklich linke Kräfte, die eine bessere sozialistische Gesellschaft anstreben, haben den Schock der Niederlage des in Europa praktizierten Sozialismus bis heute nicht verwunden. Sie forschen weiter nach noch nicht entdeckten Ursachen des Scheiterns. Eine klare, tiefgreifende Analyse über die Ursachen fehlt jedoch. Das lähmt die Kräfte, um vorwärts weisende Schlussfolgerungen zu ziehen. Auf ökonomischem Gebiet muss eine reale Darstellung der Ergebnisse zum Ausgangspunkt genommen werden.

Welche Ergebnisse hatte die DDR-Wirtschaft aufzuweisen?

Insgesamt wurden volkswirtschaftlich durchaus beeindruckende Ergebnisse in 40 Jahren wirtschaftlicher Tätigkeit erreicht: Die DDR-Wirtschaft entwickelte sich schneller als die der BRD. Im Jahre 1989 war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner gegenüber 1950 in der BRD auf das 4,3-Fache, das der DDR (umgerechnet) auf das 6,2- Fache gestiegen. Das in der DDR als Maßstab wirtschaftlicher Tätigkeit verwendete produzierte Nationaleinkommen (NEK) stieg auf das 10-Fache. Der Rückstand in der gesellschaftlichen Arbeitsproduktivität gegenüber der BRD wurde dadurch verringert. Zum Zeitpunkt des Anschlusses der DDR an die BRD im Jahre 1989 hatte die DDR einen Anteil an der westdeutschen Arbeitsproduktivität von 55 Prozent (vergleichbar in Euro und BIP umgerechnet), also einen Produktivitätsrückstand von noch 45 Prozent. Zu Beginn des Wettlaufs 1950 betrug der Rückstand 60 bis 70 Prozent. Es war gelungen aufzuholen. Ein Angleichen oder gar Überholen erwies sich als Illusion und politisch falsche Orientierung. Die wirtschaftliche Entwicklung der DDR wurde trotz intensiver Störmaßnahmen und einseitiger Belastungen der DDR-Wirtschaft erreicht. Durch einseitige Reparationszahlungen, Abwerbung und Abwanderung in Zeiten der offenen Grenze, innerdeutschen Handel, 1989/90 geraubtes Volksvermögen entzog der Westen dem Osten eine Wirtschaftskraft, die insgesamt einem Wertvolumen von über zwei Billionen DM entsprach. Dieser Ausbeutungsprozess wurde nach der Wiedervereinigung insbesondere durch Abwanderung von über drei Millionen Arbeitskräften weiter fortgesetzt. Im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung wurde durch die DDR eine Reihe international anerkannter wissenschaftlich-technischer Spitzenleistungen vollbracht. Im Ergebnis der wirtschaftlichen Entwicklung erreichte die DDR 1989 im internationalen Vergleich ein Produktivitätsniveau von umgerechnet 12.700 Euro pro Kopf (die BRD 22.500 Euro pro Kopf). Damit reihte sich die DDR an 14. Stelle unter die führenden kapitalistischen Länder ein. Sie lag annähernd gleich auf mit Großbritannien und Italien und deutlich vor Spanien, Griechenland und Portugal.

Die DDR erlangte durch die ökonomische Entwicklung ein Produktions- und Verbrauchsniveau je Einwohner, das auf vielen Gebieten dem der BRD entsprach. In der Ernährung und dem Verbrauch von Alltagsgütern lag es vielfach über dem der BRD, bei technischen Konsumgütern in Quantität und Qualität darunter.

Die DDR hatte zum Zeitpunkt ihrer Angliederung 1989 keine Auslandsschulden. Realen Schulden in kapitalistischen Ländern (Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet – NSW) von 19,9 Milliarden Valuta-Mark standen Guthaben in sozialistischen Ländern (Sozialistisches Wirtschaftsgebiet – SW) umgerechnet von 23,3 Milliarden VM gegenüber. Die innere Staatsverschuldung der DDR war 1989 wesentlich geringer als die der BRD. Der damalige Bundesfinanzminister Waigel sprach im Deutschen Bundestag von einer DDR- Verschuldung von nur 13 Prozent des Bruttosozialprodukts. Das entspricht der Auffassung von DDR-Ökonomen und ergibt umgerechnet maximal 1800 Euro je Kopf der Bevölkerung. Die BRD war bereits damals mit umgerechnet 8100 Euro je Kopf der Bevölkerung verschuldet. Heute beträgt die Staatsverschuldung über 83 Prozent und 25.000 Euro pro Kopf. Der DDR war es nicht möglich, sich wesentlich höher zu verschulden, da ein Eingriff des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank verheerende, das soziale und politische Gefüge zerstörende Folgen gehabt hätte.

Fragestellungen für Marxisten

Es trifft zu, dass Lehren aus einer sozialistischen Planwirtschaft im Rahmen einer kapitalistischen Marktwirtschaft kaum zu ziehen sind. Reformistische Versuche dazu dienen nur dem Ziel, das Bestehende zu erhalten und zu festigen. Wie sieht das aber aus, wenn wir eine neue sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zum Ziel haben? Wenn wir anerkennen, dass eine sozialistische Gesellschaft etwas grundsätzlich anderes darstellt als die vom Profitstreben geprägte Welt des Kapitals, ist es natürlich unumgänglich, diese auch anders zu steuern und zu werten. Es führt deshalb am Ziel vorbei, dem Sozialismus vorzuwerfen, dass manches „unproduktiv“ und „uneffektiv“ war. Jawohl, das war es. Dafür war vieles sozial, und das kostet Aufwand.

Wir stehen also bei der Gestaltung einer künftigen Gesellschaft vor der Frage, wie einerseits die allein das menschliche Leben und Handeln bestimmende Dominanz von Geld und Profit durchbrochen, andererseits jedoch die Verschwendung von Ressourcen unterbunden wird. Für die erste Stufe der kommunistischen Gesellschaft – den Sozialismus – wurde als Hauptaufgabe für die DDR die „immer bessere Befriedigung der materiellen und kulturellen Bedürfnisse auf der Grundlage der höchsten Steigerung der Arbeitsproduktivität“ ins politische Zentrum gestellt. Das Ziel war, letztlich die BRD auf diesem Gebiet zu überholen. Das erwies sich als eine unrealistische und falsche Orientierung. Sozialistische Staaten sollten weder das Überbieten des Konsumtionsniveaus noch der Arbeitsproduktivität führender kapitalistischer Industriestaaten ins Zentrum stellen. Ein Sozialismus im 21. Jahrhundert, der erneut den Versuch unternehmen würde, den Konsumtionsfonds hochentwickelter kapitalistischer Länder und deren Niveau in der Arbeitsproduktivität übertreffen zu wollen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Dieser Versuch sollte überhaupt nicht nochmals unternommen werden. Ein erneuerter Sozialismus im 21. Jahrhundert muss eine andere Zielstellung bekommen. Mit dem von Linken favorisierten Zusatz „demokratisch“ ist der Unterschied nur unvollständig und noch nicht einmal treffend beschrieben.

Wir sollten mit einer Neudefinition der Bedürfnisse des Menschen beginnen, die nicht vorrangig auf den Überfluss materieller Güter abzielen können. Wir sollten den Menschen Ideale vermitteln, mit denen wir sie in die neue Gesellschaft mitnehmen können: Arbeit, soziale Sicherheit und Gerechtigkeit, Zukunftssicherheit, Bewahrung der Natur, wirkliche Mitbestimmung. Natürlich gehört dazu auch ein Konsumtionsniveau, das allen Menschen eine menschenwürdige Existenz ermöglicht, aber eben keine die Umwelt zerstörende Verschwendungswirtschaft kapitalistischer Prägung.

Die Steuerung der Wirtschaft sollte durchaus nach einem makroökonomischen Plan erfolgen. Dieser kann nicht dirigistisch unter Ausschaltung der Eigenverantwortung der wirtschaftenden Einheiten durch „Bilanzauflagen“ umgesetzt werden. Im Rahmen von staatlichen Normativen ist die Eigenverantwortung und Eigeninitiative der Wirtschaftseinheiten nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern zu fördern. Geldkategorien bleiben erhalten, spielen aber nicht die alleinige und dominierende Rolle. Es wird nichts anderes übrig bleiben, als auf Grund realer Aufwandspreise auch in sozialistischen Betrieben den Gewinn als eine zentrale und wichtige Größe anzuerkennen. Wie soll sonst zu einem sparsamen Wirtschaften erzogen werden? Auch die Stimulierung der Leiter und Werktätigen kann und sollte davon abhängen, aber nicht alleiniges Bewertungskriterium darstellen.

Unverrückbar hat sich als Grundbedingung einer sozialistischen Entwicklung die Bewahrung eines hohen Anteils gesellschaftlichen Eigentums erwiesen. Die DDR wurde vorrangig, schnell und umfassend von einer sozialistischen in eine kapitalistische Gesellschaft verwandelt, indem das Volkseigentum geraubt und in Privateigentum überführt wurde. Dieser Prozess muss wieder umgekehrt werden. Vor dieser Aussage drückt sich Die Linke. Formulierungen über die „Verfügungsgewalt“ und „Demokratisierung der Wirtschaft“ helfen da nicht weiter. Verfügen tut der, der besitzt. Die konkrete Ausgestaltung der sozialistischen Ökonomie wird wie kaum ein anderes Feld ein Gebiet sein, wo abhängig von den konkreten historischen Bedingungen Schritt für Schritt Erfahrungen gesammelt und umgesetzt werden.

Die sozialistische Zukunft

Weiterführende Gedanken dazu übersteigen den Rahmen dieses Artikels. Ich verweise auf die ersten Zeilen meines neuen Buches „Die sozialistische Zukunft – Kein Ende der Geschichte – Eine Streitschrift“: „Die Menschheit steckt in der Sackgasse. Getrieben von der unersättlichen Profitgier des Kapitals treibt sie dem Abgrund entgegen. Umweltkatastrophen zerstören den Lebensraum. Armut, Hunger, Krankheit vernichten täglich tausende Menschenleben. Kriege breiten sich auf dem Planeten aus. Finanzkrisen rauben Millionen Menschen die Existenz. Jedem denkenden Menschen müsste klar werden: Ein ,Weiter so‘ führt zum Absturz. Einige Wendungen und Bremsversuche reichen nicht, um diesen zu verhindern. Den Rückwärtsgang einlegen funktioniert nicht. Was die Menschheit benötigt, ist eine generelle, vorwärts weisende Richtungsänderung, einen neuen Weg. Objektiv haben die Widersprüche eine nie dagewesene Schärfe erreicht. Subjektiv sind nach einer aktuellen Umfrage der weltweit nur elf Prozent der Befragten der Auffassung, dass der Kapitalismus in seiner derzeitigen Form funktioniert. 70 Prozent der Befragten aus 24 Ländern wünschen sich eine ,grundlegende Neuordnung des Wirtschaftssystems‘. Mit ,Wünschen‘ verändern wir aber die Welt nicht. Dazu bedarf es eines realistischen gesellschaftlichen Ziels und einer einigenden Kraft.“

* Dr. Klaus Blessing, Vizepräsident des „Ostdeutschen Kuratoriums der Verbände“ e.V.; in der DDR u. a. Staatssekretär des Ministeriums für Erzbergbau, Metallurgie und Kali, sowie Leiter der Abteilung Maschinenbau und Metallurgie im ZK der SED.

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