Gera – Geisterstadt tief im Osten

Posted on 11. Oktober 2014 von


gevon Ralf Jungmann

„Was ist hier gewesen? / Wo ist all das Leben? / Die Geisterstadt beginnt hier tief im Osten!“

Mit diesen Zeilen bringt es der Musiker Clueso kurz und knapp auf den Punkt, wohin die Konterrevolution auf dem Gebiet der ehemaligen DDR geführt hat. Knapp 25 Jahre nach dem Ende des Sozialismus zeigt sich, was aus den von Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ geworden ist: Infolge der so genannten Wiedervereinigung ist in Ostdeutschland ein Schrumpfungsprozess in Gang gekommen, der in seinem Umfang erhebliche und bisweilen dramatische Folgen hat.

Im Folgenden soll am Beispiel der in Ostthüringen liegenden Stadt Gera aufgezeigt werden, welche Auswirkungen diese Entwicklung zu einer „Geisterstadt“ hat. Dabei sollen anhand konkreter Fakten die Verhältnisse während und nach den Zeiten der DDR kontrastiert werden. Denn an die vergangenen Zeiten erinnern hier heute nur noch die im Stadtbild sichtbaren – inzwischen tatsächlichen, aber im Wortsinn „blühenden“ – Industrieruinen.

Abwicklung der Großbetriebe

Gera war zu DDR-Zeiten eine bedeutende Bezirkshauptstadt mit einer hohen industriellen Dichte. In den Bereichen Bergbau, Textilindustrie, Werkzeugmaschinenbau, Elektronik und Feinmechanik/Optik gab es viele Großbetriebe und Kombinate, die das Stadtbild prägten. In einzelnen Betrieben waren bis zu 5000 ArbeiterInnen beschäftigt. Gera galt als das administrative Zentrum Ostthüringens. Betriebe wie der VEB Textilmaschinenbau stellten Produkte für mehr als 45 Länder her. Andere Großbetriebe, wie etwa der VEB Carl Zeiss Jena, waren mit ihrer Roboter- und Handhabetechnik für die gesamte DDR von großer Bedeutung. Infolge der politisch motivierten Deindustrialisierung in Ostdeutschland kam es auch in Gera innerhalb von nur zwei Jahren, zur umfangreichen Abwicklung der Großbetriebe. Die Stadt verlor somit innerhalb kürzester Zeit ihre hohe Bedeutung als Industriestandort. Sie ist heute zu fast 90 Prozent von Kleinunternehmen geprägt.

Arbeitslosigkeit

Zu DDR-Zeiten bestand mit dem verfassungsrechtlichen Grundrecht auf Arbeit eine fast 100-prozentige Vollbeschäftigung. Alle Jugendlichen erhielten eine Lehrstelle bzw. einen Studienplatz. In Gera sah das im Jahre 1984 wie folgt aus: Von den ca. 75.000 ArbeiterInnen hatten 86 Prozent eine Berufsausbildung, sieben Prozent einen Hochschul- und 64 Prozent einen Facharbeiterabschluss. [1]

Mit der Abwicklung der volkseigenen Betriebe und der völligen Umstrukturierung der ostdeutschen Wirtschaft sank in Gera die Zahl der ArbeiterInnen im industriellen Sektor von 30.000 auf 3000 [2]. Bis heute gehen die Beschäftigtenzahlen in diesem Bereich weiter zurück. Es stellte sich mit dem massiven Beschäftigungseinbruch eine bis dahin nicht gekannte Arbeitslosigkeit ein, die mittlerweile bei 15 bis 20 Prozent liegt. Dabei machen Langzeitarbeitslose 35 Prozent der Gesamtarbeitslosen aus. Einen weiteren Hinweis auf den sozialen Abstieg, den die Beschäftigten hinnehmen mussten, geben die Zahlen zur SGB-II-Quote. Im Jahre 2011 lag diese laut Arbeitsagentur bei 18 Prozent, d. h. fast jeder fünfte Einwohner war nach SGB II hilfsbedürftig. Die Zahl bei den unter 15-Jährigen lag sogar bei 30 Prozent [3]. Demnach muss fast jedes dritte Kind unter der Armutsgrenze leben.

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse

Seit 1990 gehen die Zahlen der Sozialversicherungspflichtigen (SV) in Ostdeutschland kontinuierlich zurück. In Gera sanken die SV-Beschäftigungen zwischen 2000 und 2011 um mehr als 17 Prozent. Dabei hat auch die Zahl der Vollzeitbeschäftigten in Gera – wie in ganz Thüringen – stark abgenommen. Demgegenüber ist der Anteil der Teilzeitbeschäftigten kontinuierlich angestiegen [4]. Sie haben mit erheblichen Lohneinbußen gegenüber Vollzeitbeschäftigten zu kämpfen. Darüber hinaus erhalten die Beschäftigten in Thüringen rund sechs Euro (ca. 32 Prozent) weniger Stundenlohn als in den alten Bundesländern. [5]

Insgesamt waren in Gera im Jahre 2012 46 Prozent aller Beschäftigten in prekären Beschäftigungsverhältnissen tätig [6]. Auch die Zahl der so genannten AufstockerInnen, die zumeist in Vollzeit arbeiten, deren Einkommen aber nicht ausreicht, um ihr Existenzminimum zu gewährleisten, ist in den letzten Jahren auf über 3100 angestiegen [7]. Nicht zu vergessen sind die geringfügig Beschäftigten, die im Durchschnitt mit 145 bis 290 Euro brutto auskommen müssen. In Gera gab es im Jahre 2011 schon über 7000 von ihnen. Insgesamt betrachtet hat sich in Gera seit 1990 eine umfassende Prekarisierung der Arbeitswelt herausgebildet, die schon heute und erst recht im Alter für die Betroffenen dramatische Auswirkungen hat.

Dramatische Bevölkerungsentwicklung

Gera stand im Jahre 1988 mit 135.000 EinwohnerInnen auf dem historischen Höhepunkt seiner Bevölkerungsentwicklung. Heute kaum noch vorzustellen: Damals bestand Wohnungsmangel. Ab 1972 setzte deshalb ein umfangreicher Wohnungsbau ein. Es entstanden Neubauten in Form von Plattenbauten in Lusan (1989: ca. 35.000 EinwohnerInnen) und Bieblach (ca. 17.000 EinwohnerInnen), die zu zwei Drittel mit Arbeiterfamilien belegt waren [8]. Bis 1990 war das Stadtbild von großen und teilweise neu entstandenen Betrieben und Wohngebieten sowie der angeschlossenen Infrastruktur geprägt.

Diese Situation änderte sich nach dem Ende der DDR vollkommen. Gera verlor innerhalb von 20 Jahren 26 Prozent seiner EinwohnerInnen. Unter den 15- bis 25-Jährigen kam es sogar zu einem Rückgang von ca. 40 Prozent. Laut Zukunftsprognosen der Stadt werden 2030 nur noch 77.214 Menschen in Gera wohnen, was einen weiteren Rückgang von 22 Prozent darstellt Auch das Durchschnittsalter wird weiter ansteigen. Die zu DDR-Zeiten weitestgehend junge Stadtbevölkerung alterte auf durchschnittlich 48 Jahre im Jahre 2010 und wird im Jahre 2030 voraussichtlich bei 54 Jahren liegen [9]. Wo einst Jugendzentren, Sportanlagen und viele Schulen das Stadtbild prägten, sind es heute Senioreneinrichtungen. Die Einwohnerverluste führten dazu, dass die Stadt von einem enormen Wohnungsleerstand betroffen ist. So lag die Leerstandsquote im Jahre 2009 bei durchschnittlich 19 Prozent [10]. Der Wohnungsleerstand und die brachliegenden Flächen werden mit umfangreichen Abriss- und Rückbaumaßnamen bekämpft. Allein in Lusan wurden bis 2012 insgesamt 3405 Wohneinheiten zurückgebaut. [11]

Ausbluten der Infrastruktur

Die (Groß-)Betriebe in Gera waren – wie in der gesamten DDR – nicht nur Arbeitsplatz, sondern sie hatten auch eine außerordentlich hohe Bedeutung für die Lebensgestaltung der Gesamtbevölkerung. Die sozialistischen Brigaden, Betriebsgruppen, Konfliktkommissionen usw. sorgten für eine Einbindung in das Kollektiv von ArbeiterInnen. Daneben waren die Betriebe für die Sozialpolitik der DDR enorm wichtig. Gemeinsam mit den Fachabteilungen der Städte und Gemeinden sorgten sie für ein subventioniertes Netz von Infrastruktureinrichtungen, die vom Gesundheitsbereich über den Kultur- und Freizeitsektor bis hin zum Bildungswesen reichten [12]. Dementsprechend waren auch Geras Stadtteile geprägt von vielfältigen schulischen, sozialen und kulturellen Einrichtungen. Allein in Lusan gab es elf Schulen, 14 Kindereinrichtungen, drei Jugendclubs, zehn Turnhallen, eine Ambulanz, zwei Pflegeheime. [13]

Mit dem Verschwinden der Großbetriebe gingen die Betriebskollektive verloren, und große Teile der Infrastruktur verschwanden. In Gera wurden im Bildungsbereich zwischen 1995 und 2011 17 Schulen geschlossen [14]. Hatte die Stadt zu DDR-Zeiten aufgrund ihres Anwachsens noch Probleme damit, genügend Bildungseinrichtungen rechtzeitig auf- und auszubauen, sind die Probleme heute ganz andere: Schulen (vom Förderzentrum bis zum Gymnasium) und Wohnheime, in denen einst Tausende von jungen ArbeiterInnen ausgebildet wurden, sollen abgerissen werden. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Blick auf die Bibliotheken: Von den einst 43 Bibliotheken zu DDR-Zeiten sind heute nur noch zwei übrig [15]. Auch die einst in der ganzen Stadt vorhandenen Jugendeinrichtungen wurden fast vollständig geschlossen. Nur mit großer Mühe konnte nach einer längeren Schließungsphase das Aus des letzten Jugendclubs im Stadtzentrum noch abgewendet werden [16]. Ebenfalls geschlossen wurden mehrere Schwimmhallen (einst für ArbeiterInnen kostenlos zugänglich) sowie das einzige Freizeitbad in der Stadt. Welche gefährlichen Folgen diese Entwicklung haben kann, zeigt sich schon daran, dass Neofaschisten hier ansetzen: Eigene Nazi-Läden und unterwanderte Sportvereine dienen dabei als „soziale Orte“, die gezielt auf (perspektivlose) Jugendliche ausgerichtet sind.

Der Pleitegeier über Gera

Seit Anfang des Jahres 2014 ist Gera aufgrund seiner sich zuspitzenden Finanzsituation bundesweit in den Medien. Die Flugbetriebsgesellschaft, die Geraer Stadtwerke und die Geraer Verkehrsbetriebe GmbH mussten im Juni Insolvenz anmelden. Es ist bundesweit die erste Pleite einer öffentlichen Verkehrsgesellschaft, die jetzt, wie große Teile der öffentlichen Daseinsvorsorge, in den Händen eines Insolvenzverwalters liegt. Hintergrund der Zahlungsunfähigkeit sind unter anderem die jährlich festgeschrieben Garantiezahlungen für Konzerne, die an profitablen Bereichen der Stadtwerke beteiligt sind – wie etwa der französische Energiekonzern GDF Suez, dem jährlich 300.639 Euro zustehen. [17]

Die Stadt muss neben dem insolventen Stadtunternehmen derzeit auch noch mit dem eigenen in den letzten 20 Jahren immer weiter steigenden Schuldenstand von ca. 120 Mio. Euro umgehen. Die Kassen sind leer, und so hatte die derzeitige Oberbürgermeisterin im Jahre 2012 eine totale Haushaltssperre verhängt. Seitdem müssen alle Ausgaben ab 500 Euro von ihr selbst bewilligt werden. Nur mit Krediten und Liquiditätshilfen vom Land konnte bisher die Infrastruktur aufrecht erhalten werden [18]. Es stellt sich bei der sich weiter zuspitzenden Situation die Frage: Wie lange rollen die Busse und Straßenbahnen noch?

Quellen und Anmerkungen:

[1] Embersmann, H. (1987): Gera: Geschichte der Stadt in Wort und Bild. Berlin, S. 264

[2] Frölich v. Bodelschwingh, F. / Hollbach-Grömig, B. / Reimann, B. (2010): Demografischer Wandel. Kommunale Erfahrungen+ Handlungsansätze. Berlin, S. 28–33

[3] Bundesagentur für Arbeit Altenburg-Gera (2012): Arbeitsmarktdossier für die Stadt Gera, S. 12

[4] Thüringer Landesamt für Statistik, Kategorie: Arbeitsmarkt/Erwerbstätige für die Stadt Gera, http://www.tls.thueringen.de/datenbank/oertlich1.asp?auswahl = krs&nr=52

[5] Kühn, W. (2009): Studie: Löhne in Thüringen. Erfurt, S. 13

[6] Die Linke Stadtverband Gera (2013): 46,3 Prozent der Beschäftigten in Gera arbeiten zu Niedriglöhnen, http://www.die linkegera.de/index.php?id=31899&no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=49922&tx_ ttnews [backPid]=31897.

[7] Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage verschiedener Abgeordneten der Linken, Drucksache 17/11503,Regionale Entwicklung atypischer Beschäftigung,http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/119/1711968.pdf, S. 30

[8] Mestrup, H. (2004): Zur Geschichte des Bezirkes Gera (1952–1990), http://www.lzt-thueringen.de/files/geschichtebezirkgera.pdf, S. 3

[9] Stadtverwaltung Gera (2011): Demografie-Steckbrief, http://www.serviceagentur-demografie.de/uploads/media/Steckbrief_Stadt_Gera_02.pdf

[10] Thüringische Landeszeitung vom 27.03. 2009: 19 Prozent Leerstand in Gera

[11] Stadtverwaltung Gera (2012): Behördenwegweiser Gera. Fellbach, S. 91

[12] Schäfer, U. (1996): Veränderungen in der wohnungsnahen Infrastruktur. In: Strubelt, Wendelin et al.: Städte und Regionen. Räumliche Folgen des Transformationsprozesses. Opladen, S. 329

[13] Stadtverwaltung Gera (2012): Behördenwegweiser Gera, S. 90

[14] Thüringer Landesamt für Statistik, Kategorie:Bildung/Kultur für die Stadt Gera

[15] Embersmann, H. (1987): Gera, S. 263

[16] OTZ (2012): Stadt Gera zieht Schließung des C-One zurück, http://gera.otz.de/web/lokal/kultur/detail/-/specific/Stadt-Gera-zieht-Schliessung-des-C-One-zurueck-537524077

[17] Zschächner, R. (2014): Gewinn trotz Verlust. In: jW vom 23./24.08.2014, S. 4

[18] Bonath, S. (2014): Infrastruktur in Gefahr. In: jW vom 07.07.2014, S. 4

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