Mit Marx-Mystifikation „über Marx hinaus“

Posted on 11. Oktober 2014 von


kmvon Fritz Dittmar

Zu Inge Humburg: „Verwertungsbasis des Kapitals untergraben?“

Inges „Gründe, keinen Bock auf die Ergüsse der Krisis Gruppe zu haben“, teile ich. Zu den „zwei Punkten in der Theorie (der Autoren Lohoff und Trenkle*), die uns in der Erkenntnis der heutigen Wirklichkeit weiterbringen könnten, mindestens aber die Auseinandersetzung lohnen“, hat Stephan Müller das Nötige gesagt: Dass auf Grund des Produktivkraft-Schubs der „Informations- und Kommunikationstechnologie“ dem Kapital die Arbeit ausgeht, bleibt eine Behauptung, die die Autoren weder belegen noch auch nur plausibel machen.

Auch das Versprechen, „Mit Marx über Marx hinaus“ „die grundlegende marxistische Analyse auf Wertebene mit den schillernden (…) Blüten des (…) Handelns mit ,Finanzprodukten‘ zu verbinden“, lösen sie nicht ein. Das liegt aber nicht nur daran, dass sie Lenins Imperialismus-Analyse ignorieren, sondern bereits in ihrer Anwendung des Wertbegriffs. Das möchte ich im Folgenden darstellen.

Fiktives Kapital und Wert

Die zentrale Kategorie der Autoren ist das „fiktive Kapital“. Sie fragen: „Welche Stellung haben die Finanzmärkte und die dort als Waren gehandelten Besitztitel (…) inne? Bedeutet die Ausgabe von Aktien oder die Gewährung von Krediten eine Mehrung des gesamtkapitalistischen Reichtums, oder ist das nicht der Fall?“ Die Autoren merken dazu an, dass zwischen „Waren erster und zweiter Ordnung“ zu unterscheiden sei. „Waren erster Ordnung“ haben außer dem Wert, einer Menge abstrakten gesellschaftlichen Reichtums (d. h. gesellschaftlicher Arbeitszeit), auch noch eine „stofflich-sinnliche Komponente“ (d. h. einen Gebrauchswert), während Waren zweiter Ordnung nur „gesellschaftliche Chiffren“ (?) sind. Die Autoren charakterisieren also ihre „Waren zweiter Ordnung“ nicht durch das, was sie zusätzlich zu den „klassischen Waren“ auszeichnet, sondern dadurch, was ihnen angeblich fehlt, der Gebrauchswert.

Marx und Engels dagegen haben die „stofflich-sinnliche Komponente“ der Waren nicht eng auf einen Nutzen für ein rational nachvollziehbares Bedürfnis wie Ernährung, Kleidung, Wohnung eingeschränkt. Wenn Dagobert Duck beim Anblick seines Aktienpakets in Ekstase gerät, haben die Aktien einen Gebrauchswert.

Die Autoren fassen den (angeblichen) Unterschied der Waren erster und zweiter Ordnung so zusammen: „Wenn ein Geldkapitalbesitzer eine bestimmte Geldsumme gegen das verbriefte Versprechen weggibt, zu einem späteren Zeitpunkt eine größere Geldsumme zu erhalten, ist damit nicht nur eine zusätzliche Ware entstanden, (…) diese Ware vermehrt den aktuell vorhandenen kapitalistischen Reichtum (!), denn mit ihr hat sich zusätzliches Kapital gebildet, das vor dem Tauschakt noch nicht existiert hat.“ Danach hätten die „Waren zweiter Art“ die Eigenschaft, Reichtum oder Wert zu enthalten, der ohne Arbeit entstanden ist. Tatsächlich aber hat der Aktienkäufer oder Kreditgeber sein „ruhendes“ Geld in Kapital verwandelt; aber Reichtum vermehrt (also neuen Wert erzeugt) hat er nicht.

Wertschöpfung durch Aktienausgabe?

Diese Vermehrung von Wert oder „Reichtum“ aus nichts ist eine (Selbst-)Täuschung, oder vielleicht sollte man sagen, ein Taschenspielertrick: „zusätzliches Kapital“ wird als vermehrter „Reichtum“ bezeichnet.

Gibt ein Kapitalist zusätzlich zu seinen eigenen hundert Millionen Euro Geldreserven für die Gründung einer Fabrik Aktien im Wert von weiteren hundert heraus, so entsteht ein Kapital von zweihundert Millionen aus zweihundert Millionen Geldreserven, die vorher zur Hälfte in der Hand des Fabrikgründers und zur anderen Hälfte in den Händen der Aktienkäufer vorhanden waren, aber noch nicht als Kapital fungierten. In diesem Akt wird bereits vorhandener Wert mobilisiert, aber kein Cent an neuem Wert geschaffen. Das geschieht erst danach, wenn es ans Akkumulieren geht: Die 200 Millionen Geld verwandeln sich in Fabrikanlagen, Rohstoffe und bezahlte Arbeitskraft und werden vernutzt und in Waren im Wert von 220 Millionen verwandelt. Von den 20 Millionen stehen den Aktionären zehn Millionen zu und können entweder als Dividende ausgeschüttet werden oder verbleiben in der Fabrik und erhöhen den Wert der Fabrik und somit den Wert der Aktien.

Die von den Autoren zitierte Formulierung von Marx: „Durch das doppelte Dasein derselben Geldsumme als Kapital“ bedeutet nicht eine tatsächliche Verdopplung (der Wertsubstanz), sondern eine fiktive. Für die Aktienbesitzer bedeutet sie eine Teilhabe am Eigentum der Firma und eine entsprechende Beteiligung an ausgeschütteten Profiten, für den Fabrikgründer eine zusätzliche Verfügung über das Kapital der Aktionäre, ohne die Möglichkeit, diese Anteile zu verkaufen. Die Beteiligung der Aktionäre an grundlegenden Entscheidungen über die Führung der Firma ist durch das Aktienrecht geregelt.

Dem widerspricht nicht, dass die Aktie „auf dem Finanzmarkt gehandelt werden kann“. Wird eine Aktie verkauft, so verwandelt sich das „ruhende“ Geld des Käufers in fungierendes Kapital, und das Kapital des Verkäufers verwandelt sich zurück in Geld, das nicht mehr als Kapital fungiert. Der Wert des Aktienkapitals wird also nicht real, sondern eben fiktiv verdoppelt, es wird in seinen Aspekten Eigentum und unmittelbare Verfügungsgewalt aufgespalten. Als Kapital fungieren kann es nur in der Hand des Fabrikgründers, verkauft werden kann es nur durch den Aktionär. Dabei bleiben unabhängig vom Besitzerwechsel der Wert der Fabrik und der Wertanteil der Aktien unverändert.

Wertschöpfung und Kredit

Entsprechendes gilt für andere Formen des „fiktiven Kapitals“, etwa für Bankkredite. Hierbei erwirbt der Kreditgeber, etwa die Bank, kein Eigentum an der Fabrik des Kreditnehmers. Dieser kann nach Gewährung des Kredits darüber im Prinzip frei verfügen, sogar die kreditfinanzierte Fabrik verkaufen. (Solche „Verwendung“ des Kredits kann durch Zusatzvereinbarungen bei der Kreditvergabe geregelt oder sogar ausgeschlossen sein, muss es aber nicht). Was er unbedingt muss, ist, zum vereinbarten

Termin den Kredit zuzüglich der vereinbarten Zinsen zurückzahlen. Auch hier gilt: Der Kredit bleibt als Anspruch Eigentum des Kreditgebers, über die Verwendung entscheidet der Kreditnehmer. Von einer Verdopplung des Kapitals ist auch hier keine Rede. Die Zinsen stellen für den Kreditgeber seine Profitquelle dar, sie sind vorab festgelegt, unabhängig davon, ob der Kreditnehmer den erwarteten Profit erzielt. Risiko und Chance auf zusätzlichen Profit liegen hier stärker auf Seiten des Kreditnehmers als bei dem Aktienverkäufer.

Wertschöpfung ohne Arbeit?

Die Autoren behaupten jedoch, dass der vergebene Kredit ebenfalls auf Seiten des Kreditgebers über die Zinsen hinaus Profit erzielen könne. Wie das gehen soll, mit dem Anspruch auf Kredit-Rückzahlung weiteren Profit zu erzielen, verraten sie leider nicht. Der Wert des Kredits oder der Aktie steckt in der Fabrik fest, und man kann ihn nicht ein zweites Mal verleihen oder sich etwas anderes dafür kaufen, ohne vorher die Aktie zu verkaufen oder den Kredit zurückgezahlt zu erhalten. Selbstverständlich kann der Aktienbesitzer seine Aktie oder der Kreditgeber seinen Kreditbrief weiter verkaufen. Damit würde aber kein neues Kapital entstehen, sondern nur das Geld des Käufers sich in Kapital verwandeln und das Kapital des Verkäufers in „ruhendes“ Geld zurückverwandeln.

Die Autoren dagegen behaupten sogar, dass es mit der Kapitalverdopplung durch Kreditvergabe noch nicht sein Bewenden habe. Erfolge die Kreditvergabe über mehrere Stufen, so trete die Verdopplung mehrfach ein. Tatsächlich handelt es sich um eine Wiederholung des logischen Fehlers, die Aufspaltung in Eigentum und Verfügungsgewalt bei der Kreditvergabe mit einer Verdopplung des Werts zu verwechseln. Sollte das die Autoren nicht überzeugen, möchte ich ihnen folgende Geschäftsidee vorschlagen: Lohoff und Trenkle gewähren sich wechselseitig einen Kredit von 1000 Euro. Anschließend verleihen sie den Kredit an den anderen Autor zurück und zusätzlich auch noch das „Spiegelbild der Ausgangssumme“, den Eigentumsanspruch an dem vergebenen Kredit. Danach hat jeder von ihnen Anspruch auf die zuerst verliehenen 1000 Euro und zusätzlich auf die 1000 Euro aus dem Verleihen des Anspruchs auf Rückzahlung aus dem ersten Kredit, den sie jetzt verliehen haben. Durchlaufen sie diesen Prozess der „Verdopplung“ des fiktiven Kapitals nur zehnmal, sind sie anschließend Millionäre und brauchen sich um den Absatz ihres Buchs keine Sorgen mehr zu machen.

Zitate aus dem Buch von Lohoff/Trenkle sind kursiv gesetzt, Zitate aus den Texten von Humburg/Müller in Normalschrift

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