China und der Dollar

Posted on 19. Dezember 2014 von


bank-of-chinavon Lucas Zeise

Mitte dieses Jahres erreichten die von der Zentralbank Chinas gehaltenen De­visenreserven knapp vier Billionen (also 4.000.000.000.000) Dollar. Fünf Jahre zu­vor war die Summe noch halb so groß. Der Währungsschatz der Volksbank Chinas, wie die Zentralbank offiziell heißt, ist der bei weitem größte Schatz an Vermögenswerten, der von irgend­einem Staat dieser Erde gehalten wird. Die nach China größten Devisenreser­ven halten derzeit nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) Japan (1,25 Bill. $), Saudi-Arabien (733 Mrd. $), die Schweiz (521 Mrd. $) und Russland (432 Mrd. $).

Die Volksbank Chinas macht selbst keine Angaben, in welcher Form und welchen Währungen die Reserven ge­halten werden. Noch vor zehn Jahren bestand der weit überwiegende Teil der Reserven aus auf Dollar lautenden Staatsanleihen der U SA. Das U S-Finanzministerium seinerseits gibt an, dass die Zentralbank Chinas Ende vergangenen Jahres US-Staatsanleihen im Wert von 1,22 Bill. Dollar hielt und damit der größte Einzelgläubiger der USA war.

Wie kommt es zu diesen merkwür­digen Verhältnissen? Warum wird das noch immer bei weitem mächtigste und reichste Land des Globuses – die USA – zu einem erheblichen Teil von einem immer noch relativ armen Land finanziert, das bis vor kurzer Zeit noch als Entwicklungsland bezeichnet wur­de, das von einer dem Namen nach kommunistischen Partei geführt wird und das von den USA selbst als größte potenzielle Bedrohung für ihren Status als imperialistische Hauptmacht ange­sehen wird? Wie kommt es, dass China überhaupt in dieser Größenordnung Kapitalexport betreibt und sich damit geradezu klassisch als imperialistische Macht qualifiziert?

In den Monopolkapitalismus katapultiert
Die ganz allgemeine Antwort auf diese Fragen besteht in der Feststellung, dass der Prozess der globalen Vergesellschaf­tung der Arbeit das bevölkerungsreichs­te Land der Erde in einer historisch kur­zen Zeit von etwa 30 Jahren erfasst hat. Dieses Land wurde so von einer gerade erst beginnenden sozialistischen Ent­wicklung in einen vom Monopolkapi­talismus geprägten Entwicklungsstand katapultiert, der es dank seiner Größe zum natürlichen Konkurrenten um die Vorherrschaft innerhalb des imperialis­tischen Weltsystems macht. Eine so ge­waltige Akkumulation von Kapital hat noch nie zuvor so schnell stattgefunden. Noch nie zuvor ist eine Bourgeoisie so schnell zu solch ökonomischer Größe und Mächtigkeit angewachsen.

Damit dieser wahrhaft große Sprung möglich wurde, waren bestimmte Vor­aussetzungen in China selbst nötig. Es waren aber auch Voraussetzungen in der Entwicklung des Weltkapitalismus nötig. Zu Letzterem gehörten der Auf­bau eines überdimensionierten Finanz­sektors in der Weltwirtschaft und die Fähigkeit und die Bereitschaft der USA – des wirtschaftlich mächtigsten Landes auf dem Globus – sich zu verschulden.

Die bei der Volksbank Chinas aufge­häuften riesigen Dollarbeträge sind Aus­druck dafür, dass die USA und China in den letzten zwei Jahrzehnten in einem engen symbiotischen Verhältnis zuein­ander standen. Die finanziellen Zuwen­dungen – nichts anderes geschieht beim Kauf einer Staatsanleihe – des Schwa­chen an den Starken hatten und haben nicht etwa den Charakter von Tributzah­lungen. Vielmehr dienten die USA dem Herausforderer als Absatzmarkt. Dank der stetig wachsenden Nachfrage nach Konsumgütern in den USA konnte in China eine rasch wachsende Industrie entstehen. Sie wiederum war eine Vor­aussetzung für die schnelle wirtschaft­liche Entwicklung Chinas in den letzten zwei Jahrzehnten.

US-Nachfrage fördert chinesische Exporte
Nicht nur China war im jüngsten Welt­wirtschaftsaufschwung vor der Finanz­krise auf den Nachfragesog aus den USA angewiesen. Viele Länder profi­tierten davon, dass im reichsten Land der Erde eine scheinbar unerschöpfli­che Nachfrage bestand. Bekannt oder besser berüchtigt sind die Investitionen europäischer Banken und anderer Kapi­talsammelstellen in strukturierte Kre­ditprodukte aus den USA, die aus Hy­potheken oder Kreditkartenschulden bestanden und zum Auslöser der noch tobenden Finanzkrise wurden. Bemer­kenswert am Gläubigerstatus Chinas ist aber, dass er sich in den offiziellen Reserven der Notenbank niederschlägt. In anderen Ländern sind es private Vermögensverwalter und Geschäfts­banken, die Finanztitel aus den USA an­häufen. Zweitens verlief die Akkumula­tion an US-Finanzguthaben durch China außergewöhnlich schnell. Der Grund für beides ist das chinesische Wechsel­kursregime. Der Kurs der chinesischen Volkswährung Renminbi ist nicht dem Devisenmarkt überlassen – da ist Chi­na noch vom früheren Sozialismus ge­prägt. Alle von chinesischen Exporteu­ren im Ausland verdienten Geldbeträge müssen in chinesische Yuan getauscht werden. Diese vorwiegend Dollar- aber auch Euro- oder Yen-Beträge blähen somit direkt die Devisenguthaben der chinesischen Zentralbank auf. Die Ex­porteure erhalten dafür von der Zen­tralbank frisch geschaffene Yuan, was die Menge des umlaufenden Geldes in China massiv erhöht.

Das Verhalten Chinas ist unter den obwaltenden Umständen rational. China nutzte die in den USA weitgehend durch Kredit finanzierte Nachfrage, um in einem beispiellosen Kraftakt eine starke Exportindustrie aufzubauen. In der An­fangsphase geschah dies mit staatli­chen Mitteln: chinesischen aber auch ausländischen Investoren wurden sehr günstige Kredite gewährt. Nach dieser Aufbauphase stellte die Finanzierung kein Problem mehr dar, weil auslän­disches Kapital ins Land drängte und die Erlöse aus den Exporten sprunghaft wuchsen. Entscheidend war jedoch, dass die chinesische Führung jederzeit die Kontrolle über den Kapitalverkehr mit dem Ausland behielt. Der Wechselkurs des Yuan-Renminbi wurde niedrig ge­nug gehalten, um die Konkurrenzfähig­keit chinesischer Exportprodukte zu ge­währleisten. Die US-Regierung und mit ihr die Regierungen der sieben größten kapitalistischen Länder (G7) forderten von China, die Kontrolle der eigenen Währung zugunsten eines vom Devisen­markt bestimmten Kurses aufzugeben. In diesem Punkt blieb die chinesische Regierung jedoch hart. Erst seit Juli 2005 ließ sie eine mäßige Aufwertung des Renminbi zu.

Lange bevor die Finanzkrise 2007 ausbrach, wurde offensichtlich, dass die bei der Zentralbank angehäuften Dollarreserven für China keine im Sinne der Anlagestrategie eines Fonds sinnreiche Investition waren. Seit 2001 befand sich der Dollar im Abwärtstrend. Die ge­ringen Zinsen, die auf US-Staatsanleihen gezahlt werden, konnten die Verluste des Dollars gegenüber den meisten anderen Weltwährungen (ein­schließlich des kontrolliert teurer wer­denden Renminbi-Yuan) nicht kom­pensieren. Aber für China war die An­häufung von Dollarreserven ja nur eine Nebenerscheinung. Der Zweck der An­gelegenheit war Verkaufsförderung für chinesische Exporte oder anders gesagt „Marktpflege“. Beobachter weisen auf die geschichtliche Parallele der frühen Bundesrepublik hin. Westdeutschland häufte bis in die frühen 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts durch die – dank einer unterbewerteten Währung – hohen Exporte viele Milliarden an Dollar- und Goldreserven an. Sie wer­den unverändert von der Deutschen Bundesbank gehalten. Auch sie war mehrfach gezwungen, wegen des ge­sunkenen Dollarkurses diese Reserven bilanziell abzuwerten.

Öffnung des Kapitalmarkts angestrebt
Spätestens die Finanzkrise seit 2007 hat gezeigt, dass das Akkumulationsmodell Chinas auf Dauer nicht aufrechter­halten werden kann. Die globale Ver­schuldung, aber insbesondere die der USA, kann nicht mehr nennenswert gesteigert werden. Der Export von Waren in die USA wächst nur noch mäßig. Die hohen Devisenreserven Chinas könnten es dem Land erleich­tern, den Binnenmarkt stärker zu ent­wickeln und so mitten in der globalen Überproduktionskrise weiter relativ stärker zu wachsen als andere kapi­talistische Länder. Das setzt allerdings kräftige Lohnsteigerungen, eine Ände­rung der staatlichen Umverteilung zu­gunsten der breiten Massen und also eine Schwächung der jungen heimi­schen Monopolbourgeoisie voraus.

Es sieht zur Zeit aber danach aus, als würden Partei- und Staatsführung eine andere Strategie verfolgen. Sie läuft dar­auf hinaus, den Kapitalmarkt Chinas gegenüber dem Ausland zu öffnen, den Finanzsektor des Landes weiter auszu­bauen und damit – auf der Grundlage einer noch starken Realwirtschaft – die Vorherrschaft des Dollars und des US- Finanzkapitals zu brechen. Das ist kei­ne neue Entwicklung. Schritte dorthin waren bisher eine Stärkung der heimi­schen Börsen und die Öffnung des Ak­tienmarkts für ausländische Investoren, die Teilprivatisierung der Banken, das stärkere Engagement des Staatsfonds nicht nur bei Rohstoff- und Industrie-, sondern auch bei Finanzkonzernen im Ausland.

Das wird flankiert mit einer Reihe von bilateralen Abkommen mit anderen Staaten, die es beiden Seiten ermöglicht, in der jeweils anderen Währung Zahlun­gen abzuwickeln. Mit den wichtigsten EU-Staaten – darunter Deutschland – bestehen mittlerweile solche Abkom­men. Der geplante Effekt tritt bereits ein. Der bisher im internationalen Zah­lungsverkehr mit 43 Prozent dominie­rende US-Dollar wird weiter an Bedeu­tung verlieren. Wenn die Bedeutung des Renminbi im Zahlungsverkehr von jetzt nicht einmal zwei Prozent zunimmt, steigen auch die Bestände der chine­sischen Währung im Ausland. Das würde die Währung zur Weltreservewährung machen, vergleichbar viel­leicht mit dem Euro heute, über den knapp 30 Prozent des internationalen Zahlungsverkehrs abgewickelt werden.

Die Vorteile einer solchen Entwick­lung sind offensichtlich. Die Geldschöp­fungsgewinne, die den Emittenten eines Zahlungsmittels zufallen, würden für den chinesischen Staat und die chinesi­schen Banken kräftig steigen und dem US-amerikanischen Finanzkapital ver­loren gehen. Entsprechend würde das chinesische Finanzkapital in die Lage versetzt, es mit der imperialistischen Konkurrenz auch auf dem internatio­nalen Kapitalmarkt aufzunehmen.

Allerdings ist eine enge Kontrolle des Kapitalverkehrs durch die chinesische Volksbank und Regierung, wie sie bis­her bestand, dann nicht mehr möglich. Eine solche Weltwährung – vergleich­bar dem Euro oder gar dem Dollar – zu kontrollieren wird überhaupt schwerer. Sie gegen den Kurs des Finanzkapitals, sei es US-amerikanisch, Euro-deutsch oder chinesisch in Stellung zu bringen, um einen sozialistischen oder auch nur sozialen Kurs in die Wege zu leiten, ist ausgeschlossen, selbst wenn die chine­sische Staatsführung es irgendwann ein­mal jemals wollen sollte.

 

 

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