Geht dem Kapital die Arbeit aus?

Posted on 23. Dezember 2014 von


Anmerkungen zur Lohoff/Trenkle-Debatte

entvon Helmut Dunkhase

Erstaunlich, dass die Debatte [1] unge­rührt an dem schon 1987 von Robert Solow beobachteten Paradoxon – „Du kannst das Computerzeitalter überall sehen außer in den Produktivitätssta­tistiken“ – vorbeigeht, das von Erik Brynjolfsson 1993 gründlich unter­sucht wurde [2]. Seither sucht man nach Erklärungen für diesen Befund. Sie reichen von der Antwort „Man kann den Produktivitätsfortschritt vielleicht nur nicht richtig messen“ bis zur Spekulation auf eine Langzeitwirkung. Nun ist inzwischen – gemessen an den ra­schen Produktivkraftänderungen – eine beträchtliche Zeit vergangen, ohne dass sich an dem Befund etwas geändert hätte. Jedenfalls kann keine Rede davon sein, dass die dritte industrielle Revolution zu einem historisch ein­maligen Produktivitätssprung geführt hätte.

Sinkende Profitrate
Der Gedanke, dem Kapital gehe die Wert schaffende Arbeit aus, kann nur einem eurozentrischen Blick entspringen. Weltweit wächst das Proletariat weiterhin. Doch auch in den zuneh­mend deindustrialisierten Kernlän­dern der EU stagniert das Arbeits­zeitvolumen oder nimmt schwach zu. Am Verschwinden der Arbeit kann die Krise also nicht festgemacht werden. Die gegenwärtige Krise greift tatsäch­lich tiefer als es die Rede von der „stink­normalen Überproduktionskrise“ vor­gibt und lässt sich erst recht nicht aus der Zirkulationssphäre heraus erklären – aber in einem ganz anderen Sinne als Lohoff/Trenkle und Manfred Sohn meinen. Einigkeit herrscht offenbar über die Diagnose: chronische Über­akkumulation. Aber worin ist sie be­gründet?

Was wir jetzt beobachten können, ist die Erscheinung eines Problems, das sich in einer Jahrzehnte langen Entwicklung aufgestaut hat, dessen Ursache letztlich im Gesetz vom ten­denziellen Fall der Profitrate liegt.

Wir haben gesehen, dass ein Ende der Arbeit noch nicht einmal in den ent­wickelten kapitalistischen Ländern abzusehen ist. Solange in der Welt noch Bevölkerungsteile existieren, die noch nicht real dem Kapital subsummiert sind, wird letzteres nicht rasten und ruhen, bis der letzte chinesische Bauer proletarisiert ist.

Die Entwicklung der Profitrate hängt im Wesentlichen vom Verhältnis der Wachstumsrate der Arbeiterpopu­lation zur Investitionsrate ab. Je größer dieses Verhältnis, desto höher die Pro­fitrate und umgekehrt. Die These klingt zunächst erstaunlich. Doch hat bereits Marx diesen Sachverhalt thematisiert [3]. Er beschäftigt sich mit einer Situation, in der „Überfluss an Kapital bei Überfluss an Bevölkerung“ herrscht – eine Situation, die wir heute bei uns vorfinden. Die Überakkumulation von Kapital ist noch keine absolute. Eine ab­solute Überakkumulation läge vor, so­bald „das Kapital gewachsen wäre in einem Verhältnis zur Arbeiterbevöl­kerung, dass weder die absolute Arbeitszeit, die diese Bevölkerung liefert, ausgedehnt, noch die relative Mehrar­beitszeit erweitert werden könnte (das letztere wäre ohnehin nicht tubar in ei­nem Fall, wo die Nachfrage nach Arbeit so stark, also Tendenz zum Steigen der Löhne); wo also das gewachsene Kapi­tal nur ebenso viel oder selbst weniger Mehrwertmasse produziert als vor sei­nem Wachstum“ [4]. Dies muss, so Marx weiter, zu einem Fall der Profit­rate führen, die jetzt nicht der durch die Produktivkraftentwicklung verur­sachten höheren organischen Zusam­mensetzung des Kapitals geschuldet ist, sondern der gesunkenen Mehr­wertrate.

Aus der These folgt, dass in einer stagnierenden oder zurückgehenden Bevölkerung die Profitrate gegen Null tendiert und damit eine produktive Expansion der kapitalistischen Pro­duktionsweise unmöglich wird. Diese Situation drohte in Großbritannien um 1980 herum ganz akut (in der BRD in abgeschwächter Form), und wäre GB ein abgeschlossenes ökonomisches System, wäre das Land vielleicht dem Sozialismus entgegengetaumelt.

Relative Lösung
Die Nachkriegsentwicklung der kapi­talistischen Kernländer illustriert die These. Wir können dabei die Entwicklung in der BRD pars pro toto betrach­ten. Nach den Verwüstungen des 2. Weltkrieges können wir eine 30-jährige, von gravierenden äußeren Einflüssen freie, kapitalistische Entwicklung beob­achten: Hohes Wachstum der arbeiten­den Bevölkerung bei hohen Akkumula­tionsraten. Eine hohe Akkumulations­rate impliziert eine hohe Investitionsra­te, die die Profitrate senkt, wenn nicht durch Erhöhung der Arbeitsprodukti­vität oder stärkeres Wachstum der Be­völkerung ein Gegengewicht entsteht. Das Wachstum der Arbeitsproduktivität blieb von 1960 an (wo es schon relativ hoch war) in der Tendenz konstant; das Potenzial an ausbeutbaren Arbeits­kräften wurde allmählich absorbiert. Die Gewerkschaften waren dadurch in einer starken Position und konnten ver­gleichsweise hohe Löhne durchsetzen. Auf Grund des oben angegebenen Zu­sammenhangs begannen die Profitra­ten zu sinken und erreichten Anfang der 1980er Jahre ihren Tiefpunkt.

Das Kapital steuerte auf zweierlei Weise dagegen: 1. Anheuerung von „Gastarbeitern“ und Produktionsverlagerungen zunächst vor allem nach Ostasien (nach der Konterrevolution auch in die ost- und südosteuropäischen Länder) zur relativen Erhöhung der Ar­beiterpopulation. 2. Zurückfahren der produktiven Investitionen zugunsten von Investitionen in Finanztiteln [5]. Beide Maßnahmen befördern nach der These die Erhöhung der Profitraten.

Das Kapital in den entwickelten westlichen Industriestaaten konnte sich erfolgreich aus einer schwierigen Verwertungssituation winden. Schlagend ist der Verlauf der Profitratenentwick­lung in diesen Ländern: Rückgang von ungefähr 1960 an, mit Tiefpunkt Anfang der 1980er Jahre, danach der Aufstieg. [6]

Die relative Lösung der Wider­sprüche durch die westlichen Indust­riestaaten hat ihren Preis: Sie reprodu­zieren sich auf höherer Ebene. Heute befindet sich China in einer Akkumu­lationsphase, die mit der Nachkriegsentwicklung bei uns vergleichbar ist. Aber: Wenn die Proletarisierung der Landbevölkerung abgeschlossen ist, steht China der Ausweg der westlichen kapitalistischen Hauptmächte nicht mehr zur Verfügung. Für die weitere relative Erhöhung der Arbeiterpopula­tion bliebe nur Afrika. Das wird aber nicht reichen. Wenn es denn so weit ist, in vielleicht knapp 20 Jahren, hätte die Arbeiterklasse weltweit objektiv die bes­seren Karten. Doch ist das kein Trost, denn diese Entwicklung vollzieht sich unter den Konkurrenzbedingungen des Kapitals, das sich seit gut 100 Jahren als Imperialismus formiert hat. Und das bedeutet: Kampf um die Neuaufteilung der Welt mit all seinen schrecklichen Implikationen.

Schuldenschnitt als Strategie
Manfred Sohn hat Recht, wenn er die Beantwortung der Frage nach dem Charakter der gegenwärtigen Krise für den Dreh- und Angelpunkt von Strate­gie und Taktik hält. Unterschiedliche Analysen führen zu unterschiedlichen Strategien.

Lohoff/Trenkle sagen von vorn­herein, dass die Theorie nichts zu ei­ner gesellschaftlichen Alternative bei­tragen könne. Sohn selbst hält sich mit strategischen Schlussfolgerungen zurück und lässt die Leserinnen und Leser mit der Aussicht auf einen „lan­gen, bitteren, gefährlichen Nieder­gangsprozess“ im Regen stehen. Auch Inge Humburgs Schlussfolgerungen aus der von ihr geteilten Analyse Lohoff/Trenkles sind eigentlich keine strategischen, sondern beschreiben nur, was alles droht: kein Spielraum für Reformen mehr und Übergang zur terroristischen Herrschaft des Finanz­kapitals – was aber, so scheint mir, für jede denkbare Weiterentwicklung des gegenwärtigen Imperialismus gilt, wenn man nicht gerade an eine Rück­kehr des rheinischen Kapitalismus glaubt.

Wenn man die These vom Dahin­schmelzen der Wert schaffenden Ar­beit ernst nimmt, folgt daraus nicht in logischer Konsequenz, dass die histo­rische Mission der „verschwindenden Arbeiterklasse“ übergeht an die übergroße Mehrheit der Ausgestoßenen, Entrechteten und Dahinvegetierenden, die „von außen“ zum Sturm auf die Verwertungsinseln blasen? Die kom­munistische Partei verlöre ihre Exis­tenzberechtigung und würde mit Zizek, Badiou und wie sie alle heißen auf das revolutionäre „wahre Ereignis“ warten. Und auch Manfred Sohn wäre in der Linkspartei wohl nicht mehr am rech­ten Platz.

Die von mir skizzierte Analyse führt allerdings zu anderen Konsequenzen. Durch das Zurückfahren der Investitionen sind die kapitalistischen Hauptlän­der zum beträchtlichen Teil zu Rentiers­staaten geworden. Das enthebt natürlich noch in keiner Weise die Arbeiterklasse der Weiterführung des Klassenkampfs in der „Verwertungssphäre“. Doch legt es einen flankierenden Angriff auf die bestehenden Macht- und Eigentumsverhältnisse nahe: Ein Ansatzpunkt, der ein ökonomischer ist aber darüber hin­ausweist, wäre: ein radikaler Schulden­schnitt. Eine allgemeine Schuldenam­nestie könnte man auf eine bestimmte Einlagenhöhe begrenzen [7]. Getroffen würde die dominierende Schicht der Rentiers, während die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung ungescho­ren bliebe.

Rentiereinkommen ist schwerer zu legitimieren als Profite der industriel­len Unternehmer. Die kapitalistische Marktwirtschaft stünde noch ziemlich unangefochten da. Es wäre eine anti­monopolistische, aber natürlich noch keine antikapitalistische Maßnahme. Banken würden paradoxer Weise wie­der liquide. Ihre Verbindlichkeiten ständen in einem vernünftigen Verhältnis zu ihrem Geldmittelbestand. Die Indust­rie würde kaum beeinträchtigt (außer z. B. Luxusgüterproduktion) und blie­be weiterhin privat organisiert. Ob die Kapitalisten allerdings Lust haben, sich mit geringeren Profitraten zu begnügen (VW z. B. fährt 60 Prozent seiner Ge­winne über „Finanzdienstleistungen“ ein), steht auf einem anderen Blatt. Der Druck in Richtung zukünftiger Produk­tionsweise würde wachsen.

Quellen und Anmerkungen:
[1] Im Rahmen der Debatte erschienen bis­her je Beiträge von Inge Humburg und Stephan Müller (T&P 36) sowie von Man­fred Sohn und Fritz Dittmar (T&P 37). Vgl. ebenfalls den Beitrag von Stephan Müller in diesem Heft.
[2] Erik Brynjolfsson (1993), The productivity paradox of information technology, Com­munications of the ACM Volume 36 Issue 12, p. 66-77
[3] MEW Bd. 25, 15. Kapitel, Abschnitt III
[4] ebenda, S. 261 f.
[5] 1960 wurde von den Profiten fast alles
investiert, heute nur noch die Hälfte. Fred Schmidt & Conrad Schuhler (2012), Bilanz 2011 – Ausblick 2012, isw-wirtschaftsinfo 46, S. 4
[6] Die genannte These ist empirisch über­prüfbar und hat ihre Prüfung anhand vie­ler Länder bisher gut bestanden. Näheres dazu in meinen Artikeln „Zur Profitraten­diskussion, Marxistische Blätter (MB 1-11) und „Zum Hintergrund der gegen­wärtigen Krise“. Beide abrufbar unter http://www.helmutdunkhase.de.
[7] Heute sind z.B. 100.000 Euro pro Person garantiert.

 

 

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