Zur Produktivkraft-Entwicklung in der aktuellen Krise des Kapitalismus

Posted on 23. Dezember 2014 von


Antwort auf Manfred Sohn, Am Epochenbruch (T&P 37)

kevon Stephan Müller

Vielleicht hilft es im Hinblick auf die weitere Diskussion zum Charakter der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus, zuerst noch mal einen Blick auf die zykli­sche kapitalistische Krise zu werfen: Es geht um Unterauslastung der Produkti­onskapazitäten, die die Kapitalisten aus Gewinnen aufgebaut haben, durch die private Aneignung von Mehrwert aus der gesellschaftlichen Produktion. Die kaufkräftige Nachfrage reicht nicht aus, um die mit dem akkumulierten Kapital aufgebauten Produktionskapazitäten auszulasten. Die Verwertung des Kapi­tals stockt, die Talfahrt beginnt.

Zeitliche Bestimmung der finalen Krise
Die gegenwärtige Überproduktions­krise ist allerdings mehr als eine „stinknormale“, worauf auch Lucas Zeise hingewiesen hat [1]. Der Kern der derzeitigen weltweiten Wirtschafts­- Finanz- und Währungskrise liegt aber weiter in der relativ zur Massenkauf­kraft zu großen Produktionskapazität. Deshalb werden die hohen Gewinne einzelner Sektoren nicht in neue Pro­duktionskapazitäten investiert und stauen sich auf den Finanzmärkten, wo Staatseingriffe die sonst zu er­wartende Entwertung von Kapital auf­schieben. Investitionen in Produktionsmittel konzentrieren sich in dieser Situation auf Rationalisierungsinvesti­tionen, die Zahl der Arbeitsplätze sinkt, die Arbeitslosigkeit steigt, die Nachfra­ge sinkt weiter.

In der „normalen“ zyklischen Krise würden sich in dieser Situation der zu erwartenden Pleitewelle die überlebenden stärkeren Kapitalisten auf die frei werdenden Märkte der Pleitiers stür­zen und wieder anfangen zu investie­ren; der Zyklus würde in Belebung und Aufschwung übergehen.

Die „stinknormale Krise“ gibt es aber schon seit der Wende vom 19. in das 20. Jahrhundert nicht mehr. Die kapitalistische Wirtschaft war so hoch­konzentriert und weltumspannend ge­worden, dass die stockenden Kapitalmassen in der Krise Schockwellen auf den weltweiten Finanzmärkten auslös­ten. Die anrollende Weltwirtschafts­krise 1913, der 1. Weltkrieg, die Ok­toberrevolution und der verschärfte weltweite Klassenkampf sind von der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus nicht zu trennen. Der „ideelle Gesamtkapita­list“ – der Staat – griff nach 1918 nun auch in Friedenszeiten systematisch ins Wirtschaftsgeschehen ein. Seine Versuche, die krisenbedingte Entwer­tung des Kapitals durch Staatsinterven­tion zu verhindern – Inflation, Abkehr vom Goldstandard, Währungsreform – brachten zu den im Imperialismus ver­stärkten zyklischen Krisen die Währungskrisen hinzu. Die trugen zu der Weltwirtschaftskrise ab 1929 bei, die letztlich erst im 2. Weltkrieg zu ihrem Ende kam.

Die chronische Krise im entwickel­ten staatsmonopolistischen Kapitalis­mus ist also in der Tat – da ist Manfred Sohn zuzustimmen – „nicht lösbar durch eine andere Geldpolitik. Sie hat ihre Ursache nicht in der Finanzsphäre, sondern im Kern des Kapitalismus, der Mehrwertproduktion“. Aber – und dar­auf will Sohn ja hinaus – findet dort, in der Mehrwertproduktion, „zur Zeit der Beginn der Kernschmelze statt“ [2]?

Was heißt „zur Zeit“? Die Schwäche der Argumentation Manfred Sohns wie auch von Lohoff/Trenkle und der Grup­pe Krisis [3], auf die er sich bezieht, zeigt sich zunächst in ihrer zeitlichen Unbestimmtheit: Heißt „zur Zeit“ seit ca. 50 Jahren, dem Wiedereintritt der Nachkriegswirtschaft in „normale“ Kri­senzyklen, oder seit ca. 100 Jahren?

Man kann eine durchgehende Kri­senlinie von der sich entwickelnden Weltwirtschaftskrise 1913 bis 1945 zie­hen. 1944 versuchte dann der Weltka­pitalismus sich mit dem Währungssys­tem von Bretton Woods auf Grundlage fester Dollarkurse neu aufzustellen, das in den 60er Jahren an seine Gren­zen stieß und in den 70ern aufgegeben werden musste. Man könnte so den Beginn der „finalen Krise“ des Kapita­lismus auf 1913 legen – mit einer größeren Berechtigung, als den Beginn der „Kernschmelze“ mit der „3. Industriel­len Revolution“ zu begründen, deren Beginn auf die 70er Jahre verlegt wird. Da – in den 70ern – ging eben auch das Bretton-Woods-System zu Ende und mit ihm die Hegemonie des US-Imperialismus im kapitalistischen System. Gleichzeitig traten in der Sowjetunion Stagnationserscheinungen auf. Die re­lative Stabilität der Nachkriegsordung im Kalten Krieg ging zu Ende. Insofern wurden um 1970 viele Symptome einer nach 1945 neuen Krisenhaftigkeit sicht­bar, auf die sich die „Gruppe Krisis“ bezieht. Damit kommen wir zum Kern der These von Manfred Sohn und den „Krisis“-Leuten: Dem Kapital ginge die Arbeit aus.

Geht dem Kapital die Arbeit aus?
Die historische Kontinuität wird von der „Krisis“-Argumentation zerrissen mit der Behauptung, durch die Mikroelektronik würden, anders als in den Technologie-Zyklen davor, mehr Ar­beitsplätze vernichtet als neue geschaf­fen. Das ist zwar für einige Industrien und einige Länder richtig, nicht aber insgesamt für den heutigen Kapitalis­mus. Die Statistiken der International Labour Organisation (ILO) zeigen, dass geographisch und über die Jahre ver­teilt das Gegenteil eingetreten ist. [4]

Manfred Sohn und Co. versuchen, sich der systematischen Überprüfung ihrer Behauptung anhand von statistischem Datenmaterial zu entziehen: Sie sagen, die durch die Entwicklung der Elektronik bestimmten letzten Zyklen der technischen Erneuerung könnten grundsätzlich keine neuen Arbeits­plätze schaffen. Nicht die kaufkräftige Nachfrage hinke hinter den Produkti­onskapazitäten her, sondern das Ange­bot – konkret das Angebot an Konsum­produkten. Es seien die Bedürfnisse der Konsumenten, nicht die Lohnzah­lungen, die durch die neue Technolo­gie eingeschränkt würden. Die „zweite industrielle Revolution“ habe mit Auto und Haushaltsgeräten Nachfrage ge­schaffen und einen letzten Aufschwung des Kapitalismus erzeugt. In der „drit­ten industriellen Revolution“ würden neue Konsumprodukte wie Rechner oder Handys das nötige Nachfragevo­lumen nicht erzeugen, Arbeitsplätze und damit die Mehrwertproduktion, und damit der Kapitalismus würden schrumpfen. [5]

Das mag zu der Zeit, als der Stich­wortgeber von Manfred Sohn und Lohoff/Trenkle, Jeremy Rifkin, seinen damaligen Bestseller vorlegte [6], eine spekulative These gewesen sein. Sie ist aber inzwischen durch die tatsächliche Entwicklung widerlegt – auch Rifkin glaubt nicht mehr daran [7]. Das welt­weite Volumen von Produktion und Ar­beit steigt, wie auch die ILO-Statistiken zeigen – und zwar nicht zuletzt durch die massenhafte Verbreitung der Mikro­elektronik, in Konsumprodukten und deren Vertrieb, aber auch im Maschi­nenbau. Allerdings verteilt sich die Ar­beit geographisch und qualitativ neu.

Wandel von Kapital und Arbeit
Ohne Zweifel gehört zur notwendigen Diskussion um die Krise auch die Ein­schätzung der gegenwärtigen und absehbaren Folgen der Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit. Sie bewirken einen Wandel von Kapital und Arbeit.

Die zunehmende Digitalisierung von Produktion und Verteilung verän­dert die Aufstellung und Zusammen­setzung der Klassen, wie das auch bei früheren technischen Entwicklungs­schüben der Fall war. Die Klassen lösen sich dadurch nicht auf, im Gegenteil, der Widerspruch zwischen den Hauptklassen der kapitalistischen Gesellschaft verstärkt sich – zum einen durch die zunehmende Verge­sellschaftung der Produktion und die weitere Verallgemeinerung von Lohn­arbeit, und zum anderen durch die zunehmende Konzentration ihrer pri­vaten Aneignung bei einer immer kleineren Zahl von Kapitalisten.

Inge Humburg hat in T&P 36 be­reits darauf hingewiesen, dass wir uns in der Krisenanalyse mehr mit den Fra­gen beschäftigen müssen, die sich aus dem Widerspruch zwischen der Ent­wicklung der Produktivkräfte und den Produktionsverhältnissen ergeben. Da­bei ist meines Erachtens an zwei Punk­ten anzusetzen: Zum einen ist die tech­nische Entwicklung der Produktivkräf­te über die massenhafte Neuanlage von fixem Kapital in der Belebungsphase nach der Depressionsphase an den pe­riodischen Ablauf der Krisen im Kapita­lismus gebunden, zum anderen wird die technische Entwicklung der Produktiv­kräfte im imperialistischen Stadium des Kapitalismus stark von ihrer militäri­schen Brauchbarkeit beeinflusst.

Die „materielle Grundlage der pe­riodischen Krisen“, hat Marx erkannt, wird bestimmt nicht nur durch die „physische“, sondern auch durch die „mora­lische“ Lebensdauer des fixen Kapitals, besonders der wichtigsten Maschinen [8]. Maschinen müssen nicht nur dann ersetzt werden, wenn sie abgenutzt sind, sondern auch, wenn sie technisch überholt sind. Die Konkurrenz zwingt die einzelnen Kapitalisten besonders in der Depressionsphase des Zyklus dazu, die Absatzmärkte schwächerer Konkur­renten zu erobern. Auch Maschinen, die noch eine lange Lebenszeit vor sich ha­ben, werden durch bessere ersetzt, um billiger zu produzieren und Konkurren­ten zu unterbieten. Wer langsamer ak­kumuliert, fällt zurück. Erst der Markt zeigt dann, wo Überkapazitäten entstan­den sind. In den privat akkumulierten Überkapazitäten wird in der Krise der gesellschaftliche Charakter der Produktion wieder sichtbar – die eingangs erwähnte Talfahrt beginnt. Der tech­nische Standard des letzten Zyklus ist jetzt veraltet und verschwindet, die Ent­wicklung der Produktivkraft macht eine veränderte technische Qualität zum neuen „State of the Art“. Ganze Indus­triezweige verschwinden, neue wach­sen mit einer neuen Infrastruktur und bedingen eine Nachfrage nach einer anderen Qualifikation von Arbeitskraft an anderen Arbeitsplätzen: Das Kapital formiert sich und die Arbeiterklasse neu.

Ungleichmäßige Entwicklung
Der Zwang zur Kapitalakkumulation auf sich wandelnder technischer Pro­duktivkraftgrundlage erfordert zunehmende Kapitalmassen mit dem dabei zunehmenden Einfluss des Bankkapi­tals. Die Einzelkapitale entwickeln sich dabei notwendig ungleichmäßig. Mit der Entwicklung des Kapitals entstand um 1900 das Gesicht des Imperialis­mus: Tendenz zum Monopol, Ver­schmelzen von Industrie- und Bank­kapital zum Finanzkapital, Aufteilung der Welt, Zwang zur Neuaufteilung durch die ungleichmäßige Entwick­lung auch der imperialistischen Groß­mächte.

Der 2. Weltkrieg hinterließ nicht nur die US-Währungs-Hegemonie von Bretton Woods. Die USA versuchten auch in der folgenden Hochrüstungs­phase die für die militärische Hege­monie wichtigen Technologien unter ihrer Kontrolle zu halten: Luft- und Raumfahrt, Atomindustrie und vor al­lem die Datenverarbeitung. Die weiterbestehende Konkurrenz der imperialis­tischen Großmächte nach 1945 ergab, dass vor allem Frankreich und die BRD versuchten, sich aus der US-Hegemonie zu befreien, was durch die Konter­revolutionen von 1989 eine neue Dyna­mik erhielt. Auf dem Feld der Luft- und Raumfahrt ist das bei EADS/Airbus zu beobachten. In diesem Sinne ist die ak­tuelle Diskussion um die Digitalisierung der Wirtschaft im Zuge der Regierungs­initiative „Industrie 4.0“ nichts anderes, als der Versuch des deutschen Kapitals gegen Google & Co. anzutreten. Nicht davon zu trennen ist die Diskussion um die NSA und die Cyber-Souveränität.

Manfred Sohns Analyse, die die Entwicklung der Produktivkräfte aus dem konkreten historischen Zusam­menhang reißt, führt hier handfest in die Irre: Der Kapitalismus, dem die Arbeit ausginge, sei nicht mehr ex­pansiv, sondern in „seine kontraktive Phase eingetreten“. Er sei defensiv ge­worden. [9]

Die Analyse der konkreten histori­schen Situation dagegen zeigt den deut­schen Imperialismus in der Industrie 4.0-Initiative in seiner alten Aggressivi­tät: In den letzten Wochen sind Merkel und Gabriel ebenso wie die Leitwölfe des deutschen Monopolkapitals der Digitalbranchen, Kaeser von Siemens und Kagermann von SAP, dazu sehr deutlich geworden: Unter deutscher Leitung soll die EU gegen die USA aufgestellt werden. [10]

Quellen und Anmerkungen:
[1] Siehe bereits L. Zeise, „Ende der Party“. Köln 2009. Hier S. 43
[2] T&P 37, S. 23
[3] E. Lohoff u. N. Trenkle (Gruppe Krisis), „Die große Entwertung“. Münster 2012
[4] ILO, „Global Employment Trends 2014“, S. 89
[5] T&P 37, S. 22
[6] J. Rifkin, „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“. Frankfurt/M., New York 1995
[7] Handelsblatt, 7./8./9. Febr. 2014, S. 72
[8] MEW Bd. 24, S. 185
[9] T&P 37, S. 23
[10] Der Chefberater der Bundeskanzlerin für Technologiefragen Kagermann, Ex- SAP-Chef, im Handelsblatt vom 7./8./9. Nov. 2014, S. 24; sowie der Siemens­Vorstandsvorsitzende Kaeser im Handels­blatt vom 21. Okt. 2014, S. 7

 

 

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