Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse – Paradigmenwechsel in der Klassenanalyse

Posted on 24. Dezember 2014 von


Anmerkungen zur Ekkehard Lieberam

moderne-zeitenvon Thomas Lurchi

Ekkehard Lieberam arbeitet schon seit Jahren zur Klassentheorie und zu ak­tuellen Tendenzen der Klassenanalyse. Seine neue Broschüre „Die Wiederent­deckung der Klassengesellschaft“ [1] kann durchaus als eine Art Zwischenergebnis seiner jahrelangen Forschung verstanden werden. Sie liefert vor allem jenen Interessierten, die auf der Suche nach einem lockeren Einstieg in grund­legende Fragen der Gesellschaftsana­lyse aus der Klassenperspektive sind, eine gute Einführung.

Uns sollen im Folgenden aber wei­tergehende Fragen interessieren. Wir wollen Ekkehards Broschüre hinsicht­lich ihrer Antworten auf aktuelle Prob­leme und Herausforderungen der Klas­senanalyse prüfen. Dabei wollen wir uns auf die Strukturveränderungen in der Arbeiterklasse konzentrieren.

Tendenzen sozialer Spaltung …
Noch bevor Ekkehard sich mit den strukturellen Veränderungen der Klas­sengesellschaft befasst, trifft er bereits eine Einschätzung, die verwundert: Während sich Marx‘ Prognose einer zunehmenden Trennung der Produ­zenten von den Produktionsmitteln im historischen Verlauf bewahrheitet hätte, soll dies nicht für seine These von der tendenziellen Vereinheitlichung der Klassenlage der Lohnarbeiter gel­ten (S. 43).

In politischer Hinsicht – und darum geht es in der Broschüre zunächst – ist dem tatsächlich nicht zu widersprechen. Ekkehard liefert eine historische Skizze des politischen Klassenkampfes in Deutschland, die veranschaulicht, dass die politische Vereinigung der Arbeiterklasse kein „objektiver“, „au­tomatischer“ Prozess ist, sondern stets – unter den je gegeben objektiven Be­dingungen – subjektiv, durch das be­wusste Handeln politischer Akteure, hergestellt werden muss bzw. be- oder verhindert werden kann.

Der Kampf um die politische Einheit der Klasse ist aber analytisch von der Vereinheitlichung der Klassenlage der Lohnarbeiter zu trennen. Hier sind uns die aktuell scheinbar gegenläufigen Entwicklungen einer sozialen Spaltung gut bekannt, haben sie doch in der jüngsten Vergangenheit zu richtigge­hend irren Annahmen in der DKP-Diskussion geführt, wie z. B. die Ein­schätzung des ehemaligen Sekretariats um Leo Mayer, Bettina Jürgensen und Heinz Stehr, dass sich infolgedessen „die soziale Basis der Arbeiterbewe­gung zersetzt und aufgelöst“ hätte [2]. Dabei wurde gerade übersehen, dass die soziale Ausdifferenzierung und Po­larisierung der Lohnabhängigen – d.h. die ungleiche Verteilung von Lebens- ­und Arbeitsbedingungen – nicht etwa der politischen Vereinigung der Klasse entgegensteht, sondern nur die kon­kreten Bedingungen darstellt, unter denen sie subjektiv – also durch unser politisches Handeln – hergestellt bzw. verwirklicht werden muss.

… oder Vereinheitlichung der Klassenlage?
Dabei wurde aber auch übersehen – und darauf nicht einzugehen, verwun­dert an Ekkehards Darstellung, dass die Zunahme sozialer Differenzierung unter den Lohnabhängigen nur die widersprüchliche Erscheinungsform ihres Gegenteils ist: nämlich gerade der objektiven Vereinheitlichung ihrer Klassenlage.

Diese strukturverändernde Bewe­gung der Arbeiterklasse vollzog sich historisch im Rahmen verschiedener Schübe. Ein Beispiel dafür lieferte Mar x bereits selbst im ersten Band des „Kapital“ mit der Einbeziehung von Frauen und Kindern in die aktive Arbeiterarmee der „großen Industrie“ [3]. In der deutschen Geschichte sind uns die Proletarisierung der Mittel­schichten im Zuge der großen Ratio­nalisierungswelle der Weimarer Repu­blik bekannt oder die „Landnahme“ der bäuerlichen Bevölkerung im Zuge der Ausweitung der industriellen Produk­tion in der Nachkriegszeit [4]. Aktuell gehören auch die breit diskutierten Tendenzen einer allgemeinen Prekarisierung der Beschäftigungsverhält­nisse zu genau dieser Bewegung einer Vereinheitlichung der Klassenlage. Sie dienen dazu, den Warencharakter der Lohnarbeit qualitativ stärker zu entfal­ten. Die Entfaltung des Warencharak­ters vollzieht sich dabei im Rahmen einer zunehmenden Austauschbarkeit der einzelnen Arbeitskraft. Davon sind etwa im Zuge innerbetrieblicher Aus­strahlungseffekte gerade auch die fest­angestellten Lohnabhängigen betroffen – und zwar in dem Maße, in denen ih­nen die prekären Kolleginnen und Kol­legen ein Gefühl von ihrer eigenen Aus­tauschbarkeit vermitteln [5]. Ähnliche Prozesse einer Vereinheitlichung der Klassenlage der Lohnabhängigen voll­ziehen sich ebenfalls im Rahmen der fortschreitenden Standardisierung und Globalisierung von Arbeit (die schon längst nicht mehr nur die industrielle Einfacharbeit betrifft) oder im Zuge des anhaltenden Rationalisierungsschubs der mikroelektronischen Revolution, die gegenwärtig als „Digitalisierung“ von Produktion und Vertrieb erscheint.

Verallgemeinerung der Lohnarbeit
Insofern verwirklicht sich die histori­sche Bewegung zur Vereinheitlichung der Klassenlage der Lohnabhängigen durch die Verallgemeinerung der Lohn­arbeit – und zwar nicht nur im quanti­tativen Sinne (was eben als Trennung der Produzenten von ihren Produkti­onsmitteln erscheint), sondern gerade auch qualitativ: Es geht um die reelle Subsumtion zuvor noch nicht oder nur formell unter das Kapital subsummier- ter Erwerbstätiger zur Produktion bzw. zur Erhöhung des relativen Mehrwerts. Infolgedessen kommt es zu einer per­manenten Restrukturierung der Klas­senverhältnisse, die mehr und mehr Erwerbstätige auf die Klassenlage der Lohnabhängigen herabsinken lässt [6]. Das betrifft nicht nur die Bauern oder den gewerblichen Mittelstand (also die Kleinbürger), sondern insbesondere auch die aktuell immer noch anwach­senden Gruppen der Angestellten. Ihre Kämpfe – zuletzt z. B. im Erziehungs-, im Transport- oder im Pflegebereich – können als Reaktion auf die Nivellie­rung ihrer Klassenlage interpretiert werden.

Aber auch die Industrieangestellten verlieren allmählich ihre Komfortzone, die sie lange Zeit vor der unmittelbaren kapitalistischen Rationalisierung ge­schützt hatte. Dies betraf zunächst vor allem die geringer Qualifizierten, die sich bereits zu Zeiten der Weimarer Republik dem „Eindringen der Maschi­ne und der Methoden des ,fließenden Bandes‘ in die Angestelltensäle der Großbetriebe“ nicht erwehren konnten [7]. Heute erfasst die Fließband-Me­thodik – vermittels neuer Formen der Arbeitsorganisation, Kennzahlen über die (je individuelle) Zielerreichung so­wie die jeweilige Verquickung mit IT- basierten Prozessen – zunehmend auch die mittleren und höher qualifizierten Segmente der Angestellten. Auch die Arbeit von Informatikern oder selbst von Ingenieuren wird zunehmend in in­dustrialisierte Prozesse eingebettet. Sie werden mehr und mehr als austausch­bare Lohnabhängige unter das Kapital subsummiert.

Arbeiterklasse, arbeitende Klasse(n) – oder was?
Ekkehard sieht all diese Momente schon auch, aber er interpretiert sie an­ders. Weil er nicht von einem Vereinheitlichungsprozess ausgeht, sondern auf dem Paradigma der sozialen Differen­zierung argumentiert, erscheinen sie ihm als Anwachsen einer „lohnabhängi­gen Mittelklasse“ oder Bedeutungszu­wachs der Intelligenz „in allen Klassen“ (S. 53). Als Konsequenzen dieses Struk­turwandels der Lohnabhängigen iden­tifiziert er einen Schrumpfungsprozess des Industrieproletariats bei gleichzei­tiger Expansion der Angestellten. Und angesichts dieser Diagnose stellt er sich die Frage, wer heute noch das re­volutionäre Subjekt sein kann und wie man es heißen soll.

Zwar führt er zunächst an, was die geneigten Leserinnen und Leser auch erwarten möchten: „Das potenzielle revolutionäre gesellschaftliche Subjekt ist […] die Industriearbeiterklasse […]. Diese Industriearbeiterklasse ist klei­ner geworden, aber keineswegs ver­schwunden. Sie ist Kern der Klasse der Lohnarbeiter, weil ihre Ausbeutung unmittelbar erfolgt, weil sie direkt mit dem Kapital konfrontiert ist. Sie steht im Zentrum des ökonomischen Systems und ist damit potenziell auch das Zentrum gesellschaftsgestaltender Ge­genmacht“ (S. 59). Aber dann fährt er eher kleinlaut fort und stellt fest, dass es mit der revolutionären Führungsrol­le der Kolleginnen und Kollegen in den Großbetrieben ja aktuell nicht so weit her ist und im Übrigen das gesellschafts­verändernde Subjekt, „von seiner Inter­essenlage her“ (ebenda), die gesamte Klasse der Lohnabhängigen sei. Damit plädiert er für einen weiten Klassenbe­griff, der über das Industrieproletariat hinausgreift. Weil der Begriff „Arbei­terklasse“ aber eine einheitliche Klas­senlage impliziere und insofern der vermeintlichen Differenziertheit der Klasse nicht gerecht werde, schlägt er vor, stattdessen fortan besser von einer „arbeitenden Klasse“ bzw. sogar von „arbeitenden Klassen“ im Plural zu sprechen (S. 60).

Neuzusammensetzung der industriellen Kerne
Ich möchte hingegen – ausgehend von einem weiterhin engen Klassenbegriff – für einen Paradigmenwechsel in der Klassenanalyse plädieren. Ausgehend von der tendenziellen Vereinheitichung der Klassenlage der Lohnabhängigen erscheint die Entwicklung des Indus­trieproletariats nämlich in einem an­deren Licht. Dabei möchte ich gerade nicht dabei stehenbleiben, das Bild ei­ner „schrumpfenden Industriearbeiter­klasse“ in den imperialistischen Zent­ren zu relativieren, indem lediglich der Blickwinkel auf die globale Ebene ge­richtet wird – das hilft uns nämlich an der Heimatfront nicht weiter. Stattdes- sen möchte ich vorschlagen, den Be­griff der Industriearbeiterklasse aus einer Verengung zu befreien, die mir auf der Annahme zu beruhen scheint, dass nur „Handarbeit“ wertschöpfende Arbeit im Sinne materieller Produktion sei.

Wer heute einen Blick in moderne Werkshallen wirft, wird feststellen, dass diese zunehmend menschenleerer wer­
den, aber gleichzeitig die dahinter lie­genden Büros der Angestellten förmlich aus allen Nähten platzen. Insbesondere der Anteil der wissenschaftlich-techni­schen Intelligenz in den Ingenieurberei­chen oder in der Software-Entwicklung steigt. Ihre Arbeit ist aber ebenfalls un­mittelbar produktiv: Auch wenn man die Resultate oftmals nicht anfassen kann (sofern sie keine stoffliche Gestalt haben), werden sie dennoch materiell wirksam. Wer sich einmal zeigen lässt, wieviel Software heute etwa in einem gewöhnlichen Auto steckt, bekommt einen Eindruck davon.

Meine These ist also, dass wir es im Zuge fortschreitender Produktivkraft­entwicklung mit einer Verschiebung im Verhältnis von Hand- und Kopfarbeit in der materiellen Produktion zu tun ha­ben. Vor diesem Hintergrund kommt es nicht etwa zu einer Schrumpfung, sondern zu einer Neuzusammenset­zung der industriellen Kerne der Klas­se. Die Arbeiterklasse verändert ge­wissermaßen ihr Gesicht: Immer we­niger Blaumänner treffen auf immer mehr Weißkittel.

In seiner Broschüre weist Ekkehard darauf hin, dass sich die Anzahl der Stu­dierenden in Deutschland seit den 50er Jahren bis heute von 100.000 auf ca. 2,5 Millionen entwickelt hat (S. 53). Diese Akademiker verteilen sich tatsächlich auf alle Klassen, aber sicherlich der Großteil findet sich als wissenschaft­lich-technische Intelligenz in den Be­trieben wieder und ist dort – was Lenin einmal als ein wesentliches Merkmal des Industrieproletariats beschrieben hat – unmittelbar mit den modernsten Produktionsmitteln konfrontiert. Auch die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft er­folgt unmittelbar und in direkter Kon­frontation mit dem Kapital. Auch sie stehen im Zentrum des ökonomischen Systems und damit potenziell auch im Zentrum „gesellschaftsgestaltender Ge­genmacht“.

Absturz der Mittelschichten in die Arbeiterklasse
Dies alles wäre nur wenig interessant, wenn nicht gleichzeitig die Klassenstel­lung der wissenschaftlich-technischen Intelligenz in Bewegung geraten wür­de: Sie sinken ab in die Arbeiterklasse. D enn die oben bereits angedeutete Ten­denz zur Vereinheitlichung der Klas­senlage durch die Verallgemeinerung der Lohnarbeit macht auch vor ihnen nicht halt. Auch sie werden mehr und mehr reell unter das Kapital subsummiert: Die zunehmende Industrialisierung ihrer Arbeit dient der Erhöhung des relativen Mehrwerts und macht sie austauschbar. Zudem verlieren sie mehr und mehr die Kontrolle über ih­ren eigenen Arbeitsprozess und damit ihre zuvor herausgehobene Position im System der gesellschaftlichen Produk­tion. Ihre betriebliche Stellung gleicht sich immer mehr der normalen Lohn­arbeit an. Sie verlieren ihre Privilegien und die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes. Auch ihr Bewusstsein bleibt davon nicht unberührt.

Diese Bewegung in der Klassen­struktur der Gesellschaft ist die mate­rielle Basis einer Entwicklung, die ge­meinhin als Absturz der Mittelschich­ten diskutiert wird und die weltweit zu einer „neuen Periode sozialer Unruhe“ [8]
geführt hat. Ein Problem ist dabei, dass diese (hochqualifizierten) Ange­stellten, anders als ihre verbliebenen Kolleginnen und Kollegen in den Werk­hallen, oftmals kein historisch gewach­senes Verhältnis zur Arbeiterbewegung haben – sie ist ihnen in gewisser Weise fremd. Daraus resultiert eine relative Orientierungslosigkeit, die es aus sich selbst – und den gegebenen Kräfte­verhältnissen – heraus wahrschein­lich macht, dass sie zu wesentlichen sozialen Trägern dessen werden, was gemeinhin als Rechtspopulismus be­zeichnet wird und in Deutschland z. B. in den Erfolgen der AfD zum Ausdruck kommt. [9]

Wir haben es also mit dem Entste­hen neuer industrieller Kerne zu tun, die gegenwärtig aus den Mittelschich­ten in die Arbeiterklasse absinken und (oftmals) keinerlei natürliches Ver­hältnis zur betrieblichen und gewerkschaftlichen Interessenvertretung mit­bringen, weil sie es lange Zeit gewohnt waren, ihre Interessen selbst (wenn auch alleine) zu vertreten. Mit Blick auf das gegenwärtige Dilemma der Stell­vertreterpolitik besteht darin aber auch eine gewisse Chance für die Arbeiter­bewegung – und zwar in dem Maße, in dem es gelingt, diese neuen Kerne in betriebliche Klassenkämpfe hineinzu­ziehen, um sie zunächst gewerkschaft­lich und endlich politisch mit den alten Kernen der Klasse zu vereinen.

Quellen und Anmerkungen:
[1] E. Lieberam, Die Wiederentdeckung der Klassengesellschaft. Klassenohnmacht, Klassenmobilisierung und Klassenkampf von oben. Bergkamen 2014. Zu bestellen direkt beim pad-Verlag: pad-verlag@gmx. net. Seitenangaben im Text beziehen sich hierauf.
[2] Politische Thesen des Sekretariats des Parteivorstands der DKP. Hgg. von der DKP Südbayern. München 2010, hier S. 28. Auch wenn die „Thesen“ per Partei­tagsbeschluss kassiert wurden, werden sie nach wie vor von der DKP Süd­bayern (neuerdings mit einem Auf­kleber der „Europäischen Linken“ ver­sehen) vertrieben.
[3] Vgl. MEW Bd. 23, S. 416ff
[4] Vgl. B. Lutz, Der kurze Traum immer­währender Prosperität. Frankfurt/Main 1984.
[5] Vgl. W. Seppmann, Ausgrenzung und Herrschaft: Prekarisierung als Klassen­frage. Hamburg 2013.
[6] Siehe hierzu auch die Feststellung von Marx, dass die Produktion des relativen Mehrwerts nicht nur die „technischen Prozesse der Arbeit“, sondern auch die „gesellschaftlichen Gruppierungen“ revo­lutioniere (MEW Bd. 23, S. 532f).
[7] S. Krakauer, Die Angestellten. Aus dem neusten Deutschland. Frankfurt 1971, S. 12.
[8] Vgl. F. Deppe, Eine neue Periode sozialer Unruhe? In: Z. 96, Dezember 2013.
[9] Siehe als historische Analogie zu diesem Potenzial: B. Heimel, Mittelschichten – Brutstätten des Faschismus? In: R. Kühnl/G. Hardach (Hg.), Die Zerstörung der Weimarer Republik. Köln 1977.

 

 

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