Perspektive Kommunismus?

Posted on 28. Dezember 2014 von


Ein Diskussionsangebot

perspektive-kommunismusvon Björn Blach

Im Frühjahr 2014 haben sich mehre­re Organisationen aus verschiedenen deutschen Städten, die sich selbst als kommunistisch verstehen, zur „Per­spektive Kommunismus“ zusammen­geschlossen. In ihrem ersten Doku­ment [1], einer politischen Plattform, haben sie programmatische und orga­nisationspolitische Standpunkte zusammengefasst und zur Diskussion gestellt. Auf dieses Angebot wollen wir gerne eingehen.

Schonungslose Analyse
Der Text beging mit einer kurzen, aber schonungslosen Analyse der derzeiti­gen gesellschaftlichen Verhältnisse. Die tiefe Wirtschaftskrise mit der gleichzei­tigen Offensive des Imperialismus auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschheit wird als grundsätzliche Herausforderung jeglicher fortschrittli­cher Bewegung betrachtet. Als zentra­les Problem wird der vollkommen un­genügende Zustand der Arbeiterbewe­gung, insbesondere der revolutionären Organisation, betont.

Hervorzuheben ist die gründliche Auseinandersetzung mit der Klassen­frage. In Auseinandersetzung mit Positionen in der radikalen Linken in den letzten 30 Jahren wird sie als die ent­scheidende benannt und die historische Mission der Arbeiterklasse beschrie­ben. Der Fakt eines nur noch rudimen­tär vorhandenen Klassenbewusstseins wird nicht missbraucht, um die Klassen­theorie zu entsorgen, sondern es steht das Bemühen im Vordergrund, mit Hil­fe der Klassenfrage aktuelle politische und gesellschaftliche Phänomene zu er­klären. Es werden Ansätze benannt, an Hand derer sich zukünftig fruchtbare Diskussionen führen lassen: zur Frage der Formierung der Klasse, aber auch zum Einfluss bürgerlicher und reaktio­närer Ideologien als Gegenmaßnahme des Kapitals.

Leider viel zu kurz und deshalb nur schwer diskutierbar wird die Dialektik von örtlichen Kämpfen und proletarischem Internationalismus als auch die Frage nach Mitarbeit in reformistischen Organisationen angerissen.

Aus der Klassenfrage wird die Not­wendigkeit einer revolutionären Um­wälzung und des Aufbaus des Sozia­lismus abgeleitet, nicht abgrenzend, sondern in solidarischer Auseinander­setzung mit den ersten sozialistischen Anläufen.

Theorie …
Ein kurzer Ausflug, der die Dialektik von Theorie und Praxis zu erfassen ver­sucht, gerät deutlich zu kurz und offenbart eine zentrale Schwäche: Es fehlt – trotz aller Rückgriffe auf die Marx‘sche Theorie – eine wissenschaftliche Welt­anschauung als Grundlage, wenn sie nicht sogar abgelehnt wird. Die gesell­schaftliche Bedeutung des Marxismus-­Leninismus als Theorie der Befreiung der Menschheit wird verkannt, insbe­sondere die ihr zugrunde liegende Phi­losophie der Veränderung scheint nicht begriffen worden zu sein. Das Ver­ständnis der dialektischen Einheit von Theorie und Praxis schließt notwendi­gerweise das Aufnehmen von neuen Erkenntnissen und (Kampf-)Erfahrun gen mit ein – einfaches Abschreiben wird dadurch ausgeschlossen, auch wenn dies zeitweise Praxis in kommu­nistischen Parteien war. Politische Stra­tegieentwicklung muss deswegen auch tiefer gehen, als bloß heutige Kämpfe und Bewegungen zu analysieren. Sie muss tiefgreifende Gesellschaftsana­lyse betreiben, um aus dem aktuellen Kräfteverhältnis zwischen den Klassen die Kampfbedingungen der Arbeiter­klasse ableiten zu können.

„Die Einsicht in die Dialektik der Widersprüche ersetzt die moralisch­humanitäre Wehklage. Sie setzt eine politische Strategie für eine humane Gesellschaft frei. Nur im Rahmen ei­ner solchen Strategie gewinnt der Zorn gegen das Unrecht eine verändernde Kraft. Für praktische Politik reicht es nicht, das Bessere sich auszumalen; die genaue Bestimmung des real Mögli­chen (…)“ [2]

… und Praxis
„Die revolutionären Kräfte haben die Aufgabe, die Organisierung der Klasse voranzutreiben, in deren objektivem In­teresse eine Überwindung der kapitalis­tischen Verhältnisse liegt.“ [3]

Zwar wird die Frage nach der For­mierung der Klasse zur Klasse für sich gestellt, die Rolle des Klassenbewusst­seins geht dennoch unter. Auf welcher Grundlage soll sich die Klasse organi­sieren? Ist es nicht vielmehr die Hauptaufgabe der kommunistischen Partei, der Organisation des Proletariats, vor­erst noch unabhängig von ihrem heu­tigen, konkreten Zustand, Klassenbe­wusstsein zu schaffen? Folgt nicht aus der Erkenntnis der eigenen Klassenla­ge die Einsicht in die Notwendigkeit der Organisierung: zur Abwehr der Offen­sive der Bourgeoisie und erst Recht für den Gegenangriff auf das Kapital?

Im Kampf gegen das Kapital entwi­ckelt die Arbeiterklasse das Bedürfnis, ihre Lage theoretisch zu durchdringen, und umgekehrt erwächst aus der Durchdringung der kapitalistischen Realität das Ziel, die Verhältnisse umzuwerfen. Ohne Organisation wird bei­des nicht gehen, und es wird ohne bei­des keine Organisation geben.
Die zweite Problematik erfolgt aus dem Anspruch, „zumindest punktuell die Macht des Gegners in Frage zu stellen“. Nun ist dieser Anspruch per se nicht abzulehnen, sondern eher zu befürworten. Doch die Praxis der Gruppen muss hier schon die Frage aufwerfen, welche Strategie hinter dem Handeln steht, insbesondere ob die Dialektik von Wirklichkeit und Möglichkeit vollends erkannt ist.

Wie und wann die Taktik, die Macht des Gegners in Frage zu stellen, sinn­voll ist, kann nur danach entschieden werden, ob dadurch Klassenbewusst­sein entstehen kann. Da kann z. B. eine nicht so revolutionäre Aktion im Betrieb, die viele Kolleginnen und Kol­legen gewinnen konnte, wirksamer sein als das Abbrennen eines Bengalos auf einer Demo, ohne dass einem die Bul­len aufs Maul hauen.

Öfter mal was Neues?
Zu Recht wird kein gutes Haar am Zustand der sich heute als kommunis­tisch verstehenden Organisationen und Parteien gelassen. Niemand kann für sich heute in Anspruch nehmen, den historischen Notwendigkeiten zu entsprechen. Neben linkssektiererischen Organisationen scheint die DKP ge­meint zu sein, wenn es um die Partei geht, die „kaum durch eine revolutio­näre Praxis präsent“ [4] ist. Das stimmt und ist gleichzeitig falsch. Die Kritik verkennt die Aktivitäten ihrer Mitglie­der im Betrieb, im Wohngebiet und in Bündnissen – dennoch kann dies den Notwendigkeiten des Klassenkampfes nicht genügen.

Bei allen ideologischen Verirrungen der letzten Jahre und bei allen theore­tischen Auseinandersetzungen bleibt die DKP die einzige kommunistische Organisation in Deutschland, die sich vom wissenschaftlichen Sozialismus lei­ten lässt und ihn weiterentwickelt. Wäh­rend sich reformistische und sektiereri­sche Organisationen bestenfalls Teile herauspicken, gründet die DKP ihre Politik auf der Philosophie des dialek­tischen und historischen Materialis­mus, der politische Ökonomie des Marxismus und der Lehre der Klassen­kämpfe.

Die Trennung von politischer Öko­nomie und Philosophie, insbesondere der Geschichtsphilosophie, und damit des weltverändernden Charakters der Lehre von Marx und Engels war Weg­bereiter für den Revisionismus und ist es bis heute geblieben. Charakteris­tisch für das Sektierertum dagegen ist der Voluntarismus (bei allem Verständ­nis für revolutionäre Ungeduld).

Die Zeit ist reif!
Die aufgeworfenen Fragen nach der Or­ganisierung des revolutionären Wider­stands und der Keimzelle für einen zu­künftigen Anlauf stellen sich auf Grund der objektiven Bedingungen. 25 Jahre nach der Konterrevolution ist es höchs­te Zeit, sich neu aufzustellen und mit der Organisation für einen neuen An­lauf zu beginnen. Diese Fragen stellt sich die radikale Linke insgesamt: Ob ALB, Perspektive Kommunismus oder innerhalb der DKP.

Es gilt die Wirklichkeit zu analy­sieren, die Möglichkeiten auszuloten und daraus eine politische Strategie zu entwickeln. Das muss auch kontrovers sein, der Streit über die richtige Wider­spiegelung der Widersprüche kann uns nur voranbringen. Verständigen müs­sen wir uns über Gemeinsamkeiten unserer Theorie und der praktischen Schlussfolgerungen: Ist die zentrale Aufgabe das Schaffen von Klassenbe­wusstsein? Wenn ja, wie geht das?

Es gilt aber auch, den gemeinsamen Kampf zu führen. Dabei müssen wir wegkommen von der „Eventkultur“ hin zur Verankerung in Betrieb und Stadt­teil [5]. Nur wenn es uns das gelingt, können wir behaupten, wir haben auf der Basis unseres Klassenstandpunkts den richtigen Schluss gezogen.

Wenn wir diese Diskussionen und diese Kämpfe gemeinsam führen, wieso sollten wir uns dann nicht auch gemeinsam organisieren: in der Partei, die die besten Traditionen von revolutionärer SPD, KPD, SED und SEW in sich auf­genommen hat?

Quellen und Anmerkungen:
[1] http://www.perspektive-kommunismus.org
[2] Hans Heinz Holz: Aufhebung und Verwirk­lichung der Philosphie. Band 1, S. 226
[3] Perspektive Kommunismus, Abschnitt Klassenstandpunkt
[4] Perpektive Kommunismus, Abschnitt Organisierter Aufbau
[5] Vgl. Tom Eipeldauer, „Nur noch Event“, JW, 22.9.2014

 

 

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