Arbeiterklasse, Lohnabhängigenklasse

Posted on 30. März 2015 von


… und die Bedingungen struktureller Handlungsfähigkeit

seppmann-verleugnete_klasse-kulturmaschinenvon Werner Seppmann

Oft wird der politischen Orientierung auf die Arbeiterklasse entgegnet, dass auf der politischen Bühne trotz der zugespitzten Soziallage und der krisen­haften Entwicklungen von ihr nur sel­ten etwas zu sehen ist. Das ist zweifel­los richtig. Aber diese Beobachtung sollte weder irritieren noch überra­schen, denn sie korrespondiert mit der historischen Tatsache, dass aus der objektiven Existenz der Arbeiter­klasse, den sozialen Widersprüchen und dem strukturellen Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit noch nie­mals automatisch eine kapitalismus­kritische Bewegung entstanden ist. Jedoch waren die klassengesellschaft­lichen Widerspruchserfahrungen die Voraussetzung für Prozesse politischer Bewusstwerdung des Proletariats und der Selbstorganisation der Arbeiter­klasse. Diese historische Erfahrung ist Ausgangspunkt der marxistischen Be­schäftigung mit der Klassenfrage und Fundament ihrer erkenntnisleitenden Frage, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit die Lohnabhän­gigen sich zu Subjekten der Verände­rung entwickeln können.

Das „Kommunistische Manifest“ geht von der Tatsache aus, dass auch die Lohnabhängigen, zunächst einmal wie alle Subjekte in der bürgerlich­kapitalistischen Gesellschaft, in einem Konkurrenzverhältnis zueinander ste­hen und aufgrund entsolidarisierender Sozialerfahrungen die Notwendigkeit besteht, ein Bewusstsein der gemein­samen Interessen zu erarbeiten.

Spaltung der Belegschaften in der Automobilindustrie vertieft

Eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage nach den Möglichkeiten ei­ner kollektiven politischen Profilierung kann nur auf der Basis einer Analyse der jeweiligen Klassenrealität gefun­den werden, die heute wieder durch tiefe Differenzierungslinien geprägt ist. Es existiert ein kaum mehr über­schaubarer Dschungel höchst unter­schiedlicher Lohnarbeitsverhältnisse, die von tarifvertraglich abgesicherter Beschäftigung bis hin zu extremen Formen prekärer Arbeit und den Zonen der „Überausbeutung“ (Marx) reichen. Entscheidende Differenzen in ihrer Soziallage gibt es mittlerweile nicht mehr nur zwischen den Technikern und den angelernten Produktionsge­hilfen, sondern zunehmend auch zwi­schen Beschäftigten, die weitgehend die gleiche Tätigkeit verrichten.

Wie eklatant die Spaltungspro­zesse mittlerweile sind, wurde im Herbst 2013 durch eine von der IG Metall organisierten Bestandsaufnah­me der Beschäftigungsverhältnisse in der Automobilindustrie, also einem Kernbereich des bundesdeutschen In­dustriesystems, deutlich. Zwar reprä­sentierten zu diesem Zeitpunkt die nach Tarifverträgen bezahlten Stamm­Beschäftigten mit 765.000 Personen immer noch den größten Block. Im Produktionsbereich verdienten sie zum damaligen Zeitpunkt bei Merce­des beispielsweise 3400 Euro brutto.
Hinzu kommen in guten Jahren noch teilweise beträchtliche Leistungs-Prä­mien, sodass die durchschnittlichen Brutto-Einkünfte für diese Beschäftig­tengruppe sich im 4000-Euro-Bereich bewegten.

Jedoch erhalten die Prämienzu­schläge und andere Sozialleistungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld nur die festangestellten Lohnarbeiter. Nicht in ihren Genuss kommen etwa die ca. 100.000 Leiharbeiter in der Auto-Industrie, die durchschnittlich 2200 Euro brutto, also faktisch die Hälfte dessen verdienen, was ihre Kol- legen/-innen, mit denen sie Seite an Seite arbeiten, erhalten. Aber damit ist die Talsohle prekärer Beschäfti­gung noch lange nicht erreicht. Sage und schreibe 250.000 Kollegen/-innen waren 2013 in der deutschen Automo­bilindustrie auf der Grundlage von Werkverträgen beschäftigt. Sie er­hielten auch bei Opel oder BMW ein Monatsentgelt von 1200 bis 1300 Euro brutto. Die Spaltung innerhalb der ein­zelnen Betriebe und Branchen hat also einen skandalösen Umfang angenom­men, so dass die objektiv gemeinsame Interessenlage immer weniger unmit­telbar erfahrbar ist.

Aber wie schon angedeutet besteht die Aufgabe politischer Bewusstseins­bildungsprozesse und der Klassenkonstituierung darin, trotz realer Spal­tungstendenzen diesen gemeinsamen Interessenhorizont der Lohnabhän­gigen ins Bewusstsein zu heben. Die besten Voraussetzungen zur Organi­sierung solcher Prozesse bieten – trotz aller arbeitsorganisatorischer und so­zialrechtlicher Aufsplitterungen, die mittlerweile prägend geworden sind – die Kernbereiche des Industriesys­tems mit ihren großen Betrieben, weil in ihnen der Gegensatz zwischen Kapi­tal und Arbeit mit besonderer Intensi­tät zum Ausdruck kommt.

Wenn die industriellen Belegschaf­ten um den Lohn, die Arbeitszeit und die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes kämpfen, positionieren sie sich auto­matisch gegen die totalitären Ansprü­che des Kapitals, alle gesellschaft­lichen Bereiche seinen Verwertungs­prinzipien zu unterwerfen. Es ist vor allem diese strukturelle Dimension des Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit, die in den Kernbereichen besonders klar hervortritt.

Arbeiterklasse im Industriesystem

Nun ist ja auch in linken Diskussionen (ebenso wie in dem einen oder anderen Papier, das in der DKP kursiert) von einem Bedeutungsverlust der Arbei­terklasse die Rede. Tatsächlich gibt es quantitative Rückbildungstendenzen, aber immer noch hat sie in der Bun­desrepublik – selbst nach den Angaben der (nicht unproblematischen) offiziel­len Statistik – einen Umfang von über 10 Millionen! Eine „sterbende Klasse“ sieht jedenfalls anders aus.

Aktionen in den Bereichen unmit­telbarer Produktion sind von großer Wirkungskraft, weil sie die Kapital­verwertung an zentraler Stelle stö­ren, zumal die Mehrheit der großen Betriebseinheiten den industriellen Sektoren angehören – auch wenn seit Längerem sowohl ihre absolute Zahl als auch die durchschnittliche Beleg­schaftsgröße schrumpft. Während 1985 in der gewerblichen Wirtschaft in der BRD 830 Betriebe mit mehr als 1000 Beschäftigten existierten, in denen 3,6 Millionen Menschen tätig waren, ging bis 2001 (im wiederver­einigten Deutschland) ihre Zahl auf 760 mit 2,5 Millionen Beschäftigten zurück. Politische Handlungsfähigkeit hängt jedoch nicht zwangsläufig von den Größenverhältnissen ab. Denn ob eine Betriebseinheit 2800 oder 1200 Mitarbeiter umfasst, ist für die politi­sche Sozialisation und die Organisati­onsfähigkeit der Lohnabhängigen von geringerer Bedeutung als die Qualität und Nachdrücklichkeit der Interessen­artikulation, die Tradition (oder eben auch die fehlende Kontinuität) der Klassenkämpfe und die aus diesen Erfahrungen resultierenden Bewusst­seins- und Handlungsdispositionen der Belegschaften. Dass gewerkschaftli­che Handlungsfähigkeit eine Basis in den Großbetrieben hat, ist auch dem Kapital immer bewusst gewesen. Ein Teil der betrieblichen Umgestaltungen in den letzten Jahrzehnten war des­halb auch durch die Absicht geprägt, die Entwicklung konfliktfähiger Belegschaften zu verhindern oder zu er­schweren.

Allen Veränderungen der letzten Jahrzehnte zum Trotz, die den Organi- sations- und Widerstandsmöglichkei­ten der Lohnabhängigen nicht förder­lich waren, existieren in den Industrie­betrieben immer noch Strukturen, die
Mobilisierungsprozesse erleichtern. Deshalb ist es nach wie vor sinnvoll, die in ihnen Beschäftigten als den Kern der Arbeiterklasse zu definieren. Zunehmend gehören auch rangniedri­gere Techniker und Ingenieure dazu, die aufgrund ihrer konkreten Tätigkeit einen Produzentenstatus haben.

Aber die Orientierung auf diese Kernbereiche wird in kommenden Kämpfen nicht ausreichen. Es sind neue Sektoren der Arbeitswelt ent­standen – die jedoch keinen Gegensatz zum Industriesystem darstellen, son­dern seine Funktionalität garantieren. Entgegen der üblichen Darstellung handelt es sich bei vielen der so ge­nannten Dienstleistungsbereiche um keine eigenständigen Wirtschaftssek­toren, sondern in vielen Fällen um Seg­mente mit Zulieferungs- und Unterstüt­zungstätigkeiten für die industriellen Kernprozesse. „Produktionsbezogene Dienstleistungen“ machen ungefähr die Hälfte aller Dienstleistungen aus. Auch bei vielen IT-Tätigkeiten ist das übrigens der Fall: Sie sind direkt oder indirekt dem Industriesystem zuge­ordnet.

Strukturell-handlungsfähiger Kern der Klasse

Gewerkschaftlichen Strategien müs­sen auch deshalb umfassendere Per­spektiven zugrunde liegen, weil die materielle Produktion von wachsenden immateriellen Sektoren umgeben ist, die für den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess in seiner Gesamtheit unverzichtbare Bedeutung haben. Die in ihnen Beschäftigten ergeben zusam­men mit der industriellen Arbeiterklas­se die Lohnabhängigenklasse, bei der jedoch jene Segmente ein besonderes Gewicht haben, die strukturell kon­flikt- und handlungsfähig sind. In den Kernbereichen des Industriesystems, der materiellen Produktion und den Unternehmen der Energieversorgung, aber auch dem Transportwesen ist das fast immer der Fall.

Von besonderer Bedeutung ist na­türlich der mögliche Wirkungsgrad von Widerstandsaktionen: Er ist ein Gradmesser für die Durchsetzungs­potenz der verschiedenen Segmente der Lohnabhängigenklasse. Konkret gefragt: Wie lange kann es eine Ge­sellschaft verkraften, wenn der Güter­verkehr lahmgelegt oder die Stromversorgung durch Streiks unterbro­chen wird? Und welche kurzfristigen Auswirkungen hat es dagegen, wenn Lehrer, Buchhalter oder Kindergärt­nerinnen streiken?

Hinsichtlich der strukturell hand­lungsrelevanten Segmente der abhän­gig Beschäftigten kann vom Kern der Lohnabhängigenklasse gesprochen werden. In diesem Begriff ist die Idustriearbeiterklasse eingeschlossen, die übrigen Klassensegmente sind es jedoch nur, insofern die Struktur ihrer Arbeitsplätze sich industriellen Stan­dards annähert bzw. ihre Arbeitssitua­tion durch ein Mindestmaß an Kollek­tivität geprägt ist.

So gehört eine Krankenschwester zwar nicht zur traditionellen Arbeiter­klasse, sie ist jedoch mit einer zuneh­menden Durchsetzung des Waren­charakters ihrer Arbeitskraft kon­frontiert und durch betriebliche Organisationsformen, die sich mittler­weile in der Gesundheitsindustrie ver­allgemeinert haben, strukturell handlungsfähig. Ebenso wie der „kommer­zielle Arbeiter [der klassische Ange­stellte] produziert [sie zwar] nicht direkt Mehrwert“ (Marx), jedoch ist der Preis ihrer Arbeit durch den Wert ihrer Arbeitskraft bestimmt, während der Wirkungsgrad dieser Arbeitskraft, wie bei jedem anderen Lohnarbeiter, keineswegs durch den Wert ihrer Arbeitskraft begrenzt ist.

Darüber hinaus ist die Kranken­schwester in der Regel auch in betrieb­liche Kommunikationsstrukturen eingebunden, die gewerkschaftlicher Or­ganisation zumindest nicht hinderlich sind. Sie ist deshalb den handlungsfä­higen Segmenten der Lohnabhängigenklasse zuzurechnen, weil sie zu­mindest in den größeren Betriebsein­heiten des Gesundheitswesens ebenso aktionsfähig ist wie die Mitarbeiter der Müllabfuhr oder die Beschäftigten der Nahverkehrsunternehmen.

„Vorboten für die Entwicklung von Gegenmacht“

All diese Bereiche sind durch die Pri­vatisierungsoffensiven in den letzten beiden Jahrzehnten besonders unter Druck geraten, deren Begleiterschei­nungen neben einer zunehmenden Ar­beitsplatzunsicherheit, permanenten Umstrukturierungen und erhöhtem Leistungsdruck, Einkommensreduk­tionen und Absenkung des Sozialstandards sind. Die profitorientierte Ustrukturierung des sozialen Sektors findet unmittelbar ihren Ausdruck in einer Verdichtung der Arbeit und einer gravierenden Zunahme des Anteils un­tertariflich bezahlter Beschäftigungs­verhältnisse sowie einer Ausbreitung von Teilzeitstellen und Minijobs.

Die Konfliktträchtigkeit dieser Ver­hältnisse drückt sich in einer zuneh­menden Widerstandsbereitschaft der Belegschaften in diesen Bereichen aus. Während die Arbeitskämpfe in den ersten Jahrzehnten der Bundes­republik vorrangig im Organisations­bereich der IG Metall ausgetragen wur­den, nahmen seit den späten 1980er Jahren die Aktionen in den privatisier­ten Dienstleistungsbereichen spürbar zu. Auch in den Bereichen, in denen zwar kein Mehrwert geschaffen wird (eine „bloße Simulation von Verwer­tungsprozessen“ stattfindet, wie Ro­bert Kurz es zutreffend ausgedrückt hat), dient die Arbeitskraft der dort Beschäftigten den Investoren zur An­eignung von Teilen der gesamtgesell­schaftlich erzeugten Profitmasse.

Bei den Auseinandersetzungen um die Einkommen, die Arbeitszeit und die Beschäftigungsbedingungen in diesen Sektoren der Arbeitswelt geht es um die Aufteilung der Mehrwertmasse zwischen den Lohnabhängigen (deren Ansprüche betriebswirtschaftlich als Kosten wahrgenommen werden) und dem Profit für das eingesetzte Kapital. Was der unmittelbare Zirkulations­arbeiter „dem Kapitalisten kostet und was er ihm einbringt, sind verschie­dene Größen. Er bringt ihm ein, nicht indem er direkt Mehrwert schafft, aber indem er die Kosten der Realisie­rung des Mehrwerts vermindern hilft, soweit er zum Teil unbezahlte Arbeit verrichtet“ (Karl Marx).

„Die zahlreichen Streiks, die in den letzten Jahren im Organisations­bereich von ver.di stattgefunden ha­ben […], sind (übrigens nicht nur in Deutschland) Vorboten sozialer und politischer Konflikte […], die in der Zu­kunft für die Entwicklung der Löhne und der Arbeitsbedingungen, für die industriellen Beziehungen und die Ent­wicklung von Gegenmacht (gegenüber Staat und ,Kapital’), damit von Wirschaftsdemokratie, und schließlich für die Entwicklung der Gewerkschaften in den hochentwickelten kapitalisti­schen Gesellschaften immer lebens­wichtiger werden“ (Frank Deppe).

Aus struktureller Perspektive trifft zwar zu, was Herbert Marcuse schon vor Jahrzehnten prognostiziert hat: „Indem die Warenform universal wird […], spitzt sich der wesentliche Widerspruch des Kapitalismus aufs Äußerste zu: Dem Kapital steht jetzt die gesamte Masse der arbeitenden Bevölkerung gegenüber.“ Jedoch weist dieses Konfrontationsverhältnis viel­fältige Differenzierungsmomente auf, die in ihren spezifischen Wirkungen detailliert untersucht werden müssen. Auf die Analyse der Besonderheiten in den diversen Klassensegmenten, der Komplexität und Differenziertheit ihrer Interessenlagen und der Vielfäl­tigkeit der subjektiven Verarbeitungsmuster der sozialen Widerspruchser­fahrungen kann deshalb nicht verzich­tet werden. [1]

Quellen und Anmerkungen:
[1] Weiter dazu ausführlich: W. Seppmann: Die verleugnete Klasse. Zur Arbeiterklasse heute. Kulturmaschinen Verlag, Berlin 2011

 

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