„In sich geschlossen und harmonisch“

Posted on 6. April 2015 von


Zu Lenins „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“. Teil 2

marx-leninvon Hannes Fellner*

Nicht nur der im ersten Teil der An­merkungen zu Lenins „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“[1] behandelte Satz über die „All­mächtigkeit“ der Marxschen Lehre [2] erregt(e) die Gemüter der Gegner des Marxismus (wie auch die einiger ihm Wohlgesonnener). Auch das ihm folgende Diktum galt und gilt selbst in manchen sich als marxistisch verste­henden Kreisen als problematisch. Un­mittelbar nach „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist“ heißt es in den „Drei Quellen“: „Sie ist in sich geschlossen und harmonisch.“ [3]

Auf den ersten Blick drängen sich beim Lesen dieses Satzes sofort zwei kritische Punkte ins Bewusstsein. Ers­tens, wie kann der Marxismus „in sich geschlossen“ sein; ist Geschlossenheit und die Unfähigkeit Neues aufzuneh­men und zu integrieren nicht gerade ein wesentliches Charakteristikum ei­nes Dogmas? Zweitens, wie kann der Marxismus „harmonisch“ sein, wenn zu seinen Quellen und Bestandteilen die Lehre vom Widerspruch gehört; ist Widerspruch nicht gerade das Ge­genteil von Harmonie?

Auch dieser Satz muss aus der Tra­dition sowie dem System und der Me­thode der dialektischen Philosophie, zu welchem der Marxismus in einem Erb- und Fortsetzungsverhältnis steht, begriffen werden, wenn er recht ver­standen werden will.

Ein Blick auf das russische Origi­nal bietet zunächst einmal einen gu­ten Ausgangspunkt für das bessere Verständnis der betreffenden Passa­ge. Das russische Wort, welches die Übersetzung mit „in sich geschlos­sen“ wiedergibt, ist noAHmü (polny). Das Wort, das wortgeschichtlich mit dem deutschen Wort „voll“ verwandt ist, bedeutet im Russischen „voll, kom­plett, absolut, total“. Bedeutungs­mäßig steht es also in Verbindung mit dem im ersten Teil der Anmer­kungen herausgearbeiteten Begriff des Ganzen. Wir haben gesehen, der Weltentwurf des Marxismus lässt sich in Anschluss an Engels, Lenin und Hans Heinz Holz als ein Modell von relativem Wahrheitsgehalt, das in unendlicher Annäherung an die absolute Wahrheit (die Totalität) die systematisch zusammenhängende Ge­samtheit wissenschaftlichen Wissens integriert und zu einer politischen Handlungsanleitung systematisiert, als „Wissenschaft des Gesamtzusam­menhangs“ verstehen.

Gesamtzusammenhang oder offenes System

„Ein Gesamtzusammenhang, der sich in den Bewegungsformen seiner Be­standteile herstellt und darstellt, hat die Gestalt des Systems. Da die Welt größer ist und mehr enthält, als wir je von ihr wissen können, darf ein System nicht als ein endliches, geschlossenes von sich behaupten, eine Abbildung des Ganzen zu sein, sondern muss sich offenhalten für Erweiterungen, für den Eintritt des Neuen.

Ein „offenes System“ zeichnet sich dadurch aus, dass die Bewegungsfor­men, aus denen seine Systemgestalt hervorgeht, auch den Übergang zu Neuem, die Verwirklichung von darin angelegten Möglichkeiten, die Entste­hung weiterer Möglichkeiten in Gang setzen. Darum ist der Marxismus als Dialektik nicht nur eine Wissenschaft von der Geschichte und Geschichtlich­keit des Menschen, sondern von der Natur als Geschichte. […] „Der Mar­xismus ist als theoretische Repräsen­tation dieser Logik der Entwicklung in Natur- und Menschheitsgeschichte eine systematische wissenschaftliche Weltanschauung.“ [4]

„In sich geschlossen“ bezieht sich also gerade auf den einheitlichen Cha­rakter von der System-Methode des Marxismus als „Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs“. Für den Marxismus als Weltanschauung gilt natürlich, dass er „im Fluss“ ist – wie es der antike Dialektiker Heraklit bildlich ausdrückte – wo stets anderes Wasser hinzuströmt und man deshalb nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann. In diesem Sinne ist er offen. Aber – um beim Bild zu bleiben – ein Fluss ist ein Fluss und kein Berg, und ein Fluss hat ein Bett und einen Verlauf. In dieser Hinsicht ist der Marxismus „in sich geschlossen“.

Dies impliziert zweierlei. Erstens, man kann den Marxismus nicht wie einen Steinbruch gebrauchen, etwa seine politisch-ökonomischen Analy­sen übernehmen, aber deren politisch­praktische revolutionäre Konsequen­zen verwerfen, wenn es sich danach noch um Marxismus handeln soll. Zweitens, man kann dem Marxis­mus nicht gleich einer Flickschuste­rei seiner System-Methode wesens­fremde Elemente – wie etwa die „Kritische Theorie“ der Frankfurter Schule – eingliedern, wenn es sich danach noch um Marxismus handeln soll.

Harmonie als dialektischer Begriff

Wenden wir uns nun dem russischen Wort zu, welches in der Übersetzung als „harmonisch“ wiedergegeben wird. Russisch стройный (stroiny) bedeutet „wohlgeformt, harmonisch, geordnet, logisch“ und ist abgeleitet von dem Wort строй (stroj), das „Ordnung, Sys­tem“ bedeutet. In seiner Bedeutung als „wohlgeformt, geordnet, logisch“ ver­weist es einmal mehr auf den systema­tisch-methodologischen Charakter der marxistischen Weltanschauung als einheitliches wissenschaftlich-weltan­schauliches Modell der in, durch, aus der Dialektik formulierten Selbstbewe­gungsgesetze des Seins in Natur, Ge­sellschaft und Denken. Die Bedeu­tungsnuance „harmonisch“, die nicht zufällig mit „wohlgeformt, geordnet, logisch“ verschränkt ist, muss nun gerade in ihrem dialektischen Sinn begriffen werden.

Harmonie als dialektischer Begriff ist so alt wie die ersten philosophi­schen Formulierungsversuche der Di­alektik in West und Ost. Schon im Da- odejing [5] finden wir ein dialektisches Verständnis von Harmonie, und bei Heraklit heißt es: „Das Auseinander­strebende vereinigt sich, und aus den Verschiedenen entsteht die schönste Harmonie, und alles entsteht durch den Streit.“ [6]

Bei Leibniz finden wir Harmonie dann in ihrer Verschränkung mit den Begriffen Einheit und Totalität. Jedes Einzelne ist ein in seinen verschiede­nen Zusammenhängen Wirkendes und von den verschiedenen Zusammenhän­gen Bewirktes. Wirken ist in seinem dialektischen Doppelcharakter sowohl aktiv als auch passiv als wechselsei­tiges materielles Verhältnis zu verste­hen und wird von Leibniz metaphorisch als Spiegelung bezeichnet (was Hans Heinz Holz in seiner Philosophie im Anschluss an Lenin zur Widerspiege­lungstheorie ausgearbeitet hat). Als Ausdruck einer exakten Metapher ist jedes Seiende (vom Atom bis zum bio­logischen Organismus, über den Men­schen bis zur Galaxie) ein Spiegel, der alle anderen Spiegel auf seine je eigene Art und Weise und von seinem je eige­nen Punkt in der Welt spiegelt. Jedes ist mit allem in unterschiedlichem Maße und zu unterschiedlichem Grad vermittelt. Jedes einzelne Seiende ist, wie Leibniz sagen würde, ein lebendi­ger Spiegel der Welt als Ganzes. Die Welt ist die Einheit aller einzelnen Seienden, was Leibniz als universelle Harmonie bezeichnet hat. Das Leib- nizsche Harmoniekonzept steht also für den widersprüchlichen Wirkungs­zusammenhang der einzelnen Seien­den als Einheit auf verschiedenen Ebenen.

Wir sehen, in der dialektischen Tra­dition wird Harmonie nicht statisch­versöhnlich begriffen, sondern gerade als Titel für den Kampf und die Einheit der Gegensätze. Lenin verwendet rus­sisch стройный „wohlgeformt, harmo­nisch, geordnet, logisch“ im Bezug auf den Marxismus genau im Sinne dieses philosophischen Erbes. Der Marxis­mus bildet systematisch und metho­dologisch als Einheit seiner Quellen und Bestandteile (Philosophie, politi­sche Ökonomie und Sozialismus) ein harmonisches Ganzes. Er ist eben keine „große Erzählung“, der beliebig etwas hinzugedichtet oder wegredi­giert werden kann, sondern ist ein offenes System, das nur auf seiner ei­genen Grundlage einheitlich weiter­entwickelt werden kann.

Umwege zur Erkenntnis

Das schließt gegensätzliche Ansichten gerade ein. „Die marxistische Theorie ist herausgefordert, […] auf die neu ent­stehenden Fragen Antworten zu finden – politökonomische, soziologische, psy­chologische, politische. Viele dieser Antworten werden zunächst Versuche sein, werden mit neuen Ideen experi­mentieren, werden in der Praxis er­probt und korrigiert werden müssen. Erkenntnis entwickelt sich nicht ein­fach nur durch Auffinden von Wahrhei­ten, sondern immer auch auf dem Um­weg über Irrtümer und ihre Korrektur. Eine Pluralität von Konzepten gehört zum Fortschritt des Wissens. Aber un­ter einer Mehrzahl von Vorstellungen sind nicht alle gleich richtig und gleich realisierbar. Die Wahrheit ist nicht et­was Beliebiges, worauf man sich in ei­nem Kompromiss zwischen widerspre­chenden Meinungen einigen könnte; sondern sie ist die richtige Darstellung der Wirklichkeit und der in ihr liegen­den Möglichkeiten in unserem D enken. Darum ist erkenntnistheoretischer Plu­ralismus ein Widersinn, so wie die Plu­ralität der Meinungen notwendig für den Weg zur einen Wahrheit ist.

Die Entwicklung des Marxismus heute wird und muss sich in vielen, auch gegensätzlichen Gedankenan­sätzen vollziehen. Das heißt aber nicht, dass alles und jedes zur Disposi­tion steht. Wissenschaftliche Erkennt­nisse entwickeln sich auf vielfältige Weise innerhalb eines „Paradigmas“ (wie die Wissenschaftstheoretiker das nennen), also innerhalb eines „Erklä­rungsmusters und Rahmenmodells der Wirklichkeit.“ [7]

Der Marxismus sei Steinbruch für Sozialdemokraten und Bürgerliche und damit auch von Einfluss auf diese, er sei ein bunt bebildertes Album für Eklekti­ker und vielleicht auch von Einfluss auf jene, er ist aber System und Methode für MarxistInnen, als Werkzeug der Analyse, aber auch der Anleitung für die politische Praxis, und diese ist für Marxisten nun einmal die Revolution, nicht mehr, aber keinesfalls weniger, und deswegen ist er auch Leninismus geworden.

* Hannes Fellner ist Landesvorsitzen­der der PdA Wien und Vorstandsmitglied der Salzburger Gesellschaft für Dialekti­sche Philosophie.

Quellen und Anmerkungen:
[1] T&P Heft 36, S. 16
[2] Meinem Kollegen, Freund, Genossen Kaan Kangal verdanke ich den Vorschlag, russisch всесильный – das wie erläutert, mit „allmächtig“ wiedergegeben wird und im ersten Teil der Anmerkungen mit „stark in Bezug auf Alles/das Ganze“ umschrieben worden ist, als „allkräftig“ zu übertragen. Denn auch bei Hegel und Hans Heinz Holz ist es die Kraft, und nicht die Stärke des Denkens, die diesem ermöglicht, das Sein zu übergreifen und dieses in sich zu reflektieren. Es ist wie­derum die Kraft, die „aktiviert“ wird (vis activa), wenn das Denken sich als das Sein reflektierende Denken wiederum reflektiert (widerspiegelt).“
[3] LW, Bd. 19, S. 3-9
[4] Hans Heinz Holz, Orientierung in der Vielheit der Erscheinungen – Die Einheit des Marxismus auf dem Prüfstand. junge Welt, Beilage „marxismus“, 28. 8. 2006. http://archiv.jungewelt.de/beilage/art/1183
[5] Klassischer chinesischer Text in Form einer Spruchsammlung aus dem 6. Jh. v. u. Z., der traditionell Laozi zugeschrie­ben wird. Siehe Hans Heinz Holz, China im Kulturvergleich. Köln: Jürgen Dinter, 1994.
[6] Die Fragmente der Vorsokratiker. Grie­chisch und Deutsch von Hermann Diels. 1. Band. Hildesheim: Weidmann, 2004 (= 6. Aufl. 1951), S. 78.
[7] Hans Heinz Holz, Niederlage und Zukunft des Sozialismus. Essen: Neue Impulse Verlag, 1991, S. 30

 

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