Etwas mehr Materialismus, bitte!

Posted on 9. April 2015 von


bewusstseinvon Dagmar Henn

Seit Monaten werden lange Debatten geführt, die mit keinem Fuß den Bo­den berühren. Sei es zu den Montags­mahnwachen, sei es zu PEGIDA; als wäre die Geschichte des Denkens bei Hegel stehengeblieben, und die reale, greifbare Welt um uns herum nicht von Belang.

Womöglich will man schlicht die Augen verschließen vor den ungeheu­ren Folgen der vergangenen Nieder­lagen. Und tut deshalb, als wäre das Denken der Menschen ein Produkt ihres Willens und nicht der Welt, der Klassenverhältnisse, der Bedingun­gen, unter denen sie leben. (…) Ohne dass in irgendeiner Weise berücksich­tigt wird, dass eine Idee eben nicht durch göttliche Eingebung in den menschlichen Kopf gerät. Sondern auf zweierlei Wegen – durch eigene Erfah­rung oder durch Kommunikation. Und dass sich an der Grundbedingung, das herrschende Denken sei stets das Den­ken der Herrschenden, nichts geändert hat; an dem für uns erstrebenswerten Ziel, dem ein Denken der Beherrsch­ten im eigenen Interesse entgegenzu­setzen, allerdings sehr viel. Und zwar im konkreten, fassbaren, materiellen Sinne. (…) Es ist kein Wunder, wenn Menschen heute wirrer erscheinen als noch vor 20 Jahren. Sie erscheinen es, weil sie es sind. Und sie sind es, weil nur jene Zugang zu anderen Positionen, einem Denken in anderem Interesse als dem der herrschenden Klasse ha­ben, die gezielt danach suchen, und zwar beharrlich.

Natürlich haben viele Menschen einen dichten Nebel im Kopf – die herrschenden Gedanken sind die Ge­danken der Herrschenden. Damit das so bleibt, wird mit einer ungeheuren Maschinerie nachgeholfen, 24 Stun­den am Tag, sieben Tage die Woche, zwölf Monate im Jahr. Nicht der Nebel sollte überraschen. Überraschen soll­te, wenn er sich lichtet.

(…) Darauf mit Forderungen nach Abgrenzung zu reagieren und lange Debatten zu führen, an welcher Stelle diese erfolgen solle, ist vollends absurd (dass dies vor dem Hintergrund einer akuten Kriegsgefahr geschieht, wo man eigentlich anderes zu tun haben sollte, gibt dem Schauspiel einen ma­kabren Anstrich). Ja, natürlich verwen­den die Leute falsche Begriffe! Natür­lich sehen sie ihre Gegner am falschen Ort! Das ist es schließlich, was die Formulierung „das Denken der Herschenden“ besagt!

Aber wir gehen so weit, jene, die zumindest auf der Suche nach einer anderen Sicht sind, für schlechter zu halten als jene, die die ihnen offiziell servierte Suppe mit Löffel und Stiel verputzen. Die Teilnehmer der Montagsmahnwachen sind schlimmer als die grünen Kriegstreiber. Wir werfen ihnen vor, falsche Begriffe zu verwen­den, in einem Moment, zu dem sie die richtigen nicht haben können (s. o.). Statt die Bereitschaft zur Suche zu be­grüßen, reagieren wir mit Verachtung, weil nicht das richtige gefunden wur­de. Ohne dass wir es jemals angeboten hätten.

Ein wunderbares Beispiel wurde die letzten Tage über Facebook ver­breitet. Eine Untersuchung, die auf publicative.org steht. Die den Ge­brauch unterschiedlicher Begriffe im Zeitverlauf betrachtet und daraus den Schluss zieht, das Wort „Lügenpres­se“ sei ein Nazi-Begriff, und daher sei jeder ein solcher, der ihn gebraucht (…). Nicht berücksichtigt wurde dabei allerdings die banale Tatsache, dass diese Presse tatsächlich lügt, (wie) ge­druckt und auch (wie) gesendet. Es also im besten Falle darum ginge, die­sen Begriff durch einen anderen zu er­setzen, da er ein wirkliches Phänomen beschreibt, und nicht darum, in jedem Verwender dieses Begriffes einen Geg­ner zu sehen.

Ja, in vielen Fällen gelingt es, die eine Propaganda durch eine andere zu ersetzen. Aber eines darf man nie ver­gessen: Jede Propaganda gelingt nur, wenn sie sich ein wirkliches Gefühl, ein wirkliches Bedürfnis zu Nutze macht. Im Falle PEGIDA ist das besonders unangenehm, wenn man sich auf die Suche nach dem wirklichen Gefühl macht. Es ist Heimatlosigkeit. Wenn man sich wundert, warum im Westen die Entwicklung völlig anders verlief, muss man nur diesen Punkt betrach­ten. Dieses Gefühl existiert im Westen so nicht. Der Westen wurde nämlich nicht besetzt und ausgeplündert. Es ist unser Versagen, dass ein Gefühl, das sich auf eine verlorene Heimat DDR be­zieht, genutzt werden kann, um daraus rassistisches Kapital zu schlagen. Es ist nicht die Schuld jener, die auf diese De­monstration gehen. Und wenn man der Möglichkeit, dieses Gefühl zu nutzen, das Wasser abgraben will, muss man es offen und offensiv aussprechen.

Die Lage ist entsetzlich verworren. Sie wird es, fürchte ich, noch länger bleiben. Sie ist es auch bei uns. Das Spektrum reicht von jenen, die mei­nen, eine Kriegsgefahr könne es nicht geben, bis zu jenen, die meinen, dieses Kind sei bereits in den Brunnen ge­fallen. Jede Frage hat bei ihnen einen höheren Rang als die eine Aufgabe, die wir tatsächlich haben, im Interesse unserer Klasse wie dem unseres Lan­des, wenn nicht gar dem der gesamten Menschheit – den Krieg, an dem gera­de gearbeitet wird, zu verhindern. Mit allen Mitteln.

 

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