Zu den Grundlagen des antifaschistischen Kampfes

Posted on 10. April 2015 von


u-schneider_antifaschismusLiteraturtipp

von Jürgen Lloyd

Ulrich Schneider, Generalsekretär der Federation Internationale des Resistants (FIR) und Bundessprecher der VVN-BdA, hat im letzten Jahr in der verdienstvollen Basiswissen-Reihe bei PapyRossa einen Band zum Antifa­schismus veröffentlicht [1]. Auf 130 Seiten gibt er dort eine Übersicht über den Begriff und die Geschichte des Antifaschismus in Deutschland.

Es ist schon bemerkenswert, dass es eine lange Geschichte der Ausein­andersetzung um den Begriff des Faschismus gibt, eine vergleichswei­se Beschäftigung mit dem Antifa­schismus aber nicht erfolgt ist. Unter Berufung auf Abendroth und Kühnl versteht Schneider unter Faschismus eine Form bürgerlicher Herrschaft und betont, dass der Faschismus die Eigentumsverhältnisse und ökonomi­schen Grundlagen des Kapitalismus nie in Frage gestellt hat.

Er kommt auf Basis dieser Position zu einer Reihe wichtiger Einschätzun­gen auch für den Charakter des Anti­faschismus. Explizit fordert Schneider, dass die antifaschistische Bewegung sich praktisch einsetzen müsse gegen soziale Ausgrenzung und Ungleich­heiten und für die demokratischen und sozialen Rechte und Freiheiten als Voraussetzung für reale – nicht nur formale – gesellschaftliche Partizipati­on. Eine konsequent aus dem marxis­tischen Faschismus-Verständnis her­geleitete Bestimmung, was Antifa­schismus sein müsse, gelingt Schnei­der jedoch nicht. Die Ursache hierfür – und damit auch das Feld, auf dem diese Lücke zu schließen sein wird – liegt in der mangelnden Analyse der Entstehungsgründe und -bedingun­gen des Faschismus. So erfreulich es auch ist, dass Schneider betont, zum Faschismus gehöre „originär eine chauvinistische und imperialistische Orientierung“, bleibt damit dennoch der innere Zusammenhang zwischen Faschismus und Imperialismus unge­klärt. Der Imperialismus erscheint als eine politische Orientierung, die den Faschismus zwar stets begleitet, aber eben lediglich äußerlich als Attribut den Faschismus charakterisiert. Nicht verstanden wird die Bedeutung des Imperialismus als Entstehungsbedin­gung von Faschismus.

Antiimperialismus und Anti­faschismus gehören zusammen

Dieser Hinweis ist keine theoretische Spitzfindigkeit, sondern zielt auf die praktischen Konsequenzen für den Antifaschismus. In der Linie des ers­ten Ansatzes liegt eine Orientierung auf die Bekämpfung von den Faschis­mus befördernden Einstellungen, von „Anknüpfungspunkten für gesell­schaftliche Ausgrenzung“ und „diskri­minierenden gesellschaftlichen Feind­bildern“. Die zweite Linie eröffnet den Blick auf den Kampf gegen den Impe­rialismus als unverzichtbaren integra­len Bestandteil des Antifaschismus. Die Analyse dieser Zusammenhänge weiterzutreiben und für unsere anti­faschistische Strategie nutzbar zu machen bleibt eine Aufgabe, die uns durch Schneiders Schrift noch nicht abgenommen wurde.

Diese Einschätzung ändert nichts daran, dass der Band nützlich und empfehlenswert ist. Schneider ist eine gute Zusammenfassung der Entwick­lung der antifaschistischen Bewegung in Deutschland gelungen. Unterteilt in drei Etappen – 1923-1945, 1945-1989 und 1990 bis in die Gegenwart – schil­dert er die wesentlichen Stränge des antifaschistischen Kampfes. Bereits im Sommer 1923 – also nur wenige Mo­nate nach dem „Marsch auf Rom“ der italienischen Faschisten unter Musso­lini und noch drei Monate vor dem „Hitler-Ludendorff-Putsch“ – mobili­sierte die KPD zu einem als Massen­veranstaltung mit Einheitsfrontcha­rakter angelegten Antifaschistentag. Schneider zitiert aus dem Aufruf zum Antifaschistentag, einem der ersten Schritte der antifaschistischen Bewe­gung in Deutschland: „Wir fordern euch auf: Errichtet zusammen mit den Kommunisten die gemeinsame Front der Not und der Arbeit gegen die Pras­ser, Spekulanten und Ausbeuter! […] Nur wenn ihr das versteht, wenn ihr euch mit der Arbeiterklasse verbin­det, anstatt euch gegen sie ausnützen zu lassen, dann wird der verheerende Bürgerkrieg in Deutschland vermie­den werden.“ Der Begriff des Antifa­schismus entstand also als „Gegen­begriff zur politischen Rechtsentwick­lung in Deutschland“ und hatte eine eindeutig „klassenkämpferische Konnotation“, so Schneider.

Schon 1923 wurde von der KPD die Gewinnung breiter Massen angepeilt und Antifaschismus damit „als soziale Bündnispolitik gegen das große Ka­pital“ (S. 16) verstanden. Erfreulich ausführlich angesichts der begrenzten Seitenzahl dieses Bandes wird nicht nur die Entwicklung der KPD, son­dern auch der Sozialdemokratie und linksbürgerlicher Antifaschisten in der Endzeit der Weimarer Republik nach­gezeichnet.

Es folgt die Darstellung, wie unter den geänderten Bedingungen der fa­schistischen Diktatur der Antifaschis­mus sich zum Kampf für den Sturz der faschistischen Diktatur und schließ­lich für die Niederlage Hitler-Deutsch­lands im Krieg entwickeln musste.

„Antifaschismus ist mehr als eine Gegenbewegung“

Die Schilderung der Nachkriegszeit beginnt konsequent mit dem Schwur von Buchenwald und den in den Kon­ferenzen von Jalta und Potsdam gege­benen Richtlinien für die Befreiung Deutschlands vom Faschismus, die sich an den „großen D“s orientierten: Demilitarisierung, Denazifizierung, Demonopolisierung, Demokratisie­rung und Dezentralisierung. Schnei­der fügt diesen Punkten gemäß den Vorstellungen der Antifaschisten noch das Sozialstaatsprinzip, Völkerverstän­digung und antifaschistische Einheit hinzu.

Es folgt eine Beschreibung der Geschichte der VVN, die sich sehr bald als Vertretung dieser Prinzipien bewähren musste. In den westlichen Besatzungszonen und der Bundesre­publik musste die VVN – und dies dar­zustellen ist eines der Verdienste des Bandes – aus ihrem antifaschistischen Grundverständnis heraus und nicht etwa auf Grund kommunistischer Be­einflussung in zentralen Streitfragen die KPD und später die DKP als ihre wichtigsten Mitstreiterinnen betrach­ten: Der Kampf gegen die Spaltung Deutschlands, gegen die Renazifizierung unter Adenauer und Globke, gegen die Remilitarisierung, später gegen die Notstandsgesetze, gegen Berufsverbote und in der Friedens­bewegung ergaben sich aus dem Ver­ständnis, als Antifaschisten mit der Orientierung von Buchenwald und Potsdam diese Positionen einnehmen zu müssen.

Delegitimierung der DDR = Angriff gegen die Linke insgesamt

Das Ende der DDR, deren antifaschis­tische Grundlagen und Organisationen von Schneider in einem kurzen Exkurs gewürdigt werden, wird zu Recht als Bruch auch für den Antifaschismus in der Bundesrepublik beschrieben. Aus der umfangreich betriebenen Kampagne zur Delegitimierung der DDR entsteht ein Angriff auf den Antifaschismus als vorgebliche Legi­timationsideologie. Als Antwort hier­auf entwickelten sich eine verstärkte Geschichts- und Erinnerungsarbeit auf der einen Seite und der Kampf gegen die rassistischen Angriffe auf Asylbewerber und gegen Aufmärsche und Provokationen aktionsorientierter Neofaschisten auf der anderen Seite.

Schneider erklärt, dass der An­griff auf den Antifaschismus nicht nur gegen die DDR gerichtet ist, sondern gegen die bundesdeutsche Linke ins­gesamt. Der innere Zusammenhang zwischen dem (in Folge der und durch die Einverleibung der DDR erfolgten) Vormarsch des deutschen Imperia­lismus und den Aufgaben des Antifa­schismus wird von Schneider jedoch nicht thematisiert. Der Band reprodu­ziert mit dieser Leerstelle eine ideolo­gische und praktische Schwäche des Antifaschismus in Deutschland. Das Unverständnis gegenüber diesem Zu­sammenhang setzt der Wirksamkeit des Antifaschismus Grenzen. Mehr noch: Es macht ihn auch instrumen­talisierbar für die Herrschaftspraxis des Imperialismus selber, wie dies z. B. von „antideutschen“ Kriegs- und Sozialabbaupropagandisten vorexer­ziert wird.

Es bleibt unsere Aufgabe, Antifa­schismus und Antiimperialismus als notwendige Einheit zu begreifen und eine dementsprechende politische Pra­xis zu entwickeln. Das Antifaschis­mus-Buch von Ulrich Schneider bietet mit seinem Blick auf die geschichtli­che Entwicklung des Antifaschismus in Deutschland dafür eine wertvolle Materialsammlung. Mit unserem Ver­ständnis von Faschismus als Form monopolkapitalistischer Klassenherr­schaft besitzen wir den Schlüssel, der genannten Aufgabe nachzukommen.

Quellen und Anmerkungen:
[1] Ulrich Schneider, Antifaschismus, PapyRossa Verlag, Köln 2014

 

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