Das antifaschistische Erbe der DDR

Posted on 27. Mai 2015 von


Referat von Prof. Dr. Nina Hager auf der Konferenz des DKP-Parteivorstandes unter dem Motto „8. Mai 2015: Tag der Befreiung vom Faschismus – Der Kampf geht weiter! Rolle und Aufgaben der Kommunistischen Partei im antifaschistischen Kampf gestern und heute“.

antifa-ddrEs ist schwierig, sich heute dem Thema „Antifaschismus in der DDR“ bzw. „Das antifaschistische Erbe der DDR“ zu nähern und nicht sofort gleich nur in eine Abwehrhaltung gegenüber jene zu verfallen, die ständig nur vom „verordneten“ Antifaschismus der DDR sprechen, von einem „Gründungsmythos“ faseln oder wie Bundespräsident Gauck gar von einer „Maskerade“. Dabei kennen wir das doch seit fast 25 Jahren: Der Antifaschismus gehörte mit zum Ersten, was von der DDR 1990 entsorgt werden sollte. Es ging aber nicht nur darum, die gesellschaftliche Alternative auf deutschem Boden zu diskreditieren, zu delegitimieren. Es ging und geht um mehr …

Doch diese anti-antifaschistische Strategie war – das können wir heute nach fast 25 Jahren in den Tagen vor dem 70. Jahrestag der Befreiung auch feststellen – nicht so erfolgreich, wie es sich die Planer und Abwickler damals und in den nachfolgenden Jahren noch vorgestellt hatten. Das antifaschistische Erbe der DDR hat eine tiefe Spur hinterlassen.
Offensichtlich hatten und haben die Verantwortlichen bis zum heutigen Tag ausgeblendet, dass der Antifaschismus in der sowjetischen Besatzungszone und später der DDR nicht etwa nur eine Sache der sowjetischen Besatzungsmacht und deshalb nur von außen befohlen war oder im Osten Deutschlands allein eine Angelegenheit der Kommunistinnen und Kommunisten und linken Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten. Er ging viel tiefer, beruhte nicht nur auf Kenntnis und Erkenntnis der Widerständler, sondern auf realen Erfahrungen und auf dem zunehmenden Wissen um „Ursachen des Faschismus, seine Wurzeln und sein Wesen, und um die Verbrechen des deutschen Faschismus“ (1). Die ersten Aufgaben nach 1945 waren: Ausrottung des Faschismus, insbesondere seiner ökonomischen Basis, Erziehung der Jugend im Geiste des Antifaschismus.

Die kommunistischen, sozialdemokratischen, bürgerlichen u. a. Antifaschistinnen und Antifaschistinnen, die aus der Illegalität, aus den Konzentrationslagern, den Zuchthäusern und der Emigration zurückkehrten, standen damals für die neue Ordnung und die Durchsetzung der Beschlüsse der Potsdamer Konferenz. Sie trafen auf viel Misstrauen und eindeutige Ablehnung, aber auch auf viel Zustimmung – vor allem bei jungen Menschen, die für die Forderung „Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg!“ eintraten und eine neues, anderes Leben wollten.
Letztere – und ich nehme an, hier sitzen heute doch einige aus dieser Generation in diesem Saal – arbeiten aktiv mit bei der Errichtung der neuen antifaschistisch-demokratischen Ordnung, dann für die antifaschistische DDR.
Doch die Erfahrung muss weitergegeben und die Erinnerung muss wach gehalten werden.

Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Genossinnen und Genossen,
die Konzepte für den staatlich verordneten Anti-Antifaschismus und die Delegitimierung des Antifaschismus in der DDR wurden bereits vor dem 3. Oktober 1990 entwickelt. 1990 wurden sie offenbar in aller Eile überarbeitet, korrigiert, den neuen Gegebenheiten angepasst. Kurt Finker (2) und später Ulli Sander (3) machten in Veröffentlichungen darauf aufmerksam, dass bereits im Oktober 1990 eine Broschüre des Bundesinnenministeriums mit dem Titel „Bedeutung und Funktion des Antifaschismus – Texte zur inneren Sicherheit“ erschien, die Pflöcke setzte. Der Auftrag zur Erarbeitung dieser Broschüre erging jedoch vor dem 3. Oktober 1990. Zu den Autoren dieser Broschüre gehörten u. a. der Direktor beim Bundesamt für Verfassungsschutz Hans-Joachim Bloch sowie die Geschichtsprofessoren Hans-Helmuth Knütter aus Bonn und Manfred Wilke aus Berlin. Der damalige Chef des Bundesinnenministeriums Wolfgang Schäuble erklärte in seinem Beitrag, der Antifaschismus müsse beseitigt werden, denn er sei eine Hervorbringung des SED-Regimes: „Die SED habe damit den Sozialismus begründen und legitimieren wollen.“ Der rechtskonservative Historiker Knütter (CDU) regte in seinem Beitrag an, „die Auseinandersetzung um die ‚Einmaligkeit nationalsozialistischer Verbrechen’ wieder zu beleben“. Wörtlich: „Die Aufdeckung kommunistischer Untaten legt es nahe, nationalsozialistische Taten zu relativieren und eben nicht als einmalig und unvergleichbar erscheinen zu lassen.“ (4) Das war eine mehr als deutliche Vorgabe.
Der DDR gestand Knütter immerhin zu, ein konsequent antifaschistischer Staat gewesen zu sein – genau aber das sei ihr Fehler gewesen.
Siegfried Schiele, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg beklagte damals: „Der Begriff ‚Antifaschismus’ wurde mehr und mehr zu einem politischen Kampfbegriff, der deshalb Wirkung erzielte, weil man ihm nicht energisch entgegentreten kann, ohne selbst Gefahr zu laufen, als Verteidiger des Faschismus zu gelten.“ (5) Und er gab entsprechende Empfehlungen für den Unterricht zum – wie er es formulierte – „optimalen Schutz“ vor dem Antifaschismus. (6)

Die Pläne für die Offensive gegen den Antifaschismus in der DDR und für einen „optimalen Schutz“ vor Antifaschismus betrafen damals und später in den neuen Bundesländern Bildung und Universitäten, Konzepte für Gedenkstätten, Namen, Traditionen usw. usf., aber auch die Ausgrenzung und öffentliche Diffamierung von Antifaschisten. Das alles ging soweit, dass an die Universitäten im Osten nicht nur vor allem rechtskonservative Gründungsprofessorinnen und -professoren entsandt wurden, sondern im Falle der Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität in Berlin sogar einer mit SS-Vergangenheit: der emeritierte Professor der Uni Bonn, Wilhelm Krelle.

Die damaligen Pläne waren – als Konzept eines Anti-Antifaschismus – gegen den Antifaschismus, gegen antifaschistische Überzeugungen und Organisationen insgesamt gerichtet: im Osten wie im Westen Deutschlands. Und sie sind es noch heute.
Ich werde mich hier im Folgenden auf die bis heute fortdauernden Angriffe gegen die DDR beschränken – und kann auch da hier nur auf einige wenige Aspekte verweisen.

Oft über Nacht wurden nach dem 3. Oktober 1990 bekanntlich Gedenktafeln und kleinere Denkmäler beseitigt.
Wir in Berlin bzw. in den neuen Bundesländern haben das damals selbst erlebt.
Der marxistische Historiker Hans Maur hat – auch in der UZ – frühzeitig darauf aufmerksam gemacht. So verschwanden allein im früheren Bezirk Suhl bis 1996 „62 Stätten der Ehrung. In den östlichen Stadtbezirken von Berlin waren es bis zum Sommer 1998 über 260.“ (7)
Ansonsten sollten angebliche „Einseitigkeiten“ der früheren DDR-Gedenkstätten einer angeblich differenzierteren Betrachtung weichen – das traf vor allem die Darstellung des Arbeiter- und insbesondere des kommunistischen Widerstandes, der tatsächlich in den DDR-Gedenkstätten besonders hervorgehoben wurde.
Schon früh wurde zudem über die grundlegende Veränderung von antifaschistischen Gedenkstätten wie in Buchenwald und Sachsenhausen debattiert. Auch hier ging es darum, angebliche Einseitigkeiten der Kommunisten zu beseitigen. In diese Geschichte gehört die Debatte um die so genannten „Roten Kapos“, um Forderungen nach Veränderungen des Ensembles auf dem Ettersberg bei Weimar und vieles mehr. In diese Geschichte gehört aber auch die aktuelle Neuverfilmung des Romans von Bruno Apitz „Nackt unter Wölfen“, der am 1. April im ARD ausgestrahlt wurde – mit einem Beiprogramm, das an geschichtsrevisionistischer Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig ließ.
Vor über 50 Jahren war meine Klasse im Rahmen der Jugendweihevorbereitung in Sachsenhausen. Ich kann mich sehr gut erinnern. Uns wurde damals über den Widerstand, vor allem auch der kommunistischen Häftlinge, berichtet und über die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen – allein im Herbst 1941 wurden innerhalb weniger Wochen im KZ Sachsenhausen über 10 000 sowjetische Kriegsgefangene ermordet. Wir erfuhren von Hunger und Not, von Misshandlungen, sahen aber auch die Überbleibsel der Baracken für jüdische Häftlinge, die Tötungsinstrumente, die Öfen und vieles andere. Die Mörder und die, die sie an die Macht gebracht hatten, die Banken und Konzerne, die von Krieg und der Vernichtung profitierten, wurden eindeutig benannt. Da war nichts „einseitig“.
Nicht erwähnt wurde damals das Internierungslager ab 1945. Aber auch das empfinde ich noch heute nicht als „einseitig“. Denn dort und anderswo – auch in den anderen Besatzungszonen – wurden 1945 entsprechend der Potsdamer Beschlüsse der Alliierten solche Internierungslager für Nazi- und Kriegsverbrecher geschaffen.
Dies wurde aber nach 1990 genutzt, um die These zu stützen, im Osten Deutschlands wäre der braunen Diktatur sofort die rote gefolgt, dem alten Unrecht das neue.
Als der damalige Außenminister Kinkel 1995 auf der Gedenkfeier in Sachsenhausen versuchte, mit Verweis auf die zweifache Geschichte des Lagers auf die angebliche Kontinuität der braunen und roten Diktaturen zu verweisen, haben wir Antifaschistinnen und Antifaschisten, die wir auf das Gelände kamen, hinten so massiv protestiert und unser Anliegen auch den Gästen – meist früheren Häftlingen erklären können, dass er nur unter Pfiffen zu Ende reden konnte.
Was mich sehr nachdenklich stimmt ist, dass – wie eine Berliner Genossin mir kürzlich erzählte – 20 Jahre später der brandenburgische SPD-Ministerpräsident Woidtke in Sachsenhausen fast völlig ungestört von einem Gedenken an die Opfer von 1933 bis 1990 sprechen konnte.

An einen zweiten Aspekt möchte ich hier noch erinnern: Bereits im November 1990 standen beispielsweise auf einer Berliner Liste zur Umbenennung von Straßen und Plätzen nicht nur die Namen von DDR-Politikern. Es stand dort auch die „Straße der Befreiung“, in die 1975 die Straße „Alt-Friedrichsfelde“ umbenannt worden war. Im April 1945 waren Verbände der Roten Armee unter General Bersarin entlang der Straße Alt-Friedrichsfelde in Richtung Stadtzentrum vorgerückt. Bis Anfang Mai 45 befand sich hier die sowjetische Kommandantur.
Auf der Berliner Liste standen Namen sowjetischer Befreier wie Bersarin, antifaschistischer kommunistischer und sozialdemokratischer Widerstandskämpferinnen und -kämpfer, aber auch die Namen des katholischen Priesters Bernhard Lichtenberg, des Theologen und profilierter Vertreters der Bekennenden Kirche, des Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer, nach denen zur DDR-Zeit beispielsweise im Stadtbezirk, in dem ich wohne, 1974 zwei Straßen benannt wurden.
Die Umbenennungen gingen übrigens der CDU nach 1990 in Berlin viel zu langsam und nicht weit genug. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Jochen Feilcke forderte 1991 gar die Verantwortung für die Straßenumbenennungen in Berlin “sofort dem Senat zu übertragen” und den Stadtbezirken zu entziehen. Feilcke hatte zu jener Zeit bereits „symbolisch“ Straßenschilder der Otto-Grotewohl-Straße mit “Wilhelmstraße” überklebt. Der Name des Antifaschisten und früheren Sozialdemokraten Grotewohl sollte verschwinden. Die „Wilhelmstraße“ war aber vor 1945 nicht nur Adresse von Regierungsstellen der Weimarer Republik, sondern ab 1933 auch wichtiger faschistischer Ministerien, der Hitlerschen Reichskanzlei, der Gestapo-Zentrale im Prinz-Albrecht-Palais.
Diese Umbenennungsaktionen in unserer Stadt gelangen damals bekanntlich nur teilweise, anderenorts gar nicht.

Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Genossinnen und Genossen!
Der geschilderten Strategie gegen dem Antifaschismus diente auch die erste und zweite Enquete-Kommission des Bundestages „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur”, denen die bis heute existierende „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Dkitatur“ folgte, die jedes Jahr aufs Neue bedauert, dass das Konzept zur Diskreditierung und Delegitimation des Antifaschismus nach wie vor noch nicht umfassend greift.
Dieser Strategie folgten Filme und Dokumentationen. Dieser Strategie folgt die Mehrheit der bürgerlichen Medien bis zum heutigen Tag.
Die erste Enquetekommission verkündete in ihrem Abschlussbericht vom 31. Mai 1994 unter anderem: „Dem kommunistischen Antifaschismuskonzept blieb die SED auch nach 1945 verbunden. Sie missbrauchte den Antifaschismus als politischen Kampfbegriff undifferenziert gegen alle politischen und gesellschaftlichen Strömungen, die die Politik der Sowjetunion in ihrem Ringen um eine ‚Welt des Friedens’ nicht unterstützten (…)
Der teils als Mythos, teils als politisches Konzept gefasste Antifaschismus diente der Legitimation der SED-Herrschaft (…)
Aufs Ganze gesehen hat der Antifaschismus offenbar nicht unwesentlich zur Identifikation mit der SED beigetragen. Dies gilt insbesondere für Intellektuelle, die aufgrund des ‚verordneten Antifaschismus’ das wahre Wesen des DDR-Regimes zunächst verkannt und entsprechend verharmlost haben. Inwieweit zwischen dem ‚verordneten Antifaschismus’ und einem demokratischen unterschieden werden kann, bedarf noch eingehender wissenschaftlicher Diskussion.“ (8)

Das bedeutete und bedeutet eine Diffamierung des gesamten Widerstandes und wurde bis heute nicht korrigiert. Die Antifaschistinnen und Antifaschisten unterschiedlicher weltanschaulicher Überzeugung standen für eine anderes, ein demokratisches Deutschland, das dem humanistischen, damit auch dem revolutionären Erbe der deutschen Vergangenheit verpflichtet war, nicht aber der Tradition von Eroberungen, Unterdrückung und Kriegen. Nicht nur bürgerliche Kräfte standen in der Emigration wie im Widerstand in diesem Sinne an Seite des Arbeiterwiderstandes.
Und weiter wird in verschiedenen Veröffentlichungen – so auf der Webseite der Adenauer-Stiftung (9) unter anderem – nach wie vor behauptet, dass der „moralische Anspruch, der in der DDR nach dem Zweiten Weltkrieg hinsichtlich der Aufarbeitung des NS-Regimes propagiert wurde, weit hinter der gesellschaftlichen Realität“ zurückgeblieben sei und habe – wie beispielsweise Bundespräsident Gauck in Berufung auf Giordano behauptet – vor allem auch das Verdrängen von Versagen und Schuld, gerade auch des so genannten kleinen Mannes gefördert.
Lesen kann man auch, dass anders als in Westdeutschland beziehungsweise der Alt-Bundesrepublik eine Aufarbeitung der Geschichte des „Dritten Reiches“ in der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR nie wirklich geschehen sei.

Behauptet wird unter anderem:

  • Da sich die DDR nicht als Nachfolgestaat des Dritten Reiches verstand, gab es auch keine umfassenden moralischen oder materiellen Entschädigungsleistungen, die mit den Leistungen der Bundesrepublik im Zusammenhang mit der so genannten „Wiedergutmachung“ vergleichbar gewesen wären.
  • Ehemalige Mitglieder der Nazipartei konnten in der sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR – wenn sie nur loyal agierten – bruchlos weiterleben.
  • Es habe weniger Gerichtsprozesse als im Westen gegen Naziverbrecher gegeben usw. (10)
  • Der Holocaust wäre kaum oder gar nicht thematisiert worden (11) – Ja, Antisemitismus wäre in der DDR zumindest toleriert worden.

Die Höhe der von der DDR geleisteten Reparationszahlungen an Polen und die Sowjetunion sind bekannt. Sie betrugen ein Vielfaches der Zahlungen der Bundesrepublik.
Und was die anderen Punkte betrifft, so dazu hier einige Fakten:

1. Auf der Potsdamer Konferenz war die Entnazifizierung beschlossen worden. Bis August 1947 mussten in der sowjetischen Besatzungszone 520 000 faschistisch belastete Personen, vorwiegend im öffentlichen Dienst, ihren bisherigen Arbeitsplatz verlassen, darunter fast 80 Prozent der Lehrer und 85 Prozent der Richter und Staatsanwälte. Umfassende antifaschistisch-demokratische Reforme wurden im Bildungsbereich und der Justiz umgesetzt. (12) Nicht wenige derjenigen, die angeblich in der DDR „bruchlos“ weiterleben konnten, hatten entweder in der Kriegsgefangenschaft mit dem Faschismus gebrochen, bereits aktiv im Nationalkomitee „Freies Deutschland“ gewirkt, oder waren 1945 gerade mal 17, 18 Jahre alt …

2. Von Mai 1945 bis Dezember 1964 wurden zunächst in der SBZ und dann in der DDR insgesamt 12 807 Personen wegen Beteiligung an Verbrechen gegen Frieden und Menschlichkeit und wegen Kriegsverbrechen verurteilt. Obwohl die meisten Nazi- und Kriegsverbrecher 1945 in die Westzonen flüchteten, wurden dort bis zum 1. Januar 1964 nur 5 234 Personen verurteilt (bis 1990 lediglich 6 488), wenngleich die Bevölkerungszahl der BRD dreimal so groß war wie die der DDR. Hinzu kam das Bestreben im Westen, viele Schuldige ihrer gerechten Strafe zu entziehen. Dafür waren (Zahlen bis1965) in der BRD ehemalige Nazis, zumeist Kriegsverbrecher, aktiv tätig: 21 Minister und Staatssekretäre, 100 Generale und Admirale der Bundeswehr, 828 hohe Justizbeamte, Staatsanwälte und Richter, 245 leitende Beamte des Auswärtigen Amtes, der Bonner Botschaften und Konsulate. 297 hohe Beamte der Polizei und des Verfassungsschutzes. (13)

3. Der „Holocaust“ wäre in der DDR kaum oder gar nicht thematisiert worden? Mal abgesehen vom Wort „Holocaust“, das ja erst durch eine US-amerikanische Fernsehserie in den deutschen Sprachraum kam: „Ehe im Schatten“ war 1947 der erste DEFA-Film, der zum Thema gehört. Ihm folgten Filme wie „Sterne“ (1959), der heute als erster deutscher Film gilt, der sich mit der Verantwortlichkeit der Deutschen im Holocaust auseinandersetzte, „Professor Mamlock“ (1961), 1972 die „Bilder des Zeugen Schattmann“, „Jacob der Lügner“ (1969 als Roman veröffentlicht, 1974 von der DEFA verfilmt). 1966 erschien das reich bebilderte Buch „Kennzeichen J“ über die faschistische Rassenpolitik. Arnold Zweig nannte es in seinem Vorwort ein „Mahnmal“. Auch an andere Bücher müsste man erinnern, auch an Kinderbücher. Synagogen und jüdische Friedhöfe erhielten zunehmend den Status von Denkmälern. Das zentrale Mahnmal der DDR in der „Neuen Wache“ unter den Linden erinnerte an alle Opfer des Faschismus. Heute ist die „Neue Wache“ eine „ Zentrale Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“.
Wenn wir uns daran erinnern, dann müssen wir aber auch sagen: Das hat lange nicht gereicht und es hat nicht alle erreicht. Wir haben unterschätzt, wie tief die faschistische Ideologie oder die Erinnerung an scheinbar glorreiche Siege der Wehrmacht bei manchen Menschen und in den nachfolgenden Generationen wirkten. Wir haben unterschätzt, dass es nicht nur um Lernen geht, sondern tiefe Überzeugungen oft nur in Entscheidungssituationen entstehen. Wir haben nicht genügend thematisiert und uns damit öffentlich auseinandergesetzt, dass auch bei uns in einem gewissen Ausmaß von einigen Gruppen – vor allem in den letzten Jahren der DDR – rassistische, antisemitische, faschistische Positionen verbreitet wurden. (14)
Aber das wäre ein ganz neuer Vortrag.

Ich komme zu meinem Ausgangspunkt zurück: Es ging Schäuble und Co. 1990 nicht darum, sich kritisch mit der Geschichte der alten Bundesrepublik auseinanderzusetzen, in der bald wieder die alten Nazis in Wirtschaft, Politik, Justiz, Nachrichtendiensten, Bundeswehr und Polizei in Amt und Würden kamen, während Kommunistinnen und Kommunisten und andere Demokraten erneut verfolgt wurden, sondern um Verschweigen und Verdrängen der Nazi-Vergangenheit, um das Verschweigen der Rolle der Banken und der Industrie an der Machtübergabe an die Hitlerfaschisten und bei der Ausschaltung der marxistisch orientierten Arbeiterbewegung in Deutschland. Diese Banken und Konzerne profitierten von Aufrüstung, von den Eroberungenn, der Zwangsarbeit und dem Massenmord.
Es geht um die Ausschaltung der Gegner von Demokratieabbau und Krieg bis hinein ins bürgerliche Lager.
Außenminister Steinmeier hat in seiner Rede in Sachsenhausen (15) sehr klar alles auf den Punkt gebracht: Er machte auf die Leiden der Häftlinge aufmerksam und auf das tiefe Unrecht. Kein Wort fand er zu den Ursachen von Faschismus und Krieg. Zum Schluss kam die entscheidende Aussage, nachdem er sich gegen Rassismus und Fremdenhass ausgesprochen hatte: Er sprach von der sich aus der deutschen Geschichte ergebenden „Verantwortung im Inneren unserer Gesellschaft“ und der deutschen Rolle in der Welt. Und was das bedeutet, wissen wir spätestens seit Jugoslawienkrieg, seit Deutschland wieder Kriegspartei ist und eigene Interessen auch mit kriegerischen Mitteln verfolgt. Was das bedeutet, wissen wir: Deutschland vertritt auch im Osten Europas eigene Interessen und toleriert dabei die Aufmärsche von Faschisten im Baltikum und paktiert in der Ukraine offen mit einem Regime, in dem Faschisten wichtige Regierungspositionen einnehmen.
Und gegen diese Politik gilt es heute aufzustehen und sich zu wehren – ganz im Sinne des antifaschistischen Erbes der DDR!

 

(1) Vgl. Detlef Joseph: Nazis in der DDR. Berlin 2002

(2) Kurt Finker: Wurzeln und Erscheinung faschistischer Bewegungen nach 1945 in Deutschland. In: Geschichtskorrespondenz April/2001

(3) Ulrich Sander: Schäubles Anti-Antifaschismus. In Ossietzky, Heft 13/ 2006

(4) Zitiert nach Ulrich Sander: Schäubles Anti-Antifaschismus

(5) In: Bedeutung und Funktion des Antifaschismus. Texte zur inneren Sicherheit. Hrsg.: Der Bundesminister des Inneren, Bonn 1990

(6) Ebenda

(7) Vgl. Hans Maur: Der Umgang mit antifaschistischen Mahn- und Gedenkstätten in heutiger Zeit (Auszüge aus dem Vortrag). In: Geschichtskorrespondenz. Heft 4/1998, S. 28

(8) Materialien der Enquete-Kommission “Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland”. Hrsg. vom Deutschen Bundestag, Baden-Baden 1995, Bd. 1, S. 278 – 280

(9) http://www.kas.de/wf/de/71.6641/, Mythos: „Die DDR stand für Antifaschismus“

(10) Ebenda .

(11) Ebenda

(12) Vgl. Günter Wieland: Das war der Volksgerichtshf. In: Ermittlungen-Fakten-Dokumente. Staatsverlag der DDR 1989

(13) Vgl. Wieland, vgl. Joseph

(14) Vgl. den Beitrag von Norbert Madloch in: Rechtsextremismus und Antifaschismus. Historische und aktuelle Dimensionen. Karl Dietz Verlag. Berlin 2000

(15) Vgl, http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Reden/2015/150419-BM_Sachsenhausen.html

 

übernommen von news.dkp.de

 

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