Der Gebrauchswert des Marxismus-Leninismus

Posted on 4. November 2015 von


marx-leninvon Kurt Baumann

„Die 27 Millionen Sowjetbürger, die im
Großen
Vaterländischen Krieg gestorben sind,
taten dies auch für
die Menschheit und für das
Recht zu denken und Sozialist zu sein,
Marxist-Leninist zu sein, Kommunist zu sein
und
die Vorgeschichte zu verlassen.“
Fidel Castro Ruz [1]

Anders als es der Bezirksvorstand der DKP Südbayern sieht, steht der Begriff des Marxismus-Leninismus nicht nur für die sowjetische Periode, in der Stalin Generalsekretär war, sondern in der internationalen kommunistischen Bewegung steht er ganz allgemein für die wissenschaftliche Weltanschauung der Kommunisten. Fidel setzt ihn sogar gleich mit dem Recht zu denken und Kommunist zu sein. Welche Bedeutung hat er für uns?

Hans Heinz Holz orientiert wie Engels auf den Gesamtzusammenhang, Lenin sucht die Wahrheit in der Konkretion. Beide Orientierungen scheinen einander zu widersprechen, scheinen andere Schwerpunkte zu setzen, anderes Handeln zu verlangen. Die Überbetonung einer der beiden Seiten führt zu ideologischen Unsicherheiten und zu politischem Opportunismus. Nur die Abstraktion zu theoriegeschwängertem Salbader ohne Nutzanwendung und Reichweite, nur die Konkretion zu Handwerkelei und dem Aufgehen in der nächsten Bewegung, dem Verlust der politischen Eigenständigkeit.

Die Dialektik fordert die Aufhebung dieses scheinbaren Widerspruchs entlang einer gemeinsamen Linie – konkret dem Marxismus-Leninismus (ML). Der Gebrauchswert des ML liegt demzufolge darin, dass er es schafft, die Einheit zwischen Konkretion und Abstraktion herzustellen und zu bewahren, dass er daraus handlungsanleitend wirkt, einen „geordnete[n] Sinn für Selbstverständnis und Verhalten“ entwirft, durch die die Erfahrung bestätigt wird und im Einklang mit den bekannten und bewährten Theorien steht [2].

Lenin bezeichnet den Marxismus als System [3]. Der Begriff Marxismus-Leninismus beschreibt dieses System in seiner Entwicklung [4]. Duncker nennt diese „die Weiterentwicklung des Marxismus in der Staatsfrage, in der Bündnisfrage, der nationalen Frage, in den Fragen der konkreten Übergangsformen zum Sozialismus usw“ [5]. Fidel rühmt Lenin: „Lenin war ein genialer revolutionärer Stratege, der nicht zögerte, die Ideen von Marx anzunehmen und ihre Umsetzung in einem riesigen und nur zum Teil industrialisierten Land in Angriff zu nehmen, dessen proletarische Partei im Angesicht der größten Bedrohung, die der Kapitalismus über die Welt gebracht hatte, zur radikalsten und tapfersten des Planeten wurde“ [6]. Damit nennt er zentrale Gründe, warum das Studium der Leninschen Schriften und der Erfahrungen der Bolschewiki für die Entwicklung des ML als Weltanschauung der kommunistischen Parteien wesentlich ist.

Handlungsanleitung

Die Handlungsanleitung setzt die Systematisierung der konkreten Erscheinungen voraus. Sie benötigt ein „Modell von relativem Wahrheitsgehalt“ (Fellner), in dem die Annäherung an die absolute Wahrheit gelingen kann. (Hans Heinz Holz nutzte hier auch das Bild des „Teppichs“ oder des „Grundrisses“ einer Stadt, in der man sich sonst verläuft, in den alles eingearbeitet werden kann.) Eine Voraussetzung ist die immer weiter gehende Integration wissenschaftlicher Erkenntnisse. Ganz praktisch bedeutet das z.B.: Will ich die Kolleginnen und Kollegen zum Streik motivieren, muss ich die Lohnentwicklung im Verhältnis zur Profit- und Preisentwicklung darstellen, die subjektiven Erscheinungen erkennen (Resignation, Unwille usw.) und systematisieren (für und gegen das gemeinsame Streiken). Das Ziel ist, dass möglichst alle streiken sollten, damit der Effekt möglichst groß ist, Solidarität erlebbar wird und im Reformkampf Klassenbewusstsein entwickelt werden kann. Natürlich erkenne ich erst in der Reflexion, ob und wie meine Agitation sich ausgewirkt hat. Dazu brauche ich dann Organisation (die Gewerkschaft, aber besonders auch die SDAJ und DKP), um wissenschaftliche Erkenntnisse zu integrieren (von Auslegungen des Betriebsverfassungsgesetzes, über Streiktaktiken, bis hin zur Leninschen Lehre von Agitation und Propaganda).

Mit anderen Worten: „Wer sich nicht auf den Grundriss bezieht, verläuft sich; und ,verlaufen‘ heißt richtungslos umherlaufen und mithin in die Irre gehen“ [7]. Den Grundriss zu zeichnen, zu aktualisieren und ihn an neue Mitglieder weiterzureichen, ist Aufgabe der Organisation. Deshalb darf ideologische Orientierung nicht von den konkreten Menschen und den Strukturen, die sie geben sollen, getrennt werden.

„Geordneter Sinn für Selbstverständnis und Verhalten“

Zurück zu unserem Widerspruch zu Beginn: Zwischen der allgemeinen Orientierung, also dem Grundriss, und der konkreten Erscheinung, also dem Tapetenmuster innerhalb der Stadt, besteht kein Widerspruch, weil wir das eine in das andere einordnen können und müssen. Die Arbeit dieser Einordnung ist die Erfassung der Realität (Widerspiegelung), das Schmieden von Plänen zu ihrer Veränderung, die eigene Handlung und schließlich die Überprüfung der Widerspiegelung anhand der eingetretenen Veränderung. Oder politisch ausgedrückt: Analyse der Ausgangslage, Bestimmung der Kampfinstrumente, Organisation politischer Träger der Veränderung und Durchführung der Aktion, Reflexion, Kritik, Veränderung sowie Anpassung der Analyse der Ausgangslage an die nun veränderte.

Wer sich auf die Position begibt, Lenins Werk, dessen Wirksamkeit sich gerade aus Realitätsnähe, Vielfalt und Widersprüchen ergab, sei in ein „geschlossenes System“ verwandelt worden und der Marxismus-Leninismus das Synonym für die von Stalin verkündeten Lehrsätze [8], der verlässt ganz bewusst den Ordnungsrahmen. Er will ihn ignorieren. Hier wird das Leninsche Schaffen und seine Lehren ganz bewusst bis zu dem Punkt historisiert, dass sich daraus keine Ableitungen für heute treffen lassen. Tür und Tor für Beliebigkeit werden geöffnet. Die Überbetonung der Konkretion gegen die bewusste Schaffung von Instrumenten zur Erkenntnis und Veränderung des Gesamtzusammenhangs (Imperialismus-Analyse und Parteifrage) führt konsequent zur Ablehnung des Begriffs für diese Vorhaben: Leninismus.

Was meint Lenin (nicht Stalin!), wenn er in seiner Schrift „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“ die Lehre vom Marxismus als „in sich geschlossen“ bezeichnet? Hannes Fellner hat uns darauf hingewiesen, dass es um die Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs geht: Ein Gesamtzusammenhang, der sich in den Bewegungsformen seiner Bestandteile herstellt und darstellt, hat die Gestalt des Systems. Da die Welt größer ist und mehr enthält, als wir je von ihr wissen können, darf ein System nicht als ein endliches, geschlossenes von sich behaupten, eine Abbildung des Ganzen zu sein, sondern muss sich offenhalten für Erweiterungen und für den Eintritt des Neuen.

„In sich geschlossen“ bezieht sich also gerade auf den einheitlichen Charakter von System und Methode des Marxismus als Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs. Für den Marxismus als Weltanschauung gilt natürlich, dass er im Fluss ist, wie es der antike Dialektiker Heraklit bildlich ausdrückte, wo stets anderes Wasser hinzuströmt und man deshalb nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann. In diesem Sinne ist er offen. Aber – um im Bild zu bleiben – ein Fluss ist ein Fluss und kein Berg, und ein Fluss hat ein Bett und einen Verlauf. In dieser Hinsicht ist der Marxismus „in sich geschlossen“ [9].

Fazit

Indem Fidel Castro in seiner Rede zum 7o. Jahrestag des Siegs über den Faschismus die Haltung Putins zu den Bolschewiki zumindest indirekt kritisiert, beweist er Prinzipienfestigkeit, die ihm der durch den Marxismus-Leninismus gegebene Gesamtzusammenhang eröffnet, gleichzeitig agiert er aber konkret und taktisch flexibel, wenn er feststellt, dass die Politik der EU und der NATO Russland objektiv an die Seite der Friedenskräfte geführt hat und dass folglich der Schulterschluss mit Russland zu suchen ist. So beweist er praktisch die Lebensfähigkeit des Marxismus-Leninismus. Den Kampf um die Anerkennung und die Aneignung dieser Weltanschauung werden wir in der und durch die Partei führen.

 

Quellen und Anmerkungen:
[1] F. Castro Ruz, „Bei dieser Feier durfte ich nicht fehlen“, jW vom 9./10.5.15.
[2] H. H. Holz, Orientierung in der Vielheit der Erscheinungen. Die Einheit des Marxismus auf dem Prüfstand, jW vom 26.08.06 (Beilage „Marxismus).
[3] H.Fellner, „In sich geschlossen und harmonisch“. Zu Lenins „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“, Teil 2, T&P 39, S. 26-27.
[4] H. Dunker, Einführungen in den Marxismus. Ausgewählte Reden und Schriften, 1959, Bd. 2, S.12-14.
[5] Ebd. S. 13.
[6] Castro Ruz, a.a.O.
[7] Holz, a.a.O.
[8] Referat des Kreisvorstandes zur Kreisdelegiertenkonferenz der DKP München, 25.04.15,http://www.dkp-muenchen.de/attachments/1208_Referat_KDK-MUC_2015-04-25.pdf
[9] Fellner, a.a.O.

 

 

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