Industrie 4.0

Posted on 9. November 2015 von


„Technikwunder“ zur Verschärfung der Klassenwidersprüche

indu4von Helmut Woda

Was in Deutschland Industrie 4.0 und sogar 4.0-Revolution genannt wird, heißt auf EU-Ebene „Digitale Autonomie Europa 3.0“ und beim Massachuttes Institute of Technology (MIT) sogar nur „The Second Machine Age“. Was angelsächsisch also einfach Zweites Maschinenzeitalter genannt wird, wächst bei der EU schon zur Stufe drei, und in Deutschland geht es nicht unter einer 4.0-Revolution – damit nur ja niemand auf die Idee kommt, unter Revolution mehr als technische Wunder in der Produktionstechnik zu verstehen.

Was ist Industrie 4.0?

Was meint wohl das MIT mit zweitem Maschinenzeitalter? Nun, wie immer man zählen möchte, auf jeden Fall geht es um Maschinen. Was immer „digital“, „vernetzt“, „Internet“, usw. heißt, es sind Automaten, Maschinen.

Dazu ein Beispiel: Im südenglischen Hügelland bei Reading steht auf einer Anhöhe eine James-Watt-Dampfpumpe aus dem Jahr 1812. Das Maschinengehäuse ist ein 4-stöckiges Haus, der Zylinder hat einen Durchmesser von 1000 mm. Die Steuerung der Dampfmaschine erfolgt über zentimeterdicke schwere Eisenstangen, die sich über mehrere Stockwerke erstrecken. Bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass diese Eisenstangen und ihre Verknüpfungen in schwerer Hardware die Abbildung der Maschinensteuerung darstellen. Eine feste, in Eisen gegossene Programmierung der Maschinensteuerung. Im Jahr 1812! Sogar einen Reset-Button hatte James Watt bereits vorgesehen: im 2. OG des Maschinenhauses befindet sich ein meterlanger Hebel mit Griff, der mit jeder Maschinenbewegung auf und ab geht. Wird der Griff festgehalten, bleibt die Maschine stehen.

Statt schwerem Eisengestänge kommen inzwischen federleichte Bits und Bytes zum Einsatz, die machen aber auch nichts anderes als schon James Watt im Jahr 1812. Das, was heute Bits und Bytes erledigen, ist etwas, das schon lange in der Konstruktion von Maschinen angelegt war. Bits und Bytes sind einfach nur die moderne Übernahme der in Maschinen angelegten Logik. Einmal verselbständigt erlauben die digitalen Automaten dann auch die Erledigung weitergehender Aufgaben wie zum Beispiel die Verwaltung von Informationen.

Wir sehen also, Bits und Bytes sind Automaten, Maschinen. Dazu Karl Marx in „Lohnarbeit und Kapital“: „Die Herrschaft der aufgehäuften, vergangenen, vergegenständlichten Arbeit über die unmittelbare, lebendige Arbeit macht die aufgehäufte Arbeit erst zum Kapital“ [1]. „Aufgehäufte Arbeit“ – das sind die Maschinen, Automaten. Industrie 4.0 – das ist ein Projekt der Bundesregierung zur Weiterentwicklung des Entwicklungsstandes der „aufgehäuften Arbeit“ für die Herrschaft des Kapitals.

Bezüglich der Folgen merkte Marx bereits an, dass „die Maschinerie da, wo sie neu eingeführt wird, die Handarbeiter massenhaft auf das Pflaster wirft, und da, wo sie ausgebildet, verbessert, durch fruchtbarere Maschinen ersetzt wird, Arbeiter in kleinem Haufen abdankt“ [2]. Das steht hinter der schönen neuen Welt der Industrie 4.0, wir haben eben immer noch Kapitalismus, daran hat sich seit Marx nichts geändert.

Werden die Produktivkräfte heute von den Produktionsverhältnissen gehemmt?

In der Diskussionstribüne in der UZ, Nr. 11 vom 13. März 2015, lautet ein Hinweis: „Wir erleben in den Betrieben und der Gesellschaft auch, dass die Produktionsverhältnisse bisher scheinbar nicht spürbar zum Hemmnis der Produktivkräfte geworden sind oder als solche von der Mehrheit der Arbeiterklasse wahrgenommen werden“. Und Thomas Wagner schreibt in seinem Aufsatz „Arbeitszeit kürzen“, in der jungen Welt: „Wer in der Zentrale des Suchmaschinenkonzerns Google in Kalifornien arbeitet, hat das große Los gezogen. Der Job ist gut bezahlt, das Kantinenessen kostenlos. Die Beschäftigten werden ermutigt, 20 Prozent ihrer Arbeitszeit der Entwicklung eigener Projekte zu widmen. Für Sport-, Spiel und Fitnessangebote ist gesorgt“.

Sind also die Produktionsverhältnisse bisher scheinbar nicht spürbar zum Hemmnis der Produktivkräfte geworden?

Bereits im „Manifest“ ist zu lesen: „Die Produktivkräfte, die ihr zur Verfügung stehen, dienen nicht mehr zur Beförderung der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse; im Gegenteil, sie sind zu gewaltig für diese Verhältnisse geworden, sie werden von ihnen gehemmt; und sobald sie dies Hemmnis überwinden, bringen sie die ganze bürgerliche Gesellschaft in Unordnung, gefährden sie die Existenz des bürgerlichen Eigentums. Die bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu fassen“ [3].

Bei Thomas Wagner heißt es in der jungen Welt unter der Überschrift „Beschleunigte Krisendynamik“: „Die Vernichtung von Arbeitsplätzen und die Prekarisierung ehemals festangestellter Beschäftigter schreitet in technisch hochentwickelten kapitalistischen Staaten mittlerweile in so großer Geschwindigkeit voran, dass sich Experten in den meinungsbildenden Blättern zunehmend alarmiert zeigen. Da die ,Perspektiven vieler weniger qualifizierter Menschen auf sichere Arbeitsplätze in vielen Branchen‘ im Zeichen der digitalen Revolution verschwänden, befürchtet Gerald Braunberger, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, politische Unruhen“.

Es könnte sein, dass die Bourgeoisie das auch so versteht, wenn sie sich veranlasst sieht, Rationalisierung mit dem Begriff „Industrie 4.0“ verbrämen zu müssen. Und gesetzliche und organisatorische Maßnahmen der Regierung wollen jetzt schon die Repressionsinstrumente einrichten, mit denen sie dann die Reaktionen der Arbeiterklasse auf die Hemmung der Produktivkräfte niederhalten können will. Ebenso fürchten wohl Teile der Gewerkschaftsführungen diese Reaktionen der Arbeiterklasse, so wie sie sich aktuell gerade an der Einschränkung des Streikrechts durch das Tarifeinheitsgesetz beteiligt haben.

Gefahr einer neuen Apokalypse?

Die industrielle Revolution brachte die Tendenz hervor, dass – wie Marx es beschreibt – der Mensch aus der Produktion heraustritt. Aber nicht verbunden mit einem besseren Leben, sondern mit Massenverelendung, Weltwirtschaftskrisen und zwei Weltkriegen. Die Tatsache, dass die massenhafte Einführung von Elektronik und IT nicht unmittelbar zur Entfaltung der nächsten Weltwirtschaftskrise führte, war der Systemkonkurrenz geschuldet, die dem Imperialismus Fesseln anlegte, ihn zeitweilig an der Entfaltung seines Wesens hinderte. Diese Phase relativer Krisenfreiheit ist seit 2008 vorbei. Spätestens mit „Industrie 4.0“ wird sich das Problem jedoch weiter zuspitzen, dass die Produktivkraft zur Lösung globaler Menschheitsfragen, zur Abschaffung von Hunger und Armut und für ein gutes Leben aller Menschen vorhanden ist, sodass der Mensch in nie gekanntem Umfang aus der Produktion heraustritt – nur eben nicht wirklich in ein gutes Leben. Die Gefahr einer erneuten Apokalypse droht.

 

Quellen und Anmerkungen:
[1] MEW 6, S. 409.
[2] Ebd., S. 421.
[3] MEW 4, S. 468.

 

 

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