Arbeiterklasse heute

Posted on 11. November 2015 von


Zur klassentheoretischen Diskussion in T&P

arbeitervon Ingo Wagner

Die Überlegungen von Thomas Lurchi zur Broschüre von Ekkehard Lieberam [1] zwingen zum weiteren Nachdenken. Zu diesem Problemkreis hat sich ein immenser Literaturfundus unter politischen, soziologischen und ökonomischen Aspekten angehäuft. Deshalb versteht sich, dass mein kurzer Beitrag nur die Richtung meines Denkens andeuten kann, die ich in vielen meiner Arbeiten artikuliert habe – zuletzt in meiner Rezension zu „Macht und Ohnmacht der Lohnarbeiterklasse“ [2]. Ich bleibe zunächst bei dieser Schrift, da sie die Grundrichtung des theoretischen Denkens von Lieberam verdeutlicht.

Offen an der Parteifrage

Bereits dieser Band stellt eine Grundlegung für weiteres Forschen dar. Wenn Lieberam die Kardinalfrage der Debatte – wer das gesellschaftliche Subjekt progressiver gesellschaftlicher Umgestaltung im 21. Jahrhundert ist – so beantwortet: alle Ausgebeuteten, die arbeitende Klasse in ihrer Gesamtheit mit ihrem Kern, der Industriearbeiterklasse im Bündnis mit den Mittelschichten, so hat er meine volle Zustimmung. Er meint zutreffend, dass der „Kampf gegen die mit ‚Zwang gepanzerte Hegemonie’ der Kapitalherrschaft ohne ein politisches Zentrum von Gegenmacht keinerlei nachhaltige Chancen“ hat. Allerdings unterlässt er eine Orientierung darauf, dass die Überwindung der kapitalistischen Klassenherrschaft zwingend eine moderne marxistische Partei verlangt, die im 21. Jahrhundert davon ausgeht, dass im imperialistischen Spätkapitalismus die innere Zersetzung des Kapitalismus zugleich objektiv durch die weitere Vergesellschaftung der Produktion („Globalisierung“) den Sozialismus/Kommunismus auf die welthistorische Tagesordnung setzt, obwohl wir uns noch nicht vor einer revolutionären Situation befinden. Die DKP könnte auf ihren künftigen Parteitag diesen Weg weiter beschreiten. Lieberam lässt bereits in dieser Schrift diese lebenswichtige Frage offen. Er lässt sie auch in seiner von Lurchi besprochenen Schrift offen und vermeidet so die marxistische Folgerung, dass nur mittels einer zeitgemäßen kommunistische Partei durch den Wiederaufbau des sozialistischen subjektiven Faktors grundlegende Bedingungen zur Bewältigung dieser Probleme geschaffen werden können.

Herausbildung des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters…

Mein Ansatz zur Lösung der von Lurchi aufgeworfenen Fragen ist die Kardinalfrage nach der Entwicklung der wissenschaftlich-technischen Revolution (WTR) als nachweisbare Tatsache (Praxis) für die gegenwärtige und zukünftige „Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse“. Schwachpunkte der von Lieberam und Miehe herausgegeben Schrift sind nicht nur die „abstrakt–allgemeine“ Behandlung des subjektiven Faktors, sondern auch die Unterbelichtung der Folgen der wissenschaftlichen-technischen Revolution in den entwickelten kapitalistischen Staaten. Lurchi entwickelt hier die These von der „Entstehung neuer industrieller Kerne“, die auch insofern meine Meinung tangiert, dass wir es heute mit der Herausbildung eines „gesellschaftlichen Gesamtarbeiters“ zu tun haben, worauf Marx bereits im Kapitalismus der freien Konkurrenz embryonal verwies [3]. Diese Position involviert folgende Tatsachen: Für Marx, Engels und Lenin waren Lohnarbeiter nicht nur die Industriearbeiter, sondern Lohnarbeiter schlechthin. Der historische Rückgang der Industriearbeiter im Gefolge der wissenschaftlich-technischen Revolution, der weitergeht, ist eine Tatsache. Aber das bedeutet kein Absterben, sondern die Entwicklung der Arbeitenden zum „gesellschaftlichen Gesamtarbeitenden“ (Marx), der heute die Mehrheit als Lohnarbeiterklasse bildet, zu der in steigendem Maße auch Wissenschaftler, intellektuell Arbeitende und andere Bevölkerungsschichten gehören, die notwendige Arbeit (direkt oder indirekt) verrichten. Zunehmende Bedeutung kommt der wissenschaftlich-technischen Intelligenz zu, die im realen Sozialismus faktisch unrichtig von der Arbeiterklasse getrennt wurde. Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass Marx selbst die Proletarier als Lohnarbeiter definierte, also nicht nur als Industriearbeiter oder gar Handarbeiter. Und am Ende des dritten Bandes seines „Kapitals“ spricht Marx wiederum vom Lohnarbeiter und von seiner möglichen Spaltung in Interessengruppen [4]. Und es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass dieses Kapitel nicht zu Ende geschrieben worden ist. Die heutigen Marxisten sollten dies tun und dabei davon ausgehen, dass das dialektische Weiterführen dieser Erkenntnis in Richtung „gesellschaftlicher Gesamtarbeiter“ gemäß den Erfordernissen unserer Zeit wohl entscheidend zur Neuformierung des sozialistischen subjektiven Faktors ist.

… als offenes Subjekt

Mein Ausgangspunkt vom Lohnarbeiter schlechthin zwingt uns, heute bei der soziologischen Klassenanalyse das System von Klassen und Klassenverhältnissen primär mit den Eigentumsverhältnissen zu begründen und hierbei zugleich das relativ selbständige System soziologischer Schichtung sowie auch die Unterschiedlichkeit der Bildungs- und Arbeitsprozesse im Blickfeld zu behalten. Aber der generelle Blick bei der Suche nach dem Subjekt einer künftigen Befreiung mündet in den „gesellschaftlichen Gesamtarbeiter“, der heute äußerst differenziert, individualisiert und automatisiert durch sehr unterschiedliche Arbeitssituationen und Lebensweisen geprägt ist. Nichtsdestotrotz zeigt er sich als eine Klassenbewegung der Lohnarbeiter, die sich zunächst punktuell und partiell als Widerstand, Verweigerung, Ablehnung des Systems (der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft) und ihrer Organisationen sowie der gegebenen Machtlogik artikuliert. Der „gesellschaftliche Gesamtarbeiter“ umfasst die große Mehrheit der Bevölkerung als Lohnarbeiterklasse. Er verkörpert das theoretische und praktische Gesamtinteresse dieses Subjekts, und zwar als ein offenes Subjekt. Er ist nach innen für verschiedene Interessenlagen dieses Gesamtarbeiters offen und nach außen für spezifische Interessen neuartiger Bündnisbeziehungen mit anderen Volksschichten bis hin zu sozial Ausgegrenzten und dem Bürgertum. Der Kampf um den gesellschaftlichen Fortschritt heute bezieht sich so auf die Durchsetzung von Aufgaben und Zielen, die sowohl klassenspezifisch wie auch die Klassen übergreifend sind. Meine Folgerung: Aus dieser Sicht kann im Kern der gesellschaftliche Gesamtarbeiter Schöpfer und Gestalter einer künftigen sozialistischen Gesellschaft sein. Insofern greift diese Erkenntnis, die zugleich die Formierung einer breiteren Subjektivität und Anerkennung ihrer Pluralität verlangt, auch in den Kernbestand der Marxschen Theorie ein – als dessen Weiterführung für das 21. Jahrhundert [5].

Fazit: Weit? Eng? Gesamt!

Lurchi hat Recht, wenn er sich gegen die Konzeption von Lieberam wendet, der für eine Pluralisierung des Begriffs der Arbeiterklasse eintritt, indem er auf dem Paradigma der sozialen Differenzierung innerhalb der Lohnarbeiter argumentiert. Damit ist die Pluralisierung des Klassenbegriffs „Arbeiterklasse“ angesagt und die Frage nach dem revolutionären Subjekt neu gestellt. In meinen Augen ist das revolutionäre Subjekt heute der „gesellschaftliche Gesamtarbeiter“, der zunehmend von der wissenschaftlich-technischen Intelligenz geprägt wird. Lurchi folgert ähnlich: „Vor diesem Hintergrund kommt es nicht etwa zu einer Schrumpfung, sondern zu einer Neuzusammensetzung der industriellen Kerne. Die Arbeiterklasse verändert gewissermaßen ihr Gesicht. Immer weniger Blaumänner treffen auf immer mehr Weißkittel.“ Allerdings: Fest steht für mich, dass der gesellschaftliche Wandel durch die wissenschaftlich-technische Revolution, die heute im Gang ist und der sich niemand entziehen kann, auch für die Arbeitswelt insgesamt langfristig den Rückgang von Arbeitsplätzen („Blaumänner“ und „Weißkittel“) in Richtung Software mit sich bringen wird. Endgültig lösen lässt sich das Problem „Mensch und Maschine“ für die Werktätigen erst, wenn sie „selbst über die Produktion bestimmen […] in einem sozialistischen Gesellschaftssystem. Da wir davon noch weit weg sind, ist der Kampf um Arbeitszeitverkürzung, höhere Löhne und Arbeitsbedingungen, gegen Leiharbeit und befristete Verträge notwendig“ [6].

Die DKP fordert für eine längere historische Kampfphase folgerichtig zu Recht: „Verbot von Minijobs und Leiharbeit! Gleicher Lohn für gleiche Arbeit! Gesetzlicher Mindestlohn von 10 Euro! 30 Stunden-Woche bei vollem Lohn und Personalausgleich! Weg mit Hartz IV! Bedarfsdeckende Versorgung mit Ganztagsplätzen in Kitas und Schulen! Nein zur Rente mit 67! Qualifizierte Bildung und Ausbildung!“ [7]

Abschließend: In meiner Sicht vermeidet die Position vom „gesellschaftlichen Gesamtarbeiter“, eine schematische Gegenüberstellung von „weitem“ und „engem“ Begriff der Arbeiterklasse, da sie die Lohnarbeiter insgesamt im Auge hat und zugleich die zentrale Frage nach dem revolutionären Subjekt neu beantwortet.

 

Quellen und Anmerkungen:
[1] Th. Lurchi, Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse – Paradigmenwechsel in der Klassenanalyse. Anmerkungen zu Ekkehard Lieberam, T&P #38.
[2] Arbeitende Klasse in Deutschland. Macht und Ohnmacht der Lohnarbeiter, hrsg. von E. Lieberam u. J. Miehe, 2011, Pahl Rugenstein. Die Rezension des Autors erschien in Marxistische Blätter #2-11.
[3] MEW 23, S. 531 f.
[4] MEW 25, S. 892 f.
[5] Dazu ausführlich: Ingo Wager, Probleme eines „Ausbruchsprogramms“, in: Bulletin Geraer sozialistischer Dialog, 26. Dezember 2010, S. 8 ff.
[6] R. Münder, Welche Auswirkungen hat „Industrie 4.0“, in: UZ vom 13. Februar 2015.
[7] UZ-Extra vom 6. März 2015.

 

 

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