KNE: Strategie der kommunistischen Bewegung

Posted on 7. März 2016 von


„Uns geht es um eine gemeinsame revolutionäre Strategie der internationalen kommunistischen Bewegung“

Interview mit dem ideologischen Verantwortlichen der KNE

kneAris Evangelidis ist Mitglied des Sekretariats des Zentralrats der Kommunistischen Jugend Griechenlands (KNE) und darin verantwortlich für die ideologische Arbeit. Das Interview wurde geführt von Genossinnen und Genossen der SDAJ, die im September 2015 in Zusammenarbeit mit der KNE eine Delegationsreise nach Athen gemacht haben.

 

Lieber Aris, kannst du uns etwas darüber erzählen, welche Rolle Theorie und Bildungsarbeit in der KNE spielen?

Die Stellung die die ideologische Arbeit in einer kommunistischen Partei oder Jugendorganisation einnimmt, ist im Grunde das Verhältnis zwischen der revolutionären Theorie und der revolutionären Praxis und ist grundlegend für die kommunistische Identität einer Partei. Für uns gilt Lenins Satz: Keine revolutionäre Praxis ohne revolutionäre Theorie. Die Rolle der Avantgarde kann nur eine Organisation ausfüllen, die auch von einer avantgardistischen Theorie geleitet ist. Die Theorie leitet uns an, sie ist eine Methode zur Führung des Kampfes. In unserer Partei und der internationalen kommunistischen Bewegung insgesamt haben wir bittere Erfahrungen mit theoretischen Fehlern gemacht. Auch wenn manchmal die Folgen nicht unmittelbar zum Vorschein kamen, waren die Auswirkungen später verheerend. Die Konterrevolution in der UdSSR und auch z.B. in der DDR hatte ihre Ursachen in solchen falschen Interpretationen der Theorie. Für uns ist die Herausbildung der revolutionären Theorie keine Aufgabe für ein paar wenige Spezialisten, sondern betrifft alle Mitglieder der KKE und der KNE. Andrerseits ist es natürlich trotzdem notwendig, dass wir als Organisation auch bestimmte Kader auf die theoretische Arbeit spezialisieren. Weil unsere Theorie eine Wissenschaft ist, müssen wir sie auch wie eine Wissenschaft betrachten und ständig weiterentwickeln. Je höher das marxistische Niveau unserer ideologischen Arbeit und unserer Mitglieder, desto fähiger sind wir, die Theorie weiterzuentwickeln. Unsere Theorie ist dabei nicht statisch, sondern wird immer weiter entwickelt, weil auch die Gesellschaft selbst nicht statisch ist. Wir lesen die Klassikertexte von Marx, Engels und Lenin ja nicht so wie die Priester das Evangelium lesen, sondern es geht dabei darum, zu bestimmen, worin grundlegende Gesetzmäßigkeiten bestehen, was also weiterhin für heute gilt, aber auch, wo die revolutionäre Theorie heute weiterentwickelt werden muss. Beispielsweise unterscheidet sich die heutige Arbeiterklasse von der Arbeiterklasse aus der Zeit von Marx und Engels, was ihre Zusammensetzung angeht. Man muss untersuchen, aus welchen Schichten sie heute besteht, welche Schichten politisch eine führende Rolle spielen usw. Das hat dann nicht nur theoretische sondern auch praktische und organisatorische Relevanz, weil es darum geht, wo die KP und KJ ihren Schwerpunkt hinlegen, um die Bewegung zu stärken.

Ein anderes Beispiel ist die Entwicklung einer Politischen Ökonomie des Sozialismus. Da muss man leider konstatieren, dass die kommunistische Bewegung historisch schon an der Grundaufgabe gescheitert ist, die Gesetzmäßigkeiten des Sozialismus richtig zu identifizieren. Diese Beispiele nennen wir, um die Notwendigkeit der ständigen Weiterentwicklung der marxistisch-leninistischen Theorie zu verdeutlichen.

Aus der Bedeutung der Theorie ergibt sich die Bedeutung und Notwendigkeit der theoretischen Bildung unserer Mitglieder, die wir wesentlich als Selbst-Bildung verstehen. Wir organisieren Schulungen mit bestimmten Bildungsplänen, an denen unsere Mitglieder teilnehmen können. Es gibt aber auch eine individuelle Verantwortung jedes Mitglieds, sich zum Selbststudium zu disziplinieren und eigenverantwortlich in der Frage des Einsatzes und der Umsetzung der Schulungsinhalte zu agieren. Als KNE organisieren wir eine dreistufige Schulung, wobei sich das Niveau mit der Erfahrung erhöht und die Inhalte aufeinander aufbauen. Die Seminarinhalte sind in sich noch mal in die drei Themen Dialektischer Materialismus, Politische Ökonomie sowie revolutionäre Strategie und Politik der Partei unterteilt.

Das erste Niveau ist für neue Mitglieder der KNE vorgesehen (15 Schulungseinheiten): Es gibt eine erste Einführung in die Grundbegriffe des Marxismus-Leninismus. In der zweiten Stufe auf regionaler Ebene geht es um eine weitere Beschäftigung mit dem Marxismus-Leninismus in 30 Schulungseinheiten. Bei beiden Stufen werden Teilnehmende teilweise von den Aktivitäten im Verband befreit. Die dritte Stufe schließlich ist die Schule des Zentralrats der KNE in 45 Kollektivtreffen mit sechsmonatiger völliger Freistellung von Verbandsaktivitäten. Ziel ist hier die weitere Befähigung zum Selbststudium, für eine selbstständige Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus.

Die Bildungsarbeit hört danach natürlich nicht auf, sondern wird in den Basisorganisationen an Schulen, Uni, Bezirk, Betrieb, Stadtteil, usw. weitergeführt. In den Organisationen an der Hochschule werden z.B. Schulungseinheiten über den Charakter des Sozialismus (drei Einheiten), die Analyse der Geschichte der KKE, bei denen wir Schlussfolgerungen zu unserer Strategie und Taktik gezogen haben (fünf Einheiten) oder zum Programm der Partei (fünf Einheiten) organisiert. Besondere Bedeutung hat auch die Bildungsarbeit bei den Schülerinnen und Schülern, bei unseren Grundorganisationen der Schüler. Dabei ist die Bildungsarbeit an den Bewusstseinsstand der jungen Mitglieder, an ihre besonderen Fragestellungen und Probleme angepasst.

Nachdem all das gesagt ist, muss man vielleicht klarstellen, dass all das einen Idealzustand beschreibt. Es ist nicht so, dass immer alles genauso klappt und es keine Schwierigkeiten gibt. Eine wichtige Rolle spielt für uns z.B. die Verbreitung und Lektüre marxistischer Bücher, sowohl was theoretische Werke, als auch was Literatur angeht. Hier gibt es immer wieder Probleme, das funktioniert nicht auf dem Niveau, das wir uns wünschen würden. Hier wird auch die Notwendigkeit deutlich, dass es auf den verschiedenen Anleitungsebenen der Organisation gesonderte Verantwortlichkeiten gibt, die die Bildungsarbeit organisieren und absichern.

Es ist ein Zeichen der Reife unserer Organisation, dass die Bildungsarbeit unter allen Umständen fortgesetzt wird. Beispielsweise dürfen uns der Wahlkampf oder private, alltägliche Probleme nicht von unserer ideologischen Arbeit abhalten. Unter allen Umständen muss diese ideologische Arbeit fortgesetzt werden. Das ist ein Element davon, wenn wir sagen, dass die KKE eine Partei sein soll, die jedem Wetter gewachsen ist.

Unsere erste theoretische Frage bezieht sich auf eine Diskussion, die in letzter Zeit häufig geführt wurde, nämlich die um den möglichen Austritt Griechenlands aus der Wirtschafts- und Währungsunion, also dem Euro. Verschiedene Reformisten und Teile des Kapitals vertreten das ja als eine Lösung in der jetzigen Situation. Ihr habt ja immer wieder klargemacht, dass ein solcher „Grexit“ an sich keine Verbesserung bringen würde. Kannst du begründen, worum es dabei aus eurer Sicht geht?

Wir schätzen ein, dass innerhalb der EU heute eine intensive zwischenimperialistische Auseinandersetzung stattfindet, die sich darum dreht, welches Rezept des Krisenmanagements am ehesten einen Ausweg aus der Krise bietet. Es gibt eine Kapitalfraktion, die das Szenario einer vertieften Integration zwischen den am stärksten entwickelten Ökonomien vertritt und dafür eintritt, dass einige Länder dementsprechend von diesem Integrationsprozess ausgeschlossen sein sollten. Auf der anderen Seite gibt es auch die bürgerliche Strömung des „Euroskeptizismus“, die in vielen Ländern einflussreich ist, in Deutschland ja auch mit der AfD und in Frankreich als Front National. Diese behaupten teilweise, der Ausstieg Griechenlands aus dem Euro würde wieder zu mehr Wettbewerb und Exporten führen. Somit würde nach ihrer Meinung ein Austritt Griechenlands zu einem wirtschaftlichen Aufschwung führen.

Der einfache Austritt Griechenlands würde aber die bestehende Gesellschaftsform, also den Kapitalismus, nicht angreifen. Ebenfalls würde er es nicht erleichtern, die Rechte und Bedürfnisse der niedrigen Volksschichten verteidigen. Auch ohne die europäische Währung würde sich der griechische Staat weiter verschulden, wieder Kredite von den imperialistischen Staaten anfordern und letztlich wieder imperialistische Bündnisse aufbauen und eingehen müssen. Für das Volk würde ein „Grexit“ eine schnellere, plötzliche Verelendung bewirken, einen plötzlichen Absturz ihrer Kaufkraft gegenüber der gerade, unter dem Euro stattfindenden, über einen längeren Zeitraum gestreckten Verarmung unserer Gesellschaft. Wir betonen schon länger, nicht nur während des vergangenen Wahlkampfes, dass ein kapitalistischer Aufschwung, in welcher Form auch immer, neue Opfer, neues Leiden für das Volk bedeutet. Der einzige Ausweg ist, den Entwicklungsweg selbst zu ändern, also eine Wirtschaft zu schaffen, in der nicht der Profit, sondern die Bedürfnisse der Menschen den Zweck darstellen.

Ihr vertretet die Einschätzung, dass in Griechenland die materiellen Voraussetzungen und objektiven Bedingungen für die sozialistische Revolution vorhanden sind. Kannst du das etwas mehr erläutern?

In einem bekannten Werk von Lenin gibt es eine Unterteilung der kapitalistischen Entwicklung: Die erste Phase beginnend mit der französischen Revolution, in der die bürgerlichen Klasse die die Macht von der Feudalherren übernommen hat. Die zweite Periode beginnt mit der Pariser Kommune und dauert bis zum ersten Weltkrieg: Es ist die Zeit, in der der Kapitalismus sich durchgesetzt hat und seine Produktivkräfte entwickelt. Die dritte Periode bezeichnet die Zeit ab dem ersten Weltkrieg, also den Imperialismus. Lenins Kriterium ist, welche Klasse die gesellschaftliche Entwicklung vorantreibt, also wie weit sich die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft entwickelt haben. In der jetzigen Periode liegt der gesellschaftliche und zentrale Widerspruch zwischen der gesellschaftlichen Produktion und der privaten Aneignung des Reichtums.

Ungefähr einhundert Jahre sind dieser Erkenntnis vergangen und diese Widersprüche haben sich noch weiter verschärft: Die Produktion ist noch stärker vergesellschaftet, also mehr Menschen beteiligen sich am gesellschaftlichen Produktionsprozess. Aber immer weniger eignen sich den Reichtum an. Die Produktivkräfte haben sich inzwischen so weit entwickelt, dass die Arbeiter nicht nur selbstständig produzieren, sondern den Betrieb auch selbstständig leiten können. Der Kapitalismus sorgte in Griechenland für ausgebildete Menschen, um genau diese Produktionsmittel zu bedienen. In Griechenland gibt es viele Kräfte, die wissenschaftlich ausgerüstet und technisch ausgebildet sind. Die materielle Mindestvoraussetzung für die Umwälzung der herrschenden Verhältnisse ist die Formierung einer klassenbewusste Arbeiterklasse, ihre Organisierung, letztlich also die Entstehung einer kommunistischen Partei. So gesehen sind die Voraussetzungen für den Sozialismus gegeben. In unserer heutigen Gesellschaft gibt es keinen Zwischenschritt zwischen Kapitalismus und Sozialismus und kann auch keinen geben. Es gibt keine gesellschaftliche Kraft die in der Lage wäre, eine Zwischenstufe zwischen der Herrschaft der Bourgeoisie und der der Arbeiterklasse zu bilden. Im 20. Jahrhundert hat die Auffassung, dass es eine Zwischenstufe geben könne, in der zB in manchen Ländern die Arbeiterklasse die Aufgaben der bürgerlichen Revolution nachholen müsse, bevor man zum Sozialismus voranschreiten kann, in schwere Niederlagen geführt.

Es gibt außerdem hoch entwickelte Produktivkräfte und Produktionsstätten, die dazu gehörigen natürlichen Rohstoffe und Energiequellen, es gibt landwirtschaftliche Produktionskapazitäten. Wir halten das für ausreichende Voraussetzungen, um in einem sozialistischen Griechenland ökonomisch auf eigenen Füßen zu stehen und die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Grundsätzlich sprechen wir, wenn wir über die Ökonomie sprechen, von gesellschaftlichen Verhältnissen, nicht nur von einer Ansammlung von Fakten. Natürlich müssen wir trotzdem im Einzelnen die ökonomischen Voraussetzungen des Sozialismus untersuchen. Aber die Hauptsache ist, dass die imperialistischen Verhältnisse, der Hauptwiderspruch zwischen vergesellschafteter Arbeit und privater Aneignung, in unserem Land voll entwickelt ist, trotz der relativ untergeordneten Position Griechenlands in der imperialistischen Pyramide. Außerdem müssen wir natürlich auch bedenken, dass die Volksmacht nicht nur die schon vorhandenen ökonomischen Kapazitäten ausnutzen wird, sondern sie auch weiterentwickeln wird. Konkrete Beispiele für die materiellen Ausgangsbedingungen, die wir heute in Griechenland für den Sozialismus vorfinden, sind in unserem Programm ausgeführt, daher werde ich das jetzt hier nicht ausführen.

Ihr habt die Analyse, dass eine revolutionäre Situation ein rein objektiver Vorgang ist, also ein vom subjektiven Faktor völlig losgelöster Zustand der Gesellschaft. Lediglich für die Frage, wie die Kommunistische Partei die revolutionäre Situation nutzen kann, sei der subjektive Faktor entscheidend. Aber hat denn nicht die Entstehung einer revolutionären Situation auch schon damit zu tun, wie die Partei das Klassenbewusstsein über die Jahre hinweg in den Volksschichten verbreitet hat?

Eine revolutionäre Situation entsteht nicht einfach aufgrund der Entscheidung einer politischen Kraft, einer Partei oder auch einer Klasse. Wesentlich für eine solche Situation ist die Zuspitzung und Verschärfung der gesellschaftlichen Widersprüche zwischen den Klassen. Diese Zuspitzung ist unabhängig davon wie viel Arbeit eine Organisation in eine Gesellschaft investiert. Das kapitalistische System bedingt diese Widersprüche und spitzt sie regelmäßig zu. Durch die revolutionäre Situation ist das Kräfteverhältnis zwischen der bürgerlichen Klasse und der Arbeiterklasse vorübergehend ausgeglichen, es bildet sich ein Gleichgewicht im Kräfteverhältnis. Das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen ist aber eine objektive Bedingung, keine subjektive. Das Gleichgewicht bedeutet: Die Herrschenden sind nicht mehr in der Lage wie bisher zu regieren, die Beherrschten wollen nicht mehr wie bisher regiert werden. In einer solchen Situation besteht die Möglichkeit zur Machtübernahme, wenn die Arbeiterklasse sich dazu entscheidet.

Unsere historischen Erfahrungen zeigen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen dem Ende eines imperialistischen Krieges und einer revolutionären Situation. Wenn eine Regierung Krieg führt, ist es, als würde sie auf einem Vulkan sitzen. Ein Krieg führt immer zu Armut, Not und Hunger. Diese Folgen bedingen immer die Verschärfung der Widersprüche zwischen Kapital und Arbeit und führen das Volk in die offene Auseinandersetzung. In eurem Land ist es unter diesen Umständen ja nach dem Ersten Weltkrieg auch zu einer Revolution gekommen.

Heute besteht unsere Aufgabe darin, möglichst viele Kräfte um ihre Interessen versammeln und vereinigen, um unsere Bewegung zu stärken. Wir brauchen starke Kräfte in den Nachbarschaften, Fabriken und Betrieben, bspw. in Telekommunikation und Energie, Verkehr und Lebensmittelproduktion, Transport und Infrastruktur. Lenin sagte, dass die Revolution nicht bloße Addition ist, sondern komplizierte Algebra, dass es also darum gehen wird, die Kräfte dort zu konzentrieren, wo es strategisch wichtig ist. Wenn wir stark sind auf einer kleinen Ägäisinsel, ist das wohl eher nicht entscheidend für den Ausgang der Revolution. Wenn wir dagegen an strategisch wichtigen Punkten besser organisiert sind als unser Feind, dann können wir auch gewinnen.

Die Aktivität um die Vorbereitungen der Partei und Volksbewegung trägt zu dieser Entwicklung bei. Diese Vorbereitung und die revolutionäre Situation sind die entscheidenden Punkte, die zum Erfolg der Revolution beitragen werden. Diese beiden Bedingungen werden zur Umstürzung der Verhältnisse und zu der Machtergreifung der Arbeiterklasse führen. Historisch haben wir dies auch in unserem Land gesehen: Wie auch in eurem Land gab es eine revolutionäre Situation, die aber nicht für den Sieg der Revolution genutzt wurde. Die Partei war in beiden Fällen nicht darauf vorbereitet, die Macht zu übernehmen. Es kommt also auch darauf an, inwieweit die Partei vorbereitet und geformt ist.

Als im Oktober 1944 die Nazis Griechenland verließen, entstand hier eine revolutionäre Situation. Millionen Leute waren um die Widerstandsfront EAM versammelt, teilweise in bewaffneten Verbänden organisiert. Die bürgerliche Regierung war nicht mehr in Griechenland, sie war geflohen. Die Voraussetzung für die Revolution waren gegeben, aber die KKE hatte die politische Linie der Zwischenstadien und der nationalen Einheit übernommen. Die Partei orientierte auf Kompromisse mit dem bürgerlichen Parlamentarismus. In dieser Situation hätte die Arbeiterklasse mithilfe der Volksarmee durchaus die Macht übernehmen können, doch ein solcher Befehl kam nicht.

In dieser revolutionären Situation ist nach eurem Programm das Volksbündnis die Keimzelle der neuen Macht. Es ist also das Volksbündnis, das in der Revolution die Macht übernimmt. Gleichzeitig soll die Kommunistische Partei dabei eine führende Rolle spielen. Wie sieht es aber danach aus? In welchem Verhältnis steht dann in einem sozialistischen Staat die Führung der KP zur Machtausübung des Volkes?

Das Volksbündnis wird auf einer gesellschaftlichen Basis aufgebaut, auf Grundlage der gemeinsamen Interessen der Arbeiterklasse, der armen Bauern, Selbstständigen, Arbeitslosen, armen Frauen, Studenten usw. Sie müssen sich in der revolutionären Situation zu einer revolutionären Front formen und alle Kampfformen anwenden, wenn nötig auch den bewaffneten Kampf, um die Macht zu erobern. Die Rolle der Partei ist die der politischen Führung der Bewegung, weil von selbst, ohne Organisierung, die Arbeiterklasse nicht in der Lage ist die Macht zu übernehmen.

Der Sozialismus erbt die gesellschaftlichen und Produktionsverhältnisse nicht vom Kapitalismus ererbt und sie entwickeln sich auch nicht eigenständig, sondern müssen von vornherein aktiv und bewusst aufgebaut werden. Und das geht ebenfalls nur, wenn die Richtung der Entwicklung klar ist, daher muss die Partei auch im Sozialismus weiterhin eine anleitende Rolle wahrnehmen. Wir betonen das, weil das ja beim Kapitalismus anders war, weil die kapitalistischen Produktionsverhältnisse ja schon während der Feudalherrschaft begonnen hatten, sich herauszubilden. Genau deshalb ist auch die sozialistische Revolution eine höhere Form der Revolution als jede andere soziale Revolution, die es in der bisherigen Geschichte gab. Im Sozialismus haben daher die Entwicklung des bewussten politischen Handelns, die Entwicklung der kommunistischen Persönlichkeit und Lebenshaltung Priorität, auch dafür ist die Anleitung einer organisierten politischen Kraft, der Kommunistischen Partei erforderlich.

Wir sprechen also von einer Vorkämpferrolle der Partei in den neuen Machtverhältnissen. Gleichzeitig sagen wir aber, dass das Fundament der neuen Macht die Produktionseinheiten sein müssen. Also, die Versammlungen in den Betrieben werden ihre Repräsentanten wählen und wieder abwählen, sie haben das Recht zur Meinungsäußerung zu allem, was sie betrifft und es darf keine Begrenzung für die Beteiligung des Volkes an der Herrschaftsausübung geben. Aber für all das hat der wissenschaftliche Charakter und der Klassencharakter der Partei eine extrem wichtige Bedeutung, das ist auch eine Lehre aus dem Aufbau des Sozialismus im 20. Jahrhundert.

Ihr beschreibt den heutigen Imperialismus mit der Metapher der imperialistischen Pyramide. Und aus eurer Imperialismusanalyse folgert ihr dann, dass es international eine einheitliche Strategie der kommunistischen Bewegung geben müsse. Warum folgt denn das eine aus dem anderen?

Der Begriff der Pyramide ist natürlich ein bisschen schematisch. Was wollen wir damit sagen? Dass es Länder gibt, die eine stärker entwickelte kapitalistische Ökonomie haben und Länder mit schwächerer Entwicklung. Dass die kapitalistische Entwicklung weltweit immer ungleich verläuft. Dabei kann sich das Kräfteverhältnis zwischen den Ländern verändern, ein Beispiel dafür ist der Aufstieg der BRICS und die verschärften Widersprüche, die sie zu den USA und der EU haben. Es gibt eine gegenseitige Abhängigkeit der Volkswirtschaften voneinander. In der heutigen kapitalistischen Welt dominiert überall das Monopolkapital, egal ob es sich um „einheimische“ oder ausländische Konzerne handelt. Und wenn wir „überall“ sagen, dann meinen wir den Planeten insgesamt und nicht jede noch so kleine Pazifikinsel, auf der es natürlich unter Umständen kein entwickeltes Kapital gibt. Aus dieser Analyse, dass grundlegende Bedingungen überall gegeben sind, folgt die Notwendigkeit einer internationalen Strategie der kommunistischen Parteien. Diese Strategie richtet sich natürlich gegen sowohl das „einheimische“ Kapital wie auch das internationalisierte Kapital von außen.

Gleichzeitig kommt ihr aber in der Analyse eurer eigenen Geschichte zu dem Schluss, dass die einheitliche Strategie der kommunistischen Bewegung auch Probleme mit sich gebracht hat. Konkret meinen wir die revolutionäre Situation 1944, die von der KKE nicht ausgenutzt wurde, weil die Bewegung international eine andere politische Linie verfolgte. Wie passt das zusammen?

Natürlich sind das Fragen, an denen wir weiterhin forschen und wo wir keine ein für allemal abgeschlossene Position zu haben. Wir schätzen aber ein, dass der Fehler nicht darin lag, dass man versucht hat, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln. Auch damals war es notwendig, dass die Kommunistischen Parteien mit einer gemeinsamen Linie gegen den Kapitalismus kämpfen. Unsere Kritik richtet sich gegen den Inhalt der Richtlinien und Entscheidungen der kommunistischen Bewegung in dieser Zeit. Es war also richtig, dass es die Komintern gab, dass es eine gemeinsame Linie gab. Aber die Entscheidungen gingen teilweise in eine falsche Richtung. Es geht uns ja nicht einfach abstrakt um eine gemeinsame Strategie. Auch die Zweite Internationale hatte ja eine gemeinsame Strategie, aber eine reformistische. Uns geht es natürlich um eine gemeinsame revolutionäre Strategie der internationalen kommunistischen Bewegung. Weil das Kapital international ist muss es auch unsere Antwort sein. Umgekehrt muss natürlich trotzdem jede kommunistische Partei in ihrem Land unter ihren nationalen Bedingungen ihren Kampf führen. Dass es die materiellen Bedingungen für den Sozialismus überall gibt, in der Art wie bisher beschrieben, ist jedoch eine allgemeine Schlussfolgerung. Ebenso der Punkt, dass die Arbeiterklasse sich keinem imperialistischen Bündnis anschließen darf.

Historisch war es ja so, dass diese gemeinsame Strategie sich gleichzeitig mit dem Aufbau des ersten sozialistischen Staates stattfand. Die Sowjetunion hatte dabei aber oft Interessen, die nicht unbedingt deckungsgleich waren mit den Interessen der internationalen kommunistischen Bewegung. Ist das nicht ein allgemeines Problem? Dass die Interessen von sozialistischen Staaten in Widerspruch geraten zum Interesse der weltweiten revolutionären Bewegung? Dass die Weltrevolution zweite Priorität wird, wenn es darum geht, die sozialistischen Staaten zu schützen?

Natürlich ist klar, dass die revolutionären Parteien immer unter verschiedenen Bedingungen kämpfen, uns geht es hier aber um die gemeinsamen Aufgaben. Gleichzeitig schlussfolgern wir aber auch aus der Geschichte, dass diese gemeinsame Strategie nicht die Eigenständigkeit einer jeden kommunistischen Partei negieren kann. Umgekehrt garantiert aber auch die Eigenständigkeit der kommunistischen Partei natürlich nicht, dass sie deswegen die richtige Strategie verfolgt. Da gibt es also in keine der beiden Richtungen einen Automatismus. Historisch stellen wir aber fest: 1943 hat die kommunistische Internationale sich in einem kritischen Moment 1943 aufgelöst und diese Auflösung hat die revolutionäre Bewegung nicht gestärkt sondern geschwächt.

Zwei zentrale Schlussfolgerungen haben wir aus der Analyse der internationalen kommunistischen Bewegung gezogen.

Die erste Schlussfolgerung ist, dass die Strategie nicht von den Kräfteverhältnissen abhängig gemacht werden kann. Sondern bestimmt ist durch den Charakter der Epoche des Imperialismus, als verfaulendem Kapitalismus in dem die materiellen Bedingungen für den Sozialismus vollständig vorhanden sind. Wir befinden uns in der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus in den Sozialismus. Daher darf das strategische Ziel der KPen nicht davon bestimmt werden, in welcher Entwicklungsphase ihres Kampfes sie gerade steht. Die Strategie wird nicht davon abgeleitet, wie stark der Einfluss der KP in der Arbeiterklasse ist.

Der zweite Punkt bezieht sich auf die Geschichte. Dass die Außenpolitik der Sowjetunion in den dreißiger Jahren zu einer strategischen Richtung der kommunistischen Internationalen, der kommunistischen Parteien wurde, halten wir für einen Fehler. Unzweifelhaft war die Frage, ob die Sowjetunion den Krieg gewinnt, die entscheidende Frage überhaupt. Deswegen war es notwendig, mit einigen imperialistischen Ländern ein Bündnis einzugehen und mit ihnen zu kooperieren. Die KPen hätten aber wissen müssen, dass diese Zusammenarbeit gegen den Nazismus nur temporär sein kann. Der Klassengegensatz wird durch diese kurzweilige Zusammenarbeit nicht aufgehoben. Es hat sich sofort gezeigt, dass die Verbündeten der Sowjetunion zu Feinden wurden, sobald das gemeinsame Ziel erreicht war. Auch in Griechenland hätten wir keine Illusionen über den britischen und amerikanischen Imperialismus haben dürfen. Falsch war also nicht die Linie der Verteidigung des sozialistischen Staates. Falsch war erstens, dass die Aufgaben des Klassenkampfes angesichts dieses Ziels in den Hintergrund traten. Und zweitens, dass man diese Linie, also die Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie, mit kapitalistischen Staaten usw. zur strategischen Ausrichtung verallgemeinert und eine Theorie daraus gemacht hat.

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