„Unentbehrliches Hilfsmittel“

Posted on 2. Juli 2016 von


Der Leninismus, die KP und ihre Kritiker

marx_engels_leninvon Kurt Baumann

„Geleugnet wurde die Möglichkeit, den Sozialismus wissenschaftlich zu begründen und vom Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung seine Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit zu beweisen; geleugnet wurde die zunehmende Verelendung, die Proletarisierung und die Zuspitzung der kapitalistischen Widersprüche, – der Begriff „Endziel“ selbst wurde für unhaltbar erklärt und die Idee der Diktatur des Proletariats völlig verworfen; geleugnet wurde der prinzipielle Gegensatz von Liberalismus und Sozialismus; geleugnet wurde die Theorie des Klassenkampfes, die auf eine streng demokratische, nach dem Willen der Mehrheit regierte Gesellschaft angeblich unanwendbar sei, usw.“ Lenin [1]

Lenins Kritik an Millerand und Bernstein von 1902 liest sich wie einiges, was wieder und wieder, in den unterschiedlichsten Formen über die Kritiker der kommunistischen Partei und ihrer Weltanschauung, den Marxismus-Leninismus gesagt werden könnte. Genau die hier hinter stehende These, nämlich dass sich die Auseinandersetzungen in der Geschichte des Revisionismus immer wieder darauf zurückführen lassen, dass die Grundlagen unserer Weltanschauung geleugnet werden, soll in diesem Aufsatz historisch begründet werden. Historisch die Dialektik einzufangen, wo das Neue richtig erkannt eine wesentliche Erkenntnis beinhaltete und wo die, die erklärten das Neue gefunden zu haben sich nur zwecks Anpassung in diese Schale warfen, ist eine wahnsinnig schwierige Angelegenheit. Aktuell eine abstrakte Formel finden zu wollen, die erklärt, wann Reflexion Revisionismus und wann Analyse ist, ist ein sektiererisches Zeichen von Schwäche. Selbst zu denken nimmt den Kommunisten niemand ab. Unsere Weltanschauung soll als wissenschaftliche auf einer gemeinsamen, diskutierbaren Grundlage, die Welt erkennen, als parteiliche die Kriterien festlegen, nach denen wir suchen und analysieren und als revolutionäre uns helfen, diese Welt zu verändern. In diesem Sinne ist sie, wie Clara Zetkin die Thesen zur Bolschewisierung nannte, ein „unentbehrliches Hilfsmittel“[2]. Unentbehrlich, weil, wer darauf verzichtet, geht fehl, aber Hilfsmittel zur Nutzung des eigenen Kopfes. Wer auf letzteren verzichtet, tut sich schwer mit der Anwendung.

Bolschewisierung

Die Bolschewisierung ab 1924/1925 wurde bisher durch die politische Grundlage der marxistisch-leninistischen Geschichtsschreibung gefasst als Durchsetzung des Leninismus.[3] Auf dieser Grundlage, vorgestellt 1963 durch das ZK der SED wurde die 8-bändige Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung erarbeitet, die ab 1966 im Dietz-Verlag Berlin erschien.[4] Vor kurzem warnte Herbert Münchow vor dieser Orientierung.[5] Man solle an dieser Stelle z.B. die Arbeiten Thalheimers weiterhin würdigen. Das werden wir versuchen an einigen Stellen einzuhalten, müssen aber darauf hinweisen, dass dieser Aufsatz eine politische Intervention ist, die historisches nicht als erschöpfende Behandlung, sondern als Begründung heranzieht. Thälmann musste die Bolschewisierung vor allem gegen den vorher gefahrenen Ultra-Linken Kurs von Fischer-Maslow durchkämpfen. Bolschewisierung betraf also die Abkehr von Wohngebietsorganisationen, die sich zur sozialdemokratischen Wahl- aber nicht zur kämpfenden Arbeiterpartei eigneten. Es ging um den Aufbau von Betriebsgruppen. Es ging um Gewerkschaftsarbeit und die richtige Einschätzung der reformistischen Gewerkschaften und die Organisation des Aufbaus eines kommunistischen Auftretens als Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (die KPD-O kritisierte nicht diesen Schritt, sondern deren Umwandlung in eigenständige Gewerkschaften 1928, heute sehen wir diesen Gesamtkomplex vor dem Hintergrund der Arbeit IN und MIT der unter anderem von Kommunisten aufgebauten Einheitsgewerkschaft anders). Es ging aber auch darum, der Partei eine Weltanschauung an die Hand zu geben, die die Welt seit dem Eintritt in das imperialistische Zeitalter und besonders seit der Oktoberrevolution erklärte, orientierte und zu verändern half. Vor allem die Schriften Lenins wurden neu aufgelegt. Zetkins Äußerung steht hier auch für die Erkämpfung eines Selbstanspruches der Kommunisten. Die Spannbreite von ihrer Äußerung zu Thälmanns taktischen Überlegungen in seinen „Lehren des Hamburger Aufstands“[6] von 1925 zeigt die Reichweite dieser Veränderung. Gemeinsames Ziel beider Beiträge ist die Erkenntnis, dass die „Kampfzeit“ nun zu Ende sei, die Stabilisierung des Kapitalismus begonnen habe und die Aufgabe nun sei, sich so breit und fest es ginge in den Massen zu verankern.

Eurokommunisten und Antimonopolistische Strategie

Wir unternehmen einen Zeitsprung. Aus der Volksfront, von der KPD-O bewusst verfälscht, aufs schärfste abgelehnt und bekämpft entwickelten die Kommunisten nach 1945 ein neues Bündniskonzept, dass die objektiv dem Monopolkapital entgegenstehenden Klassen und Schichten in den Kampf gegen dieses führen sollte. Zurückgreifen konnten sie dabei übrigens auch auf Arbeiten aus der Zeit der Bolschewisierung. So stellt Clara Zetkin 1926 fest, dass (in der damaligen Zeit der relativen Stabilisierung des Kapitalismus) aus der geistigen Fäulnis des Imperialismus  sich bereits Bündnispartner finden lassen, wenn die Kommunisten als Verteidiger der materiellen und ideologischen Interessen der Intelligenz werden.[7] Aus der Volksfront-Strategie entwickelten aber auch Eurokommunisten eine Sozialismuskonzeption, die politisch-pragmatisch ohne Anspruch auf Wissenschaftlichkeit angestrebt werden könne, ohne sich im Wesentlichen auf die Arbeiterklasse zu stützen, die ohne Klassenkampf entstehen könne und zu verteidigen wäre und die zusammen mit dem Kapital errichtet werden könnte.[8] Aber auch linke Kritiker an unserer Strategie sammelten sich: Risse im Lager des Gegners dürften nicht ausgenutzt, der Staat nur als Gegner gesehen, die Arbeiterklasse allein in den Klassenkampf geführt werden.[9] Die wissenschaftliche Weltanschauung blieb der Leninismus, der das Monopolkapital als Gegner erkannte, der Strategie und Taktik betrieb, indem er die Hauptkraft und die Reserven der gegeneinander kämpfenden Klassen bestimmte und daraus eine Bündnispolitik ableitete, die Methoden der Sozialdemokratie überwand und eigene erarbeitete, das Ziel und bedeutende andere Auswirkungen des Grundwiderspruchs nicht vergaß (Bauernfrage, nationale Frage usw.). Das war der Leninismus, den Stalin definiert hatte.[10] Der konnte freilich taktisch sehr unterschiedlich propagiert werden: 1969 definierte Opitz die Bündnispolitik der (1968 neu konstituierten) Opposition in einem gemeinsam mit vielen anderen erarbeiteten Sammelband, der als Gründungsmanifest derer angesehen werden kann, die sich im schulisch-universitären Bereich um die KP scharten. Hier werden Lenin und Stalin nicht erwähnt.[11] Ein Jahr später erschien, parteioffizieller im Verlag Marxistische Blätter die Kampfschrift „Antileninismus in der BRD“ von Hans Adamo.[12] Hier ist Lenin das Feldzeichen, das Banner, unter dem gegen seine Verfälscher zu Felde gezogen wird.

Erneuerer und „Netzwerke“

Herbert Mies, bis 1989 Vorsitzender der DKP erzählte im jW-Interview: „Am Anfang war die DKP nahezu vorbehaltlos in der Solidarität mit diesem neuen Kurs [der Sowjetunion, KB]. Aber bald stellten sich der Inhalt und das Wesen des Gorbatschow-Kurses als etwas anderes dar als die Absicht, die Attraktivität des Sozialismus zu erhöhen. Er verneinte das Primat der Arbeiterklasse in der Politik der Kommunisten. Er hat mit der Geschichte abgerechnet, aber nicht nur mit der stalinistischen Seite, sondern im Grunde genommen mit der Geschichte der Arbeiterbewegung. Und dann kam sein Bekenntnis dazu, er wollte schon immer ein guter Sozialdemokrat sein. Das war dann der Bruch.“[13] Zu den weiteren Auseinandersetzungen um die Erneuerer brauche ich hier wohl nichts zu sagen.

Aktuell sei aber hervorgehoben, dass der Angriff auf die KP dieses Mal unter dem Banner der Beliebigkeit erfolgt, so in den theoretischen Bezugnahmen [14], der kommunistischen Identität und der Bewusstheit der eigenen Weltanschauung („Wir kämpfen auch für die freie Verbreitung des Islam“), und der Strategie und Taktik der kommunistischen Partei. Ob der revisionistische Angriff nun erfolgt, in dem der friedliche Übergang erneut für möglich erklärt wird, oder ob die eigene Strategie schlicht für nicht existent gehalten wird, macht dabei keinen Unterschied.

Auf die Frage, wie aktuell erkannt werden soll, welche Haltung Revisionismus ist und welche nicht, dafür hat Hans Heinz Holz in seinem Aufsatz: „Richtungskämpfe müssen ausgefochten werden“ aus dem Jahr 2005 sehr gute Hinweise geliefert: „An der Ernsthaftigkeit, mit der der Marxismus-Leninismus zum Leitfaden und Inhalt des Handelns gemacht wird, erweist sich die Klarheit kommunistischer Politik. In voller Offenheit und mit aller Radikalität ist sie die Voraussetzung, die verunsicherten und nach Orientierung suchenden Massen zu gewinnen; nicht durch Eingehen auf ihre Unsicherheit, sondern durch kämpferische Darstellung einer Alternative, die sich auf den Schauplätzen des Klassenkampfs bewährt. Das kann für eine Partei eine lange Durststrecke bedeuten, aber ohne Bereitschaft dazu wird sie das System nicht aufbrechen.“, zu den innerparteilichen Auseinandersetzungen heißt das: „An welchen konkreten Problemen sie sich auch entzünden mögen – Imperialismusfrage, Globalisierung, Sozialismusvorstellungen, Parteiverständnis, Bündnisperspektiven – immer geht es letztlich darum, ob eine defensive und pragmatische oder eine offensive und prinzipienfeste Politik gemacht werden soll.“[15]

Von hier ausgehend ist die Aufgabenstellung also die: Prinzipienfest die antimonopolistische Strategie ausbauen, ausarbeiten, verfeinern, genauer, definierter in der Aufgabenbestimmung werden und die Partei einen und aufbauen, indem Orientierungen, einmal beschlossen, auch überall umgesetzt werden. In Zeiten des Sofortprogramms heißt das eben auch den Arsch hoch zu kriegen.

 

Quellen und Anmerkungen:

[1] W. I. Lenin: Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung. 1902 als Broschüre verbreitet. Zit. n.: ders. Werke Band 5, S. 362.
[2] Clara Zetkin: Über die Bolschewisierung der kommunistischen Parteien. Aus einer Diskussionsrede auf dem V. Erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, 30. März 1925, zit. n.: dies.: Zur Theorie und Taktik der kommunistischen Bewegung, Leipzig 1974, S. 199-202.
[3] Grundriß der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Berlin (Ost), 1963.
[4] Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 8 Bde. Berlin (Ost), ab 1966.
[5] Herbert Münchow: Die Geschichte einer kämpfenden Bewegung. Überlegungen zur Geschichtsbetrachtung, UZ vom 1.4.2016.
[6] Ernst Thälmann: Die Lehren des Hamburger Aufstands, Rote Fahne vom 10.10.1925, zit. n.: ders.: Ausgewählte Reden und Schriften, Frankfurt am Main 1976.
[7] Clara Zetkin: Die gestige Krise der bürgerlichen Gesellschaft und der ideologische Kampf der kommunistischen Partei. Diskussionsrede auf dem VII. Erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, 26.11.1926, zit. n. Dies.: Zur Theorie und Taktik der kommunistischen Bewegung, Leipzig 1974.
[8] Gerhard Feldbauer: nicht mehr kommunistisch sein. Vor 25 Jahren tagte die Italienische Kommunistische Partei ein letztes Mal. Die Revisionisten feierten das Ende als „Heimkehr zu Sozialdemokratie“, jW vom 30.1.2016.
[9] Willi Gerns/Robert Steigerwald: Opportunismus heute, Frankfurt am Main 1973.
[10] J. W. Stalin: Über die Grundlagen des Leninismus. Vorlesungen an der Swerdlov-Universität April-Mai 1924, in: ders.: Werke Band 6.
[11] Reinhard Opitz: Grundlagen oppositioneller Strategie und Taktik, in: ders.: Friedrich Hintzer (Hg.): Alternativen der Opposition, Köln 1969.
[12] Hans Adamo: Antileninismus in der BRD. Inhalte, Methoden und Tendenzen der Lenin-Fälschung anlässlich des internationalen Lenin-Jahres, Frankfurt am Main 1970.
[13] Herbert Mies im Interview mit Herbert Meuerler: Zwischen Ost und West. Die DKP ist heute 40 Jahre alt geworden., jW vom 27.9.2008.
[14] Den Nachweis dazu hat Hans Peter Brenner erbracht: Die Luxemburg-Legende und Der Gramsci-Mythos, jW vom 6. und 7.9.2011.
[15] Hans Heinz Holz: Richtungskämpfe müssen ausgefochten werden. Zwei Linien in einer Partei? Über den programmatischen Streit in den europäischen kommunistischen Parteien, jW vom 8.1.2005.

 

 

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