„Digitalisierung“

Posted on 9. Juli 2016 von


Zur Entwicklung der Produktivkraft im gegenwärtigen staatsmonopolistischen Kapitalismus

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von Stephan Müller

Olaf Harms rechnet zu Recht den Komplex „Digitalisierung der Arbeit“ zu den Themen, die die Arbeiterbewegung für eine längere Zeit vor Herausforderungen stellen wird und fordert auf, Grundpositionen dazu zu bestimmen [1]. Die folgenden Überlegungen sollen dazu beitragen, entsprechende Fragestellungen zu entwickeln – im Anschluss an die Diskussion gegen die Thesen vom Zusammenbruch des Kapitalismus, „dem die Arbeit ausgeht“ (zuletzt in T&P 38) und die folgende Diskussion im April zur „Allgemeinen Krise“ im Rahmen der Marx-Engels-Stiftung (im MEZ, Berlin). Einigkeit besteht, dass mit der Digitalisierung ein Entwicklungsschub der Produktivkraft der Arbeit unterwegs ist, der umfassende Veränderungen für den Klassenkampf zur Folge hat. Die Frage ist, wie diese Produktivkraftentwicklung in den Gesamtzusammenhang einzuordnen ist. Dass die Fragestellung weit über das Regierungsprojekt „Industrie 4.0“ hinausgeht, hat das weite Spektrum der Beiträge der Marxistischen Blätter 3/2016 unter dem Titel „Arbeit 4.0“ gezeigt.

Charakter, Umfang und Geschwindigkeit der Digitalisierung

Arbeit, nach Marx „ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt regelt und kontrolliert“ [2], wird neu bestimmt. Die Linie ist zu ziehen von der Produktivkraftsteigerung durch Zerlegung von Arbeitsschritten in der Manufaktur über die Maschine und die „großen Industrie“ [3], die Taktstraße sowie der elektronischen Maschinensteuerung bis hin zur digitalen Steuerung des gesamtem Produktions- und Verteilungsablaufs von der Rohstoffgewinnung zum Konsumenten. Die Trennung von Hand- und Kopfarbeit wird auf eine neue Stufe gehoben durch die Zerlegung bisheriger Betriebsleitungs- und technischer Entwicklungsschritte, die dadurch zunehmend automatisierbar und industrialisierbar werden. Während die Maschine zunächst das „Detailgeschick“ des Handwerkers überflüssig machte [4], geht die Entwicklung nun dahin, dass das „Detailgeschick“ des Kopfarbeiters immer mehr durch die Maschine ersetzt wird.

Die elektronische Datenverarbeitung, in den 1940er Jahren entwickelt, durchdringt das gesamte Wirtschaftsleben und alle Bereiche der Reproduktion. Sie bestimmt auch die Entwicklung anderer Produktivkraftentwicklungen, z.B. in der Chemie. Insofern ist die Bezeichnung einer neuen industriellen Revolution naheliegend, jedenfalls geht es um eine neue Phase des Maschinenzeitalters [5]. Wie schnell wird der nächste Schritt kommen: die unmittelbaren Steuerung von physischen Systemen untereinander, d.h. Maschinen, Verkehrsmitteln oder Konsumgütern? Dazu hat der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft im März darauf hingewiesen, dass die Infrastruktur für den industriellen Datenraum noch nicht besteht [6]. Beispiele: Es gibt keine verbindlichen Standards für Datennetze. Der Streit um Staats- und dadurch Konkurrenzzugriffe auf Daten ist im Zusammenhang mit den NSA-Skandalen offen geworden. Die Geschwindigkeit zuverlässiger Datenübertragung, z.B. von Brasilien nach Deutschland, liegt noch bei über 80 Millisekunden. Nötig wäre max. 1 ms. Lösungen zu diesen Problembereichen (Standardisierung und Zuverlässigkeit, Vorbedingungen von Industrialisierungsschritten) gibt es noch nicht. Um in der Infrastruktur einen Vorsprung vor dem US-geführten Projekt IIC (International Internet Consortium) zu bekommen, haben Siemens, Bosch, Telekom und SAP sich mit der Fraunhofer-Gesellschaft zur Entwicklung des RAMI (Rahmenarchitekturmodell-Industriestandard) zusammengeschlossen. Ergebnisse sind eher in einem 10-Jahres- als in einem 2-Jahreszeitraum zu erwarten.

Entwicklung der kapitalistischen Konkurrenz und Rolle der Banken

Die Entwicklung wird angetrieben von der Konkurrenz der staatsmonopolistisch herrschenden Finanzoligarchen. Wer zu spät und zu wenig investiert, wird vom Markt verschwinden. Die Digitalökonomie verlangt, wie jede neue Stufenleiter der Industrialisierung, Kapitale neuer Größenordnung. Apple oder Google haben etwa den 10-fachen Börsenwert von deutschen Monopolen wie Siemens oder Daimler. Die Digitalisierung schafft auch neue Abhängigkeiten. Beispiel: Apple produziert selbst nicht, sondern hat dazu die Taiwan-Gesellschaft Foxconn hochgezogen, die in der VR China Betriebe mit ca. 1 Million Arbeitern hat. Der Sprecher der Leitkonzerne der Digitalisierung in Deutschland, Henning Kagermann (bis 2009 Chef von SAP) sprach auf der Hannover Messe 2016 unverblümt aus, dass es bei „Industrie 4.0“ auch um die Unterordnung der „mittelständischen“, d.h. nicht-monopolistischen Industrie unter die Leitkonzerne geht. Die Frage, wer die Datenhoheit z.B. über die von einem mit Sensoren bestückten Auto hat, sei eine Machtfrage.

Der hohe Kapitalbedarf der Digitalökonomie hat zu tun mit den dort starken Skalenerträgen, d.h. hohe Fixkosten für Softwareentwicklung und stark mit der Größe sinkende Stückkosten. So entscheidet sich die Profitabilität einer Gründung erst, wenn sie zumindest zeitweise eine Monopolstellung erringt. Bis dahin muss ohne Profit investiert werden. Bei Erfolg gibt es hohe Extraprofite. Sog. Start ups werden deshalb im Dutzend finanziert, um mit dem Erfolg eines Überlebenden den Verlust von zehn Flops auszugleichen. Durch diese verstärkt ungleiche Entwicklung ändern sich die Struktur der Großbankwirtschaft und ihre Verbindung zur Industrie, damit also die Struktur der Finanzoligarchie. So ziehen z.B. Bosch und Siemens eigene Start-ups hoch und übernehmen damit Bankfunktionen.

Entwicklung der Arbeiterklasse und der Zwischenschichten

Mit der Technologie verändern sich die Arbeitsbeziehungen. Die Arbeitsorganisation folgt dem digitalen Prozess. Das Zusammenwirken der Beschäftigten eines Kapitalisten bzw. einer monopolistischen Abhängigkeitsstruktur wird durch die neue Art der Arbeitsteilung bestimmt, die auf der logischen Zerlegung (Digitalisierung) von bisher der Steuerungs-, Entwicklungs- und Leitungsarbeit vorbehaltenen Arbeiten beruht – bis hin zu Crowdsourcing und Cloudworking. Zu untersuchen ist, welche Arbeitsplätze im laufenden Prozess der Digitalisierung wo wegfallen und wo welche neu entstehen, aber auch, dass die Zusammenarbeit für die kleinteilig zerlegten „Tasks“ örtlich, zeitlich und inhaltlich nicht zusammenhängen muss [7]. Es ist aber weiter das Kapital, welches das Proletariat „an sich“ organisiert, schult und diszipliniert [8], am Bildschirm wie in der Fabrikhalle.

Die ideologische und organisatorische Stärke der gewerkschaftlichen Organisation wird entscheiden, inwieweit die Lasten der kommenden „Rationalisierungswelle“ auf die Arbeiterklasse abgeladen werden können. Diese Stärke wird wie bisher abhängen vom Kräfteverhältnis der klassenbewussten Kräfte gegen die Klassenversöhnungskräfte, die in Deutschland durch die Verbindung der SPD-Führung mit Betriebsräten der Großindustrie noch stark sind. Der entsprechende Einfluss der Finanzoligarchie hat mit der Agendapolitik, die ebenfalls im Zusammenhang der Produktivkraftentwicklung zu sehen ist, die hegemoniale Einbindungskraft der SPD überspannt und zur Entstehung der Partei „Die Linke“ geführt. Das Kräfteverhältnis wird sich im Prozess der schrittweisen Neuformierung der Arbeiterklasse durch die Digitalisierung bilden. Die kommunistische Partei kann in der Arbeitereinheit hegemonial werden, wenn es ihr gelingt, deutlich zu machen, dass die kapitalistische Vergesellschaftung der Produktivkräfte alle Voraussetzungen für den Übergang zu einer „rationellen Regelung des Stoffwechsels mit der Natur“ [9], d.h. zum Sozialismus geschaffen hat.

Die alten Zwischenschichten, Händler, Handwerker und selbständige Akademiker werden weiter reduziert, verschwinden oder werden – als „Freelancer“ – Teil einer monopolistischen Abhängigkeitskette. Die neueren Zwischenschichten des 20. Jahrhunderts, die aus der Trennung von Eigentum und Betriebsleitung im Imperialismus entstanden sind, Ingenieure und Manager, werden durch die Digitalisierung zunehmend dequalifiziert. Mit der neuen Betriebsweise entstehen aber auch neue Entwicklungs- und Leitungsfunktionen und damit auch neue privilegierte Schichten.

Rolle von Recht, Kultur und Politik – Rolle des Staates

Die Entwicklung von Recht, Kultur und Politik wird im Imperialismus stark vom Ringen der Hauptklassen um Einfluss auf die Zwischenschichten und darüber hinaus auf die Ränder der Gegenklassen bestimmt. Zu sehen ist bereits, dass die erwähnten neu enstehenden „Digitalzwischenschichten“ hochqualifizierter Entwickler und Manager von der sozial- und demokratiefeindlichen Ideologie der Digitalmonopole wie Google, Facebook oder Amazon beeinflusst werden [10]. Die weitere Entwicklung staatsmonopolistischer Elemente wird in Deutschland sichtbar durch das Projekt „Industrie 4.0“. Der Staat soll in der Konkurrenz der führenden Monopole die Digitalentwicklung absichern durch:

  1. Zunehmend direkten Einbezug von Wissenschaft und Ausbildung in den laufenden Prozess der Digitalisierung der bestehenden Wirtschaft.
  2. Finanzierung von Entwicklung und Infrastruktur: Hier besteht die Konkurrenz der Monopole z.B. in der Frage der Subventionierung von E-Autos.
  3. Regulierung der angesprochenen Widersprüche im Inneren, zwischen den Monopolen, zwischen Monopolen und nichtmonopolistischen Kapitalisten, Zwischenschichten und Arbeiterklasse.
  4. Aufstellung in der internationalen Konkurrenz: Digitalisierte Produktion und Verteilung schafft neue Abhängigkeiten zwischen Ländern, zwischen den Großmächten ebenso wie gegenüber abhängigen Ländern. In Deutschland gibt es dazu auch nach 1990 und der Auflösung der Nachkriegsordnung weiter zwei strategische Haupttendenzen, die sich in der Tagespolitik oft taktisch überschneiden, wie in der Russland/Ukraine-Frage. Strategisch orientieren die „Transatlantiker“ auf eine Juniorposition hinter den USA, die in der Entwicklung der Digitalökonomie führend sind, seit sie nach 1945 die Entwicklung der IT dominiert und kontrolliert haben, während die „Europäer“ durch Unterordnung der EU eine von den USA unabhängige digitale Infrastruktur entwickeln wollen. Die Entscheidung von VW, Daimler und BMW, die essentielle Software für das fahrerlose Fahren, das Landkartensystem, nicht von Google zu übernehmen, sondern gemeinsam einen Kartendienst zu kaufen, zeigt an, dass die Richtung letztlich durch die Strategie der Einzelkonzerne angegeben wird; ebenso, dass Daimler und BMW die Verhandlungen mit Apple über eine Kooperation abgebrochen haben, nachdem Apple auf die Datenhoheit nicht verzichten wollte. Das Regierungsprojekt „Industrie 4.0.“ ist ausdrücklich dazu da, zu verhindern, dass die in Produktionstechnik führende deutsche Industrie zur Werkbank, zum „Foxconn“ der US-Industrie wird. Der Vorsprung in der Technologie der elektronischen Maschinensteuerung soll gehalten und ausgebaut werden. Der deutsche EU-Digitalkommissar Oettinger setzt die „Digitalunion“ auf die Tagesordnung.
  5. Rüstung: Datenhoheit ist eine Machtfrage, Machtfragen sind Fragen letztlich der militärischen Stärke, zunächst des militärischen Potentials. Die NSA-Diskussion hat gezeigt, dass hierbei die Digitalisierung eine wesentliche Rolle spielt. Nach der Trennung der Cybersparte von Airbus wird in Deutschland an einem neuen cyber-militärisch-industriellen Komplex gebaut, im Zusammenhang mit der Entwicklung des Kräfteverhältnisses zwischen den Großmächten (NATO/EU-Armee). Dabei ist die zum dritten Mal entwickelte, diesmal besser verdeckte Aggressivität des deutschen Imperialismus und seine hohe Organisation in Verbänden und anderen Machtzirkeln zu berücksichtigen.

Durch Produktivkraftentwicklung aus der Krise?

Der deutsche Imperialismus steckt, wie seine Konkurrenten, in der Krise. Die etwa 10-jährigen zyklischen Krisen seit 1958 wurden von Mal zu Mal tiefer. Seit 2007 folgt auf die Krise nur noch eine Belebung, ohne echten Aufschwung. Riesengewinne werden nicht in Produktionserweiterung investiert. Das Marktproblem des deutschen Imperialismus, der Mangel an kaufkräftiger Nachfrage, war eine Zeitlang vom starken Wachstum in China übertüncht worden. Relativ zur Ausweitung der Märkte ist zu viel Kapital akkumuliert worden. Die massenhafte Erneuerung des fixen Kapitals (Maschinen und Anlagen), Voraussetzung für einen zyklischen Aufschwung, bleibt aus.

Wenn nun durch Staatseingriffe massiv in digitale Infrastruktur investiert wird, um die Nachfrageschwäche auszugleichen, wird die oben angesprochene Rationalisierungswelle beschleunigt. Das Ergebnis wäre, wie nach der Rationalisierungswelle der 20er Jahre, eine höhere Produktionskapazität mit weniger Nachfrage nach Arbeitskraft, weniger Lohnsumme, an der die Nachfrage nach Konsumgütern hängt – alles in allem also eine Verschärfung der derzeitigen Krisensituation, auf die wir uns einstellen müssen.

 

Quellen und Anmerkungen:

[1] O. Harms (2016): Herausforderungen für die Arbeiterbewerung. DKP-Informationen 3/2016, S. 9.
[2] MEW 23, S. 192.
[3] Ebd., S. 331 ff.
[4] Ebd., S. 442, 446.
[5] Zur Diskussion um den Charakter der gegenwärtigen Entwicklung der Produktivkräfte kann auf die Arbeiten der DDR-Wissenschaft, besonders aus der Schule von Jürgen Kuczynski am Inst. f. Wirtschaftsgeschichte (vgl. jW vom 19.5.2016, S. 10) und am IPW zurückgegriffen werden, die z.T. von der BRD Wissenschaft plagiiert wurden (s. Wikipediaeintrag „Wolfgang Jonas“).
[6] Interview mit Raimund Neugebauer, Handelsblatt, 14.03.2016, S. 16.
[7] A. Boes et al. (2016): „Digitalisierung und ‚Wissensarbeit‘“, Aus Politik und Zeitgeschichte, 18-19/2016.
[8] MEW 23, S. 790-791.
[9] MEW 25, S. 828.
[10] Interessant dazu z.B. Th. Wagner (2015): Robotokratie. Google, das Silicon Valley und der Mensch als Auslaufmodell, Köln.

 

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