Digitalisierung der Arbeitswelt – Zukunftsvision oder konkrete Herausforderung?

Posted on 29. November 2016 von


digivon Rainer Perschewski

Industrie 4.0, Arbeit 4.0, Internet der Dinge oder Digitalisierung – nehmen wir die derzeitige Berichterstattung in den Medien oder nur die Vielzahl der Konferenzen könnte man den Eindruck gewinnen, als wäre es schon so weit, Maschinen übernehmen die Arbeit und der Mensch ist nur noch Anhängsel der Maschine. Soweit ist es natürlich nicht. Viele der vornehmlich visionär beschriebenen technischen Möglichkeiten sind in der Startphase und auch die digitale Infrastruktur steht noch nicht im erforderlichen Umfang. Wie kann diese Entwicklung aber eingeschätzt werden? Was bedeutet es für die betriebliche oder gewerkschaftliche Arbeit?

Neue Qualität oder Weiterentwicklung?

Um sich dem Thema anzunähern, kann man an dem Sprachgebrauch ansetzen. Die an dem üblichen Gebrauch einer Software-Versionsnummer angelehnte Verwendung des Begriffs 4.0 soll deutlich machen, dass es die Autoren für die vierte Stufe der industriellen Revolution halten. Hier wird es konkret, denn jede dieser Stufen hat vor allem eines ausgelöst: eine größere Rationalisierungswelle. Nicht nur die Tätigkeiten veränderten sich, sondern auch die Berufe und deren Ausbildungen. Kommen wir zu dem Schluss, dass wir tatsächlich gerade den Sprung in eine neue Qualität der technischen Entwicklung vollziehen, ist es keine theoretische Frage mehr, sondern eine Feststellung mit weitreichenden Folgen für die Arbeitswelt. Stimmt es, stehen wir vor der größten Welle der Vernichtung von Arbeitsplätzen und Berufsbildern der letzten Jahrzehnte.

Viele Dinge, die zumindest für die Industrie visionär beschrieben werden, sind tatsächlich erst in der Entwicklung, wobei angesichts der Geschwindigkeiten die Frage zu stellen ist, ob die zeitlichen Intervalle der Einführung von technischen Neuerungen für die betrieblichen Abläufe sich nicht stark verkürzt haben. Unabhängig davon werden die größten Auswirkungen derzeit auch nicht im sekundären, also industriellen, Sektor prognostiziert, sondern im größten Bereich der Volkswirtschaft, dem tertiären Sektor, also bei den Dienstleistungen. Derzeit gehen unterschiedliche Prognosen davon aus, dass bis zu 50 Prozent von Jobs und Berufen im Dienstleistungsbereich verschwinden oder sich deutlich verändern werden. Stimmt es, stehen wir vor dem größten Umbruch und nicht nur von Verschiebungen in der sektoralen Wirtschaftsstruktur dieser Gesellschaft, sondern auch vor der weiteren Ausgrenzung von immer mehr Menschen aus dem Arbeitsleben und einer „Prekarisierung“ qualifizierter Facharbeiter. Damit wird deutlich, dass die Frage der Umverteilung von Arbeit – also Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich – immer mehr in den Vordergrund drängt und hier insbesondere die Gewerkschaften zur Umsetzung gefragt sind. Welche Entwicklungen vollziehen sich?
Tatsächlich sind aktuell deutliche Veränderungen im Dienstleistungsbereich zu spüren. Dabei ist hier nicht einmal der zunehmende Internethandel, damit einhergehende veränderte Einkaufsgewohnheiten bzw. Transportlogistik oder der daraus resultierende zunehmende Druck auf die „realen“ Händler gemeint. Waren in den 80er Jahren des letzten Jahrtausends noch jegliche flexiblen Regelungen hinsichtlich der Arbeitszeiten verpönt oder wurden sie gar als Tabubruch verstanden, vollzieht sich hier ein Wertewandel. Als die IG Metall in den Achtzigern um die 35 Stundenwoche kämpfte, tauchte auf Karikaturen schon die Forderung nach der 30 Stundenwoche auf. Die Entwicklung in diese Richtung wurde nicht in Frage gestellt. Heute sind es vielerorts die Erwerbstätigen, die nach größerer Flexibilisierung rufen. Für die Tätigkeit in sämtlichen administrativen Bereichen sind die technischen Möglichkeiten soweit ausgereift, dass bspw. ein fester Arbeitsort nicht mehr nötig erscheint. So gehen (Groß-) Betriebe dazu über, Regelungen zu vereinbaren, die das tägliche Pendeln überflüssig machen. An zwei bis drei Tagen in der Woche arbeitet der Erwerbstätige von einem gewählten Arbeitsort aus, meist von seinem Wohnort und erhöht damit noch seinen Freizeitwert, da er ein bis zwei Stunden Wegezeiten zum Arbeitsort spart. Im Betrieb hat es die Folge, dass der Erwerbstätige nicht mehr den ausgestatteten Arbeitsplatz hat, sondern nur noch einen ausgestatteten Arbeitsplatz (Desk-Sharing). Die Unternehmen sparen die Kosten und nebenbei werden die Arbeitsschutzbestimmungen zur Makulatur, da der „andere Arbeitsort“ real keiner Kontrolle unterliegt. Auch anderes – mit der Einführung digitaler Informationstechnik – immer wieder proklamiertes bekommt plötzlich eine eigene Dynamik. So wurde in den letzten zwanzig Jahren immer wieder von der Entwicklung hin zu einem „papierlosem Büro“ gesprochen. Geglaubt hat es niemand. Unter den neuen Arbeitsbedingungen wird es von den Beschäftigten selbst umgesetzt, da zum Arbeiten am „anderen Ort“ der Zugriff auf die bisher in Papierform vorhandenen Informationen digital möglich sein muss. Gleichzeitig ermöglich neue Software, dass Tätigkeiten nicht mehr von Menschen erledigt werden müssen. So werden bspw. Buchhaltungsabteilungen drastisch reduziert, da eine Bearbeitung von Rechnungen in abnehmender Zeit möglich ist, da sie automatisch eingelesen und verarbeitet werden. Einige Banken bieten diese Möglichkeit schon für jedermann an: Rechnung mit dem Smartphone einlesen, Überweisung mit einem Klick absegnen und fertig. Letztes Beispiel: Auf einer Verdi-Konferenz schilderte eine Finanzbeamtin, dass ihr die Software zur Steuererklärung inzwischen die Entscheidung vorgibt. Hier wird vor allem deutlich, dass es künftig beim Fortschreiten der Entwicklung nur noch weniger Fachkräfte bedarf, um derartige Tätigkeiten zu vollziehen.

Insgesamt lässt die Darstellung nur einen Schluss zu: Auch, wenn die Grundzüge der digitalen Technik sich nicht verändert haben, hat die Masse und die rasante Entwicklung in Richtung Übernahme komplexer Tätigkeiten durch die Technik zu einer neuen Qualität in der Produktivkraftentwicklung geführt.

Wie kann diese Entwicklung bewertet werden?

Das entscheidende Kriterium bei der Beurteilung dieser neuen Technologien und der Produktivkraftentwicklung überhaupt besteht in dem Nutzen für die Interessen der abhängig Beschäftigten. Neue Technik steigert die Produktivkraft der Arbeit und ist damit eine entscheidende Quelle der gesellschaftlichen wie der persönlichen Entwicklung. Menschliche Fähigkeiten, soziale Beziehungen, materieller und geistiger Reichtum entstehen vor allem in der Arbeit. Deshalb eröffnet der Fortschritt neue Möglichkeiten produktiver Tätigkeit und menschlicher Entwicklung. Ausgehend von dieser Erkenntnis muss man natürlich ergänzen, dass die Technik nicht im Selbstlauf die Lebensbedingungen der abhängig Beschäftigten verbessert. Technik folgt keinen eigenen Zielen, sondern wird von Menschen geschaffen und eingesetzt. Gesellschaftlicher Fortschritt lässt sich deshalb nicht technisch herstellen. Er muss von den Erwerbstätigen erkämpft werden. Wieweit die Möglichkeiten dieser Entwicklung positiv genutzt werden können, hängt damit insbesondere von den Kräfteverhältnissen vor Ort in der Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit ab.

Das Kräfteverhältnis der streitenden Klassen ist derzeit nicht unbedingt zugunsten der abhängig Beschäftigten geneigt. Betriebliche Interessensvertretungen sind nur dort stark, wo eine gute gewerkschaftliche Organisierung besteht. Das ist vorwiegend in Großbetrieben der Fall und auch dort muss unterschieden werden, ob der Wille zur Durchsetzung besteht. Es ist also zu befürchten, dass die Einführung neuer technischer Entwicklungen nur für einen Teil der Klasse zu positiven Bedingungen führt und damit die Spaltungstendenzen in der Arbeiterklasse verstärkt werden.

Haltelinien durch Betriebsräte – Reaktionen der Gewerkschaften

Betriebsräte – zunächst als erste Betroffene – reagieren auf diese Entwicklung und versuchen mit Betriebsvereinbarungen Haltelinien einzuziehen, um negative Begleiterscheinungen zu vermeiden. Die „neuen Medien“ kommen dabei dem Erfahrungsaustausch zugute. Schneller als in der Vergangenheit sind die betrieblichen Interessenvertretungen in der Lage, Erfahrungen auszutauschen.  Hierbei geht es aber vornehmlich um die betriebliche Ebene und die konkreten Erfordernisse vor Ort:

  • Datenschutz sicherstellen und personenbezogene Auswertung bei der Einführung neuer Technologie verhindern;
  • Einhaltung von gesetzlichen und tariflichen Arbeitsschutzbestimmungen sicherstellen;
  • Regelungen erarbeiten, die eine Ausbeutung der Arbeitskraft über den bisher möglichen Rahmen verhindern und gegen Entgrenzungserscheinungen von Arbeit und Privatleben einschreiten (bspw. Begrenzung von Zeiten der Zugriffe auf betriebsinterne Netzwerke);
  • Festschreibung der freiwilligen Teilnahme an bestimmten Entwicklungen der mobilen Arbeitsmittel;
  • Sicherstellen und Vereinbarungen von entsprechenden Qualifizierungsmaßnahmen.
  • Ausnutzen von Einflussrechten bspw. bei der Vergabe von Aufträgen via Crowdsourcing;
  • Einbindung der abhängig Beschäftigten bei der Erarbeitung von Regelungen im Umgang und der Umsetzung bei der Einführung neuer Technologien.

Wie bereits dargestellt, gelingt es im Wesentlichen dort, wo betriebliche Interessensvertretungen auch – via gewerkschaftlichen Organisationsgrades – über eine Durchsetzungsmacht verfügen. Insofern sind die hier beschriebenen Haltelinien in allen anderen Bereichen eine Negativliste drohender Veränderungen und höherer Ausbeutungsmöglichkeiten für das Kapital. Vor allem aber ersetzt diese betriebsbezogene Reaktion nicht die nötigen kollektivrechtlichen Regelungen und Aktivitäten auf gesellschaftspolitischer Ebene. Die Gewerkschaften hinken dieser Entwicklung lange hinterher. Zwar sind in einer Aufholjagd in vielen Bereichen auch tarifpolitische Forderungen entstanden und vereinzelt auch schon Bestandteil von Tarifverträgen bzw. mindestens laufender Tarifverhandlungen, jedoch wird auch das nur aus den genannten Gründen zur weiteren Spaltung der Erwerbstätigen beitragen. Wer nicht vom Grundwiderspruch dieser Gesellschaft, dem Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ausgeht, muss hier Illusionen erliegen.