Lest Losurdo!

Posted on 8. Januar 2018 von


von Pablo Graubner

Zur Theorie des Klassenkampfes

Was hat uns die Einsicht, die Menschheitsgeschichte sei „eine Geschichte von Klassenkämpfen“ in einer Zeit zu sagen, in der eben diese menschliche Geschichte so gar keine Anzeichen kämpfender Klassen zu tragen scheint? In der eines der wenigen Zugeständnisse an den Begriff des Klassenkampfs in der öffentlichen Meinung ausgerechnet von einem Großinvestor stammt? „My class is clearly winning“, zu Deutsch: meine Klasse gewinnt, schrieb Warren Buffet zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in den USA. Man möchte ihm laut entgegen rufen: „Your class must not win!“, zu Deutsch: Deine Klasse darf nicht gewinnen! Aber man übernimmt damit spiegelverkehrt den Klassenkampf-Begriff des Finanzkapitalisten. Und die Frage muss erlaubt sein: Kann Warren Buffet wirklich ein Maßstab für revolutionäre Begrifflichkeit sein?

Arbeit am Begriff

Klassenkämpfe verhalten sich in Wirklichkeit nicht nach dem obigen vereinfachenden Schema: „Es soll sich wohl an einer Stelle das eine Heer aufstellen und erklären: ‚Wir sind für den Sozialismus’, an einer anderen Stelle das andere Heer aufstellen und erklären: ‚Wir sind für den Imperialismus’, und das wird dann die soziale Revolution sein!“ [1]. Obwohl hier eine essenzielle Aussage über den Charakter von Klassenkämpfen getroffen wird, findet man in Lenins Programm der Bolschewiki in der nationalen Frage, dem diese Sätze entstammen, keine in systematischer Weise klärende Arbeit zur Theorie der Klassenkämpfe. Genau genommen findet sich eine solche weder bei Marx, Engels noch bei Lenin. Dabei ist sie dringend erforderlich, will man sich der reaktionären Woge entgegenwerfen, für die gerade ein liberaler Vertreter des Kapitalismus wie Warren Buffet steht: Die Verschärfung der Ausbeutung in den westlichen Ländern bei gleichzeitiger Ausplünderung der kleineren Nationen. Und wer nur ausgeplündert wird darf sich noch glücklich schätzen. Wirklich schrecklich ergeht es denen, deren Nationen aufgebaut werden sollen: „Nation building“ nennt man das im Irak oder in Libyen. Und wenn das schon schrecklich ist, dann mag man sich die Folgen einer Konfrontation des liberalen Westens mit den Großen der kleineren Nationen, Russland und China, gar nicht ausmalen.

Die Arbeit am Begriff „Klassenkämpfe“ ist also nicht einfach nur angezeigt oder zeitgemäß, sie ist zwingend erforderlich. Daher ist die vorliegende Arbeit von Domenico Losurdo, „Der Klassenkampf oder Die Wiederkehr des Verdrängten?“ [2], so wichtig und ernst zu nehmen. Denn die Frage steht im Raum: Wie kann man sich dieser reaktionären Woge, die die Welt in die Richtung eines Krieges treibt, mit aller Macht entgegenwerfen? Ein wichtiger Schlüssel dazu ist, sich von der Vorstellung zu trennen, Klassenkampf trete nur in Reinform zu Tage, im direkten Konflikt zwischen Kapital und Arbeit. Die Akteure in Klassenkämpfen sind – ohne in Beliebigkeit zu verfallen – heterogener, können sogar auf beiden Seiten Teilen der Bourgeoise angehören, weil sich der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit national und international in anderen Formen ausdrücken kann. Umgekehrt heißt das: Klassenkämpfe finden auch dort statt, wo sich die Akteure selbst nicht als Klassenkämpfer begreifen. Das ist sogar der Regelfall, denn wer versteht sich schon als Klassenkämpfer? Mehr Menschen beziehen sich positiv auf die Nation.

Arbeitsteilung und Anerkennung

Für Losurdo steht die Entmenschlichung und der Kampf um die Anerkennung als Mensch im Brennpunkt menschlicher Geschichte. Der Sklave, der wie ein Tier besessen wird, der Arbeiter, der wie ein Arbeitsinstrument verschlissen wird, die Frau, die als Haussklavin gehalten wird oder die vom alten und neuen Kolonialismus erniedrigten Völker. Diese stellen untertänige Verhältnisse dar, die in der Arbeitsteilung innerhalb der Gesellschaft und zwischen den Gesellschaften ihre materielle Basis haben. Und Losurdo zeichnet insbesondere entlang des politischen Wirkens von Marx und Engels nach: Klassenkämpfe, die in der Arbeitsteilung ihre Basis haben und die auf moralischer Ebene als ein Kampf um Anerkennung geführt werden, treten nicht nur nie in Reinform zu Tage, sondern stattdessen in komplexen Zusammenhängen, in der Form eines „Gemenges“.

Der Gegner weiß das und gibt sich menschenfreundlich: Überall dort, wo ein Land in Grund und Boden gebombt werden soll, gibt man vor, die Rechte dieser oder jener einzelnen Gruppe zu schützen. Dabei wird in Wahrheit umgekehrt ein Schuh daraus: Nur aus der Sammlung aller Kräfte zur gemeinsamen Abwehr der Hauptgefahr kann auch eine Möglichkeit erwachsen, die reaktionäre Offensive in eine fortschrittliche Offensive zu wenden, die auch Chancen für die Emanzipation der zu Arbeitsinstrumenten oder Haussklavinnen degradierten Menschen beinhaltet. Man darf aber auch hier nicht auf sterile Formen hoffen. Denn die Bestimmung der Hauptgefahr ist selbst nicht ohne Widersprüche, die ausgehalten werden müssen.

Fortschritt im Sinne eines Emanzipationsprozesses der Menschen, so lautet die Botschaft, wird nur durch Klassenkämpfe ermöglicht, deren Inhalt nicht in plakativer Form für alle Zeiten festgeschrieben ist, sondern in jeder historischen Situation konkret erfasst werden muss. Diese Analyse geschieht wiederum auf Grundlage der Erfahrungen aus der eigenen Geschichte. Greifen wir eine wichtige Erfahrung heraus: Das erste Dekret, das die revolutionäre Arbeiter- und Bauernregierung im Oktober 1917 erlassen hat, war das Dekret über den Frieden. Lernen wir daraus.

Quellen und Anmerkungen:
[1] Lenin Werke, Bd. 22: S. 363f
[2] Domenico Losurdo (2016): Der Klassenkampf oder die Wiederkehr des Verdrängten. Eine politische und philosophische Geschichte, Köln.