Zur Lage der Nation

Posted on 8. Januar 2018 von


von Pablo Graubner

Nach dem Wahlerfolg der Alternative für Deutschland (AfD) bei den Bundestagswahlen hat sich das Chaos in den Köpfen so mancher deutscher Linker noch einmal verstärkt. Dieser Umstand würde wahrscheinlich weniger gravierend ausfallen, wenn endlich wieder damit begonnen würde, über Begriffe nachzudenken. Im Besonderen über den Begriff der Nation und damit über das Verhältnis zur Nation, das darin zum Ausdruck kommt, wie man sich selbst nennt. Darüber sollen im Folgenden ein paar Worte verloren werden.

Beginnen wir mit einer Gruppe im Grenzbereich der deutschen Linken. Ihr Verhältnis zur Nation ist treffend durch ein englisches Wort charakterisiert, compact, zu Deutsch: Pressling. Ihre Anhänger tun so, als seien einer Nation bestimmte Eigenschaften naturalistisch eingestanzt, als sei sie ein geschichtsloser Körper, dem man einmal angehört, oder nicht. Eine Beziehung zu Klassenkämpfen haben sie nicht, der Übergang zu rassistischen Blendern ist fließend.

Die nächste Gruppe bilden die Anhänger liebgewonnener Universalismen. Sie hat zwei Untergruppen. Die erste Untergruppe kennt nur drei Worte: Klasse gegen Klasse, was genau genommen nur ein Wort ist, nämlich; Klasse. Nation ist für ihre Anhänger folglich ein Fremdwort, das sie laut verneinen. Ihre Wirkung lässt sich folgendermaßen beschreiben: Je lauter sie sind, desto weniger werden die Aufklärer mit einem größeren Wortschatz gehört, desto mehr Menschen eignen sich den compacten Begriff der Nation an. Manche Angehörige dieser Gruppe liegen den Aufklärern nur in den Ohren, andere von ihnen haben sich hingegen dazu entschlossen, formierte Gegenaufklärung zu betreiben. Peter Hacks nannte das Romantik.

Die zweite Untergruppe bildet das Lager Individuum gegen den Staat, das offenbar direkt in die Hölle zu fahren bereit ist: Welcome to hell. Mit dieser Gruppe verhält es sich ganz einfach. Solange sie das Bestehende unterschiedslos niederbrennen will, ohne Errungenschaften zu bewahren, kann sie kein Teil des gesellschaftlichen Fortschritts sein.

Ein großes Lager innerhalb der Linken hält das Ende der Geschichte der Nationen für gekommen, und es bezieht sich auf Marx, der den Freihandel, den Weltmarkt und die Weltliteratur als geschichtlichen Fortschritt bejaht hat. Ihnen ist mit Schiller zu entgegnen: Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen. Denn die internationale Arbeitsteilung erzeugt selbst wieder untertänige Verhältnisse zwischen den Nationen, denen mit einem Emanzipationskampf, d.h. mit Klassenkampf zu begegnen ist. Und weil dieses Lager diese Form von Klassenkämpfen ablehnt, befindet sie sich je nach Umstand entweder im Zustand der Untätigkeit oder im Lager der Gegen-Emanzipation. Sie sagen: Zwei Weltkriege sind im Namen der Nation geführt worden. Wir fragen: Wird der nächste Weltkrieg deshalb emanzipatorisch?

Diejenigen, die Lenin gelesen haben und ernst nehmen, bilden eine besondere Gruppe innerhalb der deutschen Linken. Sie hat zwar keine klaren Konturen, im Inneren überlappen sich jedoch zwei Hauptströmungen. Der Begriff der Nation einiger Vertreter des offiziellen Marxismus-Leninismus liegt in einem Mausoleum nahe des roten Platzes in Moskau, und seine Anhänger versuchen, ihn staubfrei zu halten. Sie hätten eigentlich das Potential, Lenin als einen Teil der Identität und der realen Geschichte der Völker dieser Welt zu begreifen, die um sie herum weitergeht, aber sie sind mit putzen beschäftigt.

Für diejenigen jedoch, die sich im Lenin’schen Sinne als Volkstribune verstehen, selbst wenn sie sich nicht offen zu ihm bekennen, ist die Nation kein Fremdwort, kein Projekt der Gegenemanzipation, kein Staubfänger, nicht compact, sondern etwas Bewahrenswertes. Es steht in ihrem Namen, der aussagt: Volk, Republik, Geschichte, Aufklärung. Sie begreifen den Kampf um die Nation als Klassenkampf.

Wie steht es nun also um diejenigen, die sich in der Tradition von Hans Heinz Holz sehen? Der Schluss liegt nahe, ihr Begriff von Klassenkampf sei ein dialektischer. Die Gattung Klassenkampf übergreift spezifische gesellschaftliche Konflikte, d.h. sie hat verschiedene Manifestationen, spiegelt sich in ihnen wider. Klassenkampf und nationaler Kampf sind also nicht identisch, gehören aber untrennbar zusammen, wenn sie als ein Kampf um Emanzipation, als ein Kampf um Anerkennung geführt werden. Hans Heinz Holz schrieb zu dieser Denkfigur der Verbindung von Identität und Nicht-Identität in seiner kleinen Schrift „Widerspiegelung“: „Das Auseinandertreten in zwei, die Entäußerung und Entzweiung muss ausgehalten werden.“ Das ist ganz und gar wörtlich zu nehmen. Wie steht es um die Identität der Freunde Hans Heinz Holz? Es ist eine offene Frage. Sind diejenigen, die diesen Gedanken nicht aushalten, noch bei ihm?

 

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