Über die Oktoberrevolution als Epochen-Zeichen

Posted on 11. Januar 2018 von


von Hans Heinz Holz

Es ist der Bourgeoisie gelungen, eine große Zahl von Kommunisten ihrer Geschichte zu entfremden und damit die historische Identität der Bewegung zu zerstören. (Dass ihr dies gelingen konnte, ist objektiv eine Frage der ideologischen Hegemonie!) Wir sind aber nur Kommunistinnen und Kommunisten, wenn wir uns als Glied und Resultat der Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung verstehen – mit allem Heroismus, allen Leistungen und auch mit allen Fehlern und allem Unrecht, das in einem solchen „Kampf auf Leben und Tod“ (Hegel) begangen worden ist. Der entscheidende Einschnitt in dieser Geschichte ist die Oktoberrevolution, in der die Arbeiterklasse sich gegen eine Welt von Feinden als politisch siegreich erwies und den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft beginnen konnte. Daran ist festzuhalten, auch wenn die ungelösten inneren Widersprüche in der Aufbauphase des Sozialismus und die Macht der äußeren Feinde schließlich das Scheitern dieses Versuchs bewirkten. Die Arbeiterklasse, geführt von der Kommunistischen Partei, hat in diesem Versuch bewiesen, dass sie selbst unter ungünstigsten Bedingungen einen wirklichen Fortschritt erkämpfen kann; und die Verelendung der ehemals sozialistischen Staaten Osteuropas nach der Konterrevolution lässt nachträglich die Größe dieses Fortschritts erst richtig erkennbar werden […]

Halten wir daran fest, dass die Oktoberrevolution kein historischer Fehler war, wenn sie auch unter Bedingungen der Unreife stattfand! Um sich klar zu machen, welche paradigmatische Bedeutung die Oktoberrevolution besitzt, müssen wir einsehen, dass der Kapitalismus im 20. Jahrhundert noch genügend materielle Ressourcen und Entwicklungsmöglichkeiten besaß, um in der Phase der allgemeinen Krise, in die er mit dem Ersten Weltkrieg eingetreten ist, langfristig überleben zu können. Es gibt aber kein „Ende der Geschichte“, wie bürgerliche Geschichtsphilosophen uns einreden wollen. Und weil die Geschichte weitergeht über den gegenwärtigen Stand der universellen Herrschaft des Kapitals hinaus, bleibt unsere Epoche die des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus (mit der Alternative der Barbarei, wie Rosa Luxemburg sagte). Weil aber der Kapitalismus auch heute noch wie 1917/18 stark genug ist, um sich gegen revolutionäre Kräfte – durch ideologische Manipulation und durch repressive Gewalt – zu behaupten, besteht wieder wie 1917 die Möglichkeit, dass die Kette an einem schwachen Glied bricht, das heißt in einem Land mit unreifen Bedingungen, aber offenen, zugespitzten Widersprüchen. […]

Die Krise des Kapitalismus, die aus der zerstörerischen Zuspitzung seiner inneren Widersprüche entspringt, ist ein Jahrhundertphänomen. Sie zeigte sich erstmals in der Totalität des ersten Weltkriegs. In diesem ersten Ausbruch der allgemeinen Krise brach das zaristische Russland, noch auf der Schwelle der Industrialisierung, in dem die Volksmassen noch nicht einmal die bürgerliche Demokratie erkämpft hatten, unter der Wucht der militärischen Niederlage zusammen; die Bourgeoisie, erst relativ schwach entwickelt, konnte dem ungestümen Drängen der Arbeiter- und Bauernmassen keine funktionierende bürgerlich-demokratische Herrschaftsordnung anstelle der zaristischen Diktatur entgegensetzen und wurde weggefegt. Das „schwächste Kettenglied“ des kapitalistischen Weltsystems zersprang. Gerade die Unreife der Bedingungen ermöglichte in diesem Sonderfall die sozialistische Revolution.

Ist in anderen Fällen die Revolution der Höhepunkt oder Abschluss eines revolutionären Prozesses (wie die französische Revolution von 1789 oder die bürgerliche Revolution von 1848), so stand die Oktoberrevolution an dessen Beginn – und zwar sowohl der jungen Sowjetunion als auch am Beginn des weltweiten Prozesses des Übergangs von der kapitalistischen zur sozialistischen Gesellschaft. Sie war ein Signal zum Aufbruch in geschichtliches Neuland, nicht ein Siegel unter schon vollzogene historische Veränderungen. Sie markiert nicht den Sieg des Proletariats, sondern den Anfang eines langen Kampfes um die klassenlose Weltgesellschaft, eines Kampfes gegen einen noch mächtigen, überlegenen Gegner. Mit der Oktoberrevolution begann die Epoche des revolutionären Prozesses, in dem der Kapitalismus überwunden und die wissenschaftlich-technische Revolution in den Dienst der Menschen (statt der Kapitalverwertung) gestellt werden wird. Aufstieg und Fall der Sowjetunion sind eine erste Phase dieser Epoche gewesen. Mit den sich verschärfenden Widersprüchen innerhalb des (scheinbar siegreichen) Kapitalismus sind wir in eine zweite Phase eingetreten. Die Entscheidungsfrage der Epoche bleibt aber dieselbe: Sozialismus oder Barbarei.

Die Oktoberrevolution setzte ein unvergängliches Zeichen: Die Schwachen und Entrechteten, die Ausgebeuteten und Unterdrückten haben die Kraft sich zu erheben. Sie haben die Kraft, ihren eigenen Staat, ihre eigene Gesellschaft aufzubauen und einen mächtigen Feind in die Schranken zu weisen. Es war die Sowjetunion, die den Faschismus zu Fall brachte, sie gab den antikolonialen Befreiungsbewegungen Rückendeckung. Viele soziale Zugeständnisse in den kapitalistischen Ländern wurden mit dem Blick auf eine sozialistische Alternative gemacht. Das „Gespenst des Kommunismus“ jagte den Herrschenden Schrecken ein. […]

Die Oktoberrevolution ist der historische Einschnitt, an dem die gegenwärtige Epoche der Menschheitsgeschichte ihren Anfang nimmt. Seit dem Roten Oktober hat der Kampf um die Ablösung der bürgerlichen Gesellschaft begonnen, denn mit dem ersten Versuch, die Gesellschaftsformation des Sozialismus aufzubauen, hat die logisch „bestimmte Negation“ der Kapitalismus – die Aufhebung der privaten Aneignung des gesellschaftlich erarbeiteten Mehrwerts, also die Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln – eine historisch bestimmte Konkretion erhalten. Dass die Eigentümer und Geschäftsführer des Kapitals dies nicht widerstandslos hinnehmen werden, versteht sich von selbst. Dass sie mit der ungeheuren materiellen Überlegenheit, über die sie verfügten, die Chance hatten, die erste Schlacht zu gewinnen, ist kein Grund zum Defaitismus. Dass vielmehr die ihren Aufbau beginnenden sozialistischen Gesellschaften nicht nur mehr als 70 Jahre widerstehen und dabei zu Weltmachtrang aufsteigen konnten, sondern auch in vielen Bereichen funktionsfähige Modelle einer neuen Form des Gemeinwohls realisieren konnten, ist ein historischer Erfolg, der auch durch den vorläufigen Sieg des Kapitalismus nicht ausgelöscht wird. Da sind Beispiele gesetzt, die im Bewusstsein haften und das politische Handeln der Menschen motivieren können. Der reale Fortschritt in der Geschichte vollzieht sich nicht linear, sondern im Hin und Her von Voranschreiten und Rückschlägen. Aber Geschichte ist auch immer, wie Hegel sagte, ein „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“, denn was die Menschheit einmal erreicht hat, geht nicht mehr vergessen und wirkt im „Reich der Vorstellung“ weiter. So markiert die Oktoberrevolution den Zeitpunkt, von dem an die Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus datiert werden wird.

Doch der Übergang ist in sich selbst noch unentschieden: Er kann gelingen oder scheitern. Ohne Kampf für die neue Gesellschaft kann er nicht gelingen. Denn die Eigentümer der Kapitalien, denen im Fetisch der Kapitalverwertung noch ihr eigener Untergang als Gewinn erscheint, müssen sich der Veränderung der Eigentumsverhältnisse widersetzen. Nur die Klasse, die den Mehrwert nicht aneignet, sondern ihn nur erzeugt, hat kein Interesse an der Fortdauer der Kapitalakkumulation und kann das System ändern, ohne sich selbst zu widersprechen. Die ihre Arbeitskraft verkaufen, woraus andere den Gewinn schöpfen, haben keinen Grund, um den Preis ihres eigenen Untergangs die Interessen der Kapitaleigner zu verteidigen. Sie müssen sich nur ihrer Klassenlage bewusst werden, um ihre Stellung im Grundwiderspruch der Epoche zu verstehen. Die Krise des Kapitalismus ist eine immanente Formbestimmtheit seiner Ökonomie. Die Überwindung der Krise ist eine Klassenfrage. Darum ist der Übergang in unserer Epoche ein Übergang zum Sozialismus oder zu nichts.

Wir haben allen Grund, die Schüsse des Panzerkreuzers „Aurora“, mit denen die Oktoberrevolution begann, nicht zu vergessen. Wie Goethe bei der Kanonade von Valmy (wo französische Revolutionssoldaten die preußisch-österreichische Interventionsarmee in die Flucht schlugen) sagen konnte, hier habe ein neues Zeitalter begonnen, so dürfen wir daran festhalten: Die Kanonensalve der „Aurora“ eröffnete eine neue Epoche. An deren Ende wird die Menschheit sich eine neue Gesellschaftsordnung gegeben oder ihre Menschlichkeit verloren haben. Diese Alternative vor Augen, bleibt die Oktoberrevolution ein Zeichen der Hoffnung und Verpflichtung: Die Internationale erkämpft das Menschenrecht.

Quelle:
Kommunisten Heute. Die Partei und ihre Weltanschauung,
Neue Impulse Verlag, Essen, 1995, Seiten 49f, 97f, 101f

 

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