Nichts ist so praktisch wie eine solide Theorie

Posted on 26. Februar 2018 von


Vorbemerkung der Redaktion: Zum 200. Geburtstag von Karl Marx stellt uns Eike Kopf einen Leitfaden zum Aufschließen des Marxschen Werks aus den Schriften von Marx und Engels selbst zur Verfügung. Der Leitfaden folgt dabei nicht dem Zeitablauf der Entstehung des Werks, sondern dem inneren Zusammenhang: Dialektischer Materialismus – Ökonomie – Klassenkampf – Diktatur des Proletariats – Kommunismus – Theorie und Praxis.

Professor Eike Kopf betreibt seit 1965 Marx-Engels-Forschung, hat auch an den veröffentlichten Bänden II/5, II/8 und II/15 sowie mehreren noch nicht veröffentlichten Bänden der MEGA2 mitgearbeitet und hilft seit 1997 in Beijing bei der Bearbeitung der Zweiten chinesischen Ausgabe der Werke von Marx und Engels in 70 Bänden auf der Grundlage der MEGA2. PappyRossa will im April 2018 sein neues Buch „Ein gelungener Wurf, Studienanregungen zu Marx und Engels herausbringen.

von Eike Kopf

Karl Marx zum 200. Geburtstag am 5. Mai 2018

Das literarische Erbe von Marx ist umfangreich; die 1975 in der UdSSR und DDR begonnene originalsprachige historisch-kritische Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA²) ist – obwohl 1992 redimensioniert – auf 114 Bände berechnet, wovon 65 erschienen sind. Die umfangreichste deutschsprachige Ausgabe Marx/Engels: Werke (MEW) hat 43 Bände erreicht. 2013 wurde wegen seines großen Einflusses das „Manifest der Kommunistischen Partei“ in das UNESCO-Verzeichnis „Memory of the World“ aufgenommen. Es ist verständlich, dass es manchem sich diesem Erbe nähernden – z. B. jungen – Menschen so ergehen kann, wie jemand, der den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht sehen kann. So könnte es nützlich sein, auf einige Erkenntnisse von Marx hinzuweisen und damit eine Art Leitfaden für Diskussionsveranstaltungen anzubieten.

Gesetzmäßigkeit

Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung bezeichnete Marx als „sich durchsetzende Tendenzen“ (MEW, Bd. 23, S. 12), also Vorgänge, die sich nur unter bestimmten inneren, notwendigen und wesentlich gleichen Bedingungen einstellen; die „Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturhistorischen Prozess“, also als einen Vorgang, der eine natürliche und eine gesellschaftliche Komponente enthält. (MEW 23; 16)

Basis und Überbau

„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt … Mit dieser [kapitalistischen – E. K.] Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.“ (MEW 13; 8/9. Vgl. Engels 1894 in MEW 39; 205)

Gesellschaftliches Produkt der Arbeit

Zur Entwicklung der Arbeiterklasse als Gesamtarbeiter: „Das Produkt verwandelt sich überhaupt aus dem unmittelbaren Produkt des individuellen Produzenten in ein gesellschaftliches, in das gemeinsame Produkt eines Gesamtarbeiters, d. h. eines kombinierten Arbeitspersonals, dessen Glieder der Handhabung des Arbeitsgegenstandes näher oder ferner stehen. Mit dem kooperativen Charakter des Arbeitsprozesses selbst erweitert sich daher notwendig der Begriff der produktiven Arbeit und ihres Trägers, des produktiven Arbeiters. Um produktiv zu arbeiten, ist es nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine seiner Unterfunktionen zu vollziehen. Die obige ursprüngliche Bestimmung der produktiven Arbeit, aus der Natur der materiellen Produktion selbst abgeleitet, bleibt immer wahr für den Gesamtarbeiter, als Gesamtheit betrachtet. Aber sie gilt nicht mehr für jedes seiner Glieder, einzeln genommen. Andrerseits aber verengt sich der Begriff der produktiven Arbeit. Die kapitalistische Produktion ist nicht nur Produktion von Ware, sie ist wesentlich Produktion von Mehrwert. Der Arbeiter produziert nicht für sich, sondern für das Kapital. Es genügt daher nicht länger, dass er überhaupt produziert. Er muss Mehrwert produzieren. Nur der Arbeiter ist produktiv, der Mehrwert für den Kapitalisten produziert oder zur Selbstverwertung des Kapitals dient.“ (MEW 23; 531/532)

Organisation der Arbeiterklasse

Eine große Zahl der Arbeiter ist ein „Element des Erfolges … Aber Zahlen fallen nur in die Waagschale, wenn Kombination sie vereinigt und Kenntnis sie leitet.“ (MEW 16; 12) Durch wachsende „Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung“ und vor allem „durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozess selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse“ können die „Expropriateurs … expropriiert“, d. h. die Enteigner enteignet werden. (MEW 23; 790/791)

Staat und Revolution

Die Pariser Kommune von 1871 lehrte: Die Arbeiterklasse hat „lange Kämpfe, eine ganze Reihe geschichtlicher Prozesse durchzumachen …, durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt werden. Sie hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoß der zusammenbrechenden Bourgeoisgesellschaft entwickelt haben.“ (MEW 17; 343)    Vier Jahre später in seiner Kritik des Entwurfs des Gothaer Parteiprogramms formulierte Marx diese Erkenntnis so: „Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andre. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“ (MEW 19; 28)

Theorie und Praxis

Man kann den einzelnen Kapitalisten und Grundeigentümer nicht „verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“ (MEW 23, 16) „Nur soweit der Kapitalist personifiziertes Kapital ist, hat er einen historischen Wert und jenes historische Existenzrecht … Als Fanatiker der Verwertung des Werts zwingt er rücksichtslos die Menschheit zur Produktion um der Produktion willen, daher zu einer Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte und zur Schöpfung von materiellen Produktionsbedingungen, welche allein die reale Basis einer höheren Gesellschaftsform bilden können, deren Grundprinzip die volle und freie Entwicklung jedes Individuums ist.“ (MEW 23; 618) Kurz vor seinem Tode unterstrich Marx dies so: „Ich stelle umgekehrt den Kapitalist als notwendigen Funktionär der kapitalistischen Produktion dar und zeige sehr weitläufig dar, dass er nicht nur ‚abzieht’ oder ‚raubt’, sondern die Produktion des Mehrwerts erzwingt, also das Abzuziehende erst schaffen hilft; ich zeige ferner ausführlich nach, dass, selbst wenn im Warenaustausch nur Äquivalente sich austauschten, der Kapitalist – sobald er dem Arbeiter den wirklichen Wert seiner Arbeitskraft zahlt – mit vollem Recht, d. h. nach dem dieser Produktionsweise entsprechenden Recht, den Mehrwert gewänne. Aber all dies macht den ‚Kapitalgewinn’ nicht zum ‚konstitutiven’ Element des Wertes, sondern beweist nur dass in dem nicht durch die Arbeit des Kapitalisten ‚konstituierten’ Wert ein Stück steckt, das er sich ‚rechtlich’ aneignen kann, d. h. ohne das dem Warenaustausch entsprechende Recht zu verletzen.“ (MEW 19; 359/360) Marx schrieb 1858 an Engels, dass die „eigentliche Aufgabe“, sozusagen die historische „Mission“ der „bürgerlichen Gesellschaft“, die „Herstellung des Weltmarkts“ und „einer auf seiner Basis ruhenden Produktion“ ist. (MEW 29; 360) Im Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums 1700-1910. Bd. 13, S. 208 sowie in The British Library General Catalogue of Printed Books to 1975, vol. 213, S. 371 ist notiert: „Marx (Carl) Zur Kritik der politischen Ökonomie. Hft. 1 pp. VIII.170 Berlin, 1859, 8°. 8206.c.1.“ Damals – z. T. bis heute – wussten die meisten Leser nicht, dass in dieser unscheinbaren Annonce der Publikationsbeginn eines wissenschaftlichen Systems mitgeteilt wurde, welches die Wissenschaft Politische Ökonomie umwälzen sollte und mit den Worten begann: „Ich betrachte das System der bürgerlichen Ökonomie in dieser Reihenfolge: Kapital, Grundeigentum, Lohnarbeit; Staat, auswärtiger Handel, Weltmarkt.“ (MEW 13; 7) Diese Hauptbereiche der bürgerlichen Politischen Ökonomie sollte auch jede fortschrittliche politische Meinungsbildung sachkundig berücksichtigen.  Von diesem großen Plan hat Marx zu dem ersten der sechs inhaltlichen Schwerpunkte sein Werk „Das Kapital“ in drei Büchern herausgegeben bzw. als Manuskripte hinterlassen. Er selbst gab dazu zu Beginn des dritten Bandes folgende Übersicht: „Im ersten Buch wurden die Erscheinungen untersucht, die der kapitalistische Produktionsprozess, für sich genommen, darbietet, als unmittelbarer Produktionsprozess, bei dem noch von allen sekundären Einwirkungen ihm fremder Umstände abgesehn wurde. Aber dieser unmittelbare Produktionsprozess erschöpft nicht den Lebenslauf des Kapitals. Er wird in der wirklichen Welt ergänzt durch den Zirkulationsprozess, und dieser bildete den Gegenstand der Untersuchungen des zweiten Buchs. Hier zeigte sich, namentlich im dritten Abschnitt, bei Betrachtung des Zirkulationsprozesses als der Vermittlung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses, dass der kapitalistische Produktionsprozess, im ganzen betrachtet, Einheit von Produktions- und Zirkulationsprozess ist. Worum es sich in diesem dritten Buch handelt, kann nicht sein, allgemeine Reflexionen über diese Einheit anzustellen. Es gilt vielmehr, die konkreten Formen aufzufinden und darzustellen, welche aus dem Bewegungsprozess des Kapitals, als Ganzes betrachtet, hervorwachsen. In ihrer wirklichen Bewegung treten sich die Kapitale in solchen konkreten Formen gegenüber, für die die Gestalt des Kapitals im unmittelbaren Produktionsprozess, wie seine Gestalt im Zirkulationsprozess, nur als besondere Momente erscheinen. Die Gestaltungen des Kapitals, wie wir sie in diesem Buch entwickeln, nähern sich also schrittweis der Form, worin sie auf der Oberfläche der Gesellschaft, in der Aktion der verschiedenen Kapitale auf einander, der Konkurrenz, und im gewöhnlichen Bewusstsein der Produktionsagenten selbst auftreten.“ (MEW 25; 33) Engels gab im November 1894 im Leipziger „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“ (S. 7208/7209) zur gleichen Problematik folgende Einführung, die hier wegen der schwer zugänglichen Quelle und zum leichteren Verständnis des vorangegangenen Zitats beigefügt wird: „Dieses dritte Buch des Marxschen Hauptwerks bildet den Abschluss des theoretischen Teils. Das erste Buch behandelte den Produktionsprozess, das zweite den Zirkulationsprozess des Kapitals. Nachdem somit die beiden Hauptfunktionen, worin das Kapital sich betätigt, jede einzeln und für sich in ihren Bedingungen, ihrem Verlauf und ihren Resultaten untersucht, geht der Verfasser im dritten Buch über zur Darstellung des Gesamtverlaufs des kapitalistischen Bewegungsprozesses, der beide Phasen, Produktion wie Zirkulation, als seine Momente einschließt. Wenn das erste Buch entwickelte, wie der Mehrwert produziert wird, und das zweite wie er realisiert wird, so weist uns das dritte nach, wie er verteilt wird. Es ist gerade die Spaltung des Mehrwerts in seine einzelnen Unterabteilungen: industrieller Profit, Handelsgewinn, Zins, Grundrente und deren Aneignung durch die verschiedenen Interessenten, worin die Gesamtbewegung des Kapitals augenfällig und als entscheidende Macht an die Oberfläche der Gesellschaft tritt. Die Gesetze dieser Spaltung und Verteilung unter Industrielle, Warenhändler, Geldhändler, Kredithändler, Spekulanten, Grundeigentümer, werden hier vom Verfasser im Einzelnen nachgewiesen, und dadurch die in den früheren Bänden nicht zur Erledigung gekommenen Fragen der Reihe nach beantwortet. Diejenigen Seiten des kapitalistischen Systems, die in den früheren Bänden unberührt blieben oder nur leicht gestreift wurden, unterliegen im dritten Buch einer eingehenden Kritik. Mit derselben Entschiedenheit, wie im ersten Buch gegenüber dem industriellen Kapital, nimmt der Verfasser hier Stellung gegenüber dem Handelskapital, dem zinstragenden und Wucherkapital, den Aktiengesellschaften, der Spekulation und der Börse, dem kleinen und großen Grundeigentum.“ Die bewusste Gestaltung bzw. Neugestaltung der Ökonomie als der Basis einer zukünftigen Gesellschaftsformation setzt also – die Entwicklung seit 1894 mit berücksichtigend – umfangreiche (auch kaufmännische) Sachkenntnis voraus; sie kann nicht mit moralisierenden Protesten oder agitatorischen Sprüchen bewerkstelligt werden. Das wichtigste innere Prinzip einer Gesellschaft, das zu meistern ist, sei also die „Arbeit“, und der „Frieden“ und seine Erhaltung das wichtigste äußere Prinzip. (MEW 17; 7) „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden [kapitalistischen – E. K.] Voraussetzung. Übrigens setzt die Masse von bloßen Arbeitern – massenhafte von Kapital oder von irgendeiner bornierten Befriedigung abgeschnittene Arbeitskraft – und darum auch der nicht mehr temporäre Verlust dieser Arbeit selbst als einer gesicherten Lebensquelle durch die Konkurrenz den Weltmarkt voraus. Das Proletariat kann also nur weltgeschichtlich existieren, wie der Kommunismus, seine Aktion, nur als ‚weltgeschichtliche‘ Existenz überhaupt vorhanden sein kann; weltgeschichtliche Existenz der Individuen, d. h. Existenz der Individuen, die unmittelbar mit der Weltgeschichte [die den Weltmarkt als Basis benötigt – E. K.] verknüpft ist.“ (MEW 3; 35/36) „Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem [am Menschen] demonstriert.“ (MEW 1; 385) Die große Bedeutung dieser Erkenntnis und Forderung spricht für sich.

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Wenn auch sein Deutschlehrer Johann Hugo Wyttenbach am Trierer Gymnasium 1835 urteilte, dass der Abiturient Karl Marx in seinem deutschen Aufsatz zum Thema „Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl eines Berufes“ „in ein übertriebenes Suchen nach einem seltenen, bilderreichen Ausdruck“ verfallen sei und daher die Note „Ziemlich gut […] 2/3“ vergab, so hat Marx doch auf diese Weise gelebt: „Wenn wir den Stand gewählt, in dem wir am meisten für die Menschheit wirken können, dann können uns Lasten nicht niederbeugen, weil sie nur Opfer für alle sind; dann genießen wir keine arme, eingeschränkte, egoistische Freude, sondern unser Glück gehört Millionen, unsere Taten leben still, aber ewig wirkend fort, und unsere Asche wird benetzt von der glühenden Träne edler Menschen.“ (MEGA1 Bd. 1., 1. Halbband. Berlin 1929, S. 167 bzw. MEW 40 [=Erg.-Bd. Schriften bis 1844, Teil I]; 594).

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Im Nachgang zur Lektüre der vorliegenden Übersicht oder Studienanregung könnten interessierte Leser mit drei verschiedenen Farben die Passagen markieren, in denen Aussagen bzw. Erkenntnisse (gesellschafts-)philosophischer, ökonomischer und politischer Art der neuen Weltanschauung enthalten sind.

 

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