Hans Heinz Holz: Die Sinnlichkeit der Vernunft. Letzte Gespräche.

Posted on 9. Oktober 2018 von


Hans Heinz Holz - Sinnlichkeit der Vernunftvon Jürgen Lloyd

Ein Lesebuch der Dialektik. Literaturtipp. [1]

Eine (Auto-)Biographie ist – wenn sie gut ist – dazu geeignet, die Lebenserinnerungen eines Menschen zum Spiegel der historischen Entwicklungen werden zu lassen. In diesem Spiegel erscheint, was die Geschichte der Gesellschaft ausmacht, in welcher jener Mensch gelebt und gewirkt hat. Damit dies gelingen kann, sind zwei Voraussetzungen zu erfüllen: Der Protagonist sollte an den geschichtlichen Entwicklungen wirklich Teil gehabt haben und der Biograph sollte in der Lage sein, die geschichtliche Entwicklung zu verstehen und gedanklich zu erfassen. Hätte unser 2011 verstorbener Genosse, der bedeutende marxistische Philosoph Hans Heinz Holz eine Autobiographie verfasst, so könnten wir sicher sein, dass diese beiden Voraussetzungen zu Genüge erfüllt wären. Leider ist es dazu aber nicht gekommen. Und so haben Arnold Schölzel und Johannes Oehme das Zweitbeste gemacht: Im Frühjahr 2011 sind sie zu Holz in die Schweiz gefahren, haben dort Gespräche mit ihm geführt und Ende letzten Jahres zusammen mit ihren Mitherausgebern Martin Küpper und Vincent Malmede diese Gespräche in einem Band mit dem Titel „Die Sinnlichkeit der Vernunft. Letzte Gespräche“ veröffentlicht. Herausgekommen ist ein gut 300 Seiten starkes Buch zu Geschichte und Dialektik, das mit Gewinn und Freude zu lesen ist.

Angefangen mit dem Hass auf das Naziregime, den er nicht aus politischer Erwägung entwickelte, sondern auf Grundlage eines – aus großbürgerlichem Bewusstsein erwachsenen – Gefühls für Gerechtigkeit, schildert Holz im Gespräch seine Entwicklung zum Antifaschisten. Diese Entwicklung bringt ihn 1943, 16-jährig, wegen illegaler Flugblätter in Gestapo-Haft. Durch einen mitgefangenen jungen Kommunisten kam er dort erstmals mit Marx und Engels in Berührung, erfuhr vom historischen Materialismus. Hier fand Holz eine Erklärung, die ihm endlich auch die Gründe für das Entstehen des verhassten faschistischen Systems verstehen ließen. Nach der Befreiung kam – durch seinen ehemaligen Mitgefangenen vermittelt – der Kontakt zur KPD und zu Emil Carlebach. Emil, der Kommunist, Buchenwald-Häftling und – von der US-Militärbehörde eingesetzter (und bald auch wieder abgesetzter) – Lizenzträger der Frankfurter Rundschau warb Holz dann auch sogleich für journalistische Arbeit bei der Zeitung. Schon alleine die sorgsame Schilderung der ambivalenten Rolle der amerikanischen Besatzungsmacht, bei der Holz in der mittleren und unteren Ebene „eigentlich nur antifaschistische bis kommunistische Amerikaner“ kennenlernte, und die ihm dennoch dann später ebenso wie Carlebach „wegen antiamerikanischer Gesinnung“ die Akkreditierung entzogen, lässt die Leser erkennen, wie sich geschichtliche Entwicklungen (der beginnende Kalte Krieg) in der Biographie eines politisch handelnden Menschen widerspiegeln. Und eine solche Schilderung vermag dabei eine bessere, den Zusammenhang der an sich widersprüchlichen Erscheinungen verständlicher machende Darstellung der Entwicklung zu liefern, als es so manche historische Untersuchung fertigbringt.

Schölzel und Oehme gelingt es mit ihren Fragen, eine Sicht nicht nur auf diesen Teil der Geschichte entstehen zu lassen. Da Hans Heinz ebenso an den Bemühungen der Kommunisten und Sozialdemokraten zur Schaffung einer einheitlichen Arbeiterpartei teilhatte, an der Wiederbelebung einer demokratischen Wissenschaft und Kultur, und an der Frage der deutschen Einheit; da er gleichermaßen am Kampf gegen die Atom-Bewaffnung , dann gegen die Notstandsgesetze und – nicht zuletzt auch in den Auseinandersetzungen um seine Berufung als Professor – am Kampf um die Präsenz marxistischer Wissenschaft in der BRD teilnahm, entwickelt sich mit den Gesprächen ein Lesebuch zur deutschen Geschichte nach 1945.

Hinzu kommen die Begegnungen und Auseinandersetzungen des marxistischen Denkers mit Zeitgenossen und Weggefährten – mit Georg Lukács, Ernst Bloch, Hans Mayer, Bert Brecht, Johannes R. Becher, Wolfgang Abendroth, und vielen anderen. Wo solche Begegnungen in den Gesprächen behandelt werden, ergeben sich Perspektiven, nicht nur auf die Zeitgenossen, sondern auch auf die Zeit, die solche Beziehungen, wie Holz sie schildert, möglich machte.

Und schließlich berühren die Gespräche die Themen, die Holz in seinem Werk beschäftigt haben. Mal erzählt Holz, dass seine erste Vorlesung als Professor für Philosophie in Marburg – zum Entsetzen seiner linken Kollegen, die das nicht verstanden – über Parmenides und die Vorsokratiker handelte und erläutert dabei nebenbei, warum dies für einen historischen Materialisten eine Selbstverständlichkeit sein sollte. An anderer Stelle schildert Holz, dass er sich als junger Student Hegel angeeignet hat, indem er ihn zusammen mit den Hegelkonspekten von Lenin las und diese Herangehensweise – also Hegel aus der Perspektive Lenins zu studieren – später auch seinen Studenten empfahl. Die Begründung für eine solche Empfehlung – und damit ein Gehalt, mit dem sich ein gutes Philosophie-Hauptseminar beschäftigen könnte; oder auch eine gute marxistische Schulungsveranstaltung – entwickelt sich im lockeren Gespräch fast nebenbei. Und der Leser des Buchs kann – als wäre er stiller Zuhörer von Holz, Schölzel und Oehme – daneben sitzen: Die idealistisch auftretende Philosophie Hegels ist Verarbeitung und Beschäftigung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit. In der Philosophie also nach dem zu suchen, was sich – mit Engels gesprochen – vom Kopf auf die Füße stellen lässt, ermöglich einen adäquaten Zugang zur Philosophie Hegels. Und ein solcher Zugang zeigt sich bei Lenin, der mit Hegel, mit der Dialektik seine eigene (revolutionäre) Beschäftigung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit reflektiert hat. Es sprengt nicht nur den gegebenen Platz, alle Themen hier wiederzugeben. Die Art, wie in den Gesprächen durch Holz z.B. Grundlagen einer normativen Ästhetik vorgestellt werden oder wie er zur Diskussion ökologischer Fragen auf das dialektische Verhältnis von Natur und Mensch, der ja selber auch Naturwesen ist, verweist, ist im Buch in einer gut lesbaren und  Vergnügen bereitenden Form aufbereitet. Und diese Form würde bei dem Versuch, sie hier komprimiert wiederzugeben nur unnütz verloren gehen. Also: Selber lesen!

Dass für Holz die Dialektik nicht ein von der Wirklichkeit abgehobener Bereich geistiger Beschäftigung war, sondern er stets und in den verschiedensten Bereichen des Lebens Dialektiker war, wird während der Gespräche immer wieder deutlich. Die Dialektik taucht auf, wenn Holz die bereits erwähnte zwiespältige Rolle der US-Amerikaner als Befreier und Besatzer schildert. Sie taucht auf, wenn er erzählt, dass „unter der demokratischen Oberfläche institutionell der deutsche Imperialismus wiederaufgebaut wurde, und das heißt, damit auch die Keimzellen eines neuen deutschen Faschismus“ (S. 72). Wenn er als Atheist als Position zur Religion einfordert: „Man muss auch die Probleme des Irrationalen in ein System der Rationalität mit aufnehmen. Auch das Irrationale muss als das Andere des Rationalen rational begriffen und nicht einfach abgelehnt werden.“ (S. 243) – dann zeigt sich darin eine dialektische Haltung. Diese bestimmt auch seinen Umgang mit einem Reaktionär wie Nietzsche, den er nicht schlechthin mit diesem Urteil hinreichend behandelt sieht. „Auch bei Nietzsche muss man die Zweideutigkeit sehen, um zu verstehen, warum er so eine Wirkung haben konnte, weil Nietzsche bis heute eine fatal antidemokratische und reaktionäre Wirkung entfaltet. Aber er hat sie, weil bei ihm zugleich die Kritik der bürgerlichen Welt, speziell der bürgerlichen Kultur da ist.“ (S. 50) Diese dialektische Haltung fordert Holz auch in Bezug auf „irrationale Erscheinungen, wie sie beispielsweise in der Zeit der großen Verfolgungen in der Sowjetunion geschehen sind“. (S. 243) Er kritisiert den – statt solcher Haltung vorherrschend praktizierten – Umgang mit diesem Thema und nennt diese (auch von manchen Genossinnen und Genossen betriebene) Art der Beschäftigung treffend „Exorzismus“.

Der Schematismus derjenigen, die sich auf der Seite „der Guten“ wähnen und von dieser Position aus ihre vermeintlichen Wahrheiten verkünden, war mit Hans Heinz Holz nicht zu machen. Weil sich eine dialektische Haltung aber wirksam nur in einer starken, bewusst weltverändernden Praxis befördernden kommunistischen Bewegung entfalten wird, ist unsere Schwäche wohl der Grund, warum Hans Heinz auch sieben Jahre nach seinem Tod in der Zeitung seiner Partei mit einer Besprechung dieses Buchs bedacht wird, die selber eher als Versuch des Exorzismus gegenüber Holz erscheint. [2] Solange der (politisch mal zu rechtem Opportunismus führende, mal in „linkem“ ausschlagende) Schematismus in der Partei nicht erfolgreich bekämpft wird, werden wir auch zukünftig Angriffe und Kampagnen gegen Holz erleben. In den Gesprächen benennt Hans Heinz dies als ideologischen Klassenkampf, der auch in der Partei geführt wird. Und er fügt an: „Das Lustige ist, dass Jahre, nachdem man angegriffen wurde wegen irgendeiner Sache, es sich dann plötzlich herausstellte, die ist dann doch die richtige gewesen (Lachen).“ (S. 59)

Besonders aufgestoßen ist manchen Genossinnen und Genossen in der DKP offensichtlich der Abschnitt der Gespräche, die sich mit der Gründung der DKP beschäftigen. [3] Holz räumt ein, dass er wohl einer Fortführung des Kampfs um Wiederzulassung der illegalisierten KPD den Vorrang vor der Schaffung einer legalen Partei in Form der DKP gegeben hätte. Es wäre schade, wenn es heute immer noch nicht möglich wäre, diese Frage – ohne den Druck der K-Gruppen, gegen deren Verleumdungen man sich damals zwingend wehren musste – abwägend zu diskutieren. War die KPD auch in der Illegalität stark genug, als orientierende und organisierende Kraft auf die opponierende Jugend anziehend zu wirken? Oder war dazu die legale Form mit der DKP besser geeignet? (Mir persönlich scheint vieles für diese zweite Position zu sprechen.) Holz‘ Feststellung, in der DKP seien die neuen Mitglieder „Anpasser geworden und darum auch in der Krise der Neuerer wieder abgesprungen“ (S. 309), scheint mir eine manchen Genossinnen und Genossen nicht gerecht werdende Übertreibung zu sein. Und doch wäre m.E. zu untersuchen, ob auch in der Gründungsgeschichte der DKP Ursachen liegen, die zu ihrer ideologischen Schwäche beigetragen haben, welche sich Ende der 80er Jahre zeigte und ja auch heute – trotz allem – nicht überwunden ist. Über diese Fragen eine begründete Haltung zu erarbeiten, wäre – 50 Jahre nach der Gründung – ein lohnendes Ziel. Stattdessen vorwurfsvoll zu beklagen, von Holz würde „Zweifel an der Berechtigung der Neukonstituierung der DKP im Jahr 1968 geweckt“ (N. Hager), scheint mir jedenfalls keine erfolgversprechende Strategie zu sein, begründetes Selbstbewusstsein einer Kommunistischen Partei zu entwickeln.

Eine gute Biographie – so habe ich eingangs behauptet – vermag die Geschichte der Gesellschaft zu spiegeln, in der jemand gelebt hat. Wenn wir mit Marx und Engels verstehen, dass diese Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen ist, dann haben wir auch eine Erklärung, warum die in diesem Buch wiedergegebenen biographischen Gespräche mit Hans Heinz Holz so fruchtbar sind. Seine unterhaltsame Lektüre regt an, Position zu beziehen in den weiterhin anstehenden (ideologischen) Kämpfen.

 

Quellen und Anmerkungen

[1] Hans Heinz Holz „Die Sinnlichkeit der Vernunft. Letzte Gespräche“ mit Arnold Schölzel und Johannes Oehme, hrsg. von Martin Küpper, Vincent Malmede und Johannes Oehme, Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2017 – Das Buch findet sich bei Erscheinen dieser Ausgabe von T&P nicht im Angebot des UZ-Shops.

[2] Nina Hager „Rückblicke auf ein erfülltes Leben“ in UZ vom 20.07.2018.

[3] Leserbriefe in den auf die Besprechung von N. Hager folgenden UZ-Ausgaben. Weitere Leserbriefe wurden z.T. von der UZ nicht veröffentlicht.

Wir geben an dieser Stelle einen eingereichten Leserbrief von Florian Hainrich wieder, den er mit folgendem Hinweis an die UZ-Redaktion geschickt hat:

Dazu vielleicht noch der Hinweis, dass ich es schon sehr bedenklich finde, wie in der UZ über einen der Großen unserer Partei geschrieben wird. Ich könnte mir schwer vorstellen, dass ein ähnlicher Verriss zu Robert Steigerwald in der UZ abgedruckt würde. Zumindest Patrik nennt die beiden ja in seiner Rede auf dem LLL Wochenende in einer Reihe.Um nicht falsch verstanden zu werden: Kritik ist nicht verwerflich, aber ein Minimum an Qualität sollte sie dann doch haben.

„Rückblicke auf ein Erfülltes Leben“ oder wie Nina Hager versucht, Holz zu diskreditieren.

Erst einmal ist es sehr positiv, dass die UZ das Buch Hans Heinz Holz „Die Sinnlichkeit der Vernunft“ bespricht. Ärgerlich hingegen ist, dass Nina Hager diese Besprechung nutzt, um Fragen, in denen sie mit Holz schon zu seinen Lebzeiten über Kreuz lag, aufzuwärmen und versucht, ihn darüber zu diskreditieren.  Das ist nicht verwunderlich, gehört sie doch zu jenen, die Holz dämonisierten und die zusammen mit der alten Parteiführung alles tat, um Holz‘ Einfluss innerhalb der DKP zu bekämpfen. Natürlich gehören dazu auch die Stalinfrage und die Niederlagenanalyse. Fast schon witzig sind Passagen, in denen sie ihr Unverständnis ausdrückt, warum Holz trotz seiner Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus der DDR daran festhalten konnte, dass ab 1956 eine Stagnation einsetzte. Man möchte einwerfen, er kam vielleicht gerade wegen dieser Zusammenarbeit zu dieser Erkenntnis. Ähnlich unterhaltsam: „Und noch verwunderlicher ist, dass Hans Heinz Holz, der sich sein ganzes Leben gegen Ungerechtigkeiten eingesetzt hatte, ausgerechnet Stalin rechtfertigt – Terror und Unrecht aber nicht bestreitet.“ Ja, Holz war kein Moralist und kritisierte die Übernahme bürgerlicher Moralkategorien, ohne sie mit eigenem Klasseninhalt zu füllen, als Zerstörung der eigenen Vernunft.

Florian Hainrich, Kiel

 

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