Über Breite, Höhe und Tiefe: den historischen Raum erobern!

Posted on 27. Februar 2020 von


von Diether Dehm

Zur Strategie einer populär marxistischen Linken

 

Wer heute die AfD und andere Rechtskräfte in Europa wirkungsvoll bekämpfen will, sollte deren subjektive Faktoren weder sozial noch psychologisch ignorieren. Und ebenfalls nicht: die historischen Prozesse, wie die Klassenkämpfe und die Verhältnisse von Arbeit sowie die Entwicklung von Produktion, die auch individuelle Persönlichkeiten bis ins sogenannte Unterbewusste prägen, befreien oder hemmen. Die Freud-Schule beachtet dies nur unzureichend; hingegen die marxistische Psychologie – etwa Leontjew, Hiebsch, Holzkamp, Sève – umfassend! In jedem Fall: historische Räume, die die Linke anderen fahrlässig (über-)lässt, füllen sich notwendig mit rechter Demagogie. Die zentrale Aufgabe für antifaschistische Kräfte ist es daher, die Hegemonie über den historischen Raum, also zunächst via punktueller Meinungsführerschaft zu erlangen.

 

Wir tun also gut daran, darüber nachzudenken, wie in der Gesellschaft historische Räume für uns entstehen können, die rot besetzt sind. Dabei müssen wir bereits bei der Priorisierung der Themen beginnen. Denn der Kampf um Hegemonie wird nicht in erster Linie ausgetragen als idealistische Besetzung zahlreicher Wunschthemen. Viel wichtiger ist es, bereits die Themen selbst zu konzentrieren. So sind grünkapitale Themen, wie z.B. „CO2-Steuer“, denkbar ungeeignet für eine rote Hegemonie. Eine solche lässt sich nur über die soziale Frage, also rote Themen selbst, herstellen, wie: a) Mobilisierung gegen Alters-Armut und -Diskriminierung b) für 10 Milliarden-Investition p.a. in Public Traffic, sowie c) gegen NATO und Defender. Wir erwähnen hierzu auch die glorreiche KPÖ/Steiermark bei der Mietenfrage.

 

In der Hegemoniefrage ist aus den viel zu kurzen Leben von Lenin und Gramsci grundsätzlich mehr zu erlernen. Was Letzterer in Italien zunächst unter Einbeziehung des gescheiterten „roten Jahres“ 1920 und in seinen Gefängnisheften als materielle Umstände einer nachhaltigen Meinungsführerschaft aufgezeichnet hatte, kumulierte bei Lenin in dessen historischer Rede vom 26. April 1917 vor dem Petersburger Bahnhof, um von dort aus den Massen neue praktisch-intellektuelle Schwungkraft zu verleihen, aus seiner Zeit im Schweizer Exil. Beide beschreiben das, was ich die Dreidimensionalität des historischen Raums nenne: die wissenschaftlich-philosophische Höhe, die sinnlich-ästhetische Tiefe und die Breite der praktischen Bewegung (Bündnis, dialektisch interaktive Verbindung von Kader und Masse, von Schichten und Klassen für einen antiimperialistischen Block). Ohne solcherlei Höhe, Tiefe und Breite wird keine linke Bewegung Hegemonie einnehmen können. Und ohne eigenen historischen Raum ist sie dazu verdammt, sich auf „fremdem“ (um nicht zu sagen: auf grünem) Terrain zu verkämpfen und z.B. über E-Mobilität zu fabulieren oder über Toleranzbegriffe, die von den monopolkapitalistisch kontrollierten Medien suggeriert werden.

 

Meine These vom „historischen Raum“ betrifft besonders die Dialektik vom geistig-Theoretischen und vom praktisch organisierten Kampf. Geistige Entfaltung und praktische Arbeit an der Materie sind zwar niemals identisch, sondern Einheit von Widersprüchen. Aber ohne eine gewisse geistige Emanzipation gelingt keine strategisch-praktische Befreiung. Und: Niederlagen, also praktisches Misslingen, vermögen andersrum, auch den geistigen Fortschritt einer Befreiungstheorie zu verlangsamen.

 

Populäre Breite des historischen Raums

Gramsci reklamiert dieses Aufgabengebiet, indem er das ringende Anknüpfen empfiehlt: an den Alltagsgeschmack, an der Wirkmacht des Trivialen, also an Folklore und Traditionen. Denn eine einzige willkürliche Verletzung und launische Kränkung der ohnehin und historisch Tiefgekränkten kann uns im Nu in die Isolation befördern. Jeder unserer Fehler kann fatale Folgen haben – bis zu unserer organisatorischen Zerschlagung.Weil selbst eine populäre Linke zunächst dem herrschenden, antikommunistischen Populismus unterlegen ist (siehe: meine Bundestagsrede vom 31. Januar 2020[1]) Nur das geduldige und vor allem sensible Ringen um wachsende Breite von praktischen Bündnissen mit Andersdenkenden gegen NATO-Kriege und Sozialabbau schafft die materielle Basis für geistiges Dazulernen.

 

Antiimperialistische Kräfte, die den historischen Raum erobern wollen, finden in der Geschichte vielfältige Hegemoniestudien vornehmen. Z.B die Reformation des 16. Jahrhunderts. Martin Luther (der – bei aller Kritik – mutig vor dem Kaiser stand und der selber Lieder schrieb), hatte zunächst die Bibel aus dem Griechischen übersetzt: „Andare al popolo!“[2](Gramsci). Wir jedenfalls haben den Marxismus noch lange nicht fürs Volk übersetzt. Aus Shitstorm-Angst vor „verkürzter Kapitalismus-Kritik“? Sicher, Wissenschaftsdispute sind reiner und bequemer, bleiben von der ideologisch-populären Zuspitzung verschont. Gleichzeitig aber ist alles Elitär-Jungfräuliche ganz irdisch auch um breite Wirkung und Bewegung gebracht.

 

Nehmen wir also eine andere Hegemoniestudie: Lenin fuhr im April 1917 von der Schweiz nach Petersburg. Mit an Bord im verplombten Eisenbahnabteil waren die kühnsten Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit. Man darf also annehmen, dass sie dort heftig über seine alles entscheidende Rede diskutiert hatten. Kurz darauf, auf dem Panzerwagen vor dem Bahnhof, verkündete Lenin dann die berühmten drei klassischen Forderungen, um der antiimperialistischen Bewegung einen neuen Spin zum Sturz der Kriegsregierung zu geben: „Frieden, Brot, Land für die kleinen Bauern“ – nicht wesentlich mehr. Ein Jahr später hatte die Sowjetunion das fortschrittlichste Frauenrecht aller Staaten, ein Rassismus-Verbot in der Verfassung und ein radikaldemokratisch neues Staatskonzept.[3]

 

Lenin hatte also keinesfalls andere linke Forderungen aus dem Auge verloren, sondern er hatte auf dem Panzerwagen priorisieren müssen. Wer heute von „verbindender Klassenpolitik“ schwadroniert, sollte sich zunächst des eigentlichen Wortsinnes bewusst werden: welche Klassen und Schichten, die zunächst definiert sein wollen, sollen hier eigentlich in Bewegung „verbunden“ werden? Die Bolschewiki verbündeten die zwei Millionen Proletarier (unter den 120 Millionen Einwohnern) mit der größten Klasse Russlands: der werktätigen Bauernschaft. Wer in Deutschland die Arbeiterklasse „verbinden“ möchte, muss dies mit all den Schichten und Klassen unterhalb des Monopolkapitals versuchen. Wer also bessere Renten fordert, Krankenversicherungen etc. sollte auch für die anwachsende Zahl der Soloselbstständigen u.ä. entsprechende Lösungen im Blick haben, damit daraus entsprechend mobilisierbarer Druck von links entsteht.

 

Wer dies will, muss – von den Bolschewiki lernend – priorisieren. In Betracht kommen: der Kampf für den Mietendeckel (der aber seine schärfste Problemlage noch nicht auf dem Land, aber um die größeren Städten herum und in deren Umland aufweist). Dann der Kampf für gerechter erhobene Steuermitteln (hier ist die steuerverkürzende AfD erfolgreich zu treffen!). Und für solidarische Rente und gegen Altersdiskrimierung (Lucien Seve: „Für einen voll erfüllten dritten Lebensabschnitt“); sowie für Erstarkung des öffentlichen Güter- und Personenverkehrs (mit 10 Milliarden p.a. vorzugsweise aus Rüstungsetat und aus Flugbenzin-Besteuerung) für preiswerte Teilhabe, Pünktlichkeit und Klima; und immer wieder gegen NATO-Aufrüstung und Regime-Change-Kriege.

 

Weitere Hegemoniestudien in Sachen „Breite in Bewegung“ finden wir durchaus auch vor der eigenen historischen Haustür: das „Nationalkomitee Freies Deutschland“ von Walter Ulbricht, Erich Weinert, Bertolt Brecht (wovon Wehrmachtssoldaten zum Desertieren bewegt wurden); dann die Bewegung gegen die Notstandsgesetze mit der IG Metall und den entsprechenden Künstlern und Wissenschaftlern; dann Ostermärsche, die Bewegung des „Krefelder Appells“ – gemeinhin Friedensbewegung genannt – gegen die Atomraketen und die NATO.Was wir hierfür brauchen, ist eine neu angelegt großherzige Bündnispolitik mit Gewinnung punktuell Andersdenkender.

 

Es zeigt sich: Linke Moral ist Movens zur Hebung anderer Leuts Besserwerden, aber nicht zur moralischen Überhebung von einem selbst als „Bessermensch“ über andere, angeblich „Bildungsferne“; sei es bei Klima, Gendern oder der Migration. „So übel sie euch auch mitspielen, gebt keinen euresgleichen auf!“[4], ermunterte uns Brecht über die Grenzen von Klassen, Schichten und Sichten. In diesem Sinne muss die Linke populärer und versöhnlicher werden. Aber unversöhnlich bleiben in der Wissenschaft. Fragen stellen, gerade wenn diese mit dem Mainstream kollidieren. Dafür gilt, was Rosa Luxemburg von Ferdinand Lasalle übernommen hat: eine revolutionäre Tat beginnt damit, „das schonungslos auszusprechen, was ist!“ Letztendlich, soweit es geht: auch populär (nicht populistisch), auf Reform orientiert (nicht reformistisch), ja, auch „sexy“ (nicht sexistisch), national (aber nicht nationalistisch!).

 

Auf der Höhe der Zeit

Wenn es auch keine vollkommen unideologische Wissenschaft gibt, so bietet die Wissenschaft doch die nützlichsten Instrumentarien gegen feindliche Ideologien, die in die eigenen Kräfte eingedrungen sind (und darin haben Spindoctors und Thintanks des political correcten Mainstreams eine gewisse Meisterschaft entwickelt).

 

Die Arbeiterklasse muss zur intellektuellen Höhe fremde WissenschaftlerInnen teilweise bestechen, teilweise locken, teilweise aber auch bei ihren eigenen Ergebnissen (be-)greifen, denn sie kann zur Hegemoniegewinnung (im Unterschied zur Bourgeoisie, die vor 1789 ihre Töchter und Söhne an den besten Hochschulen der Welt hatte studieren lassen dürfen) nicht auf eigene, vollkommen autonome Schatzkammern von Wissenschaft und Kunst bauen. Das ihr aufgezwungene Zeit-, Lohn- und Kulturregime ist zu restriktiv, um alle im Proletariat unter Kapitalherrschaft schlummernden intellektuellen Volkskräfte in vollem Umfang zu heben und bereits im Schoß imperialistischer Nationalstaaten zu entfalten. Allein schon deswegen lohnt sich das Ringen um die Mittelschichten und deren Söhne, Töchter, aber auch Großväter – welche Linke nicht vorschnell als „alte, weiße Säcke“ verketzern und weiter kränken sollten – und Großmütter – nicht als „alte Umweltsäue“.

 

Bis hierhin bestünde der historische Raum (den der proletarische Antagon durchdringen muß, um eine antiimperialistische Meinungsführerschaft zu erarbeiten) lediglich aus intellektueller Höhe und populärer Bündnisbreite. Reicht das nicht aus? Der große marxistische Ästhetikforscher Thomas Metscher u.a. werden nicht müde, auf die dritte Dimension zu pochen: die Tiefe!

 

Die Tiefe des Raumes: Alltagsästhetik und Kunst

Früher wurden linke Aufmärsche vorzugsweise von der Polizei zerstreut, heute gibt es dafür eine ganze Zerstreuungsindustrie. Es geht also (auch psychologisch) bei der Dreidimensionalität des historisch hegemonialen Raums um die affektiv-tiefe Verwurzelung, gegen die Verstreuung und Zerstreuung der Werktätigen, um humanistische Bindekräfte mit Musiken, Bildern und Literatur. Also geht es auch um Popularästhetik und Schulung, um die Dialektik aus Tradition und Avantgarde.

Auch hierfür lohnt sich ein Blick in die historischen Erfahrungen. Lenin leuchtet jene Formulierung im Kommunistischen Manifest neu aus, wonach die Arbeiterklasse, zwar abstrakt-inhaltlich, international gegen das weltweite Großkapital kämpft, aber, zunächst im alltäglichen Kampf, also der konkreten Form nach, „national“ bleibt. und zwar „weil jedes Proletariat mit seiner (!) eigenen Bourgeoisie fertig werden muss“. In den „Kritischen Bemerkungen zur nationalen Frage“ schrieb Lenin 1913: „Es gibt zwei Nationen in jeder modernen Nation… Es gibt zwei nationale Kulturen in jeder nationalen Kultur.“

 

Ich würde in Bezug auf Lenins „zweite Kultur“ mehrere „zweite Kulturen“ (städtische, bäuerliche, religiös-klerikale, traditionell-folkloristische, gewerkschaftliche, kleinbürgerliche etc.) setzen, welche die linken Kräfte – ohne jede Überheblichkeit! – entfalten, aber auch zurückdrängen muss. Und zwar priorisierend vernetzt: anstatt „Multikulti“, anstatt also Verschiedenartiges nur additiv und unpriorisiert im bloßen Nebeneinander zu „tolerieren“. Denn die herrschende Kultur ist Ergebnis von straffenden Konzentrationsprozessen, während die beherrschten Kulturen als Ergebnisse der Klassenkämpfe zunächst noch inkonsistent, lose und locker sind. So sind viele Charaktere aus „Dorftheatern“ selten zur Nationalkultur aufgestiegen. Ebensowenig wie unsere Arbeiterlieder. Während Gesänge für bürgerliche Rechte, Freiheiten und Einigkeit ungehemmter zur nationalhegemonialen Verbindlichkeit aufsteigen konnten.

 

Lenin schreibt weiterhin: „In jeder nationalen Kultur gibt es – seien es auch unterentwickelte – Elemente einer demokratischen und sozialistischen Kultur.“ Als Karl Liebknecht populär seine Sicht auf die „nationale Dialektik“ zuspitzte, war dies mit dem Satz: „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“ Dabei fällt auf, dass er vom „eigenen“ Land sprach – ähnlich der nationalen Verfasstheit proletarischen Klassenbewusstseins im „Kommunistischen Manifest“. Damit war und ist nicht das eigene Land der Kapitalisten, sondern – „This Land is my Land“ (Woody Guthrie) – vor allem das eigene Land der von ihm so Angesprochenen gemeint gewesen. Wer heute gegen „Bayer-Monsanto, Blackrock, Rheinmetall und Deutsche Bank“ kämpft, kämpft auch um und für sein eigenes Land, damit diese Hauptfeinde dort ausgeschaltet werden. Und damit die werktätigen Lebensumstände im eigenen Land demokratisierter werden.

 

Damit wird deutlich: die Rechten mit roten Themen zu schlagen, heißt auch, ihnen nicht die Frage der Heimat kampflos zu überlassen. Das hatte schon Ernst Bloch gefordert. Stattdessen muss sie zusammen mit der sozialen Frage definiert werden, so wie es die Linke seit August Bebel und Friedrich Engels schon immer gemacht hat. Auch das ist Teil der zweiten Kultur. Heimat ist wichtig. Sie braucht einen Sozialstaat und sie braucht Frieden und Abrüstung. Dazu gehört auch: Respekt zu haben vor den Menschen, die Heimat mit traditionellen Gefühlen verbinden. Man kann die Folklore in ihren Köpfen gut oder schlecht finden, aber sie ist da. Und wenn die Linke die Hegemonie über die Köpfe erlangen will, muss sie sich mit dem befassen, was die Menschen in ihrem Herzen umtreibt. Als die KPD und andere Linke dies in Weimar verstanden und die Frage der Heimat in Programmatik übernommen hatte, haben die Nazis bei der Novemberwahl 1932 prompt 1,4 Millionen Stimmen verloren.

 

Thomas Metscher führt dazu aus, die zweite Kultur sei, „Teil der Lebenstätigkeiten unterdrückter Klassen. Sie ist Teil ihrer sozialen Praxis… erste Äußerung auch kulturellen Widerstands gegen die Mächte der ersten Kultur …“[5]. Metscher zitiert in diesem Aufsatz Eugene Genoveses Studien zur Sklavenkultur als eine „demonstration of the beauty and power of the human spirit under conditions of extreme oppression.“

Ähnlich hat Peter Weiss in seiner „Ästhetik des Widerstands“ kristallisiert, wie „Hass gegen oben“ zur Selbstbehauptung entfremdeter und ausgebeuteter Werktätiger selbstvergewissernd dazugehört.

Friedrich Engels hat in „Lage der arbeitenden Klassen in England“ beschrieben, wie, „unter den Bedingungen der Verelendung und Ausbeutung, der Arbeiter seine Menschheit nur durch den Hass und die Empörung gegen die Bourgeoisie retten kann; im Protest gegen die Tyrannei der Besitzenden.“[6] Kein einziges Feld sei dem Proletarier überlassen, als „die Opposition gegen seine ganze Lebenslage“. Wohlbemerkt: diese oppositionellen Affekte sind zunächst umkämpft, umfunktionierbar und von rechts umprägbar.

 

Also Vorsicht, wenn sich Regierungs- und Nichtregierungs-Institutionen gelegentlich gefallen mit teuer bedruckten Banderolen: „Gegen Hass und Gewalt!“. Dies kann nämlich, in seiner sozial indifferenten Sanftmut, schnell gegen demokratisierenden (Klassen-)Hass und gegen demokratische Gewalt (wie Streiks, Aufstände, zivilem Ungehorsam etc.) gewendet werden. Warum sollten also nicht auch Gewalt und Hass zivilisationsfördernd sein? Warum dürfen den „kleinen Leuten“ jene Monopolkapitalisten, die auf Krieg, Dürre, Hunger und andere Nöte mit Aktien spekulieren, nicht fremd erscheinen? Bis hin zum Hassen? Und imprägniert nicht gerade kluger Umgang mit Hass – zivilisierend, klassenspezifisch bildend – sozial angelegte Hassaffekte gegen rechts? Und zwar ja gerade, damit diese nicht chauvinistisch okkupiert werden? Ohne ein vernünftiges Feindbild, das auf Chefetagen fokussiert, gedeihen die Sündenböcke und demagogischen Ablenkungsmanöver von rechts!

 

Wo das Herz ist

Damit muss die Hegemoniearbeit an der sinnlichen Tiefe aufgerufen werden, also: linke Kulturarbeit. Diese war in der Siebziger/Achtziger-BRD, sogar, als es da nur die kleine DKP und die Schmidtsche SPD mit Linksablegern gab (mit „UZ-Pressefesten“, „Pläne-Verlag“, „Künstler für den Frieden“, Gegen-BILD-Stellen, IG-Metall-Chören, SPD-Kulturinitiative mit Grass, Böll, Hildebrandt, Mangelsdorff, Dauner, Staeck u.ä.) wirkmächtiger, als heute. ND, jW, Freitag, UZ streiten z.T. mit selbstgemachten Scheuklappen, statt sich wenigstens finanzlogistisch zu vernetzen. Linke missliebige Positionen werden in sozialen Medien härter befehdet, als faschistische. Ähnlich werden auch KEN.FM, russische, palästinensische, kurdische u.ä Portale  im Sinne der “herrschenden Meinung” mit political correcten Vorhaltungen überzogen. Nachdenkseiten, Weltnetz.tv, Rubikon, Eulenspiegel-, Westend- u.ä. Verlage, Ossietzky und Konstantin Weckers Auftritte (und sein `Hinter-den-Schlagzeilen´) können die immer klaffenderen Wissenslücken noch längst nicht ausgleichen. Viele Künstler, besonders jüngere, haben – auch angesichts des geheimdienstlichen Blacklistings bei großen Medien – Angst bei antiimperialistischen Projekten öffentlich gesehen, fotografiert und dann zur Strafe ins Out gelenkt zu werden – und dort ihr Publikum weggenommen zu bekommen. (Über diese modernen Zensurmaßnahmen habe ich gerade bei Eulenspiegel „Meine schönsten Skandale“[7] veröffentlicht).

 

Um aus Obigem zunächst drei von vielen Zuspitzungen vorzunehmen: wir brauchen a) eine „Rentenoffensive“, b) milliardenstarke Aufrüstung der Bahn und c) NATO-Abrüstung. Dafür sollten wir:

  1. Intellekt, neue Fakten und Wissenschaft intensiver bemühen;
  2. Bündnisse um Schichten, Klassen, Gewerkschaften, SOVD, Kirchen, Auszubildenen-Initiativen mit Sozialdemokratinnen, Kommunisten und anderen Linken massiv verbreitern und erweitern;
  3. Unterhaltungs- und andere Künste (weit über wohlfeile Pro-Flüchtlings-, Pro-Klima und Anti-AfD-Bekenntnisse) anstiften.

 

In Kunst, Publizistik und Unterhaltung müssen viel mehr ökonomische Interessen kulinarisch bloßgelegt werden, die hinter allem Politischen stehen, und damit statt grünlichem Moralisieren rote Lebensfreude kultivieren lernen, mit dem antagonial-archimedischen Fixpunkt: die Arbeit mit ihren wachsenden Befreiungspotentialen.

Die Grünen pflegen gegenwärtig eine Inszenierung öder, kosmopolitischer EU-fixierter Konfessionen, die antithetisch an den Resonanzraum der Nationalisten gefesselt ist. Dies zu kopieren würde eine auf werktätige Mehrheiten gestützte und orientierte, linkspopuläre Politik auf den Holzweg ins Nirwana führen. Wir brauchen keine zweite grüne Partei. Vielmehr ist gegen rechts nur erfolgreich, was mit Leonhard Frank „links, wo das Herz ist.“

 

Quellen und Anmerkungen

[1] https://www.bundestag.de/mediathek?videoid=7424781#url=L21lZGlhdGhla292ZXJsYXk/dmlkZW9pZD03NDI0NzgxJnZpZGVvaWQ9NzQyNDc4MQ==&mod=mediathek

[2] Im Deutschen etwa: Geh‘ zu den Leuten!

[3] Dass die SDAPR sich nicht auch gleichzeitig als Kind der französischen Revolution, Aufklärung und Gewaltenteilung verstanden hatte, war nicht zuerst ihrer Entfernung zu Paris geschuldet, sondern vor allem Bürgerkrieg und imperialistischem Würgegriff, den Aufstiegsbedingungen Stalins und Trotzkis.

[4]  Bertolt Brecht, GW Bd. 9, S. 570, Ffm 1969

[5] E. Hahn, Th. Metscher, W. Seppmann (2016): Kritik des gesellschaftlichen Bewusstseins: Über Marxismus und Ideologie. Hamburg, S. 261

[6] MEW, Bd. 2, S. 431

[7] Diether Dehm; Meine schönsten Skandale: Von Ruf- und anderen Morden; Verlag Das Neue Berlin; 1.Auflage 2019