Antwort an Kurt Gossweiler

Posted on 31. Juli 2012 von

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von Sebastian Carlens

Genosse Kurt Gossweiler hat an zwei Punkten meiner Rezension seines Buches „Kapital, Reichswehr und NSDAP“ Kritik geübt, auf beide Aspekte möchte ich kurz eingehen. Im ersten Fall geht das schnell, denn dort besteht m. E. kein inhaltlicher Widerspruch.

Alle faschistische Ideologie habe das Ziel, eine möglichst große Massenbasis, über Klassenschranken hinweg, in den Dienst der herrschenden Klasse zu stellen, schrieb ich – daher sei der Pragmatismus (gemeint im philosophischen, nicht im alltäglichen Wortsinne) ihre letzte und einzige Ideologie. Genosse Gossweilers Kritik an dieser Formulierung ist richtig. Hier bedarf meine Darstellung einer nötigen Ergänzung: Selbstverständlich gibt der Auftrag, den faschistische Kräfte durch die herrschende Klasse erhalten – Antikommunismus und Unterdrückung nach innen, Chauvinismus, Nationalismus und Hegemonialbestrebungen nach außen – den Rahmen eines faschistischen Programms vor. Doch innerhalb des gegebenen Rahmens, und das war in meiner Rezension der entscheidende Aspekt, besteht geradezu der Zwang zur ideologischen Flexibilität. Denn Einbrüche in Arbeiterklasse und Kleinbürgertum sind nur möglich, wenn deren objektive soziale Interessen demagogisch aufgegriffen, phraseologisch integriert und pseudorevolutionär verbrämt werden. Wie das „sozialistisch“ und die „Arbeiter“ im Parteinamen der NSDAP Ausdruck dieser nötigen ideologischen Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit waren, ist es auch das „demokratisch“ im Namen der NPD.

Dem zweiten Kritikpunkt des Genossen Gossweiler an meiner Formulierung zur Notwendigkeit einer faschistischen Massenbewegung liegen womöglich unterschiedliche Einschätzungen zugrunde. Ohne eine Mobilisierung „der Straße“ – mit paramilitärischen wie zivilen Verbänden, durch „plebiszitäre“ Elemente und Mobilisierung von kriminellen und gewalttätigen Subjekten – werden auch zukünftige faschistische Bewegungen (in den imperialistischen Metropolen und höchstentwickelten kapitalistischen Ländern!) vermutlich keine Aussichten auf eine Übertragung der Macht erhalten. Diese Feststellung lässt sich m. E. nicht für sämtliche abhängigen Länder generalisieren, denn faschistische Regimes der Peripherie sind dem Charakter nach abgeleitete Faschismen. Sie wären nicht denkbar ohne imperialistischen Hegemon (der selbst nicht faschistisch sein muss, das Verhältnis südamerikanischer Militärcliquen zu den USA zeigt dies). Doch uns interessieren die imperialistischen faschistischen Systeme. Ihre historischen Vorläufer zogen in der Weimarer Republik genau diese Konsequenz aus den gescheiterten Versuchen, mit tradierten militaristisch-deutschnationalen Programmen eine Mehrheit gegen die Republik zu gewinnen. Gerade der misslungene Kapp-Putsch (der allerdings nicht in erster Linie daran scheiterte, sondern an einer – noch – zu guten Teilen revolutionären Arbeiterschaft) illustriert die Gründe: alleine auf Bajonette und Massenmedien gestützt lassen sich vielleicht Länder ohne ausdifferenzierte Klassenlage, ohne Arbeiteraristokratie und abstiegsbedrohtes Kleinbürgertum erobern und regieren, nicht imperialistische Metropolen, in denen die Bourgeoisie über große Erfahrung und vielfältige Mittel im Spalten ihrer Gegner verfügt.

Nicht die historischen Erscheinungsformen einer SA oder einer NSDAP werden sich wiederholen – diese waren selbst nur Ausdruck einer – damals erfolgversprechenden – Anpassung an verbreitete Symbole, Stilmittel und Ausdrucksformen verschiedener gesellschaftlicher Kräfte, solcher der Arbeiterbewegung oder der bündischen Jugend beispielsweise. Es ist der militante Massencharakter faschistischer Bewegungen, verbunden mit einem demagogischen Aufgreifen der „brennensten Nöte und Bedürfnisse“ der Massen (Dimitroff), der in einer zeitgemäßen Form wiederbelebt werden könnte. Die Formen kennen wir noch nicht, doch auch hier wird eine Auslese durch „Versuch und Irrtum“ die am ehesten geeigneten aussortieren. Die Potentiale eines Fußballchauvinismus, einer rechtspopulistischen Anti-Euro-Partei oder einer antiislamischen Massenbewegung lassen sich bereits erahnen, aber noch lange nicht in allen Konsequenzen absehen.

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