Gramsci – nicht als Kronzeuge geeignet

Posted on 31. Juli 2012 von

0


von Daniel Bratanovic

Antonio Gramscis 75. Todestag und die vor diesem Hintergrund herausgegebene Broschüre der DKP Südbayern mit Beiträgen von Leo Mayer und Hans Heinz Holz stellen den Anlass für eine erneute Auseinandersetzung innerhalb der Gesamtpartei dar. Dabei erweist sich, dass die Debatte um den italienischen Kommunisten lediglich eine neue Folie abgibt für eine Diskussion, die spätestens mit der Veröffentlichung der Politischen Thesen anhob. Dass dieser Streit nun ausgerechnet entlang der Bewertung des Werks von Gramsci verläuft, dürfte kein Zufall sein. Felix Klopotek hat in der Zeitschrift konkret eine provokante Behauptung ausgesprochen. Er schreibt dort, dass „etliche deutsche Marxisten, die plötzlich auf Gramsci schworen, (…) schon bald keine mehr“ waren. „Gramscis Schriften bargen kein Erfolgsrezept, sondern erwiesen sich als Aussteigerprogramm.“ (1)

Nüchtern betrachtet, dürfte diese Aussage überspitzt sein und ist als Vorwurf gegen Leo Mayer sicherlich von zu großem Kaliber. Und doch ist darin ein wahrer Kern enthalten. Spätestens seit den Siebzigern musste Gramsci für allerlei postmoderne Ideologeme herhalten, die von jedweden klassenmäßigen Bezügen des Originals bereinigt waren. In der Regel interessierte man sich dort weder für ökonomische Verhältnisse noch für den Aufbau einer wirklichen Gegenhegemonie. Die Hegemoniefrage verkam zur Legitimationslehre der eigenen Tätigkeit auf kultureller Ebene.

Den Leninisten Gramsci im Gesamtkontext sehen

Anlage und Verfasstheit von Gramscis theoretischer Hinterlassenschaft machen eine solche Verfahrensweise allerdings auch vergleichsweise leicht. Der Sarde hat kein systematisches Gesamtwerk hinterlassen. Die Gefängnishefte (Quaderni del carcere) präsentieren sich als ein schillerndes, facettenreiches Kaleidoskop – Gramsci war sich der Unabgeschlossenheit und Vorläufigkeit seiner Ausführungen bewusst. Einem Steinbruch gleich können und werden einzelne Versatzstücke aus den Quaderni herausgelöst, um den je eigenen Standpunkt zu untermauern. Vergessen wird dabei zumeist eine Einschätzung und Bewertung im Gesamtkontext. Gramsci war Leninist und ein hervorragender und origineller Denker der III. Internationale. Dass ihn dabei auch die Frage nach Rolle und Charakter der Kommunistischen Partei umtrieb, ist über jeden Zweifel erhaben. Ja, mehr als das: „Die Parteikonzeption ist das Zentrum, auf das hin alle Aufzeichnungen der Kerkerhefte ponderieren: Philosophie und Staatstheorie, Kulturtheorie und Theorie des Intellektuellen“ vermerkt Hans Heinz Holz (2).

Bereits vor seiner Inhaftierung hatte sich Gramsci zu den Fragen der Partei ausführliche Gedanken gemacht und vermochte zudem Klartext zu sprechen – der Zwang, sich einer Sklavensprache zu bedienen, bestand hier noch nicht. Auf entscheidende Passagen aus dieser Zeit verweist der Landsmann und Philosophielehrer Alberto Burgio. Burgio hebt hervor, dass das Bewusstsein und die Organisationsstruktur nach Gramsci einen „untrennbaren Begriffszusammenhang“ (3) bilden. „Das Thema der Massenerziehung und der pädagogischen Funktion der Partei ist das signifikativ oft wiederkehrende Thema“ (4). Gramsci im Originalton: „‚etwas aus dem Proletarier zu machen, wo er vorher ein Nichts war, und ihm ein bewusstes Wissen nahezubringen‘: dies ist kurz gefasst, die ‚Mission‘ der Arbeiterpartei, ‚jenes Teils des Proletariats, der sich die Theorie angeeignet hat und sie nun weitergibt'“. (3)

Dieser Argumentationsansatz wird nun in den Quaderni keineswegs unterbrochen; er äußert sich nur anders. Das wird in der Rezeption und Bewertung des großen neuzeitlichen Denkers Niccolò Machiavelli und besonders von dessen maßgeblicher Schrift Der Fürst deutlich. Bemerkenswert ist zunächst, dass Gramsci den Unterschied Machiavellis zu seinen Zeitgenossen hervorhebt: „Machiavellis Stil ist nicht der eines systematischen Traktatenschreibers, wie ihn sowohl das Mittelalter als auch der Humanismus hatten, ganz im Gegenteil: es ist der Stil eines Mannes der Tat, eines Mannes, der zur Tat anspornen möchte, es ist der Stil eines Partei-‚Manifests‘.“ (5)

Gramsci betreibt nun seinerseits keine scholastische Machiavelli-Interpretation. Ausgehend von der Annahme einer Linie, die vom Fiorentiner beginnend über die Jakobiner bis in seine Gegenwart hinüberragt, interessiert ihn die Frage, wie ein „moderner Fürst“ beschaffen sein müsste: „Der moderne Fürst (…) kann keine wirkliche Person, kein konkretes Individuum sein, er kann nur ein Organismus sein; ein komplexes Gesellschaftselement, in welchem der Kollektivwille schon konkret zu werden beginnt, der anerkannt ist und sich in der Aktion teilweise behauptet hat. Dieser Organismus ist durch die geschichtliche Entwicklung bereits gegeben und ist die politische Partei, die erste Zelle, in welcher Keime von Kollektivwillen zusammengefasst werden, die dahin tendieren, universal und total zu werden.“ (6).

Exzeptionelle Bedeutung der Partei

„Der moderne Fürst muss und kann nichts anderes als der Verkünder und Organisator einer intellektuellen und moralischen Reform sein, was schließlich bedeutet, das Terrain für eine Weiterentwicklung des popularen nationalen Kollektivwillens zu bereiten, um zu einer höheren und totalen Form moderner Zivilisation zu kommen“ (7). Für diese Stelle dürfte die Vermutung naheliegend sein, dass Gramsci nur zurückhaltend formulieren darf, was er eigentlich meint: Die Herankunft und die Durchführung der Revolution. Zweierlei scheint hier im besonderen Maße hervor. Die exzeptionelle Bedeutung, die der Partei zukommt, und die damit untrennbar verknüpfte Herausbildung eines einheitlichen Willens, einer volonté generale, als unabdingbarer Basis einer jeden Revolution. Die Partei fungiert in vorrevolutionären Zeiten, in Gramscis Terminologie: im Stellungskrieg, als Vermittler kollektiver Bewusstseinsinhalte und -formen der Massen. „Die Partei als Subjekt gesellschaftlichen Handelns wird zum Medium der Aufklärung.“ (8).

Ein solches Verständnis von Partei und Klassenbewusstsein bzw. einheitlichem Willen ist indessen doch deutlich verschieden von dem, was Leo Mayer in seinem Beitrag kundtut. Nämlich dann, wenn er sagt, dass für den Kommunismus im Westen ein Paradigmenwechsel vollzogen worden sei, indem Gramsci wieder an Marx anschließe und damit der Eindruck erweckt wird, es bedürfe nicht mehr der Vermittlung Lenins beziehungsweise der besonderen Rolle einer Kommunistischen Partei. Wenn er schreibt, dass es die Funktion der Partei sei, lediglich zur Organisierung und Systematisierung eines in den Massen bereits vorhandenen Wissens beizutragen, ohne zu erklären, woher dieses Wissen denn kommen soll. Wenn er ausführt, dass mit den organischen Intellektuellen der Arbeiterklasse bei Gramsci noch die Kommunistische Partei gemeint gewesen sei, heute aber eher von einem Netzwerk von Parteien und Bewegungen auszugehen sei, in dem die Kommunistische Partei immerhin noch eine wichtige Rolle spielen müsse. Was letzteres angeht, so wird im Übrigen völlig übersehen, dass ein solches Konglomerat diverser Gruppierungen, auch wenn ihnen ein diffuses Unbehagen mit dem Bestehenden gemein sein sollte, nur die Widerspiegelung verschiedener Partikularinteressen darstellt, die auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaftsordnung unvermeidlich und beständig erwachsen und damit der Herausbildung eines einheitlichen und universalen Kollektivwillens gegenüberstehen.

Man muss nicht die Überzeugung von der Besonderheit und der unhintergehbaren Notwendigkeit einer Kommunistischen Partei für die heutige Zeit teilen. Auf Gramsci sollte man sich dann aber redlicherweise nicht berufen.

Quellen und Anmerkungen:

(1) Felix Klopotek: Aussteigerprogramm, in: konkret 5/2012, S. 41

(2) Hans Heinz Holz: Gramsci und Togliatti, in: ders.: Theorie als materielle Gewalt, S. 127

(3) Alberto Burgio: Gramsci und die theoretische und politische Frage des Klassenbewusstseins; in:
Hans Heinz Holz, Giuseppe Prestipino: Antonio Gramsci heute. Aktuelle Fragen seiner Philosophie, S. 36

(4) a.a.O., S. 37

(5) Antonio Gramsci: Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe in zehn Bänden, S. 1575

(6) S. 1537

(7) S. 1539 f.

(8) Hans Heinz Holz: Das historische Subjekt und der kollektive Wille, a.a.O, S. 102

Advertisements