Zum Brief des Gen. Steigerwald in der UZ vom 07. 10. 2011*

Posted on 9. Januar 2012 von

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von Inge Humburg 

Lieber Genosse Steigerwald,

Dein Beitrag bedarf an vielen Stellen der Diskussion und Kritik, hier in einem Leserbrief nur eine Richtigstellung zu einem Punkt: Du schreibst – ihr, die Programmersteller von 1978, habt ganz viele Forderungen aufgenommen, die bereits vor der sozialistischen Revolution „in Angriff genommen und gelöst werden könnten“. Für diese Herangehensweise berufst Du Dich auf die, wie Du sagst, „wichtigste strategische Orientierung des Marxismus“ aus dem Kommunistischen Manifest, die Du wie folgt wiedergibst: „Die Kommunisten kämpfen für Maßregeln, die obgleich unzureichend, im Verlaufe ihrer Verwirklichung über sich selbst hinaustreiben.“

Das Zitat aus dem Manifest im Kapitel II „Proletarier und Kommunisten“ lautet richtig und im Zusammenhang: „Der nächste Zweck der Kommunisten ist: „Bildung des Proletariats zur Klasse, Sturz der Bourgeoisieherrschaft, Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat.“ Wenige Seiten später heißt es dann darauf Bezug nehmend: „Wir sahen schon oben, dass der erste Schritt in der Arbeiterevolution die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse, die Erkämpfung der Demokratie ist. Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen…. Es kann dies natürlich zunächst nur geschehen vermittelst despotischer Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse, durch Maßregeln also, die ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im Lauf der Bewegung über sich selbst hinaustreiben und als Mittel zur Umwälzung der ganzen Produktionsweise unvermeidlich sind.“

Zusammengefasst lautet die strategische Orientierung im Manifest also anders als bei Dir: Erst Bildung des Proletariats zur Klasse oder anders gesagt, die Entwicklung von der „Klasse an sich“ „zur Klasse für sich“; dann Eroberung der politischen Macht. Das wiederum ist die Voraussetzung für die Umwälzung der ganzen Produktionsweise, beginnend mit Maßnahmen, die ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen, aber notwendig, weil vorwärtstreibend sind.

Mit diesen Zitaten ist in der Sache natürlich nichts entschieden. Sie machen nur klar, dass Du Dich für Deine Position nicht auf das Kommunistische Manifest berufen kannst.

*Dieser Leserbrief wurde von der UZ nicht abgedruckt.

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