Holz: Revolutionäre Dimension – Wissenschaft und Weltgeschichte

Posted on 1. August 2013 von

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bilvon Hans Heinz Holz

Karl Marx (* 5. Mai 1818 in Trier; † 14. März 1883 in London) leitete eine neue Periode der Wissenschaftsgeschichte ein. Es ist nicht der Enthusiasmus eines Aficionado, nicht die Verehrung eines Sektierers, solches zu behaupten. Wir können die Entwicklung der Wissenschaften in Europa grob in drei Stufen einteilen: Die erste Stufe wurde betreten von Thales, der für Naturvorgänge nach innerweltlichen natürlichen Ursachen suchte, statt Götter, fremde Mächte oder Zauberei als Urheber zu betrachten. Auf der zweiten Stufe begriff Galilei die Naturvorgänge als gesetzlich und begann, das Verhältnis von Ursachen und Wirkungen durch Meßgrößen auszudrücken, also die Naturwissenschaften zu mathematisieren und damit zur Grundlage methodischen technischen Erfindens zu machen. Menschliches Handeln dagegen und der Verlauf der Geschichte wurden weiterhin aus subjektiven Willensentscheiden, Persönlichkeitsleistungen (und ihnen zugrundeliegenden Charakteren) und Zufällen erklärt; das heißt, sie blieben wissenschaftlicher Erforschung, die das Allgemeine im Einzelnen entdeckt, weithin entzogen.

Marx war es nun, der im Begründungszusammenhang von Bedürfnissen, Produktivkräften, Produktionsmitteln, Produktionsverhältnissen und ihrer wechselseitigen dialektischen Rückkoppelung das Strukturgesetz geschichtlich-gesellschaftlichen Handelns fand und also – wie Engels präzise sagte »in letzter Instanz« – die Wirtschaft und ihre Organisationsform als die tragende Bedingung der jeweils besonderen Gestalt historischer menschlicher Daseinsverwirklichung erkannte. Er konnte so die Geschichte nach der Abfolge von Gesellschaftsformationen gliedern und eine wissenschaftliche Methode für die Zielsetzungen politischen Handelns vorschlagen.

Thales, Galilei, Marx stehen selbstverständlich symbolisch für kollektive Prozesse der Wissenschaftsentwicklung. Die drei Stufen könnte man als die von Naturkunde, Natur- und Technikwissenschaft und Geschichts- und Gesellschaftswissenschaft bezeichnen. Auf jeder folgenden Stufe sind Erkenntnisse und Methoden der vorhergehenden aufgehoben und fortgebildet worden.

Kritik politischer Ökonomie

Die Wissenschaftsdisziplin, der Marx Profil gab, ist die Kritik der politischen Ökonomie. Ich betone, daß mit »Kritik« nicht ein von außen kommendes Verhältnis zu den Inhalten der politischen Ökonomie gemeint ist, wie wenn wir zum Beispiel von der Kritik einer Theateraufführung sprechen. In Übereinstimmung mit Marx ist an dem alten Kantschen Gebrauch des Terminus festzuhalten, demgemäß Kritik die Erklärung aus Gründen dafür sei, daß und wie etwas möglich ist und auf Zusammenhänge von Gründen geht. Kritik ist also die Bezeichnung für die Reflexion von Wissenschaft in bezug auf ihr methodisches Zustandekommen, ihre Inhalte und ihre Funktion.

Politische Ökonomie gab es schon vor Marx – etwa bei Smith und Ricardo – und Marx knüpfte an sie ausdrücklich an. Aber er zeigte die Mängel ihrer Kategorien, analysierte die empirischen Sachverhalte und entlarvte die ideologische Funktion der bürgerlichen Nationalökonomie. Indem er im Kapitalverhältnis die Triebkräfte der ökonomischen Bewegung freilegte – z. B. Mehrwert und Profit, Akkumulation des Kapitals, Konkurrenz im Weltmarktmaßstab –, entwarf er ein Erklärungsmuster für die politischen, ökonomischen und kulturellen Prozesse, das die einzelnen Sachverhalte aus einem Ganzen (dem »Gesamtzusammenhang«, wie Engels sagte) ableitet.

Zusammenhänge von Gründen sind systemförmig, das liegt im Begriff des Zusammenhangs. Natürlich kann nach Kant und Marx die Systemförmigkeit wissenschaftlichen Wissens nicht mehr als geschlossen, sich gegen das Neue im Prozeß der geschichtlichen Wirklichkeit von Natur und Gesellschaft abschließend, verstanden werden. Auch Hegel wäre falsch interpretiert, wollte man ihn so verstehen. Vielmehr ist es gerade die Aufgabe und Leistung einer materialistischen Dialektik, die wissenschaftliche Abbildung der Wirklichkeit als offenes System zu konstruieren. Was anders als ein offenes System ist denn die »kritische Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der wirklichen gesellschaftlichen Bewegung« (Marx)?

Eine, wenn auch nie mit dem Anspruch auf Endgültigkeit oder gar Vollständigkeit auftretende Systematik als Darstellungsform des Gesamtzusammenhangs ist eine unerläßliche Bedingung für die Orientierung in der Welt und damit für eine theoriegeleitete Praxis. In diesem Sinne ist die Charakterisierung der Marxschen Theorie als »kritische Wissenschaft« zu ergänzen um ihren zweiten Aspekt, nämlich den Grundriß einer »wissenschaftlichen Weltanschauung« zu entwerfen. Das Gemeinsame beider Aspekte ist die Insistenz auf der Wissenschaftlichkeit. Kritische Wissenschaft unterwirft sich der Kontrolle durch die Empirie, wissenschaftliche Weltanschauung aber überschreitet notwendigerweise die Empirie mit dem Blick auf die Totalität, die ja immer umfangreicher ist als jedes endliche Erfahrungswissen. Es gibt keine begründete Systematik des Empirischen ohne transempirische Horizonte, innerhalb derer die Erfahrung ihren Ort findet.

Die Frage ist, wie dieser spekulative Horizont in einer materialistischen Philosophie einzuholen ist, ohne daß diese sich wieder in Idealismus verwandelt. Auszugehen ist von der Nichtidentität von Wirklichkeit und Begriff, auf die Marx hingewiesen hat. Der Begriff unterscheidet sich in zweifacher Weise von der Wirklichkeit: Erstens ist er immer weniger als die Wirklichkeit, nämlich nur deren Repräsentation (Ausdruck, Widerspiegelung) – und diese Differenz muß festgehalten werden, sonst kommen wir wieder zum Idealismus, der Wirklichkeit und Begriff gleichsetzt. Zweitens aber ist der Begriff immer mehr als die einzelne von ihm (als bestimmtem Begriff) gemeinte Wirklichkeit, insofern der vollständige Begriff einer Sache nicht nur deren empirisches Sosein, sondern alle sie bedingenden und bestimmenden Momente (und also auch alle Beziehungen, in die sie eingeht) enthält und folglich die ganze Welt in einer bestimmten Perspektive ausdrückt. Beides – die intensionale Vollständigkeit des Begriffs und seine Virtualität gegenüber der reellen Sache selbst – muß in eine materialistische Theorie des Gesamtzusammenhangs eingehen. Und eine solche Theorie muß damit zugleich ihren eigenen Status als begriffliche Theorie – das heißt ihren Widerspiegelungscharakter – bestimmen.

Marx contra Positivismus

Demgegenüber war die Herausbildung des modernen Wissenschaftsbegriffs (der heute allerdings wieder fragwürdig zu werden beginnt) im 18. und 19. Jahrhundert ein kontinuierlicher Prozeß der Lösung der Erfahrungswissenschaften aus dem Zusammenhang einer universellen Philosophie als Wissenschaft vom Ganzen. Wobei dann die Philosophie selbst zu einer einzelwissenschaftichen Spezial­diszipin (z.B. Logik, Wissenschaftstheorie, Handlungstheorie usw.) wurde und ihrerseits in einzelwissenschaftliche Spezialdisziplinen zerfiel. Dagegen muß die Idee einer Enzyklopädie der Wissenschaften, wie sie von Leibniz bis Hegel das philosophische Programm des Wissenschaftsverständnisses der Aufklärung ausmachte, als kontradiktorisch zu dem im 19. Jahrhundert dominant werdenden Wissenschaftsverständnis angesehen werden: Induktion contra Spekulation, Experiment contra Konstruktion. Verbannung der Metaphysik aus dem Corpus der Wissenschaften. Während Johannes von Müller, der zu den Begründern der empirischen Wissenschaften gehört, 1826 in seiner Antrittsvorlesung noch »das Bedürfnis der Physiologie nach einer philosophischen Naturbetrachtung« begründete, haben seine Schüler Rudolf Virchow und Emil Dubois-Reymond der Philosophie als bloßer Gedankendichtung den Abschied gegeben.

Damals vollzog sich ein Bruch im Wissenschaftsverständnis. Die Wissenschaften galten nicht länger mehr als ein Teil einer universellen Abbildung oder Modellierung von Welt im Ganzen, als Darstellung von Momenten eines Gesamtzusammenhangs, sondern als Komplexe von Theorien über Subsysteme einer im Ganzen unerkennbaren Welt. Und daß es Methoden des Übergangs von auf Erfahrungswissen gegründeten, experimentell überprüfbaren Theorien zu einer Auffassung vom Ganzen geben könne, wurde schlechtweg bestritten oder doch ausgeblendet. Neben den Gegenständen der Einzelwissenschaften und dem Typus ihrer Methoden sollte kein eigener Gegenstandsbereich der Philosophie und kein eigener Typus ihrer Methoden zugelassen sein – es sei denn im Rahmen einer neukantianischen Trennung von naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Begriffsbildung, die auf die Konzeption der Einheit der Wissenschaften in einer enzyklopädischen philosophischen Weltanschauung verzichtet.

In der Abwendung der Wissenschaften von einem philosophischen Begriff des Ganzen wurde dem Irrationalismus beliebiger Weltanschauungserdichtungen Tür und Tor geöffnet. Es manifestiert sich darin das weltanschauliche Versagen (oder, wenn man dies lieber will: die weltanschauliche Abstinenz) der bürgerlichen Klasse, die Einheit, Totalität und Entwicklungsperspektive der Welt (ihrer Welt!) nicht mehr zu denken vermag.

Eine wissenschaftliche Philosophie darf die Welttotalität nicht als Phantasieprodukt ausdenken, sondern ist gebunden an die Anerkennung der grundlegenden Erkenntnisfunktion der Wissenschaften von Natur und Gesellschaft. Jedoch unterscheidet sich Philosophie – das heißt die Dialektik als »die Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs« (Engels) – spezifisch von den Einzelwissenschaften, weil der Gesamtzusammenhang nicht als empirisches Datum vorkommt und eine Theorie des Gesamtzusammenhangs nicht experimentell überprüfbar ist, sondern ihren eigenen »Rationalitätstypus« (Jindrich Zeleny) besitzt. Da die Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs immer die Wissenschaft vom Einzelnen voraussetzt, ist Philosophie den Einzelwissenschaften nicht vorgeordnet, sondern dialektisch zugeordnet.

Wissenschaftliche Weltanschauung

Der von Engels erkenntnisleitend in die sozialistische Theorie eingeführte Begriff der wissenschaftlichen Weltanschauung hat Marx’ Zustimmung gefunden (und damit deckt sich übrigens das Philosophieverständnis von Antonio Gramsci, der in der weltanschaulichen Dominanz von Werten, Verhaltensweisen, Sinndeutungen, Zukunftserwartungen die Hegemonie einer Klasse ausgedrückt sah). Wissenschaftliche Weltanschauung heißt Integration aller handlungsorientierenden Vorstellungen in eine Idee von Welt, die an Erkenntnis und Verfahrensweisen der Wissenschaft beim Entwurf eines Gesamtzusammenhangs gebunden ist. Dazu gehört der Ausschluß irrationaler Begründungen und die Reflexion des eigenen Standorts im Beziehungsnetz menschlichen Zusammen- und Gegeneinanderwirkens. Dazu gehört die Fixierung auf ein Handlungsziel, dessen Inhalte die weitere Entfaltung der historisch gegebenen Möglichkeiten humanen Daseins und mithin Fortschritt bedeuten. In diesem Sinne liegt die geschichtliche Wahrheit in der Annäherung an ein anzustrebendes Ideal von Menschlichkeit, das Marx das »Reich der Freiheit« nennt. Der gesellschaftlich-politische Prozeß wird von jenen getragen, die sich zu seiner Gestaltung organisieren und nicht durch Sonderinteressen abgelenkt sind. Das sind, wie im »Kommunistischen Manifest« dargestellt, die Kommunisten als bewußtester Teil der Arbeiterklasse. Sie sind die Partei des historischen Fortschritts, das heißt der historischen Wahrheit – und darum ist es legitim, von der Parteilichkeit der Wahrheit zu sprechen.

Diese Wendung, das handelnde Gattungssubjekt, die kämpfende Klasse, als Faktor in die Wissenschaftslogik der Gesellschaftswissenschaften einzubeziehen, bestätigt die These, mit Marx beginne eine neue Periode der Wissenschaftsgeschichte. Das neuzeitliche Wissenschaftsideal seit Galilei und Newton war definiert durch die strikte Trennung von Objekt und Beobachter. Objektivität hieß Darstellung eines Sachverhalts unter Absehen von den Eigenheiten und Eingriffen des Darstellenden. Ist ein Gegenstand so abgrenzbar, daß er isoliert von seiner Umgebung beschrieben und behandelt werden kann, dann erfüllt er diese Voraussetzung. Im naturwissenschaftlichen Experiment und in der Herstellung technischer Produkte ist das erreichbar. Geschichtlich-gesellschaftliche Komplexe und Vorgänge entziehen sich dieser artifiziellen Exaktheit. Sie sind nur durch eine verwickeltere Dialektik wechselseitiger Abhängigkeiten und Subjekt-Objekt-Rückwirkungen abzubilden. In diesem Sinne hat Marx einem – wie man heute wissenschaftstheoretisch sagt – neuen Paradigma Durchbruch verschafft; er hat den Grundriß eines neuen Modells vielgestaltiger Systemzusammenhänge gezeichnet. Der in der bürgerlichen Weltanschauung des Positivismus zerbröselte Weltbegriff gewinnt in der wissenschaftlichen Weltanschauung des Marxismus wieder eine einheitliche Kontur.

Von der Utopie zur Wissenschaft

Sozialismus bedeutet eine Gesellschaftsordnung, in der Ausbeutung, Unterdrückung und Unfrieden beseitigt und Solidarität, Selbstbestimmung aus Vernunftgründen und gerechte Verteilung des gesellschaftlich erzeugten Reichtums verwirklicht werden, bis im Kommunismus die Menge der erzeugten Güter die allseitig entwickelten Bedürfnisse befriedigen kann; so daß im Verhältnis von Produktion und Konsumtion das Prinzip gelten kann; »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen«.

Sozialistische Wunschvorstellungen gab es in der einen oder anderen Weise zu allen Zeiten. Ernst Bloch hat im »Prinzip Hoffnung« eine Enzyklopädie dieser sozialistischen Utopien unter dem Titel »Grundrisse einer besseren Welt« zusammengefaßt. Erst seit Marx gibt es für diese Träume von einem menschenwürdigen Leben – wir können auch sagen: für ein Leben in Freiheit – den »Fahrplan«, das heißt die Kenntnis der historischen Gesetzmäßigkeiten, nach denen der Fortschritt zum »Reich der Freiheit« erfolgt: Entwicklung der Produktivkräfte und der ihrem Stand entsprechenden Produktionsverhältnisse; fortschreitende Konzentration des Eigentums an den Produktionsmitteln; Überwindung der jeweils auftretenden Widersprüche im Klassenkampf; Aufhebung der Widersprüche zwischen den Interessen gesellschaftlicher Allgemeinheit und privater Einzelheit, also vernünftige Ordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Das ist der Inhalt der wissenschaftlichen Weltanschauung des Sozialismus.

Im Kern dieses wissenschaftlichen Begriffs einer in dauernder Weiterentwicklung begriffenen Welt steht die Kategorie des Widerspruchs. In einer unendlichen Mannigfaltigkeit gibt es immer Elemente, die zueinander in Widerspruch stehen. Wo Widersprüche in einer Situation miteinander verträglich gemacht werden, treten neue auf, die es wiederum zu überwinden gilt. Erst diese Erkenntnis der gesetzlichen Abfolge entstehender Gegensätze – das Gesetz der »bestimmten Negation«, wie die Philosophen sagen – erlaubt es, den fortgesetzten Kampf um die Überwindung der Widersprüche vernünftig, ohne selbstzerstörerische Folgen auszutragen. Das ist die praktische Erfüllung der Dialektik in einer klassenlosen Gesellschaft. Sie schließt ein, daß die Bewegungsform des geschichtlichen Fortschritts in allen Gesellschaften, in denen die Sonderinteressen einer herrschenden Klasse dominieren, der Klassenkampf ist, der organisiert von der Partei der Unterdrückten geführt wird. Ich ziehe daraus den Schluß, daß es auch in einer sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft die Aufgabe einer Partei der Avantgarde sein wird, die Bewegungsform des Widerspruchs dann in nicht-anta­gonistischer Form zu organisieren.

Am Anfang der Begründung des wissenschaftlichen Sozialismus steht das von Marx formulierte Programm: Die Aufhebung der Philosophie (als reine, praxisferne Theorie) habe die Verwirklichung der Philosophie (als theoretische Durchdringung und Leitung der Praxis, als Theorie-Praxis-Einheit) zu sein. Die Wissenschaft von der Geschichte und der in ihr gegebenen Bedingungen von Interpretation der Wirklichkeit schlägt um in ihre Veränderung. Marx hat der Wissenschaft ihre revolutionäre Dimension gegeben.

Quelle: Junge Welt; 06.05.08

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